Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung Seite 3
2. Hauptteil Seite 5
2.1 Richard Rorty und der eliminative Materialismus Seite 5
2.2 Richard Rorty, Wilfrid Sellars und der Spiegel der Seite 7
Natur ’
2.2.1 Das Mentale und das Leib -Seele -Problem Seite 7
2.2.2 Der Mythos des Gegebenen Seite 9
2.2.3 Die Idee einer Erkenntnistheorie Seite 11
3. Diskussion Seite 15
4. Literatur Seite 20
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1. Einleitung
„In den 50er Jahren [des zwanzigsten Jahrhunderts] waren es Ludwig Wittgenstein mit seinen Philosophischen Untersuchungen und Willard van Orman Quine mit seinem berühmten Aufsatz Zwei Dogmen des Empirismus“ sowie Wilfrid Sellars mit seinem Essay Der Empirismus und die Philosophie des Geistes, „die sich und damit die analytische Philosophie, auf ganz unterschiedliche Weise, vom Empirismus verabschiedeten“ 1 . Der Empirismus hatte mit dem logischen Positivismus (logischer Empirismus) im zwanzigsten Jahrhundert eine Renaissance erlebt (Wiener Kreis, 1920-1936). Synthetische Erkenntnis beruht danach immer auf Erfahrung, auf dem unmittelbar Gegebenen, ist also a posteriori. Nur analytische Erkenntnis kann unabhängig von Erfahrung, also a priori, gewonnen werden. „Im Unterschied zu Platon, für den die Notwendigkeit der Wahrheit sich aus einem Referenzpunkt ergab, der außerhalb raumzeitlicher Bestimmungen in der Welt des wahrhaft Seienden, d.h. in der Welt der Ideen lag, bestimmten die Vertreter des logischen Empirismus die Notwendigkeit der Wahrheit im Rekurs auf logische Konventionen“ 2 . Die Wahrheit der analytischen Aussagen wurde auf die logische Wahrheit, die durch einen logischen Formalismus (z.B. Russells und Whiteheads Formalismus in den Principia Mathematica) definiert wurde, zurückgeführt.
Die Idee einer Erkenntnistheorie hatte mit Immanuel Kant (1724-1804) erstmals begonnen, konkrete Züge anzunehmen. Ihm ging es um die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis überhaupt. Die Metaphysik sollte auf „den sichern Gang einer Wissenschaft“ 3 , wie es die Mathematik und Physik seien, gebracht werden und die zentrale Frage lautete: „Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?“ 4 . Für Kant stand fest, daß es reine Mathematik und reine Naturwissenschaft gibt 5 und daß diese synthetische U rteile a priori enthalten 6 . Tatsächlich ist der synthetische Charakter a priori der Mathematik jedoch fraglich. „Man muß nur zwischen der mathematischen (reinen) und der physikalischen
1 Jantschek Thorsten, Frankfurter Rundschau, 13.10.1999
2 Sandbothe M., 2000, S.102
3 Kant, KrV, B XIII-B XIV
4 Kant, KrV, B18
5 „Von diesen Wissenschaften, da sie wirklich gegeben sind, läßt sich nun wohl geziemend fragen: wie sie möglich sind; denn daß sie möglich sein müssen, wird durch ihre Wirklichkeit bewiesen“. Vgl. Kant, KrV, B19
6 „In allen theoretischen Wissenschaften der Vernunft sind synthetische Urteile a priori als Prinzipien enthalten“. Vgl. Kant, KrV, B13/A10
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(angewandten) Geometrie unterscheiden. Dann kann die mathematische Geometrie a priori gültig sein, aber bloß deshalb, weil sie analytisch ist. Die physikalische Geometrie dagegen wird zu einem empirisch überprüfbaren Hypothesensystem über die Eigenschaften des physikalischen Raumes. Sie gilt als synthetisch, jedoch nur deshalb, weil sie auf Erfahrung beruht, also ihren apriorischen Anspruch aufgibt“ 7 . Dies ist die Auffassung wie sie einerseits von den Anhängern des logischen Empirismus vertreten wurde und andererseits über Russell und Whitehead in die analytische Philosophie g elangt ist. Einen Wendepunkt in der Philosophie des logischen Empirismus und in der Entwicklung von der Erkenntnistheorie zur ‚Philosophie des Geistes’ markierte die These des Physikalismus 8 , derzufolge die physikalische Sprache die Universalsprache der Wissenschaft 9 ist. Ziel war es, durch ein gemeinsames Sprachfundament das System der Wissenschaft zu vereinheitlichen. „…beseelt von dem Wunsch einer einheitlichen, physikalischen Wissenschaftssprache waren Autoren wie Rudolf Carnap oder Carl Gustav Hempel zu der Auffassung gelangt, daß psychologische Begriffe wie ‚Schmerz’, ,Kummer’ oder ,Freude’ auf der Grundlage von Begriffen für beobachtbares physisches Verhalten definiert werden können bzw. daß sich Aussagen über psychologische Phänomene ohne Verlust an Inhalt in Aussagen über verhaltensmäßige, physikalische Phänomene übersetzen lassen“ 10 (logischer Behaviorismus). In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelten sich hieraus Identitätstheorien von Physischem und Mentalen, u.a. vertreten von Herbert Feigl (1902-1988), J.J.C. Smart (1920-) und David M. Armstrong (1926-). Danach werden geistige Zustände als mit Gehirnzuständen identisch angenommen (reduktiver Physikalismus oder reduktiver Materialismus). Eine Antwort auf Probleme, die sich aus dieser Theorie ergaben, bot der eliminative Materialismus, demzufolge es überhaupt keine mentalen Phänomene gibt, sondern nur physikalische. Vertreter
7 Höffe, 2000, S.62
8 Die Bezeichnung ‚Physikalismus’ geht auf Otto Neurath zurück und wurde von Rudolf Carnap (beide gehörten dem Wiener Kreis an) maßgeblich geprägt.
9 „ Das Ergebnis unserer Überlegungen ist: nicht nur die Sprache der verschiedenen Wissenschaftszweige, sondern auch die Protokollsprachen der verschiedenen Subjekte sind nur Teilsprachen der physikalischen Sprache; alle Sätze, sowohl die der Protokolle wie die des wissenschaftlichen Systems, das in Gestalt eines Hypothesensystems in Anknüpfung an die Protokolle aufgebaut wird, sind in die physikalische Sprache übersetzbar“. Vgl. Carnap R., 1931, S.461.
10 Vgl. Blume T., „Sellars im Kontext der analytischen Nachkriegsphilosophie“ in Sellars W., „Der Empirismus und die Philosophie des Geistes“, 2002, S.XXIX.
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dieser Theorie sind u.a. Paul Feyerabend (1924-1994), Paul M. Churchland (1942-) und Patricia Churchland (1943-) und - zumindest zeitweise - Richard Rorty (1931-). Im Folgenden soll der Einfluß von Wilfrid Sellars ( Der Empirismus und die Philosophie des Geistes, 1956) auf die Philosophie von Richard Rorty und insbesondere seine Beurteilung des Gehirn-Geist-Problems (Der Spiegel der Natur, 1979) aufgezeigt werden. Im Kontext mit anderen Positionen innerhalb der ‚Philosophie des Geistes’, insbesondere der Position des anomalen Monismus von Donald Davidson (1917-) und des Funktionalismus von Hilary Putnam (1926-) soll die Position Rorty’s respektive der Sellars’ Rezeption diskutiert werden. Schwerpunkt soll dabei die unterschiedliche Behandlung des Gehirn-Geist-Problems als zentralem Thema der ‚Philosophie des Geistes’ sein.
2. Hauptteil
2.1 Richard Rorty und der eliminative Materialismus
Das zentrale Problem der Identitätstheorien von Physischem und Mentalen, wie sie u.a. von Feigl, Smart und Armstrong vertreten werden, ist die Frage, was es heißen soll, daß geistige Zustände mit Gehirnzuständen identisch sein sollen. Von einer strikten Identität zwischen Bewußtsein und Gehirn könnte ja nur gesprochen werden, wenn alle Eigenschaften mentaler Zustände Eigenschaften von Gehirnprozessen wären. Oder anders ausgedrückt: „Wenn zwei Dinge nicht alle Eigenschaften gemeinsam haben, sind sie auch nicht identisch“ 11 (Kontraposition von Leibniz’ Prinzip). Die Identitätstheorien (ohne an dieser Stelle auf die verschiedenen Erscheinungsformen wie Token- oder Typ-Identität eingehen zu können) sind vielfach kritisiert worden, u.a. von Saul Kripke, Judith Jarvis Thomson, Karl Popper 12 und Hilary Putnam. Einen alternativen Ausweg innerhalb des Materialismus bot der eliminative Materialismus oder „die These, daß wir unsere heutige Bezugnahme auf mentale Phänomene als eine alte Common-sense-Theorie über Verhalten verstehen können, die durch eine zukünftige, ideale Verhaltenstheorie abgelöst werden könnte,
11 Schröder J., 2004, S.76
12 Vgl. Popper K. und Eccles J., 1989, S.113ff.
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in der nur noch von neurophysiologischen Phänomenen die Rede wäre“ 13 , eine Auffassung wie sie auch schon bei Wilfrid Sellars in seinem Essay Der Empirismus und die Philosophie des Geistes zu finden ist: „Und während vermutlich niemand bestreitet, daß das wissenschaftliche Gesamtbild des Menschen und seines Verhaltens, wenn es seinen Abschluß gefunden hat, irgendeine Identifikation verhaltenstheoretischer Begriffe mit Begriffen, die zur Funktionsweise atomarer Strukturen gehören, vornehmen wird, zwingt einen doch nichts zu der Annahme, daß die Verhaltenstheorie von Anfang an auf eine physiologische Identifikation al ler ihrer Begriffe festgelegt ist - daß ihre Begriffe sozusagen von Anfang an physiologische Begriffe sind“ 14 . Die Alltagspsychologie, also Begriffe wie Schmerzen, Wünsche, Emotionen etc., ist demnach überhaupt nur eingeführt worden, um fremdpsychisches Verhalten zu erklären und hat somit lediglich theoretisch-modellhaften Charakter. Solange wir innerhalb dieser Theorie bleiben, gibt es diese mentalen Zustände auch. „Die Behauptung, daß es sie nicht gibt, gilt erst, wenn wir diese Theorie verlassen und durch eine neurophysiologische Theorie ersetzen. Und in dem Moment, wo wir sie verlassen würden, würden wir keineswegs aufhören, unsere mentalen Zustände zu erleben: Wir würden sie nun lediglich in einem physikalistischen Vokabular beschreiben“ 15 . Seine eliminativ-materialistische Sichtweise, wie sie hier zum Ausdruck kommt, schränkt Rorty zu einem späteren Zeitpunkt wieder ein: „Nachdem ich einige Jahre zuvor einen eliminativen Materialismus vertreten hatte (»Mind -Body Identity, Privacy and Categories«, Review of Metaphysics 19 [1965]: 25-54) bin ich den Kollegen sehr dankbar, deren kritische Bemerkungen zu diesem Artikel mich zu einem hoffentlich besseren Verständnis der Probleme geführt haben“ 16 . Ohne jedoch seinen bisherigen Standpunkt, d.h. die Ablehnung von Geist-Materie-Dualismen, und die - zumindest grundsätzliche - Befürwortung des Physikalismus aufzugeben 17 , scheint es ihm vielmehr daran gelegen, aufzuzeigen, „daß das »Problem des Bewußtseins« nicht mehr und nicht weniger ist als das vermeintlich metaphysische, in Wirklichkeit aber erkenntnistheoretische »Problem unserer privilegierten
13 Bieri P., 1997, S.45
14 Sellars W., 2002, S.91
15 Bieri P., 1997, S.46 (aus Rorty R., “In Defense of Eliminative Materialism”, 1970)
16 Rorty R., 1987, S.137
17 Tatsächlich spricht Rorty in seinem Buch „Wahrheit und Fortschritt“, 1998, S.66, von einer „allzu leidenschaftlichen Befürwortung des Physikalismus in Der Spiegel der Natur“ und an anderer Stelle (S. 69), daß im Gegensatz zu Putnam bei ihm allerdings „immer noch eine Spur“ des Physikalismus „vorhanden“ sei.
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Arbeit zitieren:
Dr.rer.nat., M.A., PhD Christian Grimm, 2004, Wilfrid Sellars’ Einfluß auf die Beurteilung der Gehirn-Geist-Problematik am Beispiel der Philosophie von Richard Rorty, München, GRIN Verlag GmbH
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