Inhalt
I Einleitung 3
II Gottfrieds Liebesauffassung: Liebe mit Leid 3
II.1 Die Ankündigung der Liebesgeschichte im Prolog 4
II.2 Tristans Namensgebung 5
III Exkurs: Gottfrieds Kenntnis der Werke Ovids 6
IV Das Leid in der Liebe 8
IV.1 Tristans Auftritt vor Markes Hof 9
IV.2 Die Gandin-Episode 10
IV.3 Das Hündchen Petitcriu 11
IV.4 Die Minnegrotte 12
V Exkurs: Der andere Ovid 13
VI Der Fragmentschluss 16
VI.1 Isolde Weißhand 16
VI.2 Heilung von der Liebe? 17
VII Schlussbemerkung 19
VIII Bibliographie 20
2
I Einleitung
Gottfried von Straßburg und Ovid, darüber haben sich schon viele Interpreten Gedanken gemacht. Umso mehr Literatur gibt es zu diesem Thema, und umso mehr Textstellen, die sich nach der Meinung dieses oder jenes Interpreten an ovidianisches Gedankengut anlehnen und einmal mehr, einmal weniger einleuchtend sind. Aus diesem Grunde erhebe ic h in dieser Arbeit nicht den Anspruch auf vollständige Wiedergabe sämtlicher ovidianischer Passagen. Vielmehr möchte ich mich auf Gottfrieds Liebesauffassung in der Auseinandersetzung mit Ovid konzentrieren. Ich möchte herausfinden, warum Gottfried Ovid kritisiert und wie er seine Kritik aufbaut. Außerdem möchte ich herausarbeiten, wie sein Verhältnis zu Ovid generell beschaffen ist.
In meiner Arbeit folge ich den Regeln der neuen Rechtschreibung.
II Gottfrieds Liebesauffassung: Liebe mit Leid
Gottfried von Straßburg vermittelt in seinem Roman, wie wahre Liebe beschaffen sein sollte. Er reflektiert an vielen Stellen über das Wesen der Liebe und führt immer wieder auf, was für ihn zu dieser Liebe zählt, nämlich Vertrauen, gegenseitiges Beistehen und Zusammenhalten der Liebenden, ob in Freude oder Leid 1 , - geradezu ein Einswerden der beiden Geliebten zu einer Einheit, wie es Isolde bei ihrem Abschied von Tristan formuliert:
sît daz ir mit mir alle zît
ein lîp unde ein leben sît, [...].“ (Tristan 18500-18524) 2
Doch für Gottfried ist es vor allem das Leid, das die Liebe Tristans und Isoldes charakterisiert und ohne das diese Liebe undenkbar wäre. Das Leid ist untrennbar mit der Liebe verbunden,
1 Vgl. Schröder, Text und Interpretation, S. 9.
2 Gottfried von Straßburg: Tristan. Hrsg. v. Karl Marold. Unveränderter vierter Abdruck nach dem dritten mit einem auf Grund von F. Rankes Kollationen verbesserten Apparat besorgt von Werner Schröder. Berlin/New York 1977. Im Folgenden zitiere ich unter Angabe der Sigle „T“.
3
es wird sogar aktiv von den Liebenden gesucht. Diese Verknüpfung von Freude und Leid ist Gottfried äußerst wichtig, er zeigt sie immer wieder in verschiedenen Szenen auf - auf einige davon werde ich später noch eingehen - und beginnt damit schon im Prolog.
II.1 Die Ankündigung der Liebesgeschichte im Prolog
Gottfried beginnt seinen Prolog mit dem strophischen Teil (T 1-44), in dem er über das Verhältnis von Kunst und Kunstkritik referiert. Dabei gewinnt er mittels einiger sehr geschickt eingesetzter rhetorischer Kunstgriffe sowohl die Aufmerksamkeit als auch die Sympathie des Publikums. 3
Im stichischen Teil des Prologes (T 45-242) beschreibt Gottfried das Thema seines Romans, er definiert sein Publikum, die „edelen herzen“ (T 47), als Menschen, die nicht lediglich die Freuden des Lebens in Anspruch nehmen, sondern Freude und Leid, Leben und Tod zusammen in ihrem Herzen tragen. (T 50-63). Im Anschluss daran begründet er auch, warum er die Mühen des Dichtens auf sich genommen hat: der [der werlde] hân ich mîne unmüezekeit ze kurzewîle vür geleit, daz sî mit mînem mære ir nâhe gênde swære 75 ze halber senfte bringe, ir nôt dâ mite geringe. (T 71-76)
Er will mit seinem Werk also den edlen Herzen Beschäftigung verschaffen und so ihre Liebesnot verringern. 4 Allgemein sei bekannt, so fährt Gottfried fort, dass Beschäftigung dem Liebenden helfe, seine Liebespein zu lindern, während Untätigkeit diese eher noch vergrößere (T Vv. 77-92). Der Dichter bezieht sich hier auf einen Rat, den Ovid in seiner „Remedia amoris“ den Liebenden gibt 5 : 135 Ergo ubi visus eris nostrae medicabilis arti, Fac monitis fugias otia prima meis. Haec, ut ames, faciunt; haec, ut fecere, tuentur; Haec sunt iucundi causa cibusque mali. Otia si tollas, periere Cupidinis arcus 140 Contemptaeque iacent et sine luce faces. Quam platanus vino gaudet, quam populus unda Et quam limosa canna palustris humo, Tam Venus otia amat: qui finem quaeris amoris -
3 Vgl.Kern, Gottfried und Ovid, S.39.
4 Vgl. Rocher, Monumenta amoris, S.169.
5 Vgl. Kern, Gottfried und Ovid, S. 40.
4
Eripiunt omnes animo sine vulnere nervos: Adfluit incautis insidiosus Amor. Desidiam puer ille sequi solet, odit agentes: 150
Sinngemäß gibt Gottfried also den Ratschlag Ovids wieder, doch tut er dies nur, um diesem im Folgenden in einem entscheidenden Punkt zu widersprechen: Ovid rät den Liebenden davon ab, traurige Liebesgeschichten zu lesen, teneros ne tange poetas (Rem. 757) 7 , eine Ansicht, der Gottfried fast zustimmen könnte, der ich vil nâch gevolgen wil (T 102). Dagegen spreche allerdings eine Erfahrung, nämlich die, dass der wahre Liebende eine Freude nicht aufgebe, wenn sich ihr das Leid beimischt, und dass er der Sehnsucht nicht zu entkommen versuche, da die Sehnsucht die Liebe doch eher vergrößere. 8 Der Liebende, so Gottfried, suche geradezu das Leid in der Liebe, denn 115 diz leit ist liebes alse vol, daz übel daz tuot sô herzewol, daz es kein edel herze enbirt, sît ez hie von geherzet wirt. (T. 115-118)
Die edlen Herzen, die Gottfried sich als Zuhörer wünscht, streben also nach dem Leid in der Liebe, sie nehmen es an und vermissen es sogar, wenn es fehlt. Im Gegensatz zu den nur Freude begehrenden Liebenden Ovids versuchen sie die Sehnsucht nicht zu verdrängen, sondern lieben die Sehnsucht dafür, dass sie ihre Liebe vergrößert. Für diese edlen Herzen nun schreibt Gottfried seine sehnsuchtsvolle Liebesgeschichte und beschreibt in ihr zwei dieser edlen Herzen: Tristan und Isolde.
II.2 Tristans Namensgebung
Trauer und Leid sind von Beginn an ein Teil von Tristans Schicksal. Schon sein Vater Riwalin trägt in seinem Namen riuwe, also Trauer. Blanscheflur empfängt ihren Sohn, als sie
6 Ovid: Heilmittel gegen die Liebe; Die Pflege des weiblichen Gesichtes. Lat. und dt. von Friedrich Walter Lenz. Zweite, neu bearbeitete Auflage. Berlin 1969. Im Folgenden zitiere ich unter Angabe der Abkürzung „Rem.“.
Übersetzung: 135 So höre denn: Wenn ich finde, daß du meiner heilenden Kunst zugänglich bist, so ist mein dringender Rat, daß du zuerst das Nichtstun meidest. 137 Es hat die Wirkung, daß du dich auf Liebeleien einläßt, und hat es einmal diese Wirkung gehabt, so behält es sie bei; es ist Anlaß und Nährboden des süßen Unheils.
139 Kannst du das Nichtstun meistern, so ist es um Cupidos Bogen geschehen, verachtet liegt die Fackel auf dem Boden und ausgelöscht. 141 Wie die Platane an den Reben ihre Freude hat, wie die Pappel am Wasser und wie das Schilfrohr am sumpfigen Boden, 143 so liebt Venus das Nichtstun. Wisse, der du auf das Ende deiner Liebe bedacht bist: Liebe weicht der Tätigkeit. Sei tätig, und du wirst sicher sein. 145 Erschlaffung und Übermaß an Schlaf, wenn niemand dich ruft, weil er dich braucht, Würfelspiel und Erschütterung deiner Schläfen durch
zuviel Wein 147 berauben den Geist, ohne zu verwunden, seiner ganzen Kraft: Hinterlistig strömt Amor in das arglose, unbewehrte Herz. 149 Dem müßig Herumsitzenden pflegt dieser Knabe nachzustellen, die Tätigen verabscheut er: Fülle deinen leeren Geist mit einem Werk, das ihn festhält.
7 Übersetzung: Rühre die zarten Dichter nicht an.
8 Vgl. Kern, Gottfried und Ovid, S. 41.
5
den tödlich verwundeten Riwalin heimlich an seinem Bett aufsucht (T 1280-1323). Mit dem Kind empfängt die Schöne ihren Tod, wie der Erzähler berichtet (T 1338); aufgrund ihrer unehelichen Schwangerschaft ist sie zunächst jedoch gezwungen von Markes Hof zu fliehen. In Parmenien, seiner Heimat, muss Riwalin gegen Morgan in den Krieg ziehen; er fällt in diesem Kampf. Blanscheflur schenkt ihrem Sohn das Leben, kurz bevor sie selber vor Trauer über den Tod ihres Mannes stirbt (T 1700-1748).
Tristans Ziehvater Rual überlegt lange, welchen Namen er dem Kind geben soll: er trahte ange und ange, / waz namen ime gebære / nach sînen dingen wære (T V 1982ff). Gottfried läßt ihn jene Szenen der Elternvorgeschichte noch einmal beschreiben, die von Trauer und Leid beherrscht werden, und bringt sie so auch dem Leser noch einmal in Erinnerung, bevor er Rual zu dem Schluss kommen läßt, dass Tristan der angemessene Name für das Kind ist. nu heizet triste triure, und von der âventiure sô wart daz kint Tristan genant, 2000 Tristan getoufet al zehant. von triste Tristan was sîn name; der name was ime gevallesame und alle wîs gebære: daz kiesen an dem mære. (T 1997-2004)
Tristan ist also bereits nach Trauer und Leid benannt und dieser Name ist ihm, wie der Erzähler sagt, angemessen, er stimmt mit dem Schicksal und dem Wesen seines Trägers überein. Trauer und Leid bestimmen somit Tristans Identität, in seinem Namen weisen sie schon darauf hin, dass es auch Trauer und Le id sein werden, die in seinem Leben und seiner Liebe entscheidend mitwirken.
III Exkurs: Gottfrieds Kenntnis der Werke Ovids
Ovid gehört zu den am meisten rezipierten Dichtern des Mittelalters, seine Werke und Geschichten waren bekannt und sind immer wieder aufgegriffen worden. Ovid wurde als praeceptor amoris, also als Lehrer der Liebe, gerühmt; seine Werke hatten großen Einfluss auf die Liebesdichtung des Mittelalters 9 . Auch Gottfried lehnt sich in vielen Aussagen seines Romans an Ovid an.
Daraus ergibt sich die Frage, an welchen Stellen und zu welchem Zweck Gottfried die Werke Ovids heranzieht. Um dieser Frage nachzugehen habe ich eine Auswahl an Szenen des „Tristan“ getroffen, in denen sich Gottfried der Werke Ovids bedient.
9 Vgl. Usener, Verhinderte Liebschaft, S. 225f.
6
Arbeit zitieren:
Ann-Kathrin Deininger, 2005, Das Leid in der Liebe. Gottfrieds Liebesauffassung und seine Kritik an Ovid, München, GRIN Verlag GmbH
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