In weiteren Verlauf seiner literarischen Tätigkeit wird Goethe sich auch immer wieder mit fremden Kulturen und Religionen beschäftigen, bezogen auf seine Auseinandersetzung mit dem Islam ist aber eines seiner Hauptwerke, der " WestÖstliche Diwan einer eingehenderen Betrachtung zu unterziehen, da dieses Spätwerk sich intensiv mit der orientalischen und islamischen Gedankenwelt beschäftigt.
Letztlich soll ein weiters Werk in Augenschein genommen werde, das innerhalb der Beschäftigungen Goethes mit dem Islam eine Sonderstellung einnimmt. Seine Übersetzung der voltaireschen Tragödie "Le fanatisme, ou Mahomet le Prophète". Mit den Mahomet Fragmenten beginnend kann konstatiert werden, dass Goethe in diesen, wahrscheinlich aufgrund seiner Jugend sowie seiner gerade erst begonnenen Islamstudien, ein hohes Maß an Überschwänglichkeit für den islamischen Religionsstifter und seine Lehren zeigt. In der fünfstrophigen Ode ' Gestirnter Himmel ', basierend auf der 6. Sure des Korans, in welcher Abraham zur Erkenntnis über die Einheit Gottes gelangt, überträgt Goethe diese Erkenntnis nicht nur auf Muhammad sondern stellt ihn als den Finder des Monotheismus schlechthin dar. Obwohl er aufgrund seiner Koranlektüre wissen musste, dass der Islam. Prophet über die Kenntnis anderer monotheistischer Religionen verfügte, lässt er bewusst den Wechsel von Polytheismus zu Monotheismus durch Muhammad stattfinden. Das bedeutet eine klare Abgrenzung der Islam. Lehre zur christlichen, welche den Trinitätsaspekt beinhaltet. Da Goethe selbst von einem pantheistischen Verhältnis zur Religion geprägt war, konnte er der Trinität, welche letztlich eine Teilung der Göttlichkeit beinhaltet, nichts abgewinnen, denn, wer die Natur als allumfassendes Ganzes als göttlich betrachtet, schließt die Dreifaltigkeit aus. Weiterhin lässt Goethe seinen Mahomet als Suchenden aus eigener Überlegung zur monotheistischen Erkenntnis gelangen, wohingegen der historische Muhammad seine Erkenntnisse als Offenbarung durch den Engel Gabriel erhielt. Das kann als ein Hinweis auf den humanitären Charakter, den Religion beinhalten sollte, gesehen werden, denn Goethe lehnte Erbsünde und Erlösungsbedürftigkeit des Menschen ab. Vielmehr sollte entgegen dem Dogmatismus die Zuwendung zu einer natürlichen Religion und die selbständige Entwicklung des menschlichen Geistes grund legend sein. Das Konzept der
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"Erlösung" taucht weder mit diesem Begriff noch von seinem Inhalt her im Koran und in der islamischen Theologie auf. Der einzelne Mensch und die ganze Schöpfung sind nicht auf den Erlöser angewiesen. Er kann das Gute tun, wenn er den Einflüsterungen des Satans widersteht und seine Zuflucht zu Gott nimmt. So zeichnet der Islam insgesamt ein viel positiveres Menschenbild, von dem Goethe sich angezogen fühlte. Einen weiteren Aspekt der islamischen Lehre verarbeitet er in dem Preislied " Mahomets Gesang ". Der Islam geht davon aus, dass Gott sich in der Natur offenbart, wie an vielen Stellen im Koran ersichtlich. Die Natur beherbergt die Unvergleichlichkeit Gottes ( Sure II, V. 109, V. 159 ) und durch bewusstes Erfassen ihres Reichtums, Vielfalt und Gesetzlichkeit wird der Mensch auf die göttlichen Gesetze hingewiesen. Dabei muss allerdings beachtet werden, dass Goethe aufgrund seines pantheistischen Verständnisses die Verschmelzung von Gott und Natur postulierte, der Islam hingegen Schöpfer und Schöpfung voneinander trennt.
In Mahomets Gesang benutzt Goethe zur Darstellung des religiösen Genies die Natursymbolik in der Metapher des Stroms, inhaltlich dergestalt beschrieben, dass eine Felsenquelle auf ihrem Weg zum Meer beständig anschwillt, indem sie Bäche und Flüsse mitnimmt, um alle in Ozean zu vereinigen. Goethes Mahomet erscheint als geistige Naturkraft, von der andere aufgrund ihrer positiven Anziehung mitgenommen werden wollen. Der Fließablauf unterliegt den Naturgesetzen und somit wird kein religiöser Führer dargestellt. Das religiöse Genius wird allein durch seine Laufbahn dargestellt, beginnend an der kleinsten Quelle und endend im Größten, dem Ozean, der als göttliches Symbol gewertet werden kann. Das letzte Fragment, ein Dialog zwischen Mahomet und Halima, bearbeitet wiederum vorherig genannte Aspekte. Mahomet gelangt hier zu der Einsicht nicht das Irdische gegen das Ewige einzutauschen sondern das Göttliche überall und explizit in der Natur zu finden. Hier sei festzustellen, dass Goethe An dieser Stelle soll auf zwei weitere Gedichte Goethes " Prometheus und Ganymed " hingewiesen werden, welche ca. drei Jahre später entstanden sind. Im Alter beschäftigte Goethe sich ein weiteres Mal explizit mit orientalisch/islamisch/christlich religiösen Themen während der Arbeit am WestÖstlichen Diwan. Dieser ist aufgeteilt in einen sechs Bücher umfassenden
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lyrischen Teil sowie den Noten und Abhandlungen in Prosa. In beiden Teilen erfährt der Leser über Goethes Affinität zum Islam. Der lyrische Teil, in erster Linie eine Hommage an den Orient und den persischen Dichter Hafis, beinhaltet viele Stellen, denen Goethes Auffassungen bezüglich Religion, insbesondere Christentum und Islam zu entnehmen sind. Bevor ich im einzelnen zu diesen kommen werde, soll vorab erläutert werden warum Goethe an Hafis ein so hohes Interesse besaß. Aus den Noten und Abhandlungen ist ersichtlich, dass Goethe andere persische Dichter auch kannte, darunter so berühmte wie Saadi oder Rumi. Die Koranfestigkeit des Hafis, die Goethe mit seiner Bibelfestigkeit verglichen haben wird, scheint ein erster Punkt einer Verehrung gewesen zu sein, allerdings erscheinen mir eine andere Eigenschaft des Hafis weitaus wichtiger gewesen zu sein, denn koranfest war z.B. auch Rumi. Hafis war Anhänger der sufischen Lehre, welche sich seit dem 13. Jahrhundert n. Chr. gerade in Persien immer größerer Beliebtheit erfreute. Die sufische Lehre, welche zu damaliger Zeit durchaus nicht einheitlich gelebt wurde barg jedoch einen wesentlichen Unterschied zur islamischen Orthodoxie. Der wohl wichtigste Inhalt der sufischen Lehre ist die Einheit des Seins
( wahdat ul-wugud ), eine Weiterentwicklung des Bekenntnis von der Einzigkeit Gottes ( tauhid ). Das Einheitsbekenntnis, welches jeder Muslim vollzieht, spitzt sich auf die Einheit des Seins zu, jedoch mit dem Unterschied, dass der Muslim nur den Blick vereinheitlicht, so dass letztlich nur ' Eins ' gesehen wird, der Sufi aber auch das Streben des Herzens einbezieht, so dass nur noch das Eine gewollt und geliebt wird. Alles andere als Gott soll abgelehnt werden, alle Aufmerksamkeit soll ausschließlich auf das Wahrnehmen und Empfinden von Gott gerichtet sein. Das beinhaltet bedingt auch die Abkehr von religiösen Praktiken, da diese nur auf die äußere Form abzielen, das Göttliche aber verinnerlicht werden soll. Diese Form der islamischen Lehre entspricht weitgehend der Goethischen Auffassung von Religion und auch aufgrund dessen wird er Hafis eine so große Symphatie entgegengebracht haben. Ein weiterer Punkt liegt darin, dass beide sich nicht zu einem Glauben hingezogen fühlten, der die Erde als Jammertal bezeichnend das dortige menschliche Leben nur als Zwischenstation betrachtet.
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Petra Sayas, 2002, Goethes Islambeziehung in seinen literarischen Projekten, Munich, GRIN Publishing GmbH
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