1. Einleitung
1.1 Allgemeines
Die Musen sind die neun Töchter des Zeus und der Titanin Mne-
mosyne, der Göttin des Gedächtnisses (Memory!).Sie sind Götti-
nen der Dichtung, Literatur, Musik, Tanz, Astronomie, Philoso-
phie und allem Streben des Geistes. Angeführt werden sie von
ihrem Halbbruder Apoll, der in dieser Funktion auch Apollon
Musagetes genannt wird. Ihre Namen, Funktionen, Attribute und
sogar die Anzahl variierten im Lauf der Zeit. Homer spricht
schon von neun Musen, Hesiod gibt ihnen schließlich Namen. Ih-
re sehr uneinheitliche Individualisierung wurde erst in spät-
hellenistischer Zeit Vorgenommen:
1.2 Zuständigkeiten und Attribute
1.3 Aufgaben der Musen
Ihre Aufgaben bestanden in der Verleihung von Allwissenheit an
Sänger und Dichter und der Fähigkeit, große Stoffmengen zu er-
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innern, was in schriftlosen Zeiten sehr wichtig war. Sie ver- schafften Menschen Zugang zum kollektiven Gedächtnis. Außerdem führten sie Dichterweihen durch, waren bei Götter- hochzeiten anwesend und fungierten als Schiedsrichterinnen bei musikalischen Wettstreiten.
2. Die Entwicklung der Parnassvorstellung i
Ursprünglich wurden die Musen, wie alle anderen Götter auch, am Olymp angesiedelt. Als ihre Heimat galt die Landschaft Pie- ria östlich des Olymps, weswegen sie auch oft die Pieriden ge- nannt werden.
Erst Hesiod versetzte sie in seiner Theogonie in seine Hei- mat, auf den böotischen Helikon, wo sie ihn zum Dichter weih- ten. Dies verlieh Hesiod Allwissenheit, woraus er seinen An- spruch als Dichterprophet herleitete ii . Er hatte also ein ernsthaftes Interesse daran, die Musen in seiner Nähe zu be- heimaten. Die eigentliche Herkunft der Musen geriet daraufhin in Vergessenheit.
2.1 Der Helikon
Der Helikon ist ein sanfter und lieblicher Berg. Die Quelle Hippokrene entspringt an seinem Gipfel. Sie wurde von Pegasus, dem geflügelten, ruhmbringenden Pferd geschlagen. Es gibt küh- le Grotten, wo die Musen sich aufhalten. Lorbeerbäume, deren Blätter bei Dichterweihen zu Kränzen gewunden werden, wachsen dort. Apollon weilt als Dichtergott auf dem Helikon.
2.2 Der Parnass bei den Griechen
Bei den Griechen der Antike ist der Parnass ein doppelgipfli- ger Berg, der „Parnassus biceps“. Ein Gipfel wird von Diony- sos beherrscht, der andere (nach Euripides) von Apoll, der seit dem Sieg über den Phyton Herr über das am Fuße des Par- nass liegende Delphi ist; da Apoll oft zusammen mit den Musen erscheint, sind also auch diese ab und zu am Parnass. Im 2.
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Jh. v.u.Z. wusste man noch, dass die Musen für ein Apollonfest in Delphi erst vom Helikon zum bei Delphi gelegenen Parnass gerufen werden mussten.
2.3 Der Parnass nach Servius (4.Jh.n.Chr.) iii
Er vermengt in seiner Parnassvorstellung 3 Berge, die geogra- phisch weit auseinander liegen. Der eine Gipfel des Parnass heißt bei ihm Helikon, der andere Cithaeron (Dies ist ein an- derer Berg der Musenverehrung der Griechen und Römer). Servius fasst hier fälschlicherweise 3 den Musen zugeschriebene Berge in einem zusammen. Diese Auffassung des Parnass war von schla- gender Durchsetzungskraft, da Vergil, der Lieblingsautor der Antike im Mittelalter und in der Renaissance, zusammen mit Servius gelesen wurde.
Boccacio (1313-1375) erkannte nach Rückgriff auf antike Quel- len den weitreichenden Fehler des Servius und versuchte mit vielen anderen Gelehrten seiner Zeit dagegen anzukämpfen. Auch im 15. Jahrhundert kämpften Philologen und Altertumswissen- schaftler des Humanismus gegen die falsche Parnassvorstellung an. Sie beriefen sich auf Quellen wie Strabon und Herodot und bewiesen, dass Parnass und Helikon zwei völlig verschiedene Berge sind und die Musen zum Helikon gehören. Doch war die Vorstellung des Parnass als Ort der Musen, des Apoll, als See- lenheimat der Dichter, so außerordentlich attraktiv, dass sie sich in der Dichtung und der bildenden Kunst endgültig etab- lierte.
3. Geschichtliche Entwicklung des
Mythos iv
3.1 Antike
Nachdem Hesiod den Helikon in seinem Proömium ( = Einleitung) der Theogonie zu einem heiligen Berg gemacht hatte, wo er zum
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Dichter geweiht wurde und ihm von den Musen das rechte Denken eingegeben wurde, avancierte der Berg zum Berg der Dichter. Der alexandrinische Dichter Kallimachos sah sich im Traum aus seiner lybischen Heimat zum Helikon entrückt, eine Innovation, durch die die geographische Nähe zum Helikon nicht mehr nötig war, um zum Dichter geweiht zu werden. Bei seiner Dichterweihe ist auch Apoll anwesend und der Trunk aus der Quelle Hippokre- ne wird zum festen Bestandteil der Dichterweihe v . Von nun an träumt jeder Dichter, der etwas auf sich hält, vom Helikon. Die Traumvariante bringt es mit sich, dass unmöglich ein Lor- beerkranz von dort mitgenommen werden kann, weswegen auch das Trinken aus der Quelle des Pegasus, dem ruhmbringenden geflü- gelten Pferd, an Bedeutung gewinnt, da dies eben auch im Traum möglich ist.
3.2 Mittelalter
Hier findet eine Abkehr von den heidnischen Gottheiten statt. In seinem sehr einflussreichen Buch „De consolatione philo- sophia“ (um 523 n. Chr.) stellt Boethius die Musen als Thea- terhuren dar, denen die Philosophia, eine allegorische Figur, lieber ihre eigenen „Musen“ gegenüberstellen möchte.
Die Musen wurden durch die sieben freien Künste ersetzt. Diese gehen auf Varro zurück (116-27 v.Chr.). Varro, Cicero und Vi- truv nennen zwischen vier und elf Einzeldisziplinen. An den mittelalterlichen Universitäten bildet sich dann ein fester Kanon von sieben Disziplinen heraus, unterteilt in das Trivium (Grammatik, Dialektik, Rhetorik) und das Quadrivium (Arithme- tik, Geometrie, Astronomie, Musik), Grundlage des damaligen Lehrplans vi . Die Musen bleiben jedoch Teil der Antikenrezepti- on. In der Musik ordnet z.B. der Theoretiker Gaffurius acht Musen acht Tönen und acht Planeten zu, ihnen bleibt also eine kosmologisch - zahlensymbolische Bedeutung. Bei Martianus Ca- pella säuseln die Bäume des Parnass in Oktaven, Quinten und Quarten, die Apollon durch sein Saitenspiel hervorgerufen hat- te, worauf wiederum die Harmonie des Weltalls abgestimmt ist vii .
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Die Musenabsage des Mittelalters brachte auch einige Satiren auf Dichterweihen mit sich, wo z.B. die Quelle Hippokrene als Rossquell bezeichnet wird, von der einem schlecht wird, wenn man zu viel davon trinkt.
Der Parnass diente dazu, heidnische Vorstellungen zu verwerfen und christlichen Glauben zu beteuern und wurde dadurch zum Ne- gativbegriff. Die Wende zu einer positiven Auffassung trat mit Dante und Petrarca ein, die sich gegen die scholastische De- gradierung der Dichtung („minimum veritatis“) wandten und da- durch der Renaissance den Boden bereiteten.
3.3 Renaissance
Durch Dante und Petrarca wurde der Parnass zum Symbol der Ab- kehr vom düsteren Mittelalter und zur Hinwendung zu einer neu- en Zeit.
Das wichtigste Götterhandbuch der Frührenaissance war das „Li- bellus de imaginationibus deorum“ , wahrscheinlich um 1400 a- nonym entstanden viii . Durch dieses Buch findet der Parnass Ein-
gang in die bildende Kunst. Er wird als Sitz des Apoll be- schrieben, der zwischen den beiden Gipfeln residiert. Darauf- hin wird der Parnass Motiv für Gemälde berühmter Maler wie Mantegna, Lesueur, Raffael, Tintoretto, Tiepolo. Diese Bilder sind eine Fundgrube für Instrumentenikonographie, da den Musen zeitgenössische Instrumente als Attribute beigefügt wurden. Im 16. Jh. ist die Traumreise zum Parnass ein wichtiges Thema der Literatur, die für die weitere Parnassvorstellung bestim- mend wird. Dort führen lebende und verstorbene Berühmtheiten ein Leben wie im Paradies, man kann vor der Realität des Krie- ges in die Vorstellungswelt flüchten auf eine Insel der Seli- gen...
3.4 Barock
In der Festkultur des Barock spielte der Parnass eine große Rolle. Anlässlich der Hochzeit Louis XIV mit Maria Theresia wurde ein Musenberg auf einem Triumphbogen errichtet, auf dem Apollo und die neun Musen saßen, die die Profile des Braut-
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Anne-Barbara Knerr, 2001, Die Musen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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