Geschichte der Logistik
von: Christian Heinen
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1. Der militärische Logistikbegriff 5
1. 1 Etymologische Bedeutung 5
1. 2 Der Logistikbegriff bei Leontos VI 7
1. 3 Der Logistikbegriff bei Jomini 8
1. 4 Der Logistikbegriff im amerikanischen Militär 10
2. Der Betriebswirtschaftliche Logistikbegriff 12
2. 1 Die Übernahme des militärischen Logistikbegriffs in die amerikanische Ökonomie 12
2. 2 Die Übernahme des Logistikbegriffs in die deutsche Betriebswirtschaftslehre 14
2. 2. 1 Marketing-Logistik 14
2. 2. 2 Der systemorientierte Logistikansatz nach Ihde und Kirsch 16
3. Der historische und ökonomische Hintergrund der betriebswirtschaftlichen Logistik 18
3. 1 Die Theorie des Strukturwandels nach J. Fourastié 18
3. 2 Die Auswirkung des Strukturwandels auf die betriebswirtschaftliche Logistik 20
3. 3 Die Einführung von Software in der Logistik 23
3. 4 Die langfristige Wirtschaftsprognose von J. M. Keynes (1943) 26
3. 5 Das Rationalisierungspotential der Logistik 27
4. Ausblick 30
5. Resümee 31
Literaturverzeichnis 33
Einleitung
Wie kommt man dazu, eine Arbeit über die Geschichte einer betriebswirtschaftlichen Teildisziplin zu schreiben? Vor allen Dingen als Zwischenprüfung in Geschichte und nicht etwa in Betriebswirtschaftslehre? Diese Fragen sind schnell beantwortet. „Geschichte ist alles! Alles, was bis zum jetzigen Zeitpunkt geschehen ist.“ Somit fällt natürlich auch die Entwicklung der Logistik unter „Geschichte.“
Seit ein paar Jahren spricht alles von Logistik. Ist Logistik nur ein Modewort oder steckt mehr dahinter? Die moderne Logistik ist ein Teilbereich der Betriebswirtschaftslehre, welcher innerhalb der letzten 20 Jahre einen enormen Bedeutungszuwachs erfahren hat. Neue Studiengänge, Forschungsarbeiten und Publikationen sind die Ergebnisse. Umfragen in den USA und in europäischen Ländern ergeben ganz deutlich, dass auch Unternehmen der Logistik einen bedeutend höheren Stellenwert einräumen als noch vor ein paar Jahren.1 Historisch betrachtet lässt sich logistisches Denken und Handeln bereits im Altertum, z. B. bei der Planung von Marschrouten und der Versorgung der Truppen, nachweisen. Davon ausgehend ergibt sich eine Ausweitung des Logistikbegriffes von einer engen militärischen Konzeption zu einer betriebswirtschaftlichen Wissenschaft. Die Methodik der Geschichtswissenschaft ist hervorragend geeignet, um eine solche Entwicklung zu strukturieren und aufzuarbeiten. Dabei muss man sowohl auf volkswirtschaftlichen Faktoren wie Globalisierung, Wirtschaftswachstum und Strukturwandel als auch auf betriebswirtschaftliche Faktoren wie Rationalisierung, Kostenanalyse und Marketing eingehen. Diese Interdisziplinarität macht das Thema besonders reizvoll.
Die Anzahl der Publikationen zur betriebswirtschaftlichen Logistik wuchs seit ihrer Entstehung in den 50er Jahren sehr schnell und ist heute schon fast unübersehbar groß. Allerdings belassen es die meisten Autoren, wenn sie überhaupt auf die Historie eingehen, bei einer Erwähnung des militärischen Ursprungs der Logistik. Die militärgeschichtlichen Quellen behandeln die Logistik ausschließlich in ihrer Versorgungsfunktion und gehen nicht auf ihr ökonomisches Potential ein. Dass der Begriff Logistik u. a. einen etymologischen Bezug zur mathematischen Entscheidungstheorie (Formale Logik) hat, sorgte in den Anfangsjahren der Logistikverbreitung in Europa punktuell für Verwirrung (Bsp. aus einem Firmen-ABC der frühen siebziger Jahre: Logistik = Wir halten es mit der Logik). Es gibt bis heute noch keine einheitliche Definition des Logistikbegriffes. Jedoch ist das heterogene Verständnis zum Logistikbegriff nicht das Resultat der Diskussion der letzen Jahre, sondern das Ergebnis einer weitreichenden historischen Entwicklung. In dieser Arbeit wird dargestellt, wie sich der Logistikbegriff im Laufe der Zeit gewandelt hat und dabei soll explizit auf jene Faktoren eingegangen werden, die diese Wandlung ermöglichten. Dies kann nur geschehen, indem neben dem Begriff Logistik auch der Wesensinhalt der Wissenschaft Logistik dargestellt wird. Somit hat die vorliegende Arbeit neben dem begriffshistorischen Schwerpunkt in den Kapiteln eins und zwei noch einen ökonomischen Schwerpunkt im dritten Kapitel.
1. Der militärische Logistikbegriff
1. 1 Etymologische Bedeutung
Etymologisch betrachtet lässt sich der Ursprung des Begriffs Logistik auf verschiedene Wortstämme zurückführen. Nach Ansicht vieler Autoren ist der Begriff in seiner neuzeitlichen Bedeutung abgeleitet von dem französischen Verb loger (unterbringen, wohnen) bzw. logis (Unterbringung), welches aus dem lateinischen logistare (vermieten, verpachten, unterbringen) entstanden ist.2 Ein anderer Bezug besteht zu dem griechischen Wort lego (denkbar) bzw. die davon abgeleiteten Worte logos (Wort, Verstand, Vernunft, Rechnung), logistikos (der Denkende) und logizomai (rechnen, überlegen).3 Das Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaften (HdWW) sieht die etymologischen Wurzeln der Logistik im Germanischen: „[...]die wahrscheinlich auf Militärs zurückgehende Vermutung, dass der Begriff Logistik aus dem Griechischen logos [...]herzuleiten sei, ist nicht haltbar. [...]Das Wort logis entstammt nicht aus dem griechischen Wortstamm logos bzw. seinen lateinischen Lehnworten, sondern ist aus dem germanischen louba (die Laube, das Häuschen) ins Französische entlehnt.“ 4 Auch Bjelicic5 führt den militärischen bzw. ökonomischen Logistikbegriff nicht auf das griechische logos zurück, sondern auf den französischen Begriff maréchal de logis (Quartiermeister). Den Ursprung des Verbs loger sieht er im altniederfränkischen Laubja (die Laube), das im Altfranzösischen als Loge auftaucht.6 Der Zusammenhang zwischen Loge und Laube wird in der deutschen Etymologie bestätigt:
„Loge f. Unser Laube ist in Frz., Engl. und Ital. gelangt. Frz. loge ′Kabinettchen in einem Opernhaus′. Engl. lodge ′Versammlung(sort) der Freimaurer′[...]. Ital. loggia ′halboffene Bogenhalle′.“7 Militärische Bedeutungen für Loge tauchen in der französischen Etymologie auf. Hier heisst es: „Loge, abri de feuillage, surtout pour les troupes (ca. 1138 bis 13. Jahrhundert), tente (Zelt) (12. bis 13. Jahrhundert), baraque (Baracke) (p. ex. pour les soldats) bzw. cabane (Hütte) (12. Jahrhundert).“ 8 Gegen den Ursprung des Wortes Logistik aus dem Französischen spricht, dass bereits in Athen, Byzanz und im Römischen Reich Beamte mit dem Titel Logista die Funktion von Finanzrevisoren bzw. Nahrungsmittelverteilern wahrnahmen. Ihre Zuständigkeit war die Planung der Verpflegung, die Unterbringung und die Marschrouten der römischen Legionen bzw. der mitgetriebenen Viehherden.9
In der Mathematik verstand man bis ins 16. Jahrhundert unter Logistika die praktische Rechenkunst in Abgrenzung zur Arithmetik, der Theorie hierüber.10 Mathematische Funktionen, die als modifizierte Exponentialfunktionen definiert werden können, bezeichnet man als logistische Funktionen.11 Solche Funktionen werden beispielsweise zur Beschreibung des Wachstums der Bevölkerung oder zur Darstellung des Lebenszyklusses eines Produktes von der Markteinführung bis zur Marktsättigung verwendet.12 Begriffsdeutungen, die sich auf die mathematische Dimension der Logistik beziehen werden immer auf den griechischen Wortstamm zurückgeführt.13 Im Brockhaus wird 1908 schlicht definiert: „Logistik (grch.), f. Arithmetik.“14 In der Ausgabe von 1970 wird der Begriff plötzlich nicht mehr auf den griechischen, sondern auf den französischen Ursprung zurückgeführt und hat u. a. eine militärische Bedeutung.
„Logistik [aus frz.] die, 1) Militär: der Zweig der militärischen Führung, der die materielle Versorgung, die Materialerhaltung, die Materiallenkung, die Verkehrsführung, den Abschub der Verwundeten und Kranken sowie die Infrastruktur der Streitkräfte zur Aufgabe hat[...] 2) Philosophie: [...]eine heute kaum noch gebräuchliche Bezeichnung für die moderne formalisierte Logik.“15 In der Philosophie wird „Logistik“ seit 190416 zum Teil synonym mit „mathematischer Logik“ und „symbolischer Logik“ verwendet.17 Die Symbolic Logic geht zurück auf Leibnitz (1646-1716) und Boole (1815-1864). Sie ist die Lehre von den formalen Beziehungen zwischen Denkinhalten, deren Beachtung im tatsächlichen Denkvorgang für dessen logische Richtigkeit entscheidend ist, wobei die Quantifizierbarkeit dieser formalen Beziehungen vorausgesetzt wird.18
[...]
1 H. Baumgarten, A. Wiegand: Managementtrends und –entwicklungen in der Logistik. Ergebnisse der Untersuchung Trends und Strategien in der Logistik 2000. Berlin 1997, S. 3f.
2 P. Rupper (Hrsg.): Unternehmenslogistik: Ein Handbuch für Einführung und Ausbau der Logistik in Unternehmen. Zürich 1987, S. 5; M. Broggi: Ursprung und Geschichte. Logistik im Wandel der Zeit. In: Jahrbuch der Logistik, 4. Jg. (1990), hrsg. von C. Bonny. Düsseldorf, Frankfurt am Main 1990, S. 216-217; Gösta B. Ihde (1972): Logistik. Physische Aspekte der Güterdistribution. Stuttgart 1972, S. 11; H. Chr. Pfohl (2000): Logistiksysteme. Betriebswirtschaftliche Grundlagen. Berlin, Heidelberg 2000, S. 11; R. Jünemann (1989): Materialfluss und Logistik. Systemtechnische Grundlagen mit Praxisbeispielen. Berlin, Heidelberg 1989, S. 8.
3 The New Encyclopaedia Britannica: Vol. 14 Lighting to Maximilian. Chicago 1969, S. 239; J. Kapoun: Logistik – ein moderner Begriff mit langer Geschichte. In: Zeitschrift für Logistik 2 (1981) Nr. 3. Landsberg 1981, S. 123ff.
4 Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaften (HdWW): Bd. 5. Lagerhaltung bis Oligopoltheorie. Stuttgart 1980, S. 54.
5 B. Bjelicic: Logistik: Eine sprachhistorische und begriffsinhaltliche Untersuchung. In: Muttersprache: Zeitschrift zur Pflege und Erforschung der deutschen Sprache, Bd. 97, Heft 3 - 4, Wiesbaden 1987. S. 153-161.
6 Ibid, S. 154.
7 F. Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 21. unveränderte Auflage. Berlin 1975, S. 445.
8 Französisches Etymologisches Wörterbuch: Bd. 16. Basel 1959, S. 446.
9 Vgl. Jünemann (1989), S. 4; Encyclopaedia Britannica, S. 239.
10 Kapoun, S. 123ff. ; Bjelicic, S. 154.
11 H. Chr. Pfohl (1972): Marketing-Logistik. Gestaltung, Steuerung und Kontrolle des Warenflusses im modernen Markt. Mainz 1972, S. 16.
12 Ibid.
13 HdWW, S. 54.
14 Brockhaus` Konversations-Lexikon (1908): 14. vollständig neubearbeitete Auflage. Bd. 11. Lechenich -Mori. Leipzig 1908, S. 247.
15 Brockhaus Enzyklopädie in zwanzig Bänden (1970): 17. völlig neubearbeitete Auflage des großen Brockhaus. Bd. 11, L-MAH. Wiesbaden 1970, S. 557.
16 „Terme proposé au Congrès de Genève (septembre 1904) par M. Itelson. M. Itelson, Lalande et Couturat, sans entente ni communication préalables, se sont rencontrés pour donner à la logique nouvelle le nom de logistique.“ Zu der Beziehung zwischen der philosophischen Logik und der Logistik geht ausführlich ein: G. Tronche: Le fléau de lábandon des études logiques. Online im Internet: URL: http://perso.wanadoo.fr/thomiste/logique.htm#_Hlk508962585 [Stand: 2004-06-02].
17 Pfohl (2000), S. 11.
18 Pfohl (1972), S. 16.
Arbeit zitieren:
Christian Heinen, 2004, Geschichte der Logistik, München, GRIN Verlag GmbH
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