Wahrheit als Konsens. Zur Wahrheitstheorie bei Jürgen Habermas
von Raphael Beer
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung S. 3
2. Das Konzept der kommunikativen Vernunft S. 3
3. Universalpragmatismus und kommunikatives Handeln S. 5
4. Diskurs und normative Richtigkeit S. 13
5. Schlußwort S. 22
6. Literaturverzeichnis S. 24
"Die vindizierte Überlegenheit der Aufklärer über die
noch Aufzuklärenden ist theoretisch unvermeidlich,
aber zugleich fiktiv und der Selbstkorrektur bedürftig:
in einem Aufklärungsprozeß gibt es nur Beteiligte."
Jürgen Habermas
1. Einleitung
Das Problem der Wahrheit durchzieht die Philosophiegeschichte wie ein roter Faden und die Relevanz der Wahrheitsfage über den Bereich der Philosophie hinaus läßt sich wohl nur schwerlich bestreiten. Jedoch nicht nur die Frage nach der im engeren Sinne naturwissenschaftlich-technischen Wahrheit berührt die Menschheit, sondern vor allem auch die Frage nach der wahrheitsfähigkeit moralisch-praktischer Fragen. Im 20. Jahrhundert hat sich mit dem Siegeszug des Positivismus gerade in diesem Bereich die Auffassung durchgesetzt, moralische Werturteile in die Sphäre der Irrationalität bzw. der Subjektivität abzuschieben. Plastisch drückt sich dies etwa in dem Verdikt des frühen Wittgenstein aus: "Wovon man nicht sprechen kann, davon muß man schweigen."
Jürgen Habermas nun glaubt mit seinem kommunikationstheoretischen Paradigmenwechsel nicht nur an die Vernunftphilosophie anschließen zu können, sondern mit Hilfe seiner diskursethischen Reformulierung der praktischen Vernunft Kants einen wahrheitsanalogen Anspruch auf normative Richtigkeit gefunden zu haben. Im folgenden soll daher seine Wahrheitstheorie, die Wahrheit als Konsens versteht, vorgestellt werden. Dabei werde ich zunächst den universalpragmatischen Ansatz erläutern, um anschließend das Konzept der diskursiven Einlösung von problematischen Geltungsansprüchen zu diskutieren. Dabei werde ich mich insbesondere auf die Diskursethik als Kriterium für die Beurteilung normativer Richtigkeit konzentrieren.
2. Das Konzept der kommunikativen Vernunft
In der Konzeption des "Symbolischen Interaktionismus" von George Herbert Mead sieht Habermas den ideengeschichtlichen Paradigmenwechsel von der Bewußtseinsphilosohie zur Kommunikationstheorie eingeleitet. Insbesondere dessen Überlegungen zur Sozialisation und Individuierung macht er sich zu eigen, um die Bedeutung einer intersubjektiven Grundlegung der Gesellschaftstheorie zu illustrieren. Die ontogenetische Verkürzung des Meadschen Ansatzes, der Sozialisation und Individuierung nur aus der Perspektive des Heranwachsenden rekonstruiert, versucht er mit der Theorie Emile Durkheims einzuholen. Er verbindet dessen Untersuchungen zum Formwandel sozialer Integration von der durch die Autorität des Sakralen zusammengehaltenen archaischen Gesellschaften bis zur Moderne mit Meads Kommunikationstheorie, und interpretiert den Zivilisationsprozess als Freisetzung kommunikativer Rationalität. Durkheim zeige zwar Ansätze zur "Idee der Versprachlichung des Sakralen [...], sie läßt sich aber nur auf der Linie des Meadschen Rekonstruktionsversuchs ausarbeiten."
Um diese Idee auszuarbeiten bedarf es nach Habermas jedoch einer genaueren Analyse der Sprache. Mead habe die Entwicklung der Sprache allein unter dem Aspekt der Handlungskoordinierung betrachtet, und dabei den Verständigungsmodus aus dem Blick verloren. "Er interessiert sich für den komplementären Aufbau von subjektiver und sozialer Welt, für die Genese von Selbst und Gesellschaft aus Zusammenhängen einer Interaktion, die gleichzeitig sprachlich vermittelt und normativ gesteuert wird. Er verfolgt die von der symbolisch vermittelten Interaktion ausgehende Entwicklung nur auf der Linie, die zum normenregulierten Handeln führt, und vernachlässigt die Linie, die zu einer propositional ausdifferenzierten sprachlichen Kommunikation führt." Die Ausdifferenzierung grammatischer Rede von Gesellschaft und Ich-Identität ist nach Habermas jedoch Voraussetzung für jenes normenregulierte Handeln, welches Mead als Intergrationsmechanismus moderner Gesellschaften gilt. Im folgenden soll daher der universalpragmatische Ansatz, der zugleich den systematischen Gehalt des kommunikativen Vernunft- bzw. Rationalitätsbegriffes ausmacht, vorgestellt werden.
3. Universalpragmatismus und kommunikatives Handeln
Liest man Habermas als Fortsetzung und Weiterentwicklung Kritischer Theorie , so würde diese nicht nur ihren Vernunftbegriff geändert haben, sondern auch ihr Selbstverständnis gegenüber dem Wissenschaftssystem. Im Gegensatz zu Adorno, der von tiefem Mißtrauen gegenüber den Wissenschaften geprägt war, die er als positivistisch verkommen kritisierte, vertritt Habermas den Standpunkt, daß Wahrheit sich nicht durch höhere Einsicht und an den Wissenschaften vorbei produzieren lasse, sondern im wissenschaftlichen Denken verwurzelt sein muß. Sein universalpragmatischer Ansatz schöpft daher sowohl aus der sprachanalytischen Philosophie, der Hermeneutik und als auch der Phänomenologie.
Der Universalpragmatik weist Habermas die Aufgabe zu, "universale Bedingungen möglicher Verständigung zu identifizieren und nachzukonstruieren." Explizit grenzt er sich dabei von der analytischen Wissenschaftslogik ab, die von der pragmatischen Eigenschaft der Sprache absieht und allein die grammatischen Strukturen der Sprache (Sätze bzw. Aussagen) thematisiere. Um den normativen Gehalt der Moderne aufzuspüren betrachtet er die Sprache unter dem pragmatischen Aspekt der Handlungskoordinierung betrachten, die sich an dem Ideal der Verständigung orientiert. Zu diesem Zweck differenziert er zwischen erfolgs- und verständigungsorientiertem Handeln.
Beide Handlungstypen werden als kategorial verschieden eingeführt. Sie gelten Habermas nicht als zwei analytische Perspektiven auf dieselbe Handlung, sondern als intuitives Wissen der Beteiligten um ihre Einstellung gegenüber einem alter ego. "Verständigung", so Habermas, "gilt als ein Prozeß der Einigung unter sprach- und handlungsfähigen Subjekten." Externe Einwirkungen, etwa durch Gewaltandrohung oder Versprechungen, bleiben eine bloß faktische Überstimmung. Verständigung, im emphatischen Sinne, meint ein Einverständnis auf der Basis einer rational motivierten Zustimmung. Um dies zu exemplifizieren, rekurriert er auf das Modell der Rede. Seine starke These dabei lautet: "Verständigung wohnt als Telos der menschlichen Sprache inne."
Mit Hilfe von Austins Unterscheidung illokutionärer und perlokutionärer Sprechakte trennt Habermas zwischen sprachlich vermittelten Bindungseffekten und teleologischen Handlungszielen, die der Sprechhandlung äußerlich bleiben. Der illokutionäre Bestandteil der Rede verfolgt dabei das Ziel, eine Verständigung zwischen mindestens zwei Teilnehmern zu erreichen und ist somit unter anderem von der grammatischen Wohlgeformtheit der Äußerungen abhängig. Soll eine Sprechaktangebot gelingen, müssen sowohl der Sprecher als auch der Hörer entsprechende kommunikative Kompetenzen ausgebildet haben. Da ein Sprecher auch bei der Verwendung perlokutionärer Sprechakte diesen Bedingungen genügen muß, sieht Habermas in der Verständigung den Orginalmodus der Sprache. Er kann diesem Regelbewußtsein um die Erzeugung verständlicher Sätze den Anspruch auf Universalität zuschreiben.
Perlokutionen und Illokutionen unterscheiden sich jedoch in der Art der Handlungskoordinierung. Während perlokutionäre Sprechakte ein strategisches Handlungsziel eines einzelnen Aktors intendieren, beziehen sich Illokutionen auf die "Ebene interpersonaler Beziehungen [...], auf der sich Kommunikationsteilnehmer miteinander über etwas in der Welt verständigen." Perlokutionäre Erfolgsaussichten bestehen daher nur dann, wenn der Sprecher sein Ziel nicht zu erkennen gibt und die anderen Kommunikationsteilnehmer über seine Absichten täuscht, während sich ein illokutionärer Erfolg nur auf der Basis offener Äußerungen einstellt.
Die Voraussetzungen für kommunikatives Handeln sind für Habermas nun genau dann erfüllt, wenn alle Teilnehmer einer sprachlich vermittelten Interaktion ausschließlich illokutionäre Ziele verfolgen. Dieses "unterscheidet sich also vom strategischen Handeln in der Hinsicht, daß sich eine erfolgreiche Handlungskoordinierung nicht auf die Zweckrationalität der jeweiligen Handlungspläne stützt, sondern auf die rational motivierende Kraft von Verständigungsleistungen, auf eine Rationalität also, die sich in den Bedingungen für kommunikativ erzieltes Einverständnis manifestiert."
Seine Theorie kommunikativer Handlungen versucht Habermas, gemäß der oben genannten Voraussetzung für Verständigungsprozesse, für die Bedeutungstheorie fruchtbar zu machen. Gegenüber der formalen Semantik, die von der Sprecherintention absehe, macht er genau diese pragmatische Dimension geltend. "Die formalpragmatisch ansetzende Bedeutungstheorie geht von der Frage aus, was es heißt, einen kommunikativ verwendeten Satz, d.h. eine Äußerung zu verstehen." Indem er die Perspektive auf die intersubjektive Geltungsdimension verschiebt, kann Habermas in Anlehnung an Tugendhat formulieren: "Wir verstehen einen Sprechakt, wenn wir wissen, was ihn akzeptabel macht." Neben der grammatischen Wohlgeformtheit ist eine Verständigungsleistung somit zusätzlich an externe Bedingungen gebunden, die sich einmal als Sanktionsmittel (für Imperative und Anweisungen) und ein anderes Mal als Geltungsansprüche (für das Gelingen illokutionärer Bindungseffekte) bestimmen lassen.
Mit jeder kommunikativen Sprechhandlung nimmt ein Sprecher auf drei Welten Bezug : die Welt existierender Tatsachen, die als legitim anerkannten Moral- und Rechtsvorstellungen und die Welt des subjektiv privilegierten Zugangs. Er verbindet mit ihnen jene Geltungsansprüche, die von einem Hörer kritisiert werden können. Beide, sowohl der Sprecher wie der Hörer, sind im Falle einer Stellungnahme zu den Geltungsansprüchen genötigt, diese zu begründen. "Ein Sprecher kann einen Hörer zur Annahme seines Sprechaktangebotes [...] rational motivieren, weil er aufgrund eines internen Zusammenhanges zwischen Gültigkeit, Geltungsanspruch und Einlösung des Geltungsanspruches die Gewähr dafür übernehmen kann, erforderlichenfalls überzeugende Gründe anzugeben, die einer Kritik des Hörers am Geltungsanspruch standhalten." Das zentrale Leitmotiv für den Begriffe des kommunikativen Handelns ist nach Habermas somit die begründete Einsicht in rational zu kritisierende Geltungsansprüche bzw. gute Gründe. Greift jemand auf empirische Motivationen (z.B. Gewaltandrohung) zurück, wird das Potential kommunikativer Sprachverwendung verfehlt.
[...]
Arbeit zitieren:
Raphael Beer, 1997, Wahrheit als Konsens, München, GRIN Verlag GmbH
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