„Wozu Kultur?“ -Dirk Baecker zu Wirkung und Geltung eines problematischen Begriffs.
Kultur ist ein weithin geläufiger Begriff. Das Wort ist in aller Munde, doch es fällt nicht leicht, sich mit Kultur wissenschaftlich auseinander zu setzen. Und allen Theorien voran sollte zunächst einmal eine klare Definition des Begriffs stehen. Doch der Begriff Kultur ist unscharf zusätzlich emphatisch besetzt; es ist nicht leicht, ihn zu fassen und sinnvoll einzugrenzen. Dieses Problem beschreibt auch der 1955 geborene Autor und Wissenschaftler Dirk Baecker in einem Artikel der Frankfurter Rundschau: „Kultur reicht von der Currywurst bis zu den Balletten Forsythes, von der Gewalttat bis zur wissenschaftlichen Glanzleistung, von den Tätowierungen der Maoris bis zu den Nadelstreifen der Top Manager.“ 1 Kultur wird als Begriff genauso gebraucht wie ein allgemein bekannter Alltagsgegenstand, den man nicht zu erläutern braucht. Die Aussage „das ist Kultur“ bedarf keiner Erklärung. Kultur spricht für sich und steht gewissermaßen auch unter einem Fragetabu.
Wenn man ein Brainstorming zum dem Thema und dem Begriff Kultur macht, kommt man auf eine breitgefächerte Palette von Ansätzen, Ideen, Bereichen und Möglichkeiten, angefangen mit der Feststellung, dass Kultur das Gegenteil von Natur ist. Zudem stellt man fest, dass, wenn man an gängige Begriffe das Wort Kultur anhängt (Weinkultur, Spielkultur, Medienkultur, Theaterkultur etc.), diese Begriffe um einiges aufgewertet klingen. Das Anhängsel Kultur lässt die Dinge als besondere und gewichtige erscheinen. „Es würde uns etwas fehlen, könnten wir nicht mehr über Kultur reden, etwas als Kultur behaupten und mit Hilfe der Kultur ein subtiles Spiel der Ein- und Ausgrenzung treiben.“ 2 Das Nachdenken über Gesellschaften und ihre Kulturen wirft viele Fragen auf: Gibt es eine richtige und eine falsche Kultur? Eine gute und eine schlechte? Ist der Kulturbegriff für alles und jeden v erwendbar? Kommt es nur darauf an, ihn schlagend einzusetzen, überzeugend zu platzieren, die Kultur in den Dingen zu sehen und damit jeden Zweifel über richtig und falsch, gut oder schlecht, auszuräumen? Oder beinhaltet die Kultur und der Begriff Kultur Grenzen? Innerhalb aller Landesgrenzen wird Kultur auf jeweils verschiedene Art und Weise definiert und gelebt. Kultur, das ist die Behauptung und Gestaltung jeder einzelnen Nation und Region. Es gibt auch Bereiche auf der Erde, die noch völlig unkultiviert sind. Oder sind diese vielleicht nur von einer so anders gearteten Kultur geprägt, dass wir sie nicht als solche erkennen können? Kultur ist auch ständig wandelbar.
1 Baecker, Dirk. In: Frankfurter Rundschau. Rezension zu Heiner Mühlmann, Die Natur der Kulturen. 1996.
2 Ebenda.
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Sie verändert sich. Und eine Ordnung ist auch ohne Kultur möglich. Die Barbarei ist auch eine Ordnung, sie setzt auf den Menschen als Tier, und damit ist sie zumindest unzureichend. Doch auch die Ordnung der Zivilisation ist unzureichend, denn hier wird im umgekehrten Falle auf den Menschen als Maschine gesetzt. Und Menschen, die vorgeben, keine Kultur zu brauchen, würde man entgegnen, dass Kultur doch ein Gut sei, etwas Wertvolles und Wichtiges für das Zusammenleben und die Identität, für den Unterschied und für die Definition des eigenen Lebensrahmens.
Das Leitargument in Baeckers Essay „Wozu Kultur?“ ist die These, dass Kultur ein Sammelbegriff für jegliches Nachdenken über Gesellschaft und deren Sein und Sollen darstellt. Hierbei bezieht er sich vorzugsweise auf die Kulturvorstellungen der Moderne und Postmoderne, wobei die Kulturkonzepte der Antike auch stellenweise vorgestellt werden. Die beiden Begriffe „Moderne“ und „Postmoderne“ werden weitestgehend kommentarlos als Epochenbegriffe festgelegt.
Dirk Baecker ist Professor für Unternehmenskultur an der Universität Witten-Herdecke und setzt als Schüler Luhmanns die Systemtheorie bei seiner Analyse ein. Der Kulturbegriff ist kein harmloser, das zu vermitteln ist Ziel des Buches „Wozu Kultur?“. Der Titel provoziert keine einfache Antwort; Baecker rollt in vielen Kapiteln ähnliche Gedanken von verschiedenen Seiten her auf. Baecker nimmt, um genau zu sein, neun essayistische Anläufe, dem breitgetretenen Begriff der Kultur eine gewisse Schärfe zurückzugeben.
Im 3. Kapitel „Gesellschaft als Kultur“ stellt Baecker zunächst die Kulturauffassungen der Intellektuellen Jean-Jacques Rousseau und Samuel von Pufendorf vor, die im 17. und 18. Jhr. zum ersten mal davon sprachen, „dass gesellschaftliche Zustände als kulturelle Zustände begriffen werden können“. 3 Konsens besteht zwischen beiden Wissenscha ftlern demnach darin, dass gesellschaftliche Zustände allgemein als kulturelle Zustände zu verstehen sind. Entgegengesetzter Meinung sind sie in Hinblick der Frage, ob der zivilisierte Kulturzustand auch der erwünschte, der Glückszustand sei, wie Pufendorf behauptet, oder ob, Rousseaus These zufolge, der unzivilisierte Naturzustand der Barbaren der eigentlich zufriedenmachende Zustand ist, weil er der klarere, eindeutiger, unmissverständlicher,
3 Ebenda. S.44.
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unkünstlicher und echter sei. „Die Einführung der Kultur schafft eher Unklarheit als Klarheit, eher Mehrdeutigkeit als Eindeutigkeit.“ 4
Man wird im Folgenden von Baecker an das Kulturverständnis der Antike erinnert, wo das Wissen um die Differenz zwischen dem, was man unter Kontrolle hat, und dem, auf das man keinen Einfluss hat, den Kulturbegriff entscheidend bestimmt. Kultur hatte etwas mit den nicht verfügbaren Grundlagen der eigenen Gesellschaft, der eigenen Lebensform zu tun. Heute kann man beobachten, dass Kultur immer dann eigentlich belanglos wird, sobald etwas nicht mehr in den Kontrollbereich unserer Verhältnisse fällt: Wenn es etwa um Naturgewalten geht und z. B. ein Wirbelsturm ganze Dörfer zerstört, oder nicht beabsichtigte Gefühle von einem Besitz ergreifen, wie z.B. wenn unsere Aggression ungewollt mit u ns durchgeht. Das alleinige Wissen um diesen existierenden, nicht kontrollierbaren Bereich ist seit der Antike als Kultur angesehen worden. Und „dieses antike Kulturverständnis geht mit dem modernen Kulturbegriff nicht verloren.“ 5 Allerdings wurden die unkontrollierbaren Bereiche der Gesellschaft kleiner, und Kultur wird an den Stellen der fehlenden Kontrolle als Rechtfertigungsmittel eingesetzt. Die Scham um den eigenen Körper, um nur ein Beispiel aufzugreifen, können wir, so Baecker, nicht kontrollieren, doch es gibt eine Kultur, die dieses Wissen um die eigene Unzulänglichkeit auf Distanz hält und überspielt: die sogenannte Bekleidungskultur. 6 Zur Zeit der Einführung des Buchdrucks setzte sich das Wissen durch, dass die Menschen zu anderen Zeiten und in anderen Regionen anders leben und anderes für selbstverständlich halten. Aus diesem Wissen um die Unterschiede und aus der Akzeptanz derselben entstand der moderne Kulturbegriff. Kultur ist jetzt das, was die Menschen voneinander unterscheidet, und „Kultur ist das, was unvergleichbare Lebensweisen vergleichbar macht.“ 7 Andere Menschen werden nicht mehr für Barbaren gehalten, nur weil sie anders leben. Kultur spricht sich jetzt für das Authentische und Identische aus und damit auch im Prinzip für die Unvergleichbarkeit. Die Unterscheidung wird nun nicht mehr durch die Klassifizierung in Mensch oder Barbar festgelegt, sondern es wird von der anderen Lebensweise als eine, sich von der eigenen unterscheidende Kultur gesprochen. Die Möglichkeit des Vergleichens v on Kulturen besteht nun also, wobei gleichzeitig der Einwand der Unvergleichbarkeit, des Authentischen und Identischen mobilisiert wird. Der moderne Kulturbegriff wurde im Zuge dieser Entwicklung zu dem Nebenprodukt einer
4 Ebenda. S.45.
5 Ebenda.
6 Ebenda. S.46.
7 Ebenda. S.47.
5
Arbeit zitieren:
Ann-Katrin Kutzner, 2004, Zu: Dirk Baecker - Wozu Kultur? Gesellschaft als Kultur, München, GRIN Verlag GmbH
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