Inhalt
Einleitung 2
2 Die Darstellung der Melancholie in den Trostschriften 3
2.1 Melancholie im 16 Jahrhundert 3
2.2 Der Teufel als Urheber 4
2.3 Die Umstände der Melancholie 5
2.4 Die positiven Seiten der Melancholie 7
2.5 Methoden der Melancholiebehandlung 8
3 Wessen Mentalität schildern die Quellen 9
4 Melancholie und Konfession 10
4.1 Melancholie und protestantischer Glaubenslehre 10
4.2 Melancholie als sozial akzeptierte Erfahrung 12
5 Fazit 13
Literaturverzeichnis 15
2
Einleitung
”MELANCHOLIE RELIGIEUSE, (Théol.) tristesse née de la fausse idée que la religion proscrit les plaisirs innocens, & qu'elle n'ordonne aux hommes pour les sauver, que le jeûne, les larmes & la contrition du coeur. Cette tristesse est tout ensemble une maladie du corps & de l'esprit, qui pro- céde du dérangement de la machine, de craintes chimériques & superstitieuses, de scrupules mal fondés & de fausses idées qu'on se fait de la religion.” 1 Wie dieses Zitat der Enzyklopädisten zeigt, hatte die Aufklärung kaum noch Verständnis dafür, wie ein Mensch aus Zweifel am eigenen Glauben in Melancholie verfallen konnte. Dabei war in den Jahrhunderten zuvor die religiöse Melancholie und der Umgang mit ihr zumindest unter Protestanten ein viel diskutiertes Thema. Dass der Teufel seine ”feurigen Pfeile” 2 abschießt und dadurch die Seele des Menschen in Brand setzt wie Soldaten eine belagerte Stadt, scheint für die Menschen des konfessionellen Zeitalters eine vollkommen plausible Vorstellung gewesen zu sein.
Schon im Mittelalter war eine der Melancholie eng verwandte Krankheit bekannt gewesen, nämlich die ”acedia”, die ”Mönchskrankheit”, zu deren Bekämpfung nicht zuletzt auch das Beten und Arbeiten der Benediktiner diente. Gerade die enge Verbindung von Melancholie und Mönchtum macht die Frage interessant, was aus der Melancholie wurde, als sich mit der Refor- mation die Meinung durchsetzte, dass, wie Luther es sagt, ”alle Christen [...] wahrhafftig geystlichs Stands” 3 sind. Wurden die Protestanten, wie es die katholische Seite behauptete, rei- henweise Opfer von religiöser Melancholie? Oder besteht überhaupt kein spezifischer Zusam- menhang zwischen der Konfession und einem bestimmten psychischen Zustand? Die Hausarbeit geht diesen Fragen anhand von Trostschriften und -briefen Luthers und der lutherischen Orthodoxie des 16. Jahrhunderts nach. Die Auswahl der Texte erfolgte nach ver- schiedenen Kriterien: Die Texte sollten das Thema ”Melancholie und religiöse Anfechtung” möglichst direkt ansprechen; andere Geisteskrankheiten oder das Problem des Selbstmordes wurden weitestgehend ausgeklammert. Außerdem spielte die Verfügbarkeit der Schriften eine Rolle.
Das Thema ist bisher wenig untersucht worden: Die vorhandenen Forschungen zu Luthers Trostbriefen behandeln diese eher aus einer theologischen als aus einer historischen Perspekti- ve. 4 Das gilt auch für die wenigen Untersuchungen zur lutherischen Orthodoxie. 5 Bei der reich-
1 Jaucourt, Ch. de.: Art. “Melancolie religieuse” in: Diderot / D’Alembert, Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences des arts et des métiers par une société de gens de lettres, Bd.10, Stuttgart 1966 (=Faksimile der ersten Auflage 1751-1780), S. 308.
2 Eph 6,16. Siehe auch Fußnote 27.
3 Luther, Martin: An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung, in: WA (=Luther, Martin: Werke. Weimarer Ausgabe, 1883ff.) 1, S. 404-469 (407).
4 Vgl. etwa Mennecke-Haustein, Ute: Luthers Trostbriefe, Heidelberg 1989.
5 Vgl. Steiger, Johann Anselm: Melancholie, Diätetik und Trost. Konzepte der Melancholie-Therapie im 16. und 17. Jahrhundert, Heidelberg 1996.
3 lich vorhandenen Literatur zum Melancholiebegriff dominieren kulturwissenschaftliche Frage- stellungen. 6 Zunächst soll geklärt werden, welche Vorstellungen von Melancholie sich in den Trostschriften finden und welche Mittel die Autoren zu ihrer Bekämpfung empfehlen. Im zweiten Teil soll kurz erörtert werden, an wen sich die Schriften richteten und wessen Mentalität in ihnen zum Ausdruck kommt. Schließlich wird die Frage behandelt, inwieweit es einen Zusammenhang zwischen Melancholie und protestantischer Glaubenslehre gab.
2 Die Darstellung der Melancholie in den Trostschriften
2.1 Melancholie im 16. Jahrhundert
Die frühneuzeitlichen Vorstellungen von psychischen Zuständen dürfen nicht an den Maßstä- ben moderner, medizinischer Begriffsbildung gemessen werden. Insofern überrascht es nicht, wenn keiner der untersuchten Autoren eine klare Definition des Phänomens ”Melancholie” gibt. Man würde wohl auch vergeblich versuchen, Melancholie in den Texten exakt von eben- falls verwendeten Begriffen wie ”(geistliche) Traurigkeit” oder ”Schwermütigkeit” abzugrenzen. Diese begriffliche Unschärfe ist teilweise auch darauf zurückzuführen, dass die Melancholie im
16. Jahrhundert eine Modeerscheinung war 7 und in den unterschiedlichsten Zusammenhängen
diskutiert wurde. Unter anderem Dürer und Cranach stellten die Personifikation der Melancho- lie in ihren Gemälden dar. 8 Im elisabethanischen England war die Krankheit sogar so verbreitet, dass man sie als ”the Elisabethean malady” bezeichnete; Shakespeares Hamlet zeigte genauso melancholische Züge wie der Zyniker Jaques in “As you like it” 9 . Robert Burton machte die Melancholie zum Thema seines berühmten, 1621 erschienenen Buches ”The Anatomy of Me- lancholy”.
Die mittelalterliche Wertung von Acedia und Melancholie als Todsünden hatte schon im 15. Jahrhundert der Florentiner Neuplatoniker Marsilio Ficino korrigiert, indem er das antike Bild des genialen Melancholikers wiederbelebt hatte. 10 Kein Wunder, dass unter den berühmten Zeitgenossen des 16. Jahrhunderts zahlreiche Melancholiker waren: Michelangelo, Montaigne oder Rudolf II 11 sind nur einige Beispiele. Die frühneuzeitliche Medizin beschäftigte sich inten-
6 Das gilt auch für den Klassiker auf diesem Gebiet: Klibansky, Raymond - Panofsky, Erwin - Saxl, Fritz: Saturn und Melancholie. Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und der Kunst, Frankfurt / M. 1990. Als Überblick sehr gut geeignet: Weber, Wolfgang: Im Kampf mit Saturn. Zur Bedeutung der Melancholie im anthropologischen Modernisierungsprozess des 16. und 17. Jahrhunderts, in: Zeitschrift für historische Forschung 17 (1990), S. 155-192.
7 Vgl. Schmitz, Heinz-Günter: Physiologie des Scherzes. Bedeutung und Rechtfertigung der Ars iocandi im 16. Jahr- hundert, Hildesheim 1972, S. 119ff.
8 Zu Dürer: Klibansky et al., Saturn und Melancholie, a.a.O., S. 397-512. Zu Cranach: Ebd., S. 563-571. 9 Vgl. Klibansky et al., Saturn und Melancholie, a.a.O., S. 338.
10 Zu Ficino: Klibansky et. al., Saturn und Melancholie, a.a.O., 367-394.
11 Speziell zu den melancholischen Herrschern siehe Midelfort, Erik H.:Mad Princes of Renaissance Germany, Charlot- tesville 1994.
4
siv mit dem Phänomen 12 und griff Konzepte aus Galens Viersäftelehre wieder auf, die den Na-
men der Krankheit geprägt hatte. 13
Für den Melancholiebegriff der untersuchten Trostschriften spielen diese unterschiedlichen Tra-
ditionen allerdings eine erstaunlich geringe Rolle. 14 Stattdessen dominiert, wie in den nächsten
Kapiteln deutlicher werden wird, eine theologische Sichtweise auf die Krankheit.
2.2 Der Teufel als Urheber
Alle untersuchten Autoren sehen die Melancholie vor allem als Anfechtung des Teufels. So
hebt Luther hervor, dass die melancholische Traurigkeit nicht von Gott, sondern vom Teufel
komme. 15 Die Pfarrer schmücken in zahlreichen Metaphern und Vergleichen diesen Grundge-
danken zu einem fast manichäistischen Bild aus. 16 Der Teufel versuche in seinem Ringen um
die Seelen der Gläubigen, wie Andreas Celichius es formuliert, ”dem HERRN der Herrligkeit
viel leuchtender Sternlein am Kirchenhimel” 17 hinwegzureißen. Wie eine Heuschrecke, die den
Pflanzen auf dem Feld die Herzblätter ausfresse, fresse der Teufel bei den Menschen das Herz-
blatt des Glaubens. 18 Wilhelm Sarcerius sagt es nicht weniger drastisch: ” Item gleich als der
luchs einen hirsch umbringet / wen er im auff den kopff springet und sich zwischen seine Hör-
ner setztet und im das gehirn ausfrist...Also auch ist der Satan, wenn er einen menschen besit-
zet.” 19 Bei Sigismund Suevus klingen chiliastische Töne an, wenn er betont, dass der Teufel
angesichts des kurz bevorstehenden Jüngsten Gerichts ”wie ein toller Hundt” 20 rasen würde, um
noch möglichst viele Gläubige ins Verderben zu stürzen. Dieser intensive Teufelsglaube ist ty-
pisch für die gesamte theologische Literatur des 16. Jahrhunderts. 21
Dass der Teufel die Menschen gerade durch Melancholie zu schädigen versucht, wussten schon
die mittelalterlichen Mönche. Luther zitiert häufiger ihr Sprichwort: ”Melancholicum Caput est
12 Zusammenfassend dazu: Midelfort, Madness, a.a.O., S. 140-182.
13 “µελαινα χολη” = “schwarze Galle”. Für eine umfassende Darstellung der Kulturgeschichte des Melancholiebegriffs in Antike und Mittelalter vgl.: Klibansky et al., Saturn und Melancholie, a.a.O.
14 Markus Schär kommt in seiner Untersuchung über das calvinistische Zürich zu einem ganz ähnlichen Ergebnis. Schär, Markus: Seelennöte der Untertanen, Zürich 1985, S. 91ff. Zum Vordringen der medizinischen Perspektive im 17. Jahr- hundert vgl. Koch, Ernst: Die höchste Gabe in der Christenheit. Der Umgang mit der Schwermut in der geistlich - seelsorgerischen Literatur des Luthertums im 16. und 17. Jahrhundert, in: Monika Hagenmaier / Sabine Holtz: Krisen- bewusstsein und Krisenbewältigung in der frühen Neuzeit, Frankfurt 1992, S. 231-245 (S. 238).
15 Siehe zum Beispiel den Trostbrief an Hieronymus Weller: WA Br. 5, 1593, Z. 18-20.
16 Vgl. Schär, Seelennöte, a.a.O., S. 141/142.
17 Celichius, Andreas: Nuetzlicher und notwendiger bericht, Von den Leuten, so sich selbst aus angst-verzweifflung, oder andern ursachen entleiben und hinrichten, Magedeburg 1578, bl. A3.
18 Ebd., bl. B5.
19 Sarcerius, Wilhelm: Der Hellische Trawer Geist. Bericht und Ursachen. Das der Teufel unter dem schein vermeinter froeligkeit alles traurens und schreckens voll, auch ein rechter freudenbrecher sey, sampt erklerung des 47. Psalms, wie man mit der Himelfart Christi diesem schwermütigen boesen Geist begegnen und widerstand thun sol, Eisleben 1568, bl. H3.
20 Suevus, Sigismund: Treuwe Warnung, Fuer der leidigen Verzweiffelung, sampt nuetzlichem Bericht, wie und wa- durch des Teuffels Leithstrick und Zweiffelsknoten auffgeloeset und zerstreuet werden, Görlitz 1572, bl. A4. 21 Zum Teufelsglauben im Luthertum: Midelfort, Madness, a.a.O., S. 53/54. Als Überblick siehe auch: Delumeau, Jean: Angst im Abendland. Die Gesch ichte kollektiver Ängste im Europa des 14. bis 18. Jahrhunderts, Bd. 2, Reinbek bei Hamburg 1985, S. 380-386.
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Moritz Deutschmann, 2004, "Fewrige Pfeile des Teufels" - Melancholie und religiöse Anfechtung im Luthertum des 16. Jahrhunderts, Munich, GRIN Publishing GmbH
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