Aufgrund seiner Bibelfestigkeit erkannte er die textimmanenten Widersprüche zwischen Überlieferung und Wirklichkeit. Er lehnte den strengen Dogmatismus der Kirche ab, da er ihn der reinen Lehre und Liebe Christus gegenüber als unsinnig empfand.
Goethe nimmt Anstoß an Erbsünde und Erlösungsbedürftigkeit des Menschen. Die Kirche lehrt, dass Adam und Eva durch ihren Ungehorsam gegen den Willen Gottes verstoßen hätten und damit aus seiner Gnade herausgefallen seien. Seither habe zur Strafe sich die gesamte Natur verschlechtert, Krankheit und Tod seien Folge der Erbsünde und auch moralisch neige der Mensch nun zum Bösen. Diese Lehren passten nicht in die Zeit der Aufklärung, in der die Menschen den Humanitätsbegriff neu definierten. Ein Ziel war die selbständige Entwicklung des menschlichen Geistes. Er sollte aus seiner Unmündigkeit heraustreten. Dies bedeutete natürlich auch die Überwindung des christlichen Dogmas und die Zuwendung zu einer natürlichen Religion, welche die Welt zwar als von Gott erschaffen betrachtete, aber ihren gesetzmäßigen Verlauf seinem Einwirken entzog. Goethe folgte diesem Gedankengang bezogen auf Erbsünde und Erlösungsbedürftigkeit womit auch die Erlöserrolle Christi hinfällig wurde. Allerdings wandte er sich auch schon relativ früh ( ca. 1773) der Lehre des Spinoza zu, welcher betont, dass die Menschen keinen absoluten freien Willen, sondern nur einzelne Willensakte haben. Alles folgt mit Notwendigkeit aus dem ewigen Ratsschluß Gottes und deswegen sollen Fügungen des Schicksals mit Gleichmut erwartet und ertragen werden. Das bedeutet aber, dass Gott letztlich doch auf den Verlauf einwirken kann. Hier muß wiederum die pantheistische Religionsauffassung Goethes in den Vordergrund treten. Während die Kirche vom Dasein Gottes ausgeht, legt Goethe Spinozas Lehre so aus, dass sie nicht das Dasein Gottes beweise sondern sagt das Dasein sei Gott. Das Dasein ist aber letztlich der ewige Kreislauf von Werden und Vergehen, die Natur.
Mit zunehmendem Alter wird die Ergebenheit in den Willen Gottes eine wichtige Rolle spielen, worauf an späterer Stelle eingegangen werden wird.
Abschließend sei festzustellen, dass Goethe der Vorstellung der Trinität keinerlei Bedeutung beimaß. Die Dreifaltigkeit, beschlossen auf dem Konzil in Nizäa 324,
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welches die Frage nach der Göttlichkeit Jesus behandelte, wurde beschlossen, dass Gott und Jesus gleiche Weseneinheiten und von gleicher Substanz seien. 6o Jahre später wurde dies auf einem zweiten Konzil auf den Heiligen Geist ausgeweitet. So entstand ein christlicher Glaube, der von einem Gott in drei Personen sprach. Wenn nun aber die Natur als allumfassendes Ganzes als göttlich betrachtet wird, schließt das die Dreifaltigkeit aus und nur eine Einheit Gottes kann angenommen werden. Das ist eine der wichtigsten Lehren des Islams, der demzufolge auch Jesus nicht als Gottes Sohn sondern als einen der Propheten anerkennt. Auch Goethe hing der Auffassung der Einheit Gottes an, wie später noch festzustellen sein wird. Er betrachtete Jesus nicht als das von der Kirche überzogen dargestellte Bild des Sohn Gottes sondern als einen Menschen, der im humanitären Sinn gehandelt hat, als einen der ersten Sozialreformer. Goethes Beziehung bzw. Affinität dem Islam gegenüber muss in zwei wesentlichen Steigerungsstufen, von denen eine zu Beginn seines literarischen Schaffens und die zweite gegen ende desselben anzusetzen ist, behandelt werden. Dazu sollte vorab geklärt werden, welche Art der Auseinandersetzung mit der Religion der Muslime bis dato überhaupt stattgefunden hatte. Obwohl die muslimische Welt schon seit dem Mittelalter auch das Abendland beeinflusst hatte, erschien jedoch der islamische Glaube den Christen fremd, falsch und abstoßend sowie gleichermaßen Muhammad als Ketzer, Lügner und Betrüger betrachtet wurde. Übersetzungen des Koran, wie die von Robertus Ketenensis 1143 ins Lateinische dienten denn auch keinem wahren Interesse am Islam sondern nur missionarischen Zwecken. Die Errichtung von arabischen Lehrstühlen an europäischen Universitäten diente selbigem Zweck und keiner wissenschaftlichen Erforschung. Im Zuge der Aufklärung, in deren geistigem Umfeld das Verhältnis zu bestehenden religiösen Auffassungen im Wandel begriffen war und selbige Toleranz und Öffnung anderen Kulturen gegenüber postulierte, wurden viele Vorurteile abgeschafft. Nun erschienen auch Schriften und Übersetzungen des Korans, z.B die des George Sale, welche sich um ein weitaus positiveres Bild des Islam bemühten. In Deutschland setzt sich unter anderen Herder für eine positive Bewertung des Islam ein. Insgesamt lässt sich sagen, dass sich in Goethes Epoche Bestrebungen zeigten, den Islam freier und
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unvoreingenommener zu sehen, allerdings blieb dies auf einzelne Personen beschränkt. Goethe wurde durch Herder früh an den Islam herangeführt und beschäftigte sich 1770/71 mit der Lektüre des Korans. Allerdings muß angemerkt werden, dass Goethe schon als Kind durch die Lektüre von 1001 Nacht einen Einblick in die arabische Welt der Märchen gewonnen hatte. Aufgrund der Faszination, die von diesen Geschichten ausging, finden sich in vielen seiner Werke, Namen, Motive, oder Handlungsabläufe, die aus 1001 Nacht entlehnt sind. Des weiteren hatte Goethe schon mit 12 Jahren auf eigenes verlangen Unterricht in Hebräisch erhalten und hätte am liebsten ein Philologiestudium bei dem Arabisten Johann David Michaelis begonnen, was sein Vater jedoch ablehnte. Aus diesen Ausführungen ist ersichtlich, dass Goethe schon seit frühester Zeit sein Augenmerk auf fremde Kulturen lenkte. Auch sein frühes Interesse bezüglich einer Religionsfindung wird wesentlich dazu beigetragen haben sich nicht nur mit der Bibel sondern auch mit dem Koran auseinanderzusetzen. Bedenkt man weiterhin die vielen Anstöße, die er an der christlichen Religion nahm, seine Überlegungen zur Humanität, welche auch die religiösen Vorstellungen der Antike mit einbeziehen, oder seine eigenen Anschauungen bezüglich des phanteistischen Moments, so wird klar, dass diese Gesamtentwicklung einen Synkretismus nicht ausschloß.
Zunächst mag Goethe während der Lektüre des Korans von dessen sprachlicher Einmaligkeit angezogen worden sein, jedoch stellt er 1771/72 einige Auszüge zusammen, die zeigen, welche Aussagen ihn interessierten.
Als erstes sei die Lehre von der Einheit Gottes genannt. ( Sure VI, V. 75 , Goethe Auszug ) Sure VI berichtet, wie Abraham zu der Erkenntnis der Einheit Gottes gelangt. Der Islam verkündet die reinste Form des Monotheismus. Gott ist der eine Gott; Er ist unteilbar und hat niemand neben sich. Er ist unvergleichlich und nichts ist ihm auch nur ähnlich. Über die Einheit Gottes sagte Goethe: "Der Glaube an den einigen Gott wirkt immer geisterhebend, indem er den Menschen auf die Einheit seines eignen Innern zurückweist." Die Natur beherbergt die Unvergleichlichkeit Gottes ( Sure II, V. 109, V. 159 ) und durch bewusstes Erfassen ihres Reichtums, Vielfalt und Gesetzlichkeit wird der Mensch auf die göttlichen Gesetze hingewiesen.
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Petra Sayas, 2002, Goethes Islambeziehung im Kontext seiner Beziehung zur Religion, Munich, GRIN Publishing GmbH
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