1. Einleitung
Musik verbindet alles Lebendige auf dieser Erde miteinander. Ohne Musik gäbe es kein Leben. Alle Lebewesen auf dieser Erde haben auf unterschiedliche Weise einen Zugang zur Musik. Wir Menschen können Musik hören, fühlen, riechen, sehen oder einfach leben. Mit dem Leben auf der Erde wurde auch die Musik geboren. „ Scheinwerferbatterien reißen in vielfarbigen Licht die Band aus dem Dunkel der Bühne, die Halle erzittert unter den tosenden Lärm der Fans, während der Sänger an die Rampe tritt und zum stampfenden Rhythmus des Schlagzeugs die Musik beginnt... Szenenwechsel: Zwischen den flackernden Lichteffekten in einer Diskothek die Schatten frenetisch tanzender Jugendlicher, die Lautstärke ist ohrenbetäubend, nichts stört die Hingabe an die Musik, unerschöpflich scheint die Energie, die die Körper in Bewegung hält... und noch einmal Szenenwechsel: Unter den dröhnenden Kopfhörern einer Stereoanlage ein Vierzehnjähriger, die Augen geschlossen, die ihm umgebenden Wände des Zimmers von oben bis unten mit Postern und Aufklebern tapeziert, auf dem Plattenteller dreht sich eine Schallplatte, nur die selbstvergessene Anteilnahme an dem was über Stecker und Kabel zu ihm dringt...
Rockmusik - wer kennt sie nicht, diese Bilder jugendlicher Fans, die unablösbar mit ihr verbunden sind.“ 1
In der nun folgenden Arbeit möchte ich einen Teil der Entwicklung der Rockgeschichte der Deutschen Demokratischen Republik darstellen. Die Rockmusik der DDR in den 70´er und 80´er Jahren auf ihrer Gradwanderung zwischen Förderung und Reglement wird dabei aufgezeigt. Die Entwicklung der Rockmusik forcierte das Entstehen der 1989´er Situation oder die politische Situation ebnete der Entwicklung der Rockmusik den Weg. Wie dieser Kreislauf entstehen konnte, ist hierbei zentrales Thema. Zeigten die „anderen Bands“ dadurch das sie sich an vielen Punkten über die Systemgrenzen hinwegsetzten ihren Publikum, dass Reglement nur im Kopf des Einzelnen stattfand?
1 Peter Wicke: Rockmusik. Zur Ästhetik und Soziologie eines Massenmediums. Leipzig 1987. S.7.
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2. Die Entstehung der Rockmusikkultur in der DDR
Als sich in den 60´er Jahren als Folge des spektakulären Erfolgs der Beatles auch in der DDR zahlreiche Beatgruppen formierten, trafen diese auf einen kulturbürokratischen Apparat, der nicht in der Lage war eine solche Entwicklung zu integrieren. Die DDR - Gesellschaft ist nach dem Organisationsprinzip aufgebaut gewesen, d.h. Organisationen regelten die Beteiligung an der Gesellschaft und fungierten zugleich als soziales und politisches Kontrollinstrument. Jede Art spontan entstehender oder kommerziell vermittelter Kultur - und in der Rockmusik verkörpert sich beides - musste hier in Konflikt geraten.
Hauptsächlich drei Faktoren kennzeichneten die Kulturverwaltung in der DDR und bestimmten auch den Grundtenor der Auseinandersetzung mit dem Phänomen Rockmusik:
1. ein ausgeprägtes Sicherheits- und Machtdenken, mit der Folge das kulturelle Einflüsse aus dem Westen auf hysterische Ablehnung stieß 2. die von der Sowjetunion übernommene weltfremde Umerziehungsprogrammatik („ neuer Mensch“ als Voraussetzung und Ergebnis der sozialistischen Gesellschaftsordnung)
3. Kultur war umstandslos auf Kunst reduziert (Kultur gleich Kunst) In diesem Kontext ist für populäre Musikformen, egal welcher Art, eigentlich kein Platz gewesen. Als 1951 bei der Gründung des Verbandes der Komponisten und Musikwissenschaftler dieser Konflikt einen weiten Diskussionsraum einnahm, war das Problem innerhalb des SED - Apparates noch kein Thema. Die Aktivitäten des Verbandes mündeten in später sehr bedeutsam gewordenen gesetzlichen Regelungen. 2 :
1. Die „Anordnung über die Befugnis zur Ausübung von Unterhaltungs- und Tanzmusik „ vom 27.März 1953, diese regelte u.a., dass „ Personen, die ständig oder nichtständig in Gaststätten oder bei sonstigen Veranstaltungen aller Art Tanz-oder Unterhaltungsmusik ausführen,... Berufsmusiker sein (müssen)“ 3
2 Peter Wicke u. Lothar Müller (Hg.): Rockmusik und Politik. Analysen, Interviews und Dokumente. Berlin,
1996.S. 17f..
3 Anordnung über die Befugnis zur Ausübung von Unterhaltungs- und Tanzmusik vom 27.März 1953, in:
Zentralblatt DDR, Ausgabe B. Berlin 11/1953, S. 137.
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Das war die Grundlage des Erlaubniswesens, die zwar am 14.Januar1957 in der entsprechenden Anordnung Nr.2 flexibilisiert wurde 4 und unter bestimmten Bedingungen auch Amateuren die Ausübung von Tanz - und Unterhaltungsmusik gestattete, dies aber von Zulassungskommissionen abhängig machte. Nur wer vor diesen Zulassungskommissionen mit seinen Repertoire bestand, erhielt die Spielerlaubnis. Der Entzug der Spielerlaubnis kam einem Auftrittsverbot gleich. 2. Die „Anordnung über die Programmgestaltung bei der Unterhaltungs - und Tanzmusik“ vom 02.Januar 1958. 5 Diese begrenzte den devisenpflichtigen ausländischen Repertoireanteil auf maximal 40 Prozent. 3. 1963 sorgte das Kommuniqué des Politbüros des Zentralkomitees der SED zur Jugendpolitik unter der Überschrift „der Jugend Vertrauen und Verantwortung“ 6 für eine neue Richtung. Mit dem Satz „die SED hat mit all denen, die unserer Jugend misstrauen, nichts gemein 7 wurde eine Öffnung eingeleitet. Das Ministerium für Kultur gründete eine „Arbeitsgruppe Tanzmusik“. Ihre Hauptaufgabe bestand in der Vorbereitung und Durchführung der erstmalig 1962, ab 1965 bis 1989 dann im Zweijahresrhythmus durchgeführten „Leistungsvergleiche der Amateurtanzmusiker“ zu organisieren. Die auf allen Ebenen stattfindenden Leistungsausscheide dienten sowohl der personellen Erfassung und Registrierung der sich mehr oder weniger schnell verändernden Musikerszene, als der indirekten Verbindung ästhetischer Maßstäbe. So waren z.B. Alkohol auf der Bühne, wilde Bühnenshows, buntgefärbte oder lange Haare Feindbilder die nicht geduldet wurden. Bis Mitte der 70ér Jahre mussten Rockmusiker bei Fernsehaufzeichnungen ihre langen Haare kunstvoll unter Haarnetzen verbergen. 8 Bis 1973 bildete sich das System einer umfassenden Rockbürokratie heraus. Es entstand eine Genehmigungsbürokratie, die Musiker in allen Belangen ihres Daseins , von der Sprit- und Fahrzeugzuweisung über die Druckgenehmigung für Poster, bis zu Wohnungsfragen abhängig machte. Trotzdem war die immer wieder beschworene Einheit der Partei in ihrem politischen Handeln reine Fiktion. Was die
4 Anordnung Nr. 2 über die Befugnis zur Ausübung von Unterhaltungs- und Tanzmusik vom 14.Januar 1957,
veröffentlicht in: GB 1. DDR, Teil II, Berlin 1957, S. 54.
5 Anordnung über die Programmgestaltung bei Unterhaltungs-und Tanzmusik vom 02.Januar 1958,
veröffentlicht in GB 1. DDR, Teil I, Berlin 1958, S. 38.
6 „Der Jugend Vertrauen und Verantwortung“ - Kommuniqué des Politbüros des ZK der SED zu Problemen der
Jugend in der DDR, in: Der Jugend Vertrauen und Verantwortung beim umfassenden Aufbau des Sozialismus.
Berlin 1963 ( Schriftenreihe des Staatsrates der DDR/ 1963.)
7 Ebd., S.16
8 Peter Wicke, Lothar Müller (Hg.): Rockmusik und Politik.S.21f.
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eine Instanz tolerierte oder sogar förderte, konnte von der nächsten behindert oder offen boykottiert werden.
Die X. Weltfestspiele im Sommer 1973 sollten u.a. auch eine „weltoffene“ DDR in kultureller Hinsicht präsentieren. In den Klubs Berlins und auf zahlreichen Open-Air-Bühnen liefen nonstop Tanzveranstaltungen und Rockkonzerte. Damit wurde der Prozess der Etablierung und Differenzierung der ostdeutschen Rockmusik katalysiert. Anders als in den Sechzigerjahren, als die Kopie westlicher Bands dominierte, arbeitete jetzt eine neue Generation professioneller Musiker daran, den globalen Gestus des Rock in eine eigene Sprache zu transformieren. Künstlerische Autarkie, wie sie staatlicherseits propagiert wurde, war am ehesten den deutschen Texten zuzuschreiben. In den Siebzigern kristallisierten sich zwei Haupttendenzen verbaler Artikulation aus: einerseits alltagssprachliche Botschaften und andererseits metaphernschwere Lyrik. Beide Strömungen wiesen die für DDR-Verhältnisse charakteristische Affinität zu Zwischentönen und Reizworten auf, die öffentlich kaum kommunizierte Probleme assoziierten.
3. Die Entwicklung der Rockmusik in der DDR in den siebziger Jahren Bis 1973 bildete sich das System einer umfassenden Rockbürokratie heraus. In sämtlichen administrativen Gliederungen, von der Zentrale bis zu den Kreisen und Städten, im Jugendverband, in der Gewerkschaft bei den Abteilungen Kultur der staatlichen Organe entstanden nun in Form von Kommissionen, Arbeitsgruppen oder eigens eingerichtete Mitarbeiterstellen, - Zuständigkeiten für die musikalischen Belange der Jugend. Mehrere zentrale Arbeitsgruppen koordinierten sich in der Hauptsache gegenseitig. Werkstattwochen, Wettbewerbe, Leistungsschauen und Leistungsvergleiche auf Kreis - Bezirks - und zentraler Ebene hielten das Räderwerk der Bürokratie in Gang. Zur Koordinierung dieses aufwendigen Aktionismus, wurde 1973 das Komitee für Unterhaltungskunst gegründet, 1984 umgestaltet und in eine Behörde umgewandelt, die verbandsähnliche Züge annahm und für alle populären Kunstgenres zuständig war. Es entstand eine Genehmigungsbürokratie die Musiker in allen Belangen ihres Daseins, von der Sprit - und Fahrzeugzuweisung über die Erteilung von Druckgenehmigungen für Poster, die Papierzuweisung hierfür, über den notwendigen Telefonanschluß bis hin zur Regelung von Wohnungsfragen oder
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Arbeit zitieren:
Jeannina Lilienthal, 2002, Die Entwicklung der Rockmusik in der DDR, München, GRIN Verlag GmbH
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