„But might it not be the case that a single work may be postmodern in the light of one set of interests and values, and postcolonial in the light of another?” (Simon During: Postmodernism or Postcolonialism?, in: Landfall 39.3 (1985), 366-380, hier: 372) Diese Frage Simon Durings soll das Leitmotiv der vorliegenden Hausarbeit sein. Thomas Pynchon ist ein Autor, der in erster Linie als einer der postmodernen Autoren überhaupt bezeichnet wird. In vielen Texten, die sich mit postmoderner Literatur beschäftigen, wird Pynchon als Paradebeispiel herangezogen. Die eingehende Beschäftigung Pynchons mit der Geschichte einer kolonisierten afrikanischen Gesellschaft soll hier jedoch Ausgangspunkt für die Frage sein, inwiefern sich Pynchon auch als postkolonialer Autor bezeichnen läßt, bzw. inwiefern seine Auseinandersetzung mit der Thematik als postkolonial einzustufen ist. „Schreibt das Imperium“ auch in Pynchons Romanen bzw. durch seine Romane „zurück“, wie Ashcroft et al. es in ihrem Buch The Empire writes back formulieren? Dieser Frage soll vor allem am Beispiel von Gravity’s Rainbow nachgegangen werden. Hierzu ist es zunächst notwendig, einen kurzen Einblick in die großen Felder „Postmoderne“ und „Postkolonialismus“ zu geben und deren Verhältnis zueinander zu klären. In einem weiteren Schritt soll dann untersucht werden, inwiefern sich Pynchon mit Thematiken beschäftigt bzw. Stile benutzt, die sowohl Postmoderne als auch Postkolonialismus eigen sind, und wie Pynchon damit „seine“ Herero darstellt. Die Ergebnisse dieser Untersuchung sollen schließlich Aufschluß darüber geben, wie Pynchon im Verhältnis zu Postmoderne und Postkolonialität zu positionieren ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Postmodernismus
3. Postkolonialismus
4. Postkolonialismus und Postmodernismus im Vergleich
4.1. Was kam zuerst?
4.2. Die Unvereinbarkeit von Postmoderne und Postkolonialismus
4.2.1. Vereinnahmungstendenzen der Postmoderne
4.2.2. Vereinnahmungstendenzen innerhalb des Postkolonialismus
4.3. Postkolonialismus und Postmoderne sind sich ähnlich, aber...
4.4. Postkolonialismus und die Rekonstruktion von Geschichte
4.5. Der ambivalente Charakter von Postmoderne und Postkolonialismus
5. Postkoloniales Afrika in Gravity’s Rainbow
5.1. Die Herero in GR – eine kurze Zusammenfassung der Handlung
5.2. Die Herero und das Motiv „Place/Displacement“
5.3. Die Herero und das Motiv der Identität
5.4. Die Herero und das Motiv der Dekonstruktion und Rekonstruktion
5.5. Die Herero im Vergleich zu anderen Charakteren in GR
5.6. Die Herero und Pynchon
6. Fazit – Pynchons GR zwischen Postmoderne und Postkolonialität
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Thomas Pynchons Roman Gravity’s Rainbow zu den Konzepten der Postmoderne und des Postkolonialismus, um zu ergründen, ob der Autor als postkolonial eingestuft werden kann oder ob sein Werk eher eine subversive Form der Postmoderne darstellt.
- Vergleich der theoretischen Konzepte von Postmoderne und Postkolonialismus.
- Analyse der Darstellung der Herero in Pynchons Gravity’s Rainbow.
- Untersuchung der Motive von Identität, Entwurzelung und Geschichtsdekonstruktion.
- Kritische Reflexion über Pynchons Quellenarbeit und seine Positionierung zwischen den literarischen Strömungen.
Auszug aus dem Buch
5.2. Die Herero und das Motiv „Place/Displacement“
Ein wichtiges Thema in Gravity’s Rainbow ist das der Verortung bzw. Wurzellosigkeit. Davon betroffen sind in dem Roman eigentlich alle Figuren mehr oder weniger, man denke nur zum Beispiel an Slothrop, Weissmann oder Tchitcherine. Im Hinblick auf die Herero nimmt die Wurzellosigkeit zunächst einmal einen sehr handfesten geographischen Charakter an: sie sind fernab ihrer Heimat in einem fremden Land gelandet, bedingt durch die Folgen der Kolonisation, viele der Jüngeren wurden sogar schon in Deutschland geboren und kennen das Land ihrer Vorfahren nur aus Erzählungen. Um die Verwirrung noch zu vergrößern, sind sie mitten in ein „Niemandsland“ geraten, dem besetzten (bzw. befreiten) Deutschland kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, in die Zone, „a great frontierless streaming“, mit Menschen aus aller Herren Länder „stirred and streaming over the surface of the Imperial cauldron“ (Thomas Pynchon: Gravity’s Rainbow, London u.a.: Vintage, 2000, 549). In dieser verwirrenden Umgebung versuchen die Herero nun, sich zurechtzufinden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Forschungsfrage, ob Thomas Pynchon als postkolonialer Autor bezeichnet werden kann und wie sein Roman Gravity’s Rainbow in den Diskurs der Postmoderne passt.
2. Postmodernismus: Umriss des postmodernen Begriffsverständnisses mit Fokus auf Dekonstruktion, Metafiktion und der Infragestellung von Autorität und Realität.
3. Postkolonialismus: Definition des Begriffs durch die "gemeinsame Erfahrung" kolonialer Unterdrückung sowie die Diskussion zentraler Merkmale wie Subversion, Abrogation und Appropriation.
4. Postkolonialismus und Postmodernismus im Vergleich: Analyse der Kontroversen um Vereinnahmungstendenzen und die Frage nach der gegenseitigen Beeinflussung beider Strömungen.
5. Postkoloniales Afrika in Gravity’s Rainbow: Detaillierte Untersuchung der Herero-Figuren im Roman unter Berücksichtigung ihrer Identität, Mythologie und ihrer Rolle in der technologischen Struktur des Werkes.
6. Fazit – Pynchons GR zwischen Postmoderne und Postkolonialität: Abschließende Bewertung, dass Pynchon eine subversive Form der Postmoderne vertritt, die über reine Dekonstruktion hinausgeht und eine "Re-Imaginierung" historischer und kultureller Zusammenhänge leistet.
Schlüsselwörter
Thomas Pynchon, Gravity’s Rainbow, Postmoderne, Postkolonialismus, Herero, Dekonstruktion, Rekonstruktion, Identität, Wurzellosigkeit, Place and Displacement, Metafiktion, Kulturkritik, Imperialismus, Re-Imaginierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen postmodernen und postkolonialen Diskursen anhand der literarischen Darstellung der Herero in Thomas Pynchons Roman Gravity’s Rainbow.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit thematisiert Dekonstruktion, den historischen Kontext der Kolonialisierung, Fragen der nationalen Identität sowie das Spannungsverhältnis zwischen historischer Realität und narrativer Fiktion.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu klären, ob Pynchons Roman als bloßes postmodernes Spielwerk oder als ein politisch subversiver Text mit postkolonialen Zügen gewertet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die theoretische Positionen (u.a. von Ashcroft, Hutcheon und Mukherjee) auf den Text von Pynchon anwendet und mit Sekundärliteratur zu den Herero vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert zunächst theoretische Kontroversen zwischen Postmoderne und Postkolonialismus und wendet diese Erkenntnisse dann auf die spezifischen Identitäts- und Motivstrukturen der Herero in Pynchons Werk an.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Pynchon, Gravity’s Rainbow, Postmoderne, Postkolonialität, Identitätsdekonstruktion und der Umgang mit Geschichte.
Wie wird das Konzept der Identität bei den Herero dargestellt?
Die Identität wird als dynamischer Prozess präsentiert, der durch Dekonstruktion alter Traditionen und eine kreative "Re-Imaginierung" in einer entfremdeten Umgebung (Deutschland) ständig neu ausgehandelt wird.
Welche Bedeutung hat das "Schwarzkommando" im Roman?
Es fungiert als komplexes Beispiel für die Aufhebung der Grenze zwischen filmischer Fiktion und Realität, wobei die Herero gleichzeitig als Produkt einer außenstehenden Projektion und als handelnde Akteure ihrer eigenen Identitätskonstruktion auftreten.
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- Nadia Cohen (Author), 2004, Thomas Pynchons 'Gravity's Rainbow' zwischen Postmoderne und Postkolonialität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33286