Spezielle Psychotraumatologie: Kindheitstrauma
1. Einleitung: Allgemeine Psychotraumatologie
1.2 Zur Begrifflichkeit des Traumas
Der Begriff Trauma ist nicht neu. Allerdings wird er heute in anderen Zusammenhängen verwendet. Er stammt aus der Fachsprache der Chirurgen und bezeichnet eine Verletzung des Körpers, Verletzung von Körperteilen oder Organen durch Fremdeinwirkung, z. B. nach Unfällen. Wenn wir allgemein von Trauma sprechen, meinen wir jedoch nicht die körperliche Verletzung, sondern die psychische. Deshalb ist hier der Begriff Psychotrauma eigentlich die genauere Bezeichnung. Traumatisierungen finden statt in extremen Belastungssituationen, wie z. B. bei Kriegs- und Katastrophenereignissen, gewalttätigen Angriffen auf die eigene Person, Folter, Vergewaltigung, schweren, lebensbedrohlichen Verkehrsunfällen oder durch jahrelange schwere Misshandlungen in der Kindheit. Als Posttraumatische Belastungsstörung (PTB) wird ein Ereignis, im DSM-IV (Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen, vierte Fassung) wie folgt bezeichnet:
„[…]1) Die Person erlebte, beobachtete oder war mit einem oder mehreren Ereignissen konfrontiert, die einen tatsächlichen oder drohenden Tod oder ernsthafte Verletzung oder eine Gefahr der körperlichen Unversehrtheit der eigenen Person oder anderer Personen beinhalteten,
2) die Reaktion der Person umfasste intensive Furcht, Hilflosigkeit oder Entsetzen[…]“ 1
Dabei kommt dem Aspekt der Hilflosigkeit eine große Bedeutung zu. Grundsätzlich ist das menschliche Gehirn in der Lage mit erheblichen Belastungen zurechtzukommen. In den beschriebenen Situationen werden physiologisch gesehen
1 Fischer, G. /Riedesser, P. (2003): Lehrbuch der Psychotraumatologie. 3. Auflage. München. Reinhardt; S.45
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verschiedene Hormone ausgeschüttet, um so den akuten Gefahrensituationen durch Kampf oder Flucht besser begegnen zu können. Die natürliche Reaktion des Organismus nannte der amerikanische Forscher Walter Cannon 1914 bereits „fight-or-flight-Reaktion“ (vgl. Huber, S.41, ff.). D iese Reaktion beinhaltet, vor dem Hintergrund der beschriebenen Hormonausschüttung des Organismus, ein reflexartiges Reagieren des Individuums in der Gefahrensituation. Das Prinzip von Fliehen oder Angreifen ist eine natürliche Reaktionsweise die nicht nur den Tieren sondern auch dem Menschen eigen ist. Durch das reflexartige Agieren wird entweder der Aggressor in die Flucht geschlagen, oder es findet eine Flucht vor dem Aggressor statt. Wenn dies nicht möglich ist, es kein Entrinnen aus der bedrohlichen Situation gibt, findet die so genannte „freeze-Reaktion“ statt. „Freeze“ bedeutet wörtlich übersetzt „Einfrieren“. Der Körper bekämpft die Todesangst durch körpereigene Opiate und Endorphine. Es findet eine Art Lähmungssituation statt, eine innere Erstarrung, ein Entfremden vom Geschehen (vgl. Huber, S. 43). Des Weiteren erfolgt eine Fragmentierung des Ereignisses. „Die Erfahrung wird zersplittert, und diese Splitter werden so „weggedrückt“, dass das äußere Ereignis nicht mehr (jedenfalls nicht ohne spätere g ezielte Anstrengungen)
zusammenhängend wahrgenommen und erinnert werden kann“. 2 Der beschriebene Vorgang ist die einzige Reaktionsweise, die der menschlichen Psyche ein Überleben ermöglicht.
1.2 Traumafolgen
Die Folgen schwerer seelischer Belastungen wie sie in der Psychotraumatologie benannt werden, können ein sehr unterschiedliches Ausmaß annehmen. Es wird die akute Belastungsreaktion von der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) unterschieden, Während erstere unmittelbare Reaktionen wie Angst, Fluchttendenz, Unruhe, vegetative Symptome wie Herzjagen, einhergehend mit einer allgemeinen Schockreaktion nach sich zieht, wobei die Symptomatik nach Stunden oder Tagen abklingt, kommt es bei der posttraumatischen Belastungsstörung zu lang anhaltenden Reaktionen der Psyche und des Organismus in Form von psychischen
2 Huber, M. (2003). Trauma und die Folgen. Trauma und Traumabehandlung. Teil I. Paderborn: Junfermann
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und psychosomatischen Störungen. Die posttraumatische Belastungsstörung ist gekennzeichnet von lang anhaltenden Reaktionen. Neben Vermeidungsverhalten diagnostizieren die Ärzte eine allgemeine Übererregung (Hyperarousals), verbunden mit erhöhter Schreckhaftigkeit, Angstzuständen, erhöhte Reizbarkeit,
Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, und Amnesien. Es können sich dem Patienten Erinnerungsfetzen bezogen auf das traumatische Ereignis in Tag- oder Alpträumen immer wieder aufdrängen (so genannte „flashbacks“). Die Bandbreite der Symptome die auftreten können, ist groß. Es ist für die Ärzte nicht immer leicht, eine entsprechende Diagnose zu stellen, weil oftmals der Zusammenhang zu dem traumatischen Ereignis nicht ohne weiteres herstellbar ist. Die Belastungsreaktionen sind dann, z. B. durch Amnesie, völlig abgekoppelt von dem eigentlichen Auslöseereignis. Das Ausmaß der Symptomatik ist abhängig von der Verwundbarkeit (Vulnerabilität) der betroffe nen Person zum Zeitpunkt der Traumatisierung. Hier spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, die abhängig sind von der Struktur der Persönlichkeit des Betroffenen mit seiner individuellen Vorgeschichte, seinem Alter und seiner sozialen Einbettung einerseits, und andererseits natürlich von dem Ausmaß der Traumatisierung. Es ist leicht einzusehen, dass ein kleines Kind, welches in seiner Ich-Struktur noch besonders verletzlich ist, im Falle eines jahrelangen sexuellen Missbrauchs Schäden katastrophalen Ausmaßes entwickeln kann. (Im Kapitel 4 meiner Hausarbeit werde ich hierauf noch näher eingehen). Das psychische Überleben des Kindes geschieht durch Dissoziation, das bedeutet, dass das traumatische Ereignis für die Psyche des Kindes so zerstörerisch und bedrohlich ist, dass ein inneres Entkommen aus der Situation durch Identitätsspaltung stattfindet. Es werden verschiedene Innenpersonen gebildet, die auch nach dem Trauma, oftmals ein ganzes Leben lang, bestehen bleiben (Multiple Persönlichkeiten). Die so genannte Alltagspersönlichkeit, kann im weiteren Verlauf der Störung nicht über die innere Zerrissenheit des heranwachsenden Kindes hinwegtäuschen.
1.3 Geschichte der Psychotraumatologie
Die Geschichte der Psychotraumatologie lässt sich unterteilen in eine naturwüchsige Geschichte und in eine moderne Wissenschaft. Erstere behandelt intuitive Versuche, Traumata zu verarbeiten, wie es die Menschen offenbar seit jeher getan haben: In gesellschaftlich anerkannten Ritualen, schriftlichen Werken, aber auch in Religionen
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und Mythen, später auch in der Philosophie findet die Auseinandersetzung mit seelischer Verletzung ihren Niederschlag. Einige Schriftsteller und Dichter verarbeiten in ihren Werken eigene Traumata, andere erfinden einen Protagonisten, der psychisches Leid erduldet und es schrittweise überwindet. Eines der ältesten Beispiele dafür ist wohl die Ilias von Homer, in der eine Kriegstraumatisierung thematisiert wird. Homer schildert darin einige psychotraumatische Symptome, die denen, die wir heute kennen, gleichen, und zeigt mögliche Wege zur Verarbeitung auf. Auch in seinem Werk geht der Traumatisierung Achilles´ eine Regelverletzung voraus - vergleichbar mit den Verhältnissen, die traumatisierte Vietnam-Veteranen, die in der modernen Wissenschaft untersucht wurden, erlebt hatten. Hiervon unterscheiden sich die wissenschaftlichen Ansätze durch systematische Forschung und Klassifikationsversuche. Anstoß für die psychotraumatische Forschungsarbeit gaben und geben Kriege - hier insbesondere der erste und zweite Weltkrieg sowie der Vietnamkrieg -, Naturkatastrophen und soziale Bewegungen, die sich gegen Unterdrückung und Ausbeutung wenden, beispielsweise die Frauenbewegung. Die wichtigsten Beiträge zu der heutigen Forschung leisteten Janet (1859-1947), die Psychoanalyse mit ihrem Hauptvertreter Freud (1856-1939) und der schwedische Internist Selye.
Janet, der wie Freud zeitweise an der Pariser Salpetrière mit dem Hypnosearzt Charcot zusammenarbeitete, führte bereits 1889 den Begriff der Dissoziation ein. Freud durchlief bei seiner Beschäftigung mit dem Thema Trauma Phasen unterschiedlicher Annahmen. Zunächst ging er davon aus, dass jeder hysterischen Störung eine reale traumatische Erfahrung, vor Allem sexuelle Verführung von Kindern, vorausgeht (1875). Später relativierte er diese Sichtweise. Trotz seiner generalisierten Annahme hat Freud wichtige Beiträge zum Thema sexueller Missbrauch an Kindern geliefert, indem er unter anderem erkannte, dass Kinder ihre eigenen sexuellen Wünsche, Phantasien und Bedürfnisse haben und sie somit für missbräuchliches Verhalten, das die psychosexuelle Entwicklung übergeht, besonders verletzlich sind.
Auch erwähnte er bereits die Tatsache, dass eine psychische Traumatisierung eine zeitliche Verlaufsstruktur von drei Phasen aufweist: Situation, Reaktion und traumatischer Prozess. Hierfür begründete er den Begriff der Nachträglichkeit. Dem entsprechend führen wir heute das Verlaufsmodell der psychischen Traumatisierung an.
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Arbeit zitieren:
Melanie Aschert, 2005, Spezielle Psychotraumatologie - Kindheitstrauma, München, GRIN Verlag GmbH
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