Unter dem Begriff „harmonischer Dualismus“ etablierte sich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland eine Letztbegründungsbewegung innerhalb der Musiktheorie. Anlass war das bisherige Versagen aller namhaften Musiktheoretiker, das Mollgeschlecht als neben dem Durgeschlecht gleichberechtigten Pfeiler der harmonischen Tonalität herzuleiten. Zwar gab es schon lange vor Rameau diesbezügliche Versuche (vgl. R 1921, 389 ff.). Jedoch gilt als der erste, der die „Tonalität in ihrer Dualität als Dur [und] Moll“ (R 1914, 49) systematisch herzuleiten versucht hat, Arthur von Oettingen (1836-1920). Seine früheste Ausarbeitung zu diesem Thema erschien 1866 unter dem Titel Harmoniesystem in dualer Entwickelung (Oe 1866). Der dort zutage tretende Letztbegründungsanspruch forderte in den darauffolgenden Jahrzehnten die namhaftesten Musiktheoretiker in Deutschland zu Anknüpfungen oder kritischen Stellungnahmen heraus. Bis heute bedeutsam sind hierbei Carl Stumpf (1848-1936) und Hugo Riemann (1849-1919). – Nach Riemanns Eintreten für den „harmonischen Dualismus“ wurde es jedoch still um denselben. Die auf die musikalische Praxis des Komponierens und Instrumentalspiels abgestellte Musiktheorie an den staatlichen Hochschulen für Musik meinte, auf diesen teilweise sehr komplizierten theoretischen Überbau verzichten zu müssen, da er die musikalische Praxis eher behindere als fördere. – In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war dagegen Martin Vogel (geb. 1923) bestrebt, die Erbschaft Oettingens und Riemanns wiederzubeleben, zu erweitern und für die musikalische Praxis und Theorie fruchtbar zu machen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Zum Thema
1.2 Vorgehensweise und Ziel
2. Oettingens System
2.1 Herleitung der Klangverwandtschaft
2.1.1 Verwandtschaft innerhalb von akustischen Klängen und Mehrklängen
2.1.2 Klangvertretung
2.1.3 Tonizität und Phonizität
2.2 Das Tonnetz der reinen Stimmung
2.3 Grundlagen der harmonischen Modulation
2.3.1 Verwandtschaftsarten
2.3.2 „Dissonanz und Auflösung“: Terminologie
2.3.3 Verwandtschaftskreis der reinen Tongeschlechter
3. Reaktionen
3.1 Stumpfs Kritik
3.2 Riemanns Modifizierungen
3.3 Ausblick auf Vogel
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den „harmonischen Dualismus“ von Arthur von Oettingen, einer musiktheoretischen Strömung, die eine symmetrische Herleitung von Dur und Moll anstrebt. Ziel ist es, Oettingens System darzustellen, seine methodischen Grundlagen zu erläutern und den wissenschaftlichen Diskurs sowie spätere Modifikationen durch Theoretiker wie Hugo Riemann und Martin Vogel kritisch zu beleuchten.
- Grundlagen des harmonischen Dualismus nach Oettingen
- Klangverwandtschaft und Konzepte der Konsonanz
- Tonnetz der reinen Stimmung und Modulationstheorie
- Kritik an der dualistischen Theorie durch Carl Stumpf
- Weiterentwicklungen und Perspektiven bei Riemann und Vogel
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Verwandtschaft innerhalb von akustischen Klängen und Mehrklängen
Klangverwandtschaft ist die Grundlage jeder Modulation. Seit der Etablierung von Riemanns „funktioneller“ Harmonielehre beziehen sich die Gesetze der Verwandtschaft zwischen Tönen oder Klängen auf das Wechselverhältnis der beiden Tongeschlechter Dur und Moll. Im folgenden gilt es herauszuarbeiten, wie Oettingen die Klangverwandtschaftsgesetze herleitet. Dabei wird deutlich werden, dass das Wechselverhältnis der beiden Tongeschlechter bei Oettingen sogar der Ausgangspunkt seiner Klangverwandtschaftstheorie ist.
Verwandtschaft zwischen Klängen beruht auf dem Konsonanzprinzip. Konsonanz wird von Oettingen u.a. als die psychische Tätigkeit bezeichnet, zwei oder mehrere gleichzeitig erklingende Töne zu einem Klang zusammenzufassen, der als „einheitliche Vorstellung“ empfunden wird (vgl. Oe 1, 63). Um zu erklären, was diese psychische Tätigkeit im Menschen auslöst, bezieht sich Oettingen auf die physikalisch-akustische Herleitung der Konsonanz, die Hermann von Helmholtz (1821-1894) in seinem Buch „Die Lehre von den Tonempfindungen“ von 1863 (Hel 1913) vorgelegt hatte. Sowohl Helmholtz als auch Oettingen sehen in einer akustischen Konsonanzbestimmung die notwendige Grundlage jeder Harmonielehre. Ich werde im Folgenden einige Begriffsbestimmungen vornehmen, die Oettingens auf Helmholtz bezogene Auffassung der Konsonanz betreffen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in den historischen Kontext des harmonischen Dualismus und die Zielsetzung der Arbeit ein, Oettingens System sowie dessen Weiterentwicklungen zu untersuchen.
2. Oettingens System: Das Hauptkapitel expliziert die theoretischen Konzepte Oettingens, darunter die duale Klangverwandtschaft, das Tonnetz der reinen Stimmung sowie seine spezifische Terminologie für Konsonanz und Modulation.
3. Reaktionen: Hier werden die kritischen Einwände von Carl Stumpf sowie die Modifizierungen von Hugo Riemann und Martin Vogel diskutiert, um die Bedeutung des Systems in der Musiktheorie zu bewerten.
4. Fazit: Das Fazit resümiert die wissenschaftshistorische Relevanz von Oettingens Ansatz und plädiert für eine weiterführende praktische Erprobung der dualistischen Musiktheorie.
Schlüsselwörter
Harmonischer Dualismus, Arthur von Oettingen, Musiktheorie, Konsonanzprinzip, Klangverwandtschaft, Tonizität, Phonizität, Reine Stimmung, Hugo Riemann, Carl Stumpf, Martin Vogel, Bissonanz, Akkordfortschreitung, Funktionstheorie, Tonalität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit thematisiert den harmonischen Dualismus als musiktheoretisches Konzept, das Moll und Dur als gleichberechtigte, spiegelbildliche Pole betrachtet.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Im Zentrum stehen die Begründung der Konsonanz, das Tonnetz, die verschiedenen Grade der Klangverwandtschaft sowie die Einbettung in den historischen Diskurs.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine systematische Rekonstruktion von Oettingens Theorie und die Analyse der kritischen Resonanz durch namhafte Theoretiker des 19. und 20. Jahrhunderts.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer textanalytischen Aufarbeitung der historischen Quellen, insbesondere von Oettingens Schriften und deren theoretischer Einordnung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Herleitung der Klangverwandtschaft, der Erläuterung des Tonnetzes der reinen Stimmung und den Grundlagen der harmonischen Modulation.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Konsonanzprinzip, Tonizität, Phonizität, Bissonanz, Metharmonik sowie die Konzepte von Ober- und Untertonreihen.
Wie unterscheidet Oettingen zwischen tonischer und phonischer Konsonanz?
Oettingen leitet den tonischen Klang aus gemeinsamen Obertönen (Oberton-Sein) und den phonischen Klang aus gemeinsamen Untertönen (Oberton-Haben) ab, was eine symmetrische Definition von Dur und Moll ermöglicht.
Warum kritisierte Carl Stumpf das dualistische Modell?
Stumpfs Kritik beruht primär auf hörpsychologischen Argumenten: Er bezweifelt, dass die theoretische Symmetrie der Obertöne tatsächlich die menschliche Klangwahrnehmung abbildet.
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- Andreas Jakubczik (Author), 2003, Der "harmonische Dualismus" von Arthur von Oettingen bis Martin Vogel, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33519