Einleitung
Der „Burn Out“ ist ein Begriff, den man in allen Bereichen der Sozialen Arbeit immer wieder und immer häufiger hört.
In einer Welt, in der Zeit eine immer knappere Ressource wird, werden vor allem die sozialen Berufsfelder immer mehr mit einem Zeitproblem konfrontiert. Es stehen immer w eniger finanzielle Ressourcen für die Arbeit z ur Verfügung, so dass die Arbeit mit immer weniger Mitteln in noch weniger Zeit erledigt werden muss. Eine Folge dieses Zeitmangels ist der klassische „Burn Out“. Viele Menschen in Sozialen Berufen engagieren sich im höchsten Maße für ihr Klientel und lassen dabei sich und ihr eigenes Wohlbefinden gern außer Acht.
In diesem Referat werde ich anhand des Konzeptes „Biotope und Schleusen im Meer der Ver-rücktheit“ von Erich Schützendorf aufzeigen, welche atmosphärische Mittel und M ethoden im Bereich der stationären Altenpflege genutzt werden können, um diesem Risiko zumindest ein Stück aus dem Weg zu gehen. Zudem soll geprüft werden, inwieweit sich einzelne Methoden, die in diesem Konzept angewendet werden, auch in anderen Sozialen Berufen umsetzen lassen.
Exkurs in die stationäre Altenpflege
Machen wir zunächst einen kleinen Exkurs in die Arbeit der stationären Altenpflege. Zunehmend leiden alte Menschen unter der einen oder der anderen Form einer Demenz. In den letzen Jahren wurden in vielen Bereichen der Altenarbeit aus diesem Grund spezielle Wohn- und Arbeitskonzepte für die Betreuung und Pflege dieses Klientels entwickelt. Eine besondere Herausforderung wird hier an das Pflegepersonal gestellt. Die Pflege muss dank der aktuellen Gesundheitspolitik immer schneller „erledigt“ werden und es bleibt immer weniger Zeit für die „Betreuung“ der Patienten. Hinzu kommt eine oftmals mangelnde bis schlechte Qualifikation des Personals, die sich gerade im Bezug auf Demenz- Erkrankungen bemerkbar macht.
Viele Pflegekräfte leiden unter der Arbeit mit den alten Menschen. Vielfach sehen sie sich regelmäßigen Aggressionen, Beleidigungen, sexuellen Angriffen oder Aufforderungen ausgesetzt, die ihnen ihre Arbeit unerträglich machen. Die Arbeit stellt sich für sie als große Belastung dar, unter der dann die Pflegekräfte aber auch die Patienten leiden. Eine große Anzahl von Konzepten und Methoden wurden für die Arbeit mit demenzkranken Menschen entwickelt, die teilweise sehr gute Anregungen geben. S.3/21
Mein Interesse weckte jedoch eine Herangehensweise, die den Mitarbeiter in den Vorder-grund rückt:
Erich Schützendorf hat in seinem Buch „Biotope und Schleusen im Meer der Ver-rücktheit“ über die Metapher der Meereswelt Wege aufgezeigt, wie Einrichtungen und die dort arbeitenden Pflegekräfte mit der großen Belastung umgehen können. Er beschreibt, wie die Pflegekräfte mit ein wenig Aufmerksamkeit für sich sorgen und andererseits auch (endlich) den Bedürfnissen der dementen Menschen gerecht werden können. Das Ergebnis eines ähnlichen Konzeptes wurde mir von Peter Noßbach, dem Pflegedienstleiter des „Seniorenzentrum am Ihmeufer“ vorgestellt, und ich konnte mich von der Wirkung bei einem Besuch auf der Demenzstation überzeugen. Herr Noßbach hat in seiner Einrichtung ein Konzept der Mitarbeiterführung umgesetzt, das Elemente aus „Biotope und Schleusen...“ beinhaltet.
Biotope und Schleusen im Meer der Ver-rücktheiten
Die Metapher des Meeres - Symbole für andere Welten
Erich Schützendorf verwendet in seinem Buch geschickt Metaphern wie das Meer und dazugehörende Elemente, um die Arbeit in der stationären Altenpflege zu beschreiben. Dadurch erlaubt er dem Leser eine besondere Herangehensweise an sein Konzept: „Metaphern schauen wir uns als vermeintliche Sprachbilder nicht einfach an, sondern in ihnen erleben wir unsere Welt. In der Metapher und neuen metaphorischen Denk- und Sprachbildern blicken wir nicht konkret auf ein Bild, sondern das Bild motiviert unsere Kreativität und Phantasie genauso wie den Verstand und unserer Emotional ität.“(Huber 2001, S.62) Indem er Worte wie „Schleusen“, „Biotope“, „Boote“, „Rettungsinseln“, „auftauchen“, „abtauchen“, „luftholen“, „schwimmen“ etc. verwendet, zeichnet er dem Leser ein völlig neues Bild von der Arbeit mit alten, dementen Menschen. Er verdeutlicht bildlich was diese Arbeit bedeutet und wie man sich bei dieser Arbeit fühlt.
Er skizziert zwei Welten, aus denen die Mitarbeiter eintauchen und wieder auftauchen. Da ist zum einen das Festland der Normalität, die Welt der klaren Regeln, der Realität, der klaren Zeichen und der festgelegten Zeiten es ist die Welt der funktionierenden Erwachsenen, der Rationalität, der Logik, der Zweckmäßigkeit, der Zivilisation, des Erfolges (vergl. Schützendorf 2000, S. 25).
Die Welt der stationären Altenpflege, der Demenzstation wiederum, skizziert er als das Meer der Verrücktheit, eine Welt in der die Realität kaum noch vorhanden ist. Im Meer der Verrücktheit gelten andere Regeln. Die Menschen, die hier l eben, haben alle ihre eigene Welt in ihrem Kopf. S.4/21
Vorgegebene Zeiten, klare Regeln, Vorschriften, Symbole haben für diese Menschen keine oder zumindest fast keine Bedeutung. Schnell ist vergessen was eben noch wichtig war. Das Handeln wird unrational und ist bestimmt von nach außen hin unverständlichen Emotionen und Bedürfnissen.
Die hier lebenden Menschen können „(...) ihre Ängste, Gefühle, Träume, Phantasien, Sehnsüchte, Freuden, ihre Lust, Bösartigkeit, und Gier nicht mehr, wenn es darauf a nkommt, beherrschen“(Schützendorf 2000, S. 25).
Die Pflegekräfte einer solchen Einrichtung stehen zwischen diesen Welten, sie tauchen ab ins Meer der Verrücktheiten um ihre Arbeit zu verrichten, sie tauchen auf ins Festland der Normalität um Luft zu holen, Kraft zu tanken, um dann wiederum abzutauchen. Schützendorf beschreibt in seinem Buch wie er mit den Mitarbeitern Biotope für die Bewohner geschaffen hat. Es wurden Schleusen für die Mitarbeiter entwickelt um diesen den Übergang zwischen den Welten einfacher und bewusster zu machen. Rückzugsräume für die Pflegenden ermöglichen ihnen aufzutauchen und aufzutanken. Symbole geben den Mitarbeitern die Möglichkeit, sich auf die Eigenwelt der Ver-rückten einzulassen. Durch diese Veränderungen können in stationären Altenpflege Einrichtungen ganz neue Atmosphären geschaffen werden, die das Wohnen und Arbeiten um einiges erträglicher machen. Es werden sowohl bei den Mitarbeitern als auch bei den Bewohnern Ressourcen geweckt, die vorher nicht zu erahnen waren.
Biotope, Rückzugsräume und Wohlfühlräume
Alten- und Pflegeheime sind in der Regel funktional eingerichtet und wirken steril. Eine Atmosphäre die nicht gerade zum wohlfühlen einlädt.
„In funktionalen Heimen ist wenig Raum für Ver-rückheiten. Statt geeignete räumliche Bedingungen zu schaffen, wird geordnet, gerichtet, ermahnt, reglementiert, gedroht, g eschimpft und gelobt, wenn die Menschen sein wollen wie sie sind: böse und zärtlich, herrisch und ängstlich, zufrieden und unzufrieden, traurig und lustig, aufdringlich und abweisend, unruhig und apathisch“ (Schützendorf 2000, S.101).
S.5/21
Arbeit zitieren:
Diplom Sozialarbeiter/Sozialpädagoge FH Christian Grieß, 2004, Rückzugsräume und Übergänge, München, GRIN Verlag GmbH
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