Universität Regensburg
Institut für Volkskunde
Sommersemester 2001
Proseminar: Humor und Identität:
Zur Funktion von Witzen, Anekdoten, Schwänken
Oder: ein Exempel für zeitgenössischen Humor.
Magisterstudiengang Volkskunde/Vergleichende Kulturwissenschaft
Abgabedatum: 10.08.2001
Inhaltsverzeichnis
1. Gegenstandsfeld und Problemstellung
1.1. Einführung
1.2. Zur Person - Biographisches
2. Quellen und Methoden
2.1. grober Überblick
2.2. nach Kategorien und chronologisch
3. Darlegung, Analyse und Interpretation
3.1. Beispiel 1
3.2. Beispiel 2
3.3. Beispiel 3
3.4. Beispiel 4
3.5. Beispiel 5
4. Ergebnisse und Erkenntnisse
5. Ausblick
6. Verwendete Unterlagen
1. Gegenstandsfeld und Problemstellung
1.1. Einführung
Humor ist seit jeher Ausdruck einer gewissen Lebensfreude, die in verschiedenen Regionen auf verschiedenartige Weise Formen hervorgebracht hat, die durchaus unterschiedliche Wirkung, hier besonders im Bereich der artifiziellen Komik, ausüben können. Mittels bestimmter Methoden versucht der Künstler von heute, dem passiven Konsumenten eine Erheiterung zuteil werden zu lassen, die in der Regel die Alltagsprobleme und Sorgen für kurze Zeit vergessen läßt.
Nicht unbedingt so bei Gerhard Polt, der gerade den grauen Alltag thematisiert, jedoch auf einem level, dessen Hintergrund und Anspielungen zwar meist zu durchschauen sind, aber die diversesten Rezipientenkreise anspricht bis hin zum anspruchsvollen Publikum, die anschließend eigene Überlegungen über das Zeitgeschehen anstellen oder sich einfach nur mitreißen lassen von seinem Plauderton und komischen Witz. Angesichts seiner Person kann man eigentlich schon von einer „lebenden Legende“ 3 sprechen, denn seine Art der Darstellung und sein Auftreten überhaupt findet seinesgleichen nirgends sonst in der Geschichte des deutschen Nachkriegskabaretts, also eine singuläre Erscheinung, wenn man einmal die ohnehin offenbare Individualität eines jeden Menschen
1 Polt: Fast wia im richtigen Leben, S. 309. Schreibfehler (falsche Wiederholung des „mir“) wurde nicht übernommen.
2 Polt: Fast wia im richtigen Leben, S. 289. = Polt: Ja mei, S. 9.
3 Wagner: Comedylexikon, S. 236.
außer acht läßt. Außerdem bleibt er seiner einmal eingeschlagenen Linie, die ja so gar nicht in ein konformes, nicht einmal kommerzielles Schema bis auf die noch darzulegenden „Markenzeichen“ zu pressen ist, bisher treu. Diese seine Kontinuität, die im allgemeinen sicher einen Wesenszug auch der bayerischen Mentalität darstellt, bedeutet keineswegs eine Abkehr vom aktuellen Zeitgeschehen, sondern vielmehr im Gegenteil. Der Bedarf der Deutschen nach Komischem oder „Humorischem“ ist trotz oder gerade wegen der zur Zeit durch die Massenberieselung via Medien im Überfluß präsenten und im Niveau eher minderwertigen Comedy-Welle nicht gedeckt. Vielleicht auch deshalb - die genauen Gründe bedürfen natürlich einer soziologischen Untersuchung - erfährt das Unikum Polt momentan wieder, und das sicher nicht zu Unrecht - eine solche subjektive Bemerkung sei mir erlaubt - eine Art Boom, wenn man den Auskünften von Buchhändlern glauben schenken darf. Sicher nicht von ungefähr kommt es, daß etwa die letzten beiden Jahre durch Neuauflagen seiner Bücher und der Absatz einiger neu produzierter Tonträger eine fruchtbare Bestätigung für seine Kunst gefunden haben; er ist en vogue bei jung und alt. Die reiferen Jahre bringen häufig einen Wandel mit sich. Laut einer Kritik „poltert“ er heuer „deutlich subtiler“ 4 , die meist langen Monologe bekämen ihm aber recht gut. Vorher assoziierte man mit Polt eher den kurzen, aber nicht unbedingt bündigen realsatirischen und somit nicht kalauerlastigen Sketch.
Polt ist ein Mensch für die Bühne; zur Zeit sind seine Auftrittstermine nur deshalb etwas mager, da ein neuer Film von und mit ihm im Entstehen begriffen ist. Ironischerweise bringt das Bayern des 20. Jahrhunderts trotz des ihm noch immer grundsätzlich anhaftenden konservativen Klischees immer mal wieder, einsetzend bei Karl Valentin und Oscar Maria Graf, solche „Käuze“ und „die exquisitesten Querköpfe“ 5 hervor, die man nicht in bestimmte Schubladen ablegen kann oder die sich nicht mit der momentanen politischen Auseinandersetzung solidarisieren wollen.
4 Website 8.
5 Website 13. (= Rezension von Rudolf Görtler, erschienen in der Wochenendbeilage des „Fränkischen Tag“ vom 17.04.1999.)
1.2. Zur Person - Biographisches
Bei einem, dessen künstlerische „Essenzen“ vor allem durch das Fernsehen recht populär geworden sind, vergißt man oft den Menschen, den biographischen Hintergrund des Schauspielers und Satirikers, also gewissermaßen Pseudo-Komödianten Polt, der der Gesellschaft durch verschieden geartete Ideen und Einfälle einen Spiegel vorhält. Welche Begebenheiten und Einflüsse machen nun diese seine Identität aus oder haben sozusagen dazu geführt? Das „Phänomen“ 6 oder gar „Ereignis“ 7 Polt ist zum einen sicher erst einmal ein scheinbar zufälliges Produkt äußerer Prozesse.
Geboren wurde er am 7. Mai 1942 in München. Im folgenden Jahr wurde er bedingt durch die Kriegswirren in den oberbayerischen Wallfahrtsort Altötting evakuiert, wo er bis zu seinem achten Lebensjahr seine Kindheit verbracht hat und mit der Frömmigkeitskultur des barockhaft-spektakulären Katholizismus auf sehr direkte Art und Weise in Berührung kam, zumal seine Eltern dort Devotionalien zum Verkauf anboten - er wurde demnach, bedingt durch das Umfeld, katholisch erzogen, obwohl evangelisch getauft. Aufgewachsen ist er danach in München und besuchte dort auch die Schule. Der wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands nach dem verlorenen Krieg dürfte seine Jugendjahre deutlich geprägt und in seinem Gedächtnis wohl einen lebhaften Eindruck hinterlassen haben. Nach dem Abitur 1962 studierte er politische Wissenschaften, Geschichte und Kunstgeschichte 8 in München und Skandinavistik im schwedischen Göteborg, wo er auch vier Jahre gelebt hat, bevor er sich sein „tägliches Brot“ als Sprachlehrer und durch Dolmetscher- und Übersetzertätigkeiten in der bayerischen Landeshauptstadt in den Jahren von 1967 bis 1976 verdiente. Eigentlich wollte er im Bereich Fremdenverkehr tätig werden, eventuell Bootsverleiher „studieren“, wo er die Ruhe genießen und der Gemütlichkeit und Muße fröhnen wollte; doch die Berufung sollte anders aussehen.
6 Polt: Fast wia im richtigen Leben, S. 504. Zitat von Dieter Hildebrandt.
7 Polt: Fast wia im richtigen Leben, S. 504 sowie website 12. Zitat von Loriot aus dem „Spiegel“.
8 Vgl. website 17.
Durch mehr oder weniger Zufall rutschte er damals in die Kabarettszene hinein: Da er anscheinend so schöne Geschichten zu erzählen wußte, die noch dazu mittels seines Charismas und der Art, wie er sie „rüberbrachte“, gut bei seinen Freunden ankamen, bat man ihn, ein Hörspiel zu schreiben. Auf der Bühne stand er zum ersten Mal, als er für einen erkrankten Künstler einspringen sollte. „Aufgrund dieses Auftritts“, äußerte er in einem Interview, „wurde ich wieder eingeladen, und aufgrund dieses Auftritts bekam ich dann den Kulturförderpreis der Stadt München. Das war 1976“, wie er sehr pointiert zum Ausdruck bringt. Seit dem kann er von dieser Arbeit leben 9 , sei es als Kabarettist, Satiriker, Drehbuchautor, Regisseur, Schauspieler, Moderator, Conferencier, Parodist, Sänger, Poet, Philosoph, Schriftsteller oder wie auch immer man sein mannigfaches künstlerisches Aufgabenfeld konkretisieren möchte. Sketche wie in der Fernsehserie beziehungsweise etwas bezeichnender ausgedrückt Realsatire „Fast wia im richtigen Leben“ und die Kinoerfolge „Kehraus“, „man spricht deutsh [!]“ und „Herr Ober“ haben ihn nicht zuletzt einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht.
Seit seiner öffentlichen Tätigkeit hat er zusammengearbeitet mit seinem Jugendfreund, dem Regisseur und Schriftsteller Hanns Christian Müller 10 - dieser Name taucht häufig auf Buchdeckeln bei der Autorenangabe gleichrangig neben Gerhard Polt auf. Die beiden gründeten 1978 den Baaz-Verlag, eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts „zur Erforschung von Angelegenheiten“ für die Vermarktung von Texten, Platten und Büchern. Kooperiert hat Polt ebenso seit seiner Anfangszeit in publico mit Müllers Frau, der Schauspielerin Gisela Schneeberger in den oben erwähnten Filmen, später auch mit dem politischen Kabarettisten Dieter Hildebrandt und seit 1981 mit der Gruppe „Biermösl Blosn“, um nur die wichtigsten zu nennen und stellvertretend somit auch einige Facetten seiner Komik abzustecken. Da die „Biermösl Blosn“, genauer genommen die Brüder Well, einen wichtigen Stellenwert im öffentlichen Schaffen sowie im privaten Bereich unseres „Meisters“ der satirischen Unterhaltung einnehmen, dazu nachtragend noch einige
9 (Nach) website 18.
10 Siehe Polt: man spricht deutsh, S. 128: „Hanns Christian Müller, geboren am 14.4.1949 in München; gelernter Regisseur (Otto-Falckenberg-Schule), Komponist und Schriftsteller; lebt mit seiner Lebensgefährtin Gisela Schneeberger, [!] in München und am Ammersee.“
Hinweise: Sie musizieren einerseits sehr engagiert im Bereich Volksmusik - geben Noten und Aufnahmen unter anderem für den musikalischen Nachwuchs heraus - und entwickeln daraus innovative, künstlerisch vielseitige Bühnenprogramme, die vor allen Dingen ziemlich direkt und zynisch K ritik am verlogenen Bayernidyll mitsamt seinen folkloristischen „Koloraturen“ und an der vornehmlich bayerischen Kommunal- und Landespolitik üben. Dafür haben sie sich auch schon einige „Rüpel“ von seiten der Regierung eingeholt 11 , sprich: folglich noch nie eine kulturelle Auszeichnung von ihr „abgestaubt“; ganz im Gegenteil zu Polt, der bestimmte Grenzen einhält und dessen Frontalangriffe, die zugegebenermaßen wie in einer Travestie versteckt sind, auch Politiker zu entspannter Selbstironie finden lassen. Abschließend zur bisherigen „vita“: Er lebt seit 1979 nun schon mit Frau Tini und Sohn Martin in Neuhaus/Schliersee 12 , wiederum ein Anziehungspunkt für Gäste aus nahen Gefilden und fernen Niederungen; außerdem hält er sich beruflich viel in München auf und hat sich das mittelitalienische Terracina als Oase zum Abschalten auserkoren; oder was realistischer erscheint, daß er dort als positiven Nebeneffekt seine Neugierde nach Lebensart und sonstiger Suche nach „Erfüllung“ von Stereotypen befriedigt, indem er die dortigen „Studien am Objekt“ für seine oftmaligen Karikaturen des Fremdbilds der Deutschen nutzt und aufs Neue konterkarierende „Helden“ in Beziehung setzt. Eine weitere augenfällige lokale Präferenz ist die Schweiz, wo er neben einigen Auftritten die meisten seiner Bücher und Tonträger verlegt (hat), wie beispielsweise im „Haffmanns Verlag“ oder der „Kein & Aber AG Zürich“.
Seine schauspielerischen und sonstigen Erfahrung mit den Medien verhalfen ihm im Jahre 1987 zu einer Gastdozentur an der Münchner Kunstakademie über „Medien und Spiele“. 13
11 Vgl. Wagner, S. 43.
12 Website 14 gemäß lautet seine Anschrift: Gerhard Polt, Breitensteinstraße 19a, 83727 Schliersee, Telephon 0172/8551095.
13 Biographische Informationen nach website 3. Und Polt: Im Schatten der Gans, Buchumschlag. Und Polt: Menschenfresser und andere Delikatessen, S. 2. Und Polt: Heute wegen Tod geschlossen, Buchumschlag. Und Wagner: Comedylexikon, S. 236. Und Polt: man spricht deutsh, S. 128.
2. Quellen und Methoden
2.1. grober Überblick
Bei dem Zeitgenossen Polt ist es einfach, an Quellen zu gelangen, für deren Zugriff keine Umwege über sekundäre Editionspraxis nötig sind, da ohnehin keine existiert. Primär sind hierbei natürlich die von ihm verfassten Texte zu nennen, die man entweder in Buchform nachlesen oder, was noch authentischer oder mehr auf die Person bezogen ist, als auf Tonträger konservierte Lesungen oder Live-Mitschnitte mit seiner eigenen Stimme anhören kann, wo selbstverständlich die gesetzten Betonungen, was ihm wichtig erscheint, die feinen Nuancen des Textes und Verstellungen der Stimme zur Herausstellung bestimmter Charaktere viel deutlicher werden. Gegenteilige Wirkung wird oft erzeugt, wenn ein Referent die Texte, egal welcher Art und Herkunft, monoton und ohne jegliche Mimik und Gestik abliest oder aus dem Stegreif vorträgt. Aber solch trockene Humorsäußerung ist nicht unbedingt Kennzeichen Polt’scher Darstellungsweise. Die Einheit Erscheinungsbild, Aussagekraft, Performanz, Raum und Zuschauer müßte in diesem Fall noch einer eingehenden Untersuchung unterzogen werden, soll aber nicht Sinn und Zweck dieser Arbeit sein.
Polt hat sich nicht nur auf dem Gebiet von kurzen gesellschaftskritischen Darstellungen verdient gemacht, sondern hat auch Filme, sowohl als Textautor, Regisseur wie Schauspieler mit bedeutend längeren Handlungen hervorgebracht, wo auch alltägliches Verhalten, sei es im Zwischenmenschlichen oder sei es im Umgang mit Vorurteilen, auf die Spitze getrieben wird. So etwa zeichnete er bei „Man spricht deutsh“ die komischen und die makabren Begebenheiten aus den Urlaubserlebnissen eines deutschen Pauschaltouristen an der sonnigen Adriaküste“ 14 auf. An dieser Stelle kann man auch seine Theaterstücke und sonstigen Drehbücher anfügen, die in den verschiedensten Milieus aus dem Alltag spielen, also so wie er selbst eine Filmreihe genannt hat: „Fast wia im richtigen Leben.“
14 Wagner: Comedy-Lexikon, S. 236.
Arbeit zitieren:
Manfred Sailer, 2001, Gerhard Polt - ein Leben für die Realsatire. Oder: ein Exempel für zeitgenössischen Humor, München, GRIN Verlag GmbH
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