„M“ als Variable Christian Heinzelmann
Inhalt
Einleitung
Mythos : Fritz Lang und seine Filme, ein Überblick
Movie:
Entstehung und Geschichte
Moral und Recht
Fazit
Anhang Literaturangaben
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„M“ als Variable Christian Heinzelmann
Einleitung
Warte, warte nur ein Weilchen,
Bald kommt der schwarze Mann zu dir, Mit dem kleinen Hackbeilchen, Macht er Schabelfleisch aus Dir:
So beginnt Fritz Langs Film „M“ aus dem Jahr 1931.
Es ist immer schwierig, einen Film zu analysieren im Vergleich zu einem Roman. Die „normalen“ Interpretationsansätze eines Roma ns greifen hier nicht immer. Was man aber von Film auf Roman und auch auf die Kunst übertragen kann, ist die Bedeutsamkeit des Titels für die Interpretation. In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich mich mit dem Warum und dem Was des „M s“ bei Fritz Lang auseinander setzen. Aufgrund dieses Themas weicht auch meine Gliederung von den gängigen Schemata ab. Im Großen und Ganzen gehe ich aber zweigeteilt vor. Im ersten Teil der Hausarbeit ge he ich grob, es gibt ja Unmengen von Sekundärliteratur, auf Fritz Lang und sein Werk in den 20er und 30er Jahren in Deutschland ein. Ich erläutere die Entstehungsgeschichte von „M“ und die Besonderheiten dieses Films, der zeitlich in eine Epoche künstleris ch und ästhetischer Umbrüche fällt und deren zeitgeschichtlicher Rahmen mit der Kulturkrise der Weimarer Republik und dem aufkommenden Nationalsozialismus in Deutschland einen entscheidenden Interpretationsansatz liefert. Im zweiten Teil der vorliegenden Hauptseminararbeit interpretiere ich die verschiedenen „M“s in Fritz Langs Film. Bedeutsam sind hier die Rolle des Mörders, die Rolle der Metropole Berlin in Fritz Langs Film, die Massenphänomene, die zu Tage treten im Film, die Emotionen, die sich im Zuschauer gegenüber dem Kindermörder regen und zu guter Letzt das heikle Thema von Recht und Moral. Diese Punkte sehe ich im Zusammenhang mit einer Staats- und Kulturkrise, in der sich die Weimarer Republik befand, und ich ziehe einen Vergleich zwischen dem Gangster-Tribunal in Fritz Langs „M“ und anderen Tribunalen, die meines Erachtens Ähnlichkeiten aufweisen.
All diese Punkte machen „M“ und seine Ms zu einem lohnenden Hausarbeitsthema, insbesondere deswegen, da in der mir zugänglichen Sekundärliteratur „ M“ meist nur beiläufig im Werk von Fritz Lang gewürdigt wurde. Es werden zwar immer wieder die
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Qualitäten des Films hervorgehoben und technische Einzelheiten behandelt, jedoch habe ich bei meinen Recherchen kaum eine Interpretation der Handlung gefunden, die viel mehr als drei Buchseiten umfasst.
Mythos Fritz Lang und seine Filme – ein Überblick
Was macht heute noch den Mythos aus, den der Name Fritz Lang und seine Filme versprühen? Oberflächlich betrachtet handelt es sich um einen deutschen Regisseur i n der Epoche des Übergangs vom Stumm- zum Tonfilm, der Garant für gefüllte Kinokassen war, und dessen Filme doch eher von banaler bzw. unterhaltsam populärer Thematik waren. Ich möchte diesem Aspekt in den folgenden Zeilen auf den Grund gehen.
Fritz Lang wurde 1890 in Wien geboren, er entstammte einem gutbürgerlichen Eltern- haus und war Sohn einer jüdischen Mutter; soweit nicht ungewöhnlich. Früh verfiel er der Kunst und bestritt seinen Lebensunterhalt vor Beginn des ersten Weltkriegs als eine Art Bohemien in Paris. Im ersten Weltkrieg verwundet, ging er zurück nach Wien und verfasste Drehbücher für Joe May 1 , recht abenteuerliche Geschichten über Gut und Böse, Verkleidungen und allerlei unkonventionelle technische Apparate. Erste Versuche als Regisseur folgten in eben diesem Genre und Lang lernte die Autorin Thea von Harbou kennen, eine recht nationalkonservativ eingestellte Frau, die er später heiratete. Seine Frau äußerte sich früh positiv gegenüber dem aufkeimenden Faschismus, während Lang unpolitisch blieb. Filmisch erreichte Lang 1921 den Durchbruch als Regisseur mit dem Film „Der müde Tod“, der auch international für Aufsehen sorgte. Der Plot handelt von einem jungen Pärchen, das in einer Gaststätte dem Tod begegnet.
In der Sekundärliteratur wird i n den heute noch bekannten Dr. Mabuse-Filmen von 1922 häufig eine Aufarbeitung von Inflation und Spartakus-Aufstand hineininterpretiert. Das mag zwar richtig sein, jedoch beziehen sich die historischen Tendenzen, die zu erkennen sind, hier wohl eher auf die Einflüsse der Romanvorlage von Norbert Jaques
1 Joe May, 1880 in Wien geboren, war er einer der Pioniere des frühen Weimarer Kinos. May führte unter anderem Regie bei den Filmen „Das indische Grabmal' von 1921 und „Der Tiger von Eschnapur“, die Fritz Lang eigentlich für seine eigene Regiearbeit geschrieben hatte. Mitte der 20er Jahre gründet May sein eigenes Filmstudio, scheiterte jedoch finanziell. 1933 emigrierte May in die USA, drehte dort jedoch hauptsächlich nur noch B-Movies und verstarb 1954 in Hollywood.
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und auf das Drehbuch von Thea von Harbou. L angs V erdienst ist der deutlich hervortretende filmische Expressionismus und die Herausarbeitung der Charaktere. 1924 verfilmte Fritz Lang das „Nibelungenlied“ und experimentierte mit Architektur als stilgebendes Element seiner Filme, was mit „Metropolis“ (1927) seinen Höhepunkt erreichte. Neben den Mabuse-Filmen und „M“ ist „Metropolis“ noch heute einer der bekanntesten und eindrucksvollsten Filme Langs schlechthin. Nicht nur, dass hier das Genre des Science-Fiction filmisch erschaffen wurde, auch der Detailreichtum der Kulissen und die Handlung als sozial-politische Fabel können immer noch begeistern. Zugleich ist „Metropolis“ eine Collage von modernen Großstadt- La ndschaften. Die Rezensionen zur damaligen Zeit waren jedoch nicht so begeisternd, wie „Metropolis“ heute vom Publikum aufgenommen wird. Die 500 Meter hohen Wolkenkratzer und die Gärten aus dem 18. Jahrhundert wirkten für manche Kritiker wie eine Mischung aus einem Über-New-York mit einer Berliner Schrebergartensiedlung. Die organische Stadt, die Fritz Lang konstruierte, und ihre maschinenhaft arbeitenden Menschen schockierten große Teile des Publikums.
Mit „Metropolis“ war Fritz Lang auf dem Höhepunkt des Stummfilms angekommen und manch einer behauptet, dass die Qualität seiner Filme darauf hin nachließ. Der Expressionismus war nicht mehr neu und mit dem neuen Medium Tonfilm mussten sich die Regisseure erst arrangieren. 1927 folgte noch „Spione“, ein Genrefilm, und 1929 „Die Frau im Mond“ bevor Fritz Lang 1931 seinen ersten Tonfilm „M“ drehte, der Inhalt der vorliegenden Hausarbeit ist.
Langs letzter Film in Deutschland, der von den Nationalsozialisten verboten wurde, war „Das Testament des Dr. Mabuse“ von 1933, in dem der Geist von Dr. Mabuse Besitz vom Chef einer Irrenanstalt ergreift. Trotz des Verbots des letzen Dr. Mabuse Titels boten die Nationalsozialisten 2 Fritz Lang den Posten als Reichs-Film- Intendant an. Fritz Lang lehnte ab, verließ 1933 Deutschland und ließ sich im selben Jahr auch von seiner Frau Thea von Harbou scheiden, die in Deutschland blieb. Aufgrund des Exils drehte Lang einige politisch kritische Filme in den USA, konnte jedoch auch mit seinen bundesdeutschen Nachkriegsfilmen nicht mehr an alte Erfolge anknüpfen. Fritz Lang, in den 60er Jahren mit den Bundesfilmpreis und dem Bundesverdienstkreuz geehrt, starb am 2. August 1976 in Hollywood.
2 Fritz Langs „Nibelungen“ gehörte zu den Lieblingsfilmen Adolf Hitlers.
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Movie: Entstehung und Geschichte von „M – eine Stadt sucht einen
Mörder“
Ausschlaggebend für Fritz Lang und Thea von Harbou einen Kriminalfilm über solch ein grausames Thema wie Kindermorde zu drehen waren die „großen“ Massenmörder, die in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts die Öffentlichkeit und die Behörden in Atem hielten. Der Kinderreim, der zu Beginn gesprochen wird, bezieht sich auf den Mörder Fritz Harma nn, der Anfang der 20er Jahre sein Unwesen in Hannover trieb. Der Plot von „M“ bezieht sich inhaltlich jedoch nach Ott auf den Düsseldorfer Massenmörder Peter Kürten von 1929. Parallelen zu „M“ finden sich in der Verfolgung des Mörders. „According to a press account of the period, the underworld of Düsseldorf had persued the killer because he had disrupted their „legitimate“ criminal activity (…).” 3 Lang und Harbou fungierten beide als Autoren von „M” . Der Ungar Peter Lorre stand schon zu Beginn für die Rolle des Mörders fest, während beispielsweise Gustav Gründgens Ersatz für den verstorbenen Hans Peppler war. Eine interessante Anekdote betrifft noch den Titel. Lang reichte das Drehbuchmanuskript bei der Nero AG ein, die den Film auch später produzierte. Der damalige Studiochef der Nero, ein Sympathisant der Nazis, wies Fritz Lang zuerst zurück. Er hatte nur den Titel gelesen und daraus gefolgert, dass Lang einen politischen Film über die Nazis drehen wollte. Lang war von der für ihn unerwarteten Interpretation vollkommen überrascht und änderte den Titel des Films in „M – Mörder unter uns“, um die Produktion seines Films nicht zu gefährden. „M“ war zur damaligen Zeit ein Film, der durch seine Thematik und der unterbewusst immer vorhandenen Gewalt die Gemüter stark erhitzte. Die Filmprüfstelle wollte den Film eigentlich nicht zulassen, erkannte jedoch den ehrlichen Charakter des Films und das Engagement der Autoren gegenüber dem Thema und der Film wurde in Deutschland zugelassen, ebenso in Frankreich und Großbritannien, nicht jedoch in der Tschechoslowakei. Das Presseecho auf den Film war positiv, da er doch viel konventioneller daherkam als Metropolis und auch nicht so teuer war. Das Publikumsinteresse in Deutschland blie b im Rahmen der Erwartungen. Der Name Fritz Lang zog die Menschen in die Lichtspielhäuser. In Frankreich war der Erfolg noch größer als in Deutschland, während „M“ in den spanischen Kinos floppte. 1934 wurde
3 Ott: S.116
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Christian Heinzelmann, 2004, "M - Eine Stadt sucht einen Mörder": M als Variable, Munich, GRIN Publishing GmbH
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