Westfälische Wilhelm-Universität Münster
Fachbereich Erziehungswissenschaften & Sozialwissenschaften
Institut II – Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik
Seminar: Wir brauchen Bildung. Welche Bildung brauchen wir?
Bildung als Antwort
von: Sandra Wilberding
Inhaltsverzeichnis
Der Bildungsbegriff
Grundlegende Erkenntnisse
Mögliche Maßstäbe
Geeignete Anlässe
Abgrenzung von Bildung gegen die Schulbildung und Kritik an der Schulbildung
Die Bielefelder Laborschule
Charakteristika
Die Bedeutung von Erfahrungen
Literatur
Der Bildungsbegriff
1. Grundlegende Erkenntnisse
Hartmut von Hentig vertritt die Meinung, dass Alles bildet, aber nur Weniges veredelt, wobei er sich auf das gesamte Leben und damit verbundene Einflüsse und Faktoren bezieht (vgl. von Hentig, 1997, S.15f.). Das menschliche Leben wird von Gewohnheiten und physischen, sowie psychischen Bedürfnissen geprägt, die zur Bildung des Menschen beitragen; Bildung kann in diesem Sinne positiv als auch negativ erfahren werden. Sie soll auf die Welt und auf das Leben in ihr vorbereiten. In wie weit diese Vorbereitung stattfindet, hängt von der individuellen Bildungsvorstellung ab, die auf eine materiale oder auf eine formale Bildung, auf die Entfaltung von bestehenden Anlagen und Kräften oder auf die Mündigkeit abzielt. Somit ist der Begriff „Bildung“ immer noch nicht definiert. Es sollte grundsätzlich berücksichtigt werden, dass sich Bildung sowohl auf das Individuum als auch auf die Gesellschaft bezieht, in der es aufwächst. „Bildung sei die Anregung aller Kräfte eines Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt in wechselseitiger Ver- und Beschränkung harmonisch- proportionierlich entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität oder Persönlichkeit führen, die in ihrer Idealität und Einzigartigkeit die Menschheit bereichere“ (von Hentig, 1996, S.40), so lautet die zusammengefasste Definition von Bildung in der Brockhaus Enzyklopädie. Hiermit ist jedoch nicht die Frage geklärt, welche Bildung der Mensch eigentlich braucht. Von Hentig orientiert sich hier nicht etwa an konkreten Bildungszielen, wie sie in den Schulen vorzufinden sind; er verweist auf Maßstäbe, die Etwas darstellen, woran sich Bildung bewährt: „Was auch immer den Menschen bildet – verändert, formt, stärkt, aufklärt, bewegt -, ich werde es daran messen, ob dies eintritt“ (von Hentig, 1996, S.75). Diese Maßstäbe sollen im Folgenden erläutert werden.
2. Mögliche Maßstäbe
Als einen Maßstab nennt von Hentig die „Abscheu und Abwehr von Unmenschlichkeit“ (von Hentig, 1996, S.76), womit eine Mäßigung im Sinne vom Vermeiden extremer Urteile und Taten gemeint ist, um extreme Folgen zu verhindern. Unmenschlichkeit ist allerdings nur schwer zu definieren, dennoch können ihm Handlungen und Taten leichter als dem Begriff „Menschlichkeit“ zugeordnet werden.
Ein weiterer Maßstab stellt die „Wahrnehmung von Glück“ (von Hentig, 1996, S.78) dar, denn „wo keine Freude ist, ist auch keine Bildung, und Freude ist der alltägliche Abglanz des Glücks“ (von Hentig, 1996, S.78). Das bedeutet, dass Bildung die Möglichkeit zum Glück eröffnen soll, wobei jeder Einzelne für sein eigenes Glück verantwortlich ist und wobei die Wahrnehmung, die Sensibilisierung und die Kompetenz zu differenzieren wichtige Bildungsinhalte darstellen. In diesem Zusammenhang soll auch der Unterschied zwischen aktivem und passivem Glücksempfänger herausgestellt werden, denn Glück beschränkt sich nicht nur auf materielle Dinge; Glück ist immer eine Sache von Ansicht und Auslegung, wobei es auf das eigene Tun ankommt; selbst die eigene Erkenntnis darüber, was Glück bedeutet und beinhaltet ist eine Art von Bildung. Kritisiert werden sollen an dieser Stelle kapitalistische Denkweisen, die Glück auf materielle Güter beschränken, denn diese bereichern den Menschen nur äußerlich, sie dienen nicht der persönlichen Entwicklung, welche meiner Meinung nach zur inneren Zufriedenheit führt.
Zudem zieht von Hentig die Fähigkeit und den Willen zur Verständigung (vgl. von Hentig, 1996, S.82) als einen Maßstab zur Bildung heran. Sehr unterschiedliche Kulturen mit unterschiedlichen Anschauungen, Ordnungen und Gegenständen stehen mit gemeinsamen Nachrichten-, Verkehrs-, Wirtschafts-, Wissenschafts- und Rechtssystemen in Wechselwirkung, wobei größere Konflikte unbewusst gemeinsame Fundamente und Werte verdecken. Aus diesem Grund muss eine entsprechend vorsichtige Verständigung bedacht werden, die zunächst den Willen dazu voraussetzt. Durch die Verständigung können neue Erkenntnisse erworben werden, es können Missverständnisse beseitigt und Vorurteile abgelegt werden, sie dient dem friedlichen Miteinander und somit sowohl der Gesellschaft als auch dem Individuum, dem dadurch die persönliche geistige Weiterentwicklung und Selbstverwirklichung ermöglicht wird. An diesen Gedanken - die Fähigkeit und der Willen, sich zu verständigen - schließt der vierte Maßstab an, der das „Bewusstsein von der Geschichtlichkeit der eigenen Existenz“ (von Hentig, 1996, S.85) beinhaltet. Wenn es um die Verständigung mit anderen Kulturen geht, müssen immer geschichtliche Ereignisse berücksichtigt werden, die mit anderen Kulturen in Verbindung stehen und welche die Beziehung möglicherweise beeinflussen. Dieses Bewusstsein umfasst jedoch ebenfalls das Bewusstsein von epochalen Veränderungen, wie Fernsehen, Computer, Gentechnik und seinen Folgen, die Einfluss auf das Leben und den Bildungsprozess nehmen.
Als eine weiteren möglichen Maßstab nennt von Hentig „die Bereitschaft zur Selbstverantwortung und Verantwortung in der res publica“ (von Hentig, 1996, S.96). Hiermit ist zum Einen das selbständige Verhalten angedeutet, welches trotz bestehender Widrigkeiten gefordert wird, indem das Individuum als Ganzes gesehen wird; es muss sich Bildung selbst zu eigen machen und sich selbst verantworten. Dies wird möglich, wenn eine Person als menschlich, glückfähig, geöffnet, selbstbewusst, vernünftig und vernunftkritisch charakterisiert werden kann. Zum Anderen bedeutet Verantworten auch Rechenschaft ablegen, sobald von eigenen Handlungen ebenfalls Mitmenschen betroffen sind. Dann geht es um die Verantwortung für gemeinsame Regeln des Handelns und um eine Verpflichtung, was dem Gedanken der Demokratie entspricht (vgl. von Hentig, 1997, S96ff.).
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Arbeit zitieren:
Sandra Wilberding, 2004, Bildung als Antwort, München, GRIN Verlag GmbH
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