Inhalt
1.0. Einleitung 2
2.0. Die historischen Rahmenbedingungen 3
3.0. Das Leben des Jesus von Nazareth 5
4.0. Einführung in den Forschungsstand 6
5.0. Die Botschaft des Propheten 10
6.0. Schluss 14
Literatur 15
1
1.0. Einleitung
Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um die Ausarbeitung des Referats, welches ich zusammen mit Maja Schmitz im Sommersemester 2004 im Seminar „Charisma und Stigma“ bei Prof. Günter Albrecht gehalten habe.
Ich folge dabei weitgehend dem inhaltlichen Aufbau des Referats, welches sich um eine Darstellung der historischen Rahmenbedingungen, des Lebensweges des und um eine Erklärung seines spezifischen Charisma bemühte. Lediglich ein Kapitel zum Charismabegriff Max Webers und dem Konzept der Selbststigmatisierung charismatischer Bewegungen habe ich hinzugefügt.
In der Literatur lassen sich meines Erachtens zwei Gegenpositionen bei der Erklärung von Charisma ausmachen, die sich, idealtypisch getrennt, folgendermaßen darstellen lassen: Eine Sichtweise ist darum bemüht Charisma als Zuschreibung von außen festzumachen. D.h. weniger die außergewöhnlichen Begabungen des Charismatikers sind relevant, z.T. wird ihr Vorhandensein ganz in Abrede gestellt, sondern die Projektion der Anhänger macht aus einem gewöhnlichen Menschen erst den z.B. von Gott gesegneten Propheten. Eine solche Sichtweise wird sich eher den historischen Rahmenbedingungen und den mentalen Strukturen der Anhänger zuwenden, die eigentliche Botschaft des Charismatikers und die ihr eventuell innewohnende Kraft aber übergehen. Oder sie wird seine Botschaft und die Art ihrer Vermittlung als letztlich betrügerische Manipulationstechnik zu analysieren suchen.
Die andere Sichtweise erkennt den Charismatiker als vom historischen Kontext und der psychologischen Befindlichkeit der Masse zumindest z.T. unabhängigen
außergewöhnlichen Charakter an. Sie versucht darzustellen, welche Überzeugungen der Charismatiker vertritt und lebt, und warum er eine so außergewöhnliche Wirkung auf die Menschen seiner Umgebung hat. Sei es, weil er tatsächlich in Resonanz mit einer tieferen „göttliche n“ Weisheit steht, sei es, weil er die negativen, zerstörerischen Impulse der Menschen repräsentativ in reiner Form vertritt. Auf jeden Fall billigt man dem Charismatiker zu, dass er von seiner Botschaft selbst zutiefst durchdrungen ist, und daraus einen Großteil seiner Kraft ziehen kann.
In der Praxis sind beide Positionen selten so strikt geschieden, und kommen beispielsweise bei Weber durchaus nebeneinander bzw. miteinander verbunden vor. Dennoch scheint mir heute, vermutlich aus der Erfahrung mit der charismatischen
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Hitlerbewegung, ein großes Bedürfnis vorhanden zu sein, charismatische
Persönlichkeiten zu demontieren, als Betrüger zu entlarven und möglichst ins Lächerliche zu ziehen, so wie in früheren Zeiten die genau entgegengesetzte Tendenz vorherrschend war.
Da ich diese Tendenz, bei allem Verständnis, für fragwürdig halte, habe ich mich im Referat und im folgenden auch in dieser Arbeit, ohne selbst Christ zu sein, der Persönlichkeit und der Botschaft des Jesus von Nazareth nicht verschlossen. Ohne die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen oder die psychologische Wirkung seiner Anhängerschaft auf ihn außer Acht zu lassen, werde ich versuchen, den Kern seines Erfolges in seiner Botschaft selbst zu suchen.
Ich bitte um Verständnis, dass ich weder die um fassende Literatur zum Thema hinreichend miteinbeziehen, noch die umfangreichen Quellen zum Leben und zur Lehre des Jesus von Nazareth umfassend auswerten kann. Daher beschränke ich mich im folgenden auf die Texte Max Webers zum Thema Charisma, die Arbeiten von Michael N. Ebertz und das Matthäus Evangelium.
2.0. Die historischen Rahmenbedingungen
Nach langen Jahrhunderten assyrischer, babylonischer, persischer und schließlich hellenistischer Fremdherrschaft, und einer weniger als hundert Jahre währenden Unabhängigkeit unter den Hasmonäern (142 v.u.Z - 63 v.u.Z.), befand sich Palästina zur Zeit der Geburt des Jesus als römischer Vasallenstaat unter der Herrschaft des „volksfremden“ 1 Tyrannen Herodes. Im Jahre 6 u.Z. wurde das jüdische Kernland zur römischen Provinz Judäa, während Galiläa, die Heimat des Jesus, dem hellenistisch orientierten Herodessohn Antipas unterstellt wurde.
Nach der hoffnungsvollen Zeit der Hasmonäer, die durch die Wiederherstellung der staatlichen Einheit und ein Zurückdrängen des hellenistischen Einflusses geprägt war, muss der erneute Rückfall unter fremde Herrschaft als große Enttäuschung und als krasser Widerspruch zur göttlichen Verheißung empfunden worden sein 2 . Etliche Autoren beschreiben diese Zeit als „Zeit von Blut und Tränen“ 3 .
Wenn auch der jüdischen Religion als „religio licita“ weitgehende Autonomie eingeräumt
1 Ebertz, 1987 S.115
2 Ebd. S. 120
3 Ebd. S. 120
3
wurde, brachte die römische Präsenz doch eine starke Einschränkung der Souveränität mit sich. So wurde das ursprünglich höchste und lebenslange Amt des Hohenpriesters der Willkür des römischen Statthalters unterworfen, welcher es nach Belieben gegen Geldzahlungen neu besetzte 4 . Auch die „hellenistische Überfremdung“ 5 schnitt erneut, z.B. durch die Gründung neuer Städte, energisch voran.
Das Gebiet Galiläa, welches sich weit im Norden, durch Samaria von Judäa getrennt, als jüdisches Siedlungsgebiet von je her in einer Randposition befand, war erneut vom Kernland abgespalten. Die Missachtung durch die judäischen Juden, die den Galiläern ihr volles Judentum absprachen, als auch die besondere Hilflosigkeit gegenüber den massiven Hellenisierungsversuchen des Antipas, führte hier zu einer besonderen Verbitterung und Radikalisierung. Vermutlich von daher war dieses Gebiet seit langem das Zentrum jeglicher Aufstandsbewegungen 6 und neuer religiöser Konzepte 7 . Die zahlreichen Aufstände, die das ganze jüdische Siedlungsgebiet unter Herodes und während der römischen Besatzung immer wieder erschütterten, wurden blutig niedergeschlagen. Tausende, vielleicht hunderttausende Juden wurden vo n den Römern gekreuzigt 8 .
Im Jahre 66 u.Z., also schon eine Generation nach der Kreuzigung des Jesus, bricht der große jüdische Aufstand aus, der im Jahre 70 u.Z. zur Zerstörung des Tempels in Jerusalem führt. Der Bar-Kochba-Aufstand von 132-135 u.Z. markiert schließlich das Ende des jüdischen Volkstums in Palästina. Jerusalem wird vollständig zerstört und die jüdische Bevölkerung deportiert oder ins Exil getrieben.
Diese Ereignisse lassen die Spannungen erkennen, die schon zur Zeit Jesus geherrscht haben müssen. Auch die weite Verbreitung apokalyptischer Endzeitvisionen, befördert durch die jüdische Vorstellung eines in die Geschichte eingreifenden Gottes, wird in diesem Rahmen verständlich 9 .
4 Ebd. S. 114
5 Ebd. S. 55
6 Schon die Makkabäer hatten hier ihren Ursprung, ebenso wie die zur Zeit Jesus aktiven Zeloten.
7 Ebd. S. 83
8 Ebd. S. 120
9 Ebd. S. 54f.
4
Arbeit zitieren:
Mark Thumann, 2004, Jesus als charismatische Führerpersönlichkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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