Seit geraumer Zeit leiten Humanwissenschaftler in ihren Opfertheorien anhand empirischer Untersuchungen einen Zusammenhang von bereits zu menschlichen Urzeiten vollzogenen Gewalttaten in Form von Opfern und der Entstehung einer menschlichen Denknotwendigkeit des Sakralen ab. Wolfgang Giegerich folgt den opfertheoretischen Entwürfen eines Girards oder Burkerts und modifiziert diese im Hinblick auf einen psychoanalytischen Versuch der Verhältnisbestimmung von Opfertat und dem Heiligen. Angesichts der in diesen Opfertheorien für so wichtig erklärten Bedeutung der Gewalt für den ‚sakralen Entstehungsprozess’, fühlt sich eine Reihe von Theologen dazu herausgefordert, aus ihrer – zuweilen auch interdisziplinären - Perspektive ihr Opferverständnis darzulegen und so die humanwissenschaftlichen Theorien auf ihre Resultate hin zu befragen. Dass die Theologie hier ernstzunehmende Einwände äußern kann, ist hinreichende Motivation dafür, sie in dieser Arbeit – wenn auch nicht in ihrer ganzen Fülle und im Detail – zu erwähnen und zu umschreiben. Da die Opferthematik für mehrere theologische Disziplinen Relevanz zeigt, werden für den Vergleich mit dem Opferbegriff Giegerichs exegetische, dogmatisch-soteriologische, fundamentaltheologische sowie pastoraltheologische Gesichtspunkte zu nennen sein. Die Hauptakzente liegen dabei neben der Darstellung des Ansatzes Giegerichs auf der Klärung des jüdisch-christlichen Opferbegriffs und schließlich in der Gegenüberstellung beider Sichtweisen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Opferthematik aus Sicht der modernen Psychoanalyse: W. Giegerich
2.1 Das Problem der Nicht-Anerkennung von Gewalt als einem Ingredienz der wirklichen Welt
2.2 Seele und Opfertötungen – eine Verhältnisbestimmung aus zeitgenössischer psychoanalytischer Sicht
2.2.1 Die Anima-Stufe: Selbsterschaffung der Seele
2.2.2 Animus-Stufe: vertikale Differenzierung der Seele
2.2.3 Zwischenbetrachtung
3.1 Das Opfer nach jüdisch-christlichem Verständnis
3.1.1 Das Opfer im Alten Testament: Opferkult und Geschichte
3.2 Opfer Jesu?
3.3 Das Opfer als ontischer Stabilisierungsfaktor der Psyche?
3.3.1 Hinweise auf ein verkürztes Opferverständnis
3.3.2 Gründungsmord – die Geburt Gottes?
3.3.3 Weitere kritische Anmerkungen
4 Das Ende der Gewalt? Schlussbemerkungen und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch den psychoanalytischen Opferbegriff von Wolfgang Giegerich und stellt diesen dem jüdisch-christlichen Opferverständnis gegenüber, um den Stellenwert von Gewalt bei der psychischen Konstitution der Seele zu hinterfragen.
- Analyse der psychoanalytischen Opfertheorie von W. Giegerich
- Untersuchung des Zusammenhangs von Gewalt, Seele und dem Sakralen
- Historisch-theologische Auseinandersetzung mit dem Opferbegriff im Alten und Neuen Testament
- Kritische Gegenüberstellung von psychoanalytischer „Selbsterschaffung“ und christlicher Offenbarung
- Diskussion des Stellenwerts von Gewaltlosigkeit in der pastoraltheologischen Perspektive
Auszug aus dem Buch
2.1 Das Problem der Nicht-Anerkennung von Gewalt als einem Ingredienz der wirklichen Welt
Der Titel dieses Abschnitts impliziert zwei Thesen. These 1: Der Mensch als ein sich in der Welt befindender hat ein gestörtes Verhältnis zur Gewalt; These 2: Das Nicht-Überwinden des gestörten Verhältnisses zur Gewalt führt zu weitreichenden Konsequenzen für die menschliche Psyche.
Zu These 1: Eine Aussage, die dem Inhalt nach Gewalttaten und Gewalt als solche mit ihren Auswirkungen kontaminiert, ist – so Giegerich – eine nichtssagende Aussage, sofern keinerlei Handlungspotential zur Änderung des in ihr geäußerten Sachverhalts bereitsteht. Es ist die Abstraktheit des Dagegenseins, die dem Faktum der Gewalt ihre ontologische Verfasstheit streitig macht, will heißen: „Es [das Demonstrieren gegen Gewalt; B. K.] soll das eigene Bewußtsein rein und unschuldig halten. Es will, indem es vor anderen demonstriert, vor allem sich selbst demonstrieren, daß es auf der Seite des Guten und der Gewaltfreiheit stehe. Es will, indem es dem Anschein nach die ontische, empirische Gewalt draußen zu bekämpfen sucht, in Wahrheit, das heißt psychologisch, die ontologische oder logische Wirklichkeit und Mächtigkeit der Gewalt widerlegen.“
Wirksamer Widerstand gegen Gewalt ist nicht durch deren Abschiebung in den Bereich der Moral und somit der irdischen Wirklichkeit entzogen erreichbar, sondern gerade erst durch ihre Anerkennung als Teil der Wirklichkeit.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die opfertheoretische Debatte ein und skizziert das Vorhaben, Giegerichs Ansatz durch eine theologische Perspektive kritisch zu hinterfragen.
2 Die Opferthematik aus Sicht der modernen Psychoanalyse: W. Giegerich: Dieses Kapitel erläutert Giegerichs These, dass Gewalt und Opfertötungen notwendige Elemente für die geschichtliche Entwicklung und Selbstkonstitution der Psyche sind.
3.1 Das Opfer nach jüdisch-christlichem Verständnis: Es wird dargelegt, wie die israelitische Tradition das Opfer in den Kontext eines geschichtlich handelnden Gottes und eines Bundesverhältnisses stellt.
3.2 Opfer Jesu?: Dieses Kapitel beleuchtet das christliche Sühneverständnis und die Bedeutung des Todes Jesu als interpretierte Opfertat im Lichte der Heilsgeschichte.
3.3 Das Opfer als ontischer Stabilisierungsfaktor der Psyche?: Der Autor hinterfragt Giegerichs psychologische Deutung des Gründungsmordes und setzt ihr ein alternatives Verständnis der Offenbarung entgegen.
4 Das Ende der Gewalt? Schlussbemerkungen und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und plädiert aus pastoraltheologischer Sicht für einen christlichen Gewaltverzicht, der über rein psychoanalytische Konzepte hinausgeht.
Schlüsselwörter
Opfertheorie, Wolfgang Giegerich, Gewalt, Psyche, Seele, jüdisch-christlicher Opferbegriff, Sühne, Gründungsmord, Psychoanalyse, Theologie, Selbsterschaffung, Gewaltlosigkeit, Sakrales, Offenbarung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit einer kritischen Auseinandersetzung zwischen der psychoanalytischen Opfertheorie von Wolfgang Giegerich und dem traditionellen jüdisch-christlichen Verständnis von Opfer und Gewalt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Rolle von Gewalt bei der psychischen Genese, die Funktion des Opfers in der Religionsgeschichte sowie die Frage nach der Vereinbarkeit von menschlicher Gewalt und göttlichem Handeln.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, Giegerichs These von der „Selbsterschaffung der Seele“ durch Gewalt mit theologischen Erkenntnissen zu konfrontieren und die Verkürzungen in seiner Religionsauffassung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt einen interdisziplinären Ansatz, der psychoanalytische Theorien, exegetisch-theologische Analysen und geistesgeschichtliche Diskurse kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Giegerichs Stufenmodell der Seele (Anima/Animus), das jüdisch-christliche Opferverständnis im Alten Testament, die Deutung des Opfertodes Jesu sowie die kritische Reflexion des „Gründungsmordes“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich geprägt durch Begriffe wie Opfertheorie, Seele, Gewalt, Psychoanalyse, christlicher Gewaltverzicht und Sühne.
Inwiefern hinterfragt der Autor die „Selbsterschaffung der Seele“ bei Giegerich?
Der Autor kritisiert, dass Giegerich die Seele zur causa sui erklärt und damit den Rückbezug auf den göttlichen Schöpfer sowie die geschichtliche Offenbarung zugunsten eines psychologischen Induktionsverfahrens ausblendet.
Welche Rolle spielt der „Gründungsmord“ in der Argumentation?
Der Gründungsmord gilt bei Giegerich als Voraussetzung für die Entstehung des Seelischen. Der Autor relativiert dies, indem er darauf hinweist, dass Gottesbeziehung und Ethik auch ohne den Akt der rituellen Tötung in zwischenmenschlichen Beziehungen aufleuchten können.
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- Boris Krause (Author), 2002, Theologische Erwägungen zu den Implikationen der psychoanalytischen Opfertheorie Wolfgang Giegerichs, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34063