1. Einleitung, Zielvorstellung, These und Methode
„[…] Und Dir wird das umso verständlicher sein, als die wiederholte Lektüre meiner Arbeit wie auch meine brieflichen Glossen zu ihr, Dir greifbar gemacht haben, daß gerade dieser Gegenstand alle Eignung hat, sich als Kreuzweg der Wege meines Denkens herauszustellen.“ 2 Der „Gegenstand“, den Benjamin in diesem Brief an Gershom Scholem vom 15.09.1934 anspricht, ist Franz Kafka, dessen Werk, sofern es ihm aufgrund seines Exilaufenthaltes in Paris zugänglich war, er in seinem berühmt gewordenen Essay Franz Kafka. Zur zehnten Wiederkehr seines Todestages abhandelte. An der augenscheinlichen Metapher „Kreuzweg“, die er an anderer Stelle 3 mit carrefour [frz.: Straßenkreuzung] und „Kompass“ variierend wiederholt, schließt sich folgende Feststellung: Am Gegenstand Kafka wird sich für Benjamin entscheiden, welche konkrete bestimmte Richtung sein Denken, das sich zuvor pluralistisch aus vielen Wegen speiste („der Wege meines Denkens“), einnehmen wird. Er ist der Fokus, von dem aus sein Denken eine Neuorientierung und Wende erfährt. Daraus ergibt sich die zweifache Frage, wie dieses Denken vor dem Essay, welches ihm also, um eine weitere Metapher zu bemühen, zu einer erkenntnistheoretischen Schlüsselstelle wird, gestaltet war und wie es weiterhin spezifisch ausgestaltet werden wird.
Benjamins dialektische Denkweise, d.h. Denken in zwei aufeinander gewiesenen extremen Polaritäten, hat ihren Grund in den persönlichen Loyalitäten 4 , die er mit dem in „jüdischtheologische Theoreme“ 5 operierenden Gershom Scholem und dem ganz sich dem Marxismus
1 Adorno, Theodor W.: Gesammelte Schriften. Band 20. Hrsg. Von Rolf Tiedemann. Frankfurt a. Main 1986, S.
169.
2 Benjamin, Walter: Gesammelte Briefe. Hrsg. von Christoph Gödde und Henri Lonitz. Band IV. Frankfurt am
Main 1998, S. 497.
3 Vgl. ebd. S. 525., wo es in einem Brief an Werner Kraft, der neben Scholem und Adorno zu den
Hauptkorrespondenten in Sachen Kafka -Essay gehört, heißt: „Ich weiß nicht, ob ich Ihnen schrieb, daß eine
eingehende neue Befassung mit dieser Arbeit eigentlich schon im Moment ihres ‚letzten’ Abschlusses bei mir
feststand. Es kamen in solcher Überzeugung mehrere Umstände zusammen. An erster Stelle die Erfahrung, daß
diese Studie mich an einen carrefour meiner Gedanken und Überlegungen gebracht hat und gerade die ihr
gewidmeten weiteren Betrachtungen für mich den Wert zu haben versprechen, den auf weglosem Gelände eine
Ausrichtung im Kompaß hat.“
4 Vgl. zu diesem biographisch äußerst relevanten Aspekt die ausführliche Darstellung von: Honold, Alexander:
Der Leser Walter Benjamin. Bruchstücke einer deutschen Literaturgeschichte. Berlin 2000, S. 280 ff.,
5 Kramer, Sven: Walter Benjamin zur Einführung. Hamburg 2003, S. 35.
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verpflichtenden Materialisten Bertolt Brecht pflegte. Theologie und Materialismus erzeugen also ein Spannungsfeld, in dem sich Benjamins Denken fruchtbar reibt, unsicher oszilliert und schließlich in einer ihm eigenen Position mündet, die sich auch - so die vorläufige These, welche ich dem noch Auszuführenden ungeschützt voranstelle - in seinem Kafka-Essay in der Deut ung des entstellten (deformierten) Gestus bei Kafka artikuliert. Es ist hier nicht der Ort, selbst in den gröbsten Zügen, die entwicklungsgeschichtliche Linie dieses in einem stetigen Spannungsfeld aufgehobenen Denkens vor dem Essay und dessen (vermutlich) entscheidende Modifizierung nach dem Essay bis zu Benjamins Freitod 1940 nachskizzieren zu wollen. Es liegt zudem nicht im Entferntesten in der Intention vorliegender Arbeit, ob sich der Essay tatsächlich als „Kreuzweg“ im Benjaminschen Denken ausweist, oder ob er, betrachtet man den Anfang des obigen Briefes an Werner Kraft genauer, nur als Ausgangspunkt für einen neuen Denkansatz dient, der sich im Essay nur implizit vorfindet und das deshalb einer „neue[n] Befassung“ mit dem Thema Kafka unterworfen werden müsse. Vielmehr will der Verfasser am Begriff der Entstellung, der dem Essay als ein Grundgedanke unterlegt ist, im Topos des aus der deutschen Volksage entnommenen Liedes des „bucklicht Männleins“ symbolisiert wird und im Gestus bei Kafka als literarisches Phänomen auftritt, demonstrieren, inwieweit sich dieser entstellte Gestus als phänomenologisches Motiv in der Interpretation Benjamins konkret ausnimmt, um daran Reflexionen anknüpfen zu können, die Auskunft über die Möglichkeit eines sich aus der dialektischen Vermittlung zwischen (historischem) Materialismus und Theologie schöpfenden konsistenten Denkens geben wollen. Zum Begriff der „Entstellung“ gesellt sich dabei der des „Vergessens“. Ein „Vergessen“, das sich auf das Benjaminsche Zeitkonstrukt der „Vorwelt“, deren eigentümliche Gesetze wir vergessen haben und unter anderem in Form des deformierten Gestus in Kafkas Welt, der wir einmal unvermittelt das Attribut „modern“ anhängen, hineinragt.
Unser methodisches Vorgehen bewegt sich im Kreis dieser Konstellation aus entstelltem und vergessenem Gestus, der um den Aspekt der „Vorwelt“ als Ausgangs- und Fluchtpunkt erweitert wird. Daneben werde ich, um den Gestus und um das, was „Vorwelt“ in Kafkas Werk heißen kann, auf eigene Erfahrungen mit der Kafka-Lektüre zurückgreifen, die ich freilich aus den mir bis dato verborgen gebliebenen und mir durch Benjamin geöffneten Blickwinkel des Gestischen teilweise wiederholen musste. Aus ihr entnehme ich selbst
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gewählte, also nicht unbedingt von Benjamin gewählte Beispiele, um das zu illustrieren, was sich aufgrund des kryptischen und esoterischen Gehaltes des Benjaminschen Kafka-Essays nur verdeckt exponiert. Primärtextliche Grundlage wird der erwähnte Kafka-Essay sein, erweitert durch Benjamins Kafka-Rundfunkvortrag (1931).
1.1 Stellung der Arbeit in der Benjamin-Forschung zum Kafka- Essay
In der Fülle der Benjamin- Literatur zum Kafka-Essay 6 kann ich dieser Arbeit nur einen bescheidenen, unoriginellen, schlichtweg: fundamentalen Ansatz zumuten. Dabei distanziert sie sich von dem auch von Alexander Honold bemängelten monolithischen und immanenten Interpretationsansatz der Kafka-Monographien zum Essay, die diesen primär als literarisches Kunstwerk betrachten. Während Dagmar Deuring beispielsweise in ihrer Monographie „Vergiß das Beste nicht!“ Walter Benjamins Kafka-Essay: Lesen / Schreiben / Erfahren die Motive „Vergessen“ und „Entstellung“ als poetologisches Konzept des Benjaminschen Essayismus präsentiert, in dem darstellerische Form und zu interpretierender Inhalt koinzidieren, sie vorne hmlich also der „Literarizität“ 7 des Essays nachgeht, möchte ich im Gegenzug diese beiden Begriffe mit dem eng umspannten Gesichtsfeld „Vorwelt“ in Beziehung setzen, um aus dieser erstellten Konfiguration einen Erkenntnisgewinn im Hinblick auf eine mögliche Kafka-Interpretation zu erzielen.
Daher soll diese Hauptseminararbeit - und das ist ein nicht zu vernachlässigendes Ziel - dem besseren und einsichtigeren Verständnis des problematischen (nicht schwierigen!) Werks des Prager Schriftstellers unter dem freilich begrenzten Aspekt des Vorweltlichen und Gestischen dienen und dabei nicht verschweigen, dass gerade im Anschluss an Benjamin dem Gestus-Motiv und „Vorwelt-Motiv“ in der Rezeptionsgeschichte Kafkas eine exponierte Stellung zuteil wird. 8
6 Vgl. neuerdings den konzisen, synoptisch angelegten Aufsatz von Carola Erbertz, die den „ideologisch[en]“
Interpretationsansatz Benjamins kritisiert: Erbertz, Carola: Der blinde Spiegel. Überlegungen zu Walter
Benjamins Kafka-Exegese. In: Orbis Litterarum (59)2 2004, S. 114-135. Hier: S. 114.
7 Deuring, Dagmar: „Vergiß das Beste nicht!“. Walter Benjamins Kafka -Essay: Lesen / Schreiben / Erfahren.
Würzburg 1994, S. 11.
8 Vgl. etwa die für eine positivistische Studie typisch umfangreiche Untersuchung: Binder, Hartmut: Kafka in
neuer Sicht. Mimik, Gestik und Personengefüge als Darstellungsformen des Autobiographischen. Stuttgart 1976.
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2. Kritik der Benjaminschen „Vorwelt“
Die Fragen, die dieses Kapitel beantworten möchte, sind grundsätzlicher Natur: Was meint Benjamin mit dem Konstrukt „Vorwelt“, ist sie ein legitimes? Und weshalb ist sie im Hinblick auf eine sinnvolle Kafka-Interpretation unverzichtbar? Ist diese „Vorwelt“ eine vormythische, oder enthält sie schon etwas wie Mythos? Und schließlich: an welchen (repräsentativen) Stellen macht sich diese als Bedingung der Möglichkeit von Kafkas Welt versteckt bemerkbar?
Dass Benjamins „Vorwelt“ einem tumultuarischen Chaos gleichkommt, in dem gesellschaftlich anerkannte Strukturen vernichtet sind, zeigt sich in seiner Kennzeichnung der Welt Kafkas: „Von Ordnungen und Hierarchien zu sprechen, ist hier nicht möglich. Die Welt des Mythos, die das nahe legt, ist unvergleichlich jünger als Kafkas Welt, der schon der Mythos Erlösung versprochen hat.“ 9 Dieses Diktum wird klar, wenn man sich allein den Anfang von Kafkas Proceß vergegenwärtigt: Josef K. wird eines Morgens verhaftet, ohne dass einer der beiden verhaftenden „Wächter“ etwas über den Verhaftungsgrund aussagen könnte. Sie fungieren lediglich als gefügige Instrumente einer sie beauftragenden für den Protagonisten des Romans unsichtbaren Macht, die „[An-]Ordnungen“ vorgibt, welche für den später Angeklagten K. bis zu seinem vollstreckten Todesurteil verborgen bleiben. Benjamin spricht hier von diesen „Ordnungen“, ohne dabei „Gesetze“ implizieren oder mitdenken zu wollen. Gesetze sind starre, schriftlich fixierte Regelungen, die beispielsweise von der gesetzgebenden Gewalt eines Staates formuliert und festgesetzt werden, während Ordnungen unter spezifischen Umständen wandelbar, mithin fluid sind und keinen Anspruch auf unabhängige Gültigkeit besitzen.
Darum nimmt es nicht wunder, wenn Josef K. im Verlaufe des Prozesses bei der ersten Untersuchung auf einem Dachboden durch seine Verteidigungsrede die Oberhand zu erlangen scheint und damit einen Sieg über das Gericht wähnt, wo doch die Machtverhältnisse zwischen Gericht und Angekla gtem am Anfang des Romans, wie wir gesehen haben, zementiert erschienen.
Oder zum Thema „Vergessen“ siehe das Kapitel „Das Theater Josef K’s“ in: Kurz, Gerhardt: Traum-Schrecken.
Kafkas literarische Existenzanalyse. Stuttgart 1980
9 Benjamin, Walter: Gesammelte Schriften. Unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno. Hrsg. von Rolf
Tiedemann und Hermann Schwepphäuser. Band II-2. Frankfurt a. Main. 1977, S. 415.
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Wenn nun Benjamin von fehlenden „Ordnungen“ und „Hierarchien“ spricht, so muss kritisch hinzugefügt werden, dass diese tatsächlich existieren, nur eben nicht auf Basis einer die konventionelle Zustimmung hervorbringenden, jedermann einsichtigen Verschriftlichung: „[…] umschriebene Normen bleiben in der Vorwelt ungeschriebene Gesetze. Der Mensch kann sie ahnungslos überschreiten und so der Sühne verfallen.“ 10 Von Gesetzen kann man denn auch hier nicht sprechen, denn sie sind, nicht verschriftlicht, als solche schlechthin nicht zu bezeichnen. Im imaginären Proceß gibt es also keine Gesetze, weil sie nicht schriftlich fixiert sind und dennoch walten sie verdeckt als Kräfte der Vorwelt als ob sie in der (modernen) Welt präsent wären.
Benjamins Begriff der „Vorwelt“ verweist also auf einen archaisch- vorkulturellen Zustand, der insofern chronologisch vor der Welt des Mythos anzusiedeln ist, als er die Kette der schriftlichen Tradierung in Form von geistigen Objektivationen entbehrt, die das Gedächtnis der kulturellen, in „Zeitaltern“, nicht in „Weltaltern“ rechnenden und denkenden Epochen konstituieren. Daher kann Sven Kramer in seiner Definition der „Vorwelt“ auf das Moment des „Vergessens“ eingehen, denn was nicht tradiert wird, vergisst man: „Die Vorwelt ist zunächst als der vorkulturelle phylogenetische Teil der Menschheitsentwicklung anzusprechen, der mit der kulturellen Entwicklung nicht eliminiert ist, sondern in sie einmündet und verdeckt in ihr fortwirkt. Zu diesem Reservoir gesellt sich außerdem das vergessene Kulturelle, um sich mit jenem zu vermischen. Die Menschheit ist nicht anders denn als gewordene zu denken. Wird ihre Geltung unter Absehung von ihrer Genesis bestimmt, so gehen in diese Bestimmung ihre Autonomie und ihre Freiheit als Mißverständnisse. Die Vorwelt ist trotz ihrer Nichtbeachtung als vergessene oder
als unbewußte anwesend […]“ 11
Wir wissen um unsere Kultur, die sich in geistigen Objektivationen tradiert und manifestiert, wir wissen aber nicht um jene Welt, die dieser Kultur vorangegangen ist. „Das Vergessenemit dieser Erkenntnis stehen wir vor einer weiteren Schwelle von Kafkas Werk - ist niemals ein nur individuelles. Jedes Vergessene mischt sich mit dem Vergessenen der Vorwelt, geht mit ihm zahllose, ungewisse, wechselnde Verbindungen zu immer wieder neuen Ausgeburten ein.“ 12 Dass mit einer dieser Ausgeburten der Gestus gemeint ist, wird später klarer. Zunächst aber ist an einem konkreten Beispiel aus Kafkas Werk zu illustrieren, inwieweit sich die vergessenen Gesetze, von denen wir gesagt haben, dass sie niemals Schrift geworden sind,
10 Ebd., S. 412.
11 Kramer, Sven: Rätselfragen und wolkige Stellen. Zu Benjamins Kafka -Essay. Lüneburg 1991, S. 30.
12 Benjamin, GW, Band II-2 (1977): S. 430.
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Marcus Erben, 2004, Entstellter und Vergessener Gestus der "Vorwelt" - Über eine Motivkonstellation in Walter Benjamins Kafka-Essay, München, GRIN Verlag GmbH
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