Inhalt
Teil 1: Einführung 4
1.1 Fragestellung 4
1.2 Gegenstand: Webbasierte Forensysteme. 5
1.3 Forschungsstand 7
1.3.1 Kommunikationsverha lten und Umgangsfo rmen: Kultur der WWW-Foren. 7
1.3.2 Normen und Regeln in Diskussionsforen. 9
Teil 2: Netiquette-Analyse 12
2.1 Methodische Vorbemerkungen. 12
2.1.1 Auswahlverfahren. 12
2.1.2 Definition der Grundgesamtheit 12
2.1.3 Stichprobe 13
2.2 Strukturen der Regelwerke 18
2.2.1 Anmeldeformalia 20
2.2.2 Urheberrechtliche Vereinbarungen. 22
2.2.3 Verantwortlichkeit für Inhalte 22
2.2.4 Rechte 23
2.2.5 Pflichten. 24
2.2.6 Empfehlungen und Ratschläge 24
2.2.7 Gebote 26
2.2.8 Verbote 28
2.2.9 Sanktionen 29
2.2.10 Besonderheiten 31
2.3 Entstehungszusammenhänge 32
2.4 Zusammenfassung der Ergebnisse 34
Literatur 36
3
Teil 1: Einführung
1.1 Fragestellung
In den Städten der Antike, besonders im a lten Rom, waren es die Markt- und Versammlungsplätze, auf denen öffentliche Diskussionen und Aussprachen stattfanden. Man bezeichnete sie schon damals als Foren. Auch heute versteht man unter einem Forum einen geeigneten Personenkreis, der eine sachverständige Erörterung von Problemen oder Fragen garantiert; eine Forumsdiskussion ist eine öffentliche Diskussion, bei der ein anstehendes Problem von Sachverständigen und Betroffenen erörtert wird. 1 Es handelt sich dabei also um einen Kommunikationsprozess, an dem eine größere Anzahl von Akteuren beteiligt sind. Dies erfordert spezielle Kommunikationsformen, die sich im Laufe der Zeit wandeln können. Solche Wandlungen waren und sind inbesondere immer dann beobachtbar, wenn technische Innovationen stattfanden bzw. -finden. In einigen dieser Fälle kam es auch zu einer Ausweitung der möglichen Kommunikationsformen. Beispiele dafür sind etwa die Erfindung des Buchdrucks mit Hilfe der beweglichen Lettern oder die Datenübertragung durch Radiowellen; auch die Verbreitung von Mobiltelefonen samt der daraus erwachsenden SMS-Sprach-Kultur sei hier genannt. Solche neu entstandenen technisch vermittelten Kommunikationsformen sind auch oft nur Varianten althergebrachter. Man denke an E-Mails, die von Briefen abgeleitet sind oder an statische Webseiten, deren ‚Vorfahren‘ die Printmedien sind (Online-Zeitschriften - gedruckte Zeitschriften, Online-Katalogegedruckte Kataloge). Zentrale Gemeinsamkeiten der jeweils älteren mit der neuen computervermittelten Kommunikationsform sind in wesentlichen Eigenschaften erkennbar. Dazu zählen die Anzahl der Empfänger (disperses Publikum / Kleingruppe / Einzelperson), die Anzahl und Kombination der Kommunikationskanäle (Text / Bild / Ton / Bewegung) sowie der Zeitpunkt der Kommunikation (synchron / asynchron). Man könnte in dieser Art fast alle neuen Möglichkeiten der computervermittelten Kommunikation älteren Kommunikationsarten zuordnen. Es wird jedoch gerade hierbei deutlich, dass webbasierte Forensysteme die wenigsten Gemeinsamkeiten mit den bekannten Kommunikationsformen aufweisen. Sie sind gewissermaßen „am weitesten entfernt“ 2 von den älteren Formen und stellen damit ein wichtiges und lohnenswertes Forschungsobjekt dar.
1 Vgl. Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion 1990, S. 261.
2 Stockmann 2004, S. 2.
4
Es gibt im Bereich der klassischen Medien kein Vorbild für webbasierte Foren, was die Frage aufwirft, ob sich auch neuartige Spielregeln für die Kommunikation in den Foren entwickelt haben, oder ob eine völlige Offenheit bis hin zur Regellosigkeit herrscht. Es ist zu vermuten, dass für eine erfolgreiche Kommunikation in Foren, für die die Beteiligung vieler Diskussionsteilnehmer typisch ist, solche Spielregeln unerlässlich sind. Das Hauptgewicht dieser Arbeit liegt deshalb in der qualitativen Analyse der formalen Verhaltensregeln in webbasierten Forensystemen. Der Grundgedanke dabei ist, dass sich im Laufe der Zeit, in der ein Forum betrieben wird, bestimmte Umgangsformen einspielen (informale Regeln), die anfangs möglicherweise regelmäßig verletzt wurden, woraufhin die Betreiber und/oder Nutzer Regelungsbedarf feststellten. Dieser mündete schließlich in ein geschriebenes Regelwerk (formale Regeln), das aus den gesammelten Erfahrungen des Umgangs im Forum entstand und damit die Kultur desselben umreißt. In Abschnitt 1.3.2, in dem ich das Coleman-Modell der Entstehung sozialer Normen 3 heranziehen werde, wird diese theoretische Grundlage meiner Arbeit präzisiert.
Der Forschungsgegenstand ist nun umgrenzt. Die zentralen Fragestellungen dieser Arbeit lauten:
1. Sind Regelwerke hinsichtlich des Verhaltens in webbasierten Forensystemen typisch? 2. Wie sind diese Regelwerke inhaltlich strukturiert und weisen die verschiedenen Foren Gemeinsamkeiten und/oder Unterschiede hinsichtlich dieser Strukturen auf? 3. Wie bilden sich Normen und Regeln im Rahmen computervermittelter Kommunikation in webbasierten Foren heraus und wie gelangen sie schließlich in geschriebene Regelwerke (d.h. wie werden sie zu formalen Regeln)?
Die angedachte Analyse soll einen Beitrag leisten, ein strukturelles Fundament für weitergehende Forschungen über die Kommunikation in webbasierten Forensystemen zu liefern.
1.2 Gegenstand: Webbasierte Forensysteme
Im Gegensatz zu E-Mail stellen Foren ein Medium dar, das eher an Massenmedien erinnert. Die Anwendung ist relativ einfach: Nach dem Aufruf der Webseite, die das Forum beherbergt, können die unterschiedlichen thematischen Untergruppen ausgewählt werden. "Betritt" man nun eine dieser Groups, so werden meist die Betreffzeilen der einzelnen Artikel
3 Vgl. Coleman 1990.
5
aufgelistet, nach denen man sich den oder die gewünschten Artikel ansehen kann. Wird ein Artikel „gepostet“, d.h. in ein Forum eingestellt, ist er für jeden Anwender lesbar. Man könnte diese Möglichkeit der Kommunikation mit einer weltweiten Zeitung vergleichen, die in unterschiedliche Sparten unterteilt ist. Der grundlege nde Unterschied zu den herkömmlichen Massenmedien besteht in der Interaktivität dieses Mediums. Denn nicht nur das Lesen der Artikel, Fragen oder Beiträge ist möglich, sondern es kann direkt auf jedes „Posting“ reagiert werden. 4
Es gibt meist zwei verschiedene Kommunikationskanäle: Ihre Verwendung durch den Nutzer richtet sich danach, ob der Beitrag an den Verfasser allein oder an sämtliche interessierte Groupleser gerichtet ist. Der E -Mail-ähnliche interpersonale Kanal ermöglicht es, die Mitteilung direkt an den Verfasser des Postings zu leiten. In einer solchen Mitteilung wird meist der Bezug zum geposteten Artikel hergestellt, indem Teile des originalen Beitrags in die Antwort eingefügt werden. Außerdem können Postings auch an andere Anwender weitergeleitet werden („forward“-Befehl). Die andere Möglichkeit ist der multipersonelle Kanal. Mittels des followup-Befehls wird der Betreff („subject“) der Antwort mit einem "Re:" versehen. Die Antwort ist wie das ursprüngliche Posting wiederum für alle Anwender lesbar. Auch hier werden meistens Teile des ursprünglichen Postings editiert, um neuen Lesern einen Bezug zur diskutierten Thematik zu geben bzw. einzelne Diskussionsstichpunkte hervorzuheben. 5
Festzuhalten ist, dass unser Medium zwei verschiedene Kommunikationsarten bietet. Sowohl das Posten, als auch das Verschicken von Antworten oder anderen Beiträgen bedient sich formal nahezu der gleichen Struktur wie E-Mail; die Unterschiede sind sehr gering. Foren sind also weit mehr als ein herkömmliches Massenmedium (one to many). Da eine sofortige Reaktion auf einen Artikel mit Hilfe eines multipersonellen Kanals erfolgen kann, erlangen Foren den Status eines interaktiven Massenmediums (many to many). Auf der Zeitebene sind diese computervermittelten Kommunikationsmedien als asynchron zu bezeichnen, d.h. die Zeitpunkte der Aktivität des Lesens bzw. Schreibens eines Beitrags und der tatsächlichen Einstellung desselben müssen nicht identisch sein.
Was ist nun das Besondere an webbasierten Forensystemen? Ein beachtenswerter Aspekt ist die Langzeitarchivierung der Fragen, Anworten und Diskussionsbeiträge (sog. „threads“). Jede Kommunikationskette kann von ihrem Ursprung bis zum gegenwärtigen Stand nachvollzogen werden. Theoretisch erübrigt sich dadurch jegliche Wiederholung, denn
4 Vgl. Kneer 1994, S. 20.
5 Vgl. Kneer 1994, S. 21f.
6
thematisch ähnliche Beiträge könnten fortlaufend aufeinander aufbauen. In der Praxis kann man jedoch beobachten, dass oft und immer wieder dieselben Fragen gestellt werden. 6 Ebenfalls bemerkenswert ist die Rolle und die Form von Zitaten. Gelegentlich bestehen Antworten nur aus einem Link, der auf ein Internetdokument verweist, welches die gestellte Frage möglicherweise beantwortet. Andere Zitate bestehen in „konventionellem Stil“ aus Textpassagen, wobei die Quelle des Originaltextes ebenfalls in Form einer Webadresse angegeben wird. Dadurch wird der sofortige Zugriff auf den Kontext des Zitates möglich. Vergleicht man - um bei dem oben benutzten Beispiel zu bleiben - webbasierte Forensysteme mit einer (weltweiten, in unterschiedliche Sparten unterteilten) Zeitung, die nichts anderes als Leserbriefe und Reaktionen darauf enthält, so muss man trotz der zunächst augenfälligen Gemeinsamkeiten einen entscheidenden Unterschied einräumen. Während beim Zeitungsbeispiel trotz allem die Rollenverteilung von Lesern und Redaktion klar bestehen bleibt 7 , ist in Forensystemen die Trennung von Kommunikator und Rezipient prinzipiell und konstruktionsbedingt aufgehoben. In der Praxis ist jedoch auch hier ein hoher Anteil von Nutzern vorhanden, die nur rezipieren, ohne sich aktiv zu beteiligen. 8 Stegbauer und Rausch weisen in einer Studie 9 jedoch darauf hin, dass diese sogenannten „Lurker“ weitaus mehr Funktionen erfüllen, als es das verbreitete Trittbrettfahrer-Vorurteil erkennen lässt.
1.3 Forschungsstand
1.3.1 Kommunikationsverhalten und Umgangsformen: Kultur der WWW-Foren Zunächst erscheint es notwendig, eine analytische Trennlinie zwischen Webforen auf der einen, sowie Usenet und Mailinglisten auf der anderen Seite zu ziehen 10 . Ralf Stockmann etwa sieht zwischen den Systemen „große Unterschiede in Bezug auf: technische Umsetzung, Zugangshürden, Zugangsmöglichkeiten, Bedienung, Zielgruppe, Special Interest,
6 Vgl. Stockmann 2004, S. 4.
7 Eine Redaktion wählt schon aus Kapazitätsgründen z.B. die Leserbriefe und Antworten sorgfältig aus, ver-
meidet Dopplungen und strukturiert das Material inhaltlich.
8 Vgl. Stockmann 2004, S. 4.
9 Vgl. Stegbauer / Rausch 2001, S. 1, mehr dazu in Abschnitt 1.3 (Forschungsstand).
10 1976 etwickelte Mike Lesk in den Bell Laboratories von AT&T ein Programm namens UUCP (UNIX-to-
UNIX-copy), das es ermöglichte über eine T elefonleitung Daten zwischen zwei UNIX-Maschinen auszu-tauschen. Es war dann in der neuen Version des UNIX-Betriebssystems von 1978 enthalten. Kurz darauf
schrieben zwei Studenten der Duke University ein Unix-Shellskript, das mit Hilfe von UUCP Nachrichten
zwischen zwei Universitäten austauschen konnte. Dieses Programm wuchs zu einem weltweiten elektronischen
schwarzen Brett, dem USENET, heran, das Diskussionsgruppen zu allen möglichen Themen enthielt. Für die
Teilnahme am USENET waren ein unter dem Betriebssystem UNIX laufender Computer und ein
Telefonanschluss nötig. Das USENET bot ein Verfahren, mehrere öffentliche Gesprächsrunden zu bestimmten
Themen zu verwalten, die nicht in einer zentralen Einrichtung gesteuert wurden. Das zugrundeliegende Prinzip
besteht darin, jedes Schreiben eines Teilnehmers allen anderen Teilnehmern zugänglich zu machen.
7
Strukturierung“ 11 . In Usenet-Foren seien die Zugangshürden relativ hoch, da man eine spezielle Software installieren und einrichten müsse. Er stellt in diesem Zusammenhang die These auf, Usenet und Mailinglisten würden in der Hauptsache von technisch versierten und interessierten Nutzern genutzt, die keinen repräsentativen Querschnitt der eigentlichen Internetnutzer bildeten, die in ihrer Gesamtheit auch nicht dispers seien, sondern sich aufgrund von speziellen Interessen zusammenfänden. Webforen hingegen eröffneten völlig neue Rezipienten und Kommunikatorengruppen, die anders als die technik-affinen Gruppen handelten. 12
Während für die Usenet-Foren eine recht gute Forschungslage zu verzeichnen ist, findet man im Bereich der WWW-Foren nur wenige Studien. Zu nennen ist die Monographie von Robert Mayer-Uellner „Das Schweigen der Lurker“, in der er der Frage nach der Anwendbarkeit der Theorie der Schweigespirale 13 auf Foren nachgeht. Christian Stegbauer untersucht in seiner quantitativ ausgerichteten Studie „Grenzen virtueller Gemeinschaft - Strukturen internetbasierter Kommunikationsforen“ 14 Mailinglisten. Die Ergebnisse sind jedoch nur bedingt auf webbasierte Forensysteme übertragbar, da sich Mailinglisten hinsichtlich Handhabung und Verbreitung noch wesentlich weiter von WWW-Foren entfernen als die schon erwähnten Newsgroups des Usenet.
In einem Zeitschriftenaufsatz 15 thema tisieren Christian Stegbauer und Alexander Rausch das Phänomen der „Lurker“, jene passive Mehrheit der Teilnehmner in Dikussionsforen, die mit einem Anteil zwischen 56% bis 81% die Mehrheit stellen. Mittels einer quantitativ angelegten Verlaufsanalyse des Verhaltens der Forennutzer in einem bestimmten Zeitintervall widerlegen sie nicht nur die These, Lurker seien Trittbrettfahrer, die lediglich Wissen abschöpften ohne einen eigenen Beirag zu leisten. Stegbauer und Rausch arbeiten einige wichtige Funktionen heraus. So könnten Lurker etwa als Publikum betrachetet werden, welches für die Popularität eines Sozialraumes bedeutsam sei. Entscheidend aber seien die Konsequenzen der Mehrfachmitgliedschaften: Lurker entfalteten, so die Autoren, nur in leicht geringerem Maß als die Aktiven in einem anderen Sozialraum Aktivitäten. Da sie aber in allen
11 Stockmann 2004, S. 5.
12 Vgl. Stockmann 2004, S. 5. Ralf Stockmann arbeitet an einer Studie, die sich mit der Forenkommunikation im
Bereich des universitären eLearning befasst. Als zu untersuchendes Forensystem wählte er das in die Plattform
„Stud.IP“ integrierte Forensystem der Universität Göttingen. Es liegen jedoch bisher nur quantitative Ergebnisse
vor.
13 Noelle-Neumann 1996.
14 Vgl. Stegbauer 2001.
15 Vgl. Stegbauer / Rausch 2001.
8
Arbeit zitieren:
Karsten Goll, 2004, Anarchie im Netz? Eine Netiquette-Analyse in webbasierten Forensystemen, München, GRIN Verlag GmbH
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