Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 3
2 Die Opferthematik aus Sicht der modernen
Psychoanalyse : W. Giegerich. 3
2.1 Das Problem der Nicht-Anerkennung von Gewalt
als einem Ingredienz der wirklichen Welt. 4
2.2 Seele und Opfertötungen - eine Verhältnisbestimmung aus
zeitgen össischer psychoanalytischer Sicht. 6
2.2.1 Die Anima-Stufe: Selbsterschaffung der Seele. 6
2.2.2 Animus-Stufe: vertikale Differenzierung der Seele. 7
2.2.3 Zwischenbetrachtung. 8
3.1 Das Opfer nach jüdisch-christlichem Verständnis. 10
3.1.1 Das Opfer im Alten Testament: Opferkult und Geschichte. 10
3.2 Opfer Jesu? 13
3.3 Das Opfer als ontischer Stabilisierungsfaktor der Psyche? 15
3.3.1 Hinweise auf ein verkürztes Opferverständnis. 15
3.3.2 Gründungsmord - die Geburt Gottes? 16
3.3.3 Weitere kritische Anmerkungen. 18
4 Das Ende der Gewalt? Schlussbemerkungen und Ausblick. 18
Literatur 21
2
1 Einleitung
Seit geraumer Zeit leiten Humanwissenschaftler in ihren Opfertheorien anhand empirischer Untersuchungen einen Zusammenhang von bereits zu menschlichen Urze iten vollzogenen Gewalttaten in Form von Opfern und der Entstehung einer menschlichen Denknotwendigkeit des Sakralen ab. Wolfgang Giegerich folgt den opfertheoretischen Entwürfen eines Girards oder Burkerts und modifiziert diese im Hinblick auf einen psychoanalytischen Versuch der Verhältnisbestimmung von Opfertat und dem Heiligen. Angesichts der in diesen Opfertheorien für so wichtig erklärten Bedeutung der Gewalt für den ‚sakralen Entstehungsprozess’, fühlt sich eine Reihe von Theologen dazu herausgefordert, aus ihrer - zuweilen auch interdisziplinären - Perspektive ihr Opferverständnis darzulegen und so die humanwissenschaftlichen Theorien auf ihre Resultate hin zu befragen. Dass die Theologie hier ernstzunehmende Einwände äußern kann, ist hinreichende Motivation dafür, sie in dieser Arbeit - wenn auch nicht in ihrer ganzen Fülle und im Detail - zu erwähnen und zu umschreiben. Da die Opferthematik für mehrere theologische Disziplinen Relevanz zeigt, werden für den Vergleich mit dem Opferbegriff Giegerichs exegetische, dogmatisch-soteriologische, fundamentaltheologische sowie pastoraltheologische Gesichtspunkte zu nennen sein. Die Hauptakzente liegen dabei neben der Darstellung des Ansatzes Giegerichs auf der Klärung des jüdisch-christlichen Opferbegriffs und schließlich in der Gegenüberstellung beider Sichtweisen.
2 Die Opferthematik aus Sicht der modernen Psychoanalyse: W. Giegerich In der Auseinandersetzung mit der Genese menschlicher und - so wird sich nach dem hier vorzustellenden Ansatz noch zeigen - damit notwendig verbundener psychischer Entwicklung nimmt das Thema ‚Gewalt’ für Giegerich einen zentralen Stellenwert ein 1 . Notwendige Voraussetzung für die Relevanz dieses Phänomens ist Geschichtlichkeit in ihrer ontologischen Bedeutung 2 , die - um es schon einmal vorwegzune hmen - als wesentliches Konstituens einer sich aus sich selbst evolvierenden Psyche grundgelegt ist, d. h. Giegerich begreift die Psyche als ein Sich-Fort-
1 Vgl.W. Giegerich: Tötungen. Gewalt aus der Seele. Versuch über Ursprung und Geschichte des Bewußtseins. Frankfurt a.M. 1994. [zukünftig zitiert: Giegerich, Tötungen]
2 hier atmet die moderne Psychologie wesentlich einen Hauch existenzphilosophischer Luft; vgl. M. Heidegger: Sein und Zeit. Tübingen 1993: „Dieses innerweltliche Seiende [das Welt-Geschichtliche; B. K.] ist als solches geschichtlich, und seine Geschichte bedeutet nicht ein »Äußeres«, das die »innere« Geschichte der »Seele« lediglich begleitet. [...] Geschichtliche Welt ist faktisch nur als Welt des innerweltlichen Seienden.“ (Hier: 388f.). Für den Dialog von Humanwissenschaften und Existenzphilosophie vgl.: G. Vattimo: Heidegger und Girard - Ansätze eines Dialogs. In: B. Dieckmann: Das Opfer - aktuelle Kontroversen. Religionspolitischer Diskurs im Kontext der mimetischen Theorie.
3
bestimmen und Reflexion- in-sich 3 , näherhin als gestuftes Sich-Fortbestimmen, das erst mittels vollzogener Gewaltakte vor allem in Form von Tötungen ermöglicht ist. Um den Zusammenhang zwischen der geschichtlichen Phänomenologie der Psyche und Opfertötungen zu untersuchen, wird an dieser Stelle zunächst der psychoanalytische Ansatz Giegerichs vo rgestellt. 4
2.1 Das Problem der Nicht-Anerkennung von Gewalt als einem Ingredienz der wirklichen Welt
Der Titel dieses Abschnitts impliziert zwei Thesen. These 1: Der Mensch als ein sich in der Welt befindender hat ein gestörtes Verhältnis zur Gewalt; These 2: Das Nicht-Überwinden des gestörten Verhältnisses zur Gewalt führt zu weitreichenden Konsequenzen für die menschliche Psyche.
Zu These 1: Eine Aussage, die dem Inhalt nach Gewalttaten und Gewalt als solche mit ihren Auswirkungen kontaminiert, ist - so Giegerich - eine nichtssagende Aussage, sofern keinerlei Handlungspotential zur Änderung des in ihr geäußerten Sachverhalts bereitsteht. Es ist die Abstraktheit des Dagegenseins 5 , die dem Faktum der Gewalt ihre ontologische Verfasstheit streitig macht, will heißen: „Es [das Demonstrieren gegen Gewalt; B. K.] soll das eigene Bewußtsein rein und unschuldig halten. Es will, indem es vor anderen demonstriert, vor allem sich selbst demonstrieren, daß es auf der Seite des Guten und der Gewaltfreiheit stehe. Es will, indem es dem Anschein nach die ontische, empirische Gewalt draußen zu bekämpfen sucht, in Wahrheit, das heißt psychologisch, die ontologische oder logische Wirklichkeit und Mächtigkeit der Gewalt widerlegen.“ 6 Wirksamer Widerstand gegen Gewalt ist nicht durch deren Abschiebung in den Bereich der Moral und somit der irdischen Wirklichkeit entzogen erreichbar, sondern gerade erst durch ihre Anerkennung als Teil der Wirklichkeit. 7 Zu These 2: Im Hinblick auf die Konsequenzen einer nicht ganzheitlichen Ane rkennung des Phänomens ‚Gewalt’, führt Giegerich den psychoanalytischen Begriff des ‚Schattens’ ein, den er kritisch analysiert und letztlich zu überwinden sucht. Zunächst definiert er folgendermaßen: Der Schatten wird als „der Persönlichkeitsanteil
Münster 2001. 251-259. Eine weiterführende Forschungsrichtung in: F. K. Streck: Die Angst in den Interpretationen der Existenzphilosophie und Tiefenpsychologie. Frankfurt a.M. 1978.
3 Vgl. Giegerich, Tötungen. 18-24 u. passim.
4 Der Ansatz soll aus der Sicht Giegerichs formuliert werden.
5 Vgl. W. Giegerich: Tötungen. Über Gewalt aus der Seele, in: P. M. Pflüger (Hrsg.): Gewalt - warum? Der Mensch: Zerstörer und Gestalter. Olten/Freiburg i. Br. 1992. 184-243. (Hier: 186).
6 Ebd. 187f.
7 Giegerich, Tötungen. 14.
4
verstanden, der zum Bewusstsein oder Ich inkompatibel ist, also all das beinhaltet, das die Persönlichkeit los sein könnte und nicht als zu sich gehörig ane rkennen kann.“ 8
Giegerich erklärt die Schattenintegration zu einer der Hauptaufgaben der Psychoanalyse 9 , weist jedoch zugleich auf deren Problematik hin. So hat seiner Ansicht nach die Psychologie selbst an dem gestörten Verhältnis zur Gewalt teil, denn der Schattenbegriff als solcher impliziert bereits eine Abwehrfunktion; er verkörpert gewissermaßen die hypostasierte Abwehr 10 . Doch gerade hier liegt - so Giegerichdie Schwäche der Schattenintegration, denn Gewalt soll ja in vollem Maße angenommen und anerkannt werden. Durch die Integration des Schattens ist aber das Böse auf ein Persönlichkeitsanteil - siehe Definition ‚Schatten’ - in mir abgeschoben 11 , d. h. es wird im Bewusstsein eine binäre moralische Struktur von ‚gut’ und ‚böse’ aufrechterhalten, in der man sich selbst auf die Seite des Guten stellt und sich somit von einem Teil des Bewusstseins sozusagen apotropäisch distanziert: „Im Grunde bleibt man nämlich mit dem Scha ttenbegriff in der moralischen Phantasie, und da Moral der Abwehr dient, in der Abwehr. 12 Giegerich weist darauf hin, dass das Wort ‚böse’ lediglich Interjektion ist, die den Widerwillen gegenüber dem als bösen Bezeichneten ausdrückt. Als objektive Form eines Adjektivs werde es nun aber zu dem ‚Bösen’ vergegenständlicht. 13 Lösung der ambivalenten Schattenintegration ist für Giegerich die Destruktion des Schattenbegriffs: „Die in dem Schatten liegende Abwehr ist erst dann wirklich aufgehoben, wenn wir das dem Schatten Zugewiesene der Seele selber zurückgeben können und wenn damit der ganze Begriff Schatten überholt ist, weil er einfach überflüssig g eworden ist.“ 14 Das zuvor dem Schatten Zugewiesene darf also nicht auf ein bestimmtes Abteil der Psyche abgelegt werden, sondern muss in die Seele selbst als dem Innersten und Eigensten eingela ssen werden. 15 Wenn Giegerich sagt, dass das dem Schatten Zugewiesene der Seele ‚zurückgegeben’ werden soll, spricht er gleichsam den Ausgangspunkt seines psy- 8 Ebd.15.
9 Ebd. Vgl. dazu Artikel ‚Schatten’. In: W. Arnold / H. J. Eysenck / R. Meili (Hrsg.): Lexikon der Psychologie. Bd. 3. Freiburg i. Br. 1980. 1967f.: „Den Schatten bewusst zu machen ist die erste Aufgabe einer Jungschen Analyse.“ (Hier: 1968). Vgl. zur Schattenabwehr: W. Giegerich: Die Abwehr des Schattens. In: A. Guggenbühl / M. Kunz (Hrsg.): Das Schreckliche. Mythologische Betrachtungen zum Abgründigen im Menschen. Zürich 1990. 17-32.
10 Vgl. ebd. 16.
11 Vgl. ebd. 16f. Mit dem ‚Bösen’ meint Giegerich die Gewalt oder allgemein das Dunkle, das ein Werk des Schattens sei. Den mit dem ‚Bösen’ beladenen Persönlichkeitsanteil deklariert er zum ‚schwarzen Schaf’, auf das sich alles Böse projizieren lässt.
12 Ebd. 17.
13 Vgl. ebd.
14 Ebd.
15 Ebd.
5
choanalytischen Ansatzes an: Gewalt ist nämlich ihrem Ursprung nach ein Produkt der Seele selbst. Die Seele hat „einen Drang zum Töten und Zerstückeln, zum Brennen und Verwunden, zum Ra uben und Vergewaltigen.“ 16 Ein Drang, der für den reflexiven Selbstvollzug der Seele konstitutiv ist. Wie begründet Giegerich diesemit einer christlichen Vorstellung vom Gewaltverzicht disparat erscheinende - Behauptung von der Affinität der Seele zum Töten?
2.2 Seele und Opfertötungen - eine Verhältnisbestimmung aus zeitgenössischer psychoanalytischer Sicht
Wurde oben auf die geschichtliche Phänomenologie der Psyche 17 hingewiesen, soll ihre Bedeutung nun genauer in den Blick genommen werden. Entscheidend für das Wesen der Psyche ist für Giegerich ihre Fortbestimmung: „Die Psyche ist [...] mit einem Staat und seinen wechselnden Verfassungen zu ve rgleichen“ 18 . Das Bild der ‚wechselnden Verfassungen’ will zum Ausdruck bringen, dass bei der sich fortbestimmenden Psyche keine Entität - wie z. B. das Ich - aus ihr herausgenommen gedacht werden kann, sondern dass sie Psyche bleibt, sich im Felde geschichtlicher Abhängigkeit jedoch neu organisiert. Es handelt sich gewissermaßen um eine gestufte Modifikation, die sich erst durch Gewalt realisiert. 19
2.2.1 Die Anima-Stufe: Selbsterschaffung der Seele
Es beginnt mit der Zeit der Menschwerdung, die sich im und durch das Töten vollzogen hat. Giegerich macht diese Behauptung an den Opferritualen der menschlichen Urzeit fest: „In, man darf wohl sagen, allen alten Kulturen überall auf der Welt gehörten Opfer, das heißt Opferschlachtungen, in mannigfacher Gestalt zu den jahraus jahrein und das ganze Jahr über bei allen möglichen Anlässen vollzogenen heiligen Handlungen.“ 20 Das Töten ist der Hauptakt, durch den der Mensch seine animalische Umwelt negiert hat und der die Seele aus dem Dunkel der bloßbiologischen Existenz hat hervortreten lassen. Ein Durchbruch in eine qualitativ ganz neue Dimension, die des Geistig-Seelischen, des Bewußt-Seins. 21 Das bewusste Erleben des Todes durch das Töten ist jene Grunderfahrung gewesen, die den Tod als solchen mit Sinn angefüllt hat, d.h. Sinn als solcher wird erzeugt durch die das töten- 16 Ebd.18.
17 Ebd. 20.
18 Ebd. 19.
19 Vgl. W. Giegerich: Animus-Psychologie, Frankfurt a.M. 1994. 255. [zukünftig zitiert: Giegerich, Animus-Psychologie]
20 Giegerich, Tötungen. 25.
6
Arbeit zitieren:
Boris Krause, 2002, Theologische Erwägungen zu den Implikationen der psychoanalytischen Opfertheorie Wolfgang Giegerichs, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Referat (Ausarbeitung), 22 Seiten
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Referat (Ausarbeitung), 11 Seiten
Weihnachten - Ursprung, Geschichte und Brauchtum
Theologie - Biblische Theologie
Hausarbeit, 17 Seiten
Feste feiern in der Grundschule - Beispiel Weihnachten
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Examensarbeit, 74 Seiten
Der Fundamentalismus in der Religionsgeschichte
Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe
Rezension / Literaturbericht, 6 Seiten
Ostern im Religionsunterricht der Grundschule
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Examensarbeit, 72 Seiten
Wille und Vernunft bei Thomas von Aquin
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Seminararbeit, 23 Seiten
Interreligiöses Lernen - Vorausetzungen, Ziele, Konzepte
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Hausarbeit (Hauptseminar), 30 Seiten
Der Kridwiß-Kreis in Thomas Manns Doktor Faustus
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 18 Seiten
Der Osterfestkreis - historische/dogmatische/didaktische Perspektive
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Examensarbeit, 103 Seiten
Kinderkatechismen im Religionsunterricht
Theologie - Praktische Theologie
Hausarbeit (Hauptseminar), 13 Seiten
Die Bedeutung des Opfers und des Sündenbockes in neueren ethisch-sozio...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 23 Seiten
Religionsunterricht in einer multikulturellen Gesellschaft - Der inter...
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Examensarbeit, 142 Seiten
Zen-Buddhismus: Entwicklung, Ausbreitung und seine heutige Relevanz im...
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Die Geburt Christi im Kirchenjahr und Weihnachtliche Traditionen der G...
Theologie - Systematische Theologie
Seminararbeit, 20 Seiten
Die Ursprünge des protestantischen Fundamentalismus in den USA
Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte
Hausarbeit (Hauptseminar), 16 Seiten
Boris Werner hat den Text Theologische Erwägungen zu den Implikationen der psychoanalytischen Opfertheorie Wolfgang Giegerichs veröffentlicht
Boris Werner hat einen neuen Text hochgeladen
Christlicher Glaube und historische Kritik
Maurice Blondel und Alfred Loi...
Andreas Uwe Müller
Christlicher Glaube und weltliche Herrschaft
Zum Gedenken an Günther Warten...
Michael Beyer, Jonas Flöter, Markus Hein
Christlicher Glaube und intellektuelles Gewissen
Christentumskritik am Ende des...
Helmut Groos
Dogmatik des christlichen Glaubens
Band I: Der Glaube an Gott den...
Gerhard Ebeling, Albrecht Beutel
0 Kommentare