"Die Krankheit zum Tode" (1849) gilt nicht nur dem Autor als der Höhepunkt des literarischen Schaffens Sören Kierkegaards, sondern es ist das Hauptwerk des dänischen Philosophen und Theologen, in dem sich das Grundanliegen seiner Existenzphilosophie wiederfindet.
Dieses Werk wird für den Leser/die Leserin umso verständlicher als W. Schäfer andere Hauptwerke Kierkegaards heranzieht, um dieses komplexe Werk überhaupt erst mit Hilfe des Gesamtwerkes durchsichtig zu machen.
"Die Krankheit zum Tode" gilt als schwierig, gerade auch hinsichtlich der an Hegel erinnernden Sprache zu Anfang des Werkes.
W. Schäfer, der Anti-Climacus' theologische Anthropologie umfassend darlegt, erläutert klar, was es mit dem "Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält", auf sich hat.
Die verschiedenen Verzweiflungsformen werden von W. Schäfer deutlich dargestellt und differenziert, so dass auch die sogenannte "unbewusste Verzweiflung" nach Anti-Climacus mit seiner theologischen Anthroplogie erläutert werden kann (M. Theunissen hat in seinem Werk "Der Begriff Verzweiflung: Korrekturen an Kierkegaard", 1993, die unbewußte Verzweiflung lediglich als die "unangemessene Form der Verzweiflung" darstellen können. W. Schäfer erklärt hingegen die unbewußte Verzweiflung mit Hilfe von Anti-Climacus' anthropologischen Überlegungen: vgl. II 2.).
Im dritten und letzten Kapitel gibt es nicht nur einen Exkurs zum Sündenbegriff bei Haufniensis ("Der Begriff Angst", 1844) im Vergleich zu Anti-Climacus' Verzweiflungsbegriff und seiner Sündenabhandlung, sondern Anti-Climacus' Sündenbegriff wird zunächst einmal von seinen Vorstellungen hinsichtlich der Verzweiflung unterschieden.
Eine abschließende Kritik darf der Leser/die Leserin in der Schlußbetrachtung erwarten, wobei hier weitere Aspekte aufgenommen werden, insofern sie nicht Teil der Hauptanalyse sind.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung
I. Anti-Climacus' theologische Anthropologie: Selbstverhältnis und Gottesverhältnis
1. Vom selbstlosen zum selbstbewußten Dasein menschlicher Existenz
2. Im Bewußtsein der Unwahrheit: Paradoxer Glaube - Paradoxe Existenz?
3. Exkurs: "Verzweifelt nicht man selbst sein wollen - verzweifelt man selbst sein wollen": Anti-Climacus' gescheiterte Begründung eines gottgesetzten Selbst und Kierkegaards Bruch mit Schelling
4. Bewußtes Sein im Bewußtsein der Zeit
5. Kurze Zusammenfassung: Über Selbstbewußtsein und Selbsterkenntnis in Anti-Climacus' theologischer Anthropologie
II. Über das Unvermögen der Selbsterkenntnis und das mangelnde Selbstbewußtsein in der Verzweiflung: Die Bewußtseinsstufen und die Formen der Verzweiflung
1. Vom Ursprung und der Aufhebung der Verzweiflung
2. Die Reise von der unbewußten zur bewußten Verzweiflung
3. Von der unbewußten Verzweiflung als unmittelbare Leib-Seele Einheit
4. "Verzweifelt nicht man selbst sein wollen": Die Verzweiflung der Schwachheit
5. "Verzweifelt man selbst sein wollen": Die Verzweiflung der Möglichkeit und die des Trotzes
6. Betrachtung zur Unterscheidung der Bewußtseinsstufen und den Formen der Verzweiflung
7. Kurze Zusammenfassung zum Selbstbewußtsein und zur Selbsterkenntnis in der Verzweiflung
III. Selbstbewußtsein und Selbsterkenntnis hinsichtlich des Sündenbegriffes in Anti-Climacus' Krankheit zum Tode
1. Allgemeine Begriffsbestimmung der Sünde in der Krankheit zum Tode
2. Die Steigerung der Sünde, die eine Position ist:: "Verschlossenheit" und "Ärgernis"
3. Der erdichtete Gott: Von dem Gottesverhältnis, das nicht zur Selbsterkenntnis führen kann
4. "Verstehen und Verstehen": Subjektivität ist Wahrheit
5. Exkurs: Haufniensis' Sündenbegriff unter Berücksichtung des Verzweiflungsbegriffes und der Sündenabhandlung in Anti-Climacus' Die Krankheit zum Tode
6. Abschließende Betrachtung: Über Selbstbewußtsein und Selbsterkenntnis in der Sünde
Schlußbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert umfassend das Werk "Krankheit zum Tode" von Sören Kierkegaard (unter dem Pseudonym Anti-Climacus), wobei der Fokus auf den Begriffen Selbstbewusstsein und Selbsterkenntnis liegt. Es wird untersucht, wie sich das menschliche Selbst in seiner existenziellen Zerrissenheit durch Verzweiflung und Sünde verhält und inwiefern der christliche Glaube die einzige Möglichkeit darstellt, eine positive Synthese des Selbst zu erreichen.
- Theologische Anthropologie und das Verhältnis von Selbst und Gott.
- Struktur und Formen der Verzweiflung in Bezug auf Bewusstseinsstufen.
- Der Sündenbegriff als potenzierte Verzweiflung und bewusste Position.
- Kritische Auseinandersetzung mit Hegels Zeit- und Geschichtsverständnis.
- Die Rolle der Subjektivität als Wahrheit im christlichen Glaubensverständnis.
Auszug aus dem Buch
Anti-Climacus' theologische Anthropologie: Selbstverhältnis und Gottesverhältnis
Der Mensch ist Geist. Aber was ist Geist? Geist ist das Selbst. Aber was ist das Selbst? Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, oder ist das am Verhältnis, daß das Verhältnis sich zu sich selbst verhält; das Selbst ist nicht das Verhältnis, sondern daß das Verhältnis sich zu sich selbst verhält. Der Mensch ist eine Synthese von Unendlichkeit und Endlichkeit, von Zeitlichem und Ewigem, von Freiheit und Notwendigkeit, kurz eine Synthese.
Eine Synthese ist ein Verhältnis zwischen zweien. So betrachtet ist der Mensch noch kein Selbst.
Im Verhältnis zwischen zweien ist das Verhältnis das Dritte als negative Einheit, und die zwei verhalten sich zum Verhältnis und im Verhältnis zum Verhältnis; so ist unter der Bestimmung Seele das Verhältnis zwischen Seele und Leib ein Verhältnis. Verhält sich dagegen das Verhältnis zu sich selbst, dann ist dieses Verhältnis das positive Dritte, und dies ist das Selbst.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort: Der Autor erläutert seine Literaturrecherche, insbesondere den Einfluss der New York Public Library auf die Arbeit.
Einleitung: Es wird die zentrale Problemstellung der Analyse von "Krankheit zum Tode" unter dem Aspekt von Selbstbewusstsein und Selbsterkenntnis skizziert.
I. Anti-Climacus' theologische Anthropologie: Selbstverhältnis und Gottesverhältnis: Das Kapitel untersucht die grundlegenden anthropologischen Termini bei Anti-Climacus und die notwendige Einbindung des christlichen Gottesverhältnisses.
II. Über das Unvermögen der Selbsterkenntnis und das mangelnde Selbstbewußtsein in der Verzweiflung: Die Bewußtseinsstufen und die Formen der Verzweiflung: Hier werden die verschiedenen Stadien der Verzweiflung, von unbewusst bis bewusst, analysiert und in Beziehung zum Selbst gesetzt.
III. Selbstbewußtsein und Selbsterkenntnis hinsichtlich des Sündenbegriffes in Anti-Climacus' Krankheit zum Tode: Das Kapitel differenziert den Sündenbegriff als potenzierte Verzweiflung und kritisiert Versuche, den Glauben durch objektive Vernunft zu erklären.
Schlußbetrachtung: Der Autor resümiert die Analyse von Kierkegaards Werk vor dem Hintergrund zeitgenössischer philosophischer Perspektiven.
Schlüsselwörter
Sören Kierkegaard, Anti-Climacus, Krankheit zum Tode, Selbstbewusstsein, Selbsterkenntnis, Verzweiflung, Sünde, Existenz, christlicher Glaube, Synthese, Endlichkeit, Unendlichkeit, Subjektivität, Theologische Anthropologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine tiefgehende philosophische Untersuchung von Sören Kierkegaards Werk "Die Krankheit zum Tode", um die zentralen anthropologischen Begriffe des Selbstbewusstseins und der Selbsterkenntnis zu ergründen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Struktur des menschlichen Selbst als Synthese, die Phänomenologie der Verzweiflung, den Sündenbegriff als bewusste Existenzposition sowie die Rolle des christlichen Glaubens als einzigem Heilungsweg.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie das Selbst durch das Verhältnis zu Gott zu einer Einheit findet und warum der Mensch ohne diesen Glauben zwangsläufig in der Verzweiflung oder Sünde verharrt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine hermeneutische Textanalyse, die Kierkegaards Texte (unter verschiedenen Pseudonymen) analysiert und kritisch mit anderen Existenzphilosophen sowie der Hegelschen Dialektik vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der theologischen Anthropologie, die Analyse der Bewusstseinsstufen der Verzweiflung und die kritische Beleuchtung des Sündenbegriffs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere das Selbst als "Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält", die Synthese aus Endlichkeit und Unendlichkeit, der Sprung in den Glauben und die Kritik an der Objektivierung der Wahrheit.
Wie bewertet der Autor Kierkegaards Gottesbeweise?
Der Autor zeigt auf, dass Anti-Climacus keine klassischen Gottesbeweise liefert, sondern versucht, die Notwendigkeit Gottes aus der Existenz der Verzweiflung und der Zwiegespaltenheit menschlicher Existenz "anzudeuten".
Welche Rolle spielt die Geschlechterdifferenz in der Argumentation?
Der Autor setzt sich kritisch mit der Deutung auseinander, dass Frauen in Kierkegaards Anthropologie aufgrund einer "niederen Synthese" Schwierigkeiten hätten, den intensiven Weg zur Selbsterkenntnis und zum Glauben ebenso wie Männer zu beschreiten.
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- Wolfram Schäfer (Author), 1995, Selbstbewußtsein und Selbsterkenntnis in Sören Kierkegaards "Krankheit zum Tode", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33541