Gliederung
0. Einleitung
1. Grenzen der Erfahrung
2. Grenzen der Vernunft
3. Selbsterkenntnis
4. Nachgiebigkeit
5. Heilsstreben
Bibliographie
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0. Einleitung
Gegenstand dieser Seminararbeit ist das Essai III,13 „De l’experience” von Michel de Montaigne. Die Besprechung erfolgt anhand der wichtigsten Anliegen dieses Essais, den fünf Themen „Grenzen der Erfahrung”, „ Grenzen der Vernunft”, „Selbsterkenntnis”, „Nachgiebigkeit” und „Heilsstreben”. Sie ist daher nicht in jedem Fall chronologisch. An gegebener Stelle wird auf ähnliche oder gegensätzliche Äußerungen in anderen Essais verwiesen.
1. Grenzen der Erfahrung
Keine Begierde ist natürlicher als die Wissbegierde, stellt Montaigne zu Beginn des Essais fest. „Il n’est desir plus naturel que le desir de connoissance.” 1 (Montaigne 1962:1041) Wir nutzen alle Mittel, die uns geeignet scheinen, unser Wissen zu vergrößern. Wenn die Vernunft dafür nicht mehr ausreicht, greifen wir auf die Erfahrung zurück. Doch diese dient nur als Notbehelf, denn die Vernunft ist stärker und würdiger 2 , „mais la verité est chose si grande, que nous ne devons desdaigner aucune entremise qui nous y conduise.” (Montaigne 1962:1041) Wir vergleichen zwei Dinge oder Ereignisse miteinander und kommen zu bestimmten, leider sehr unzuverlässigen Schlussfolgerungen. „La consequence que nous voulons tirer de la ressemblance des evenements est mal seure, d’autant qu’ils sont tousjours dissemblables: il n’est aucune qualité si universelle en cette image des choses que la diversité et varieté.” (Montaigne 1962:1041) Selbst zwei Eier sind sich nicht so gleich, dass es unmöglich wäre, sie voneinander zu unterscheiden. „La ressemblance ne faict pas tant un comme la difference faict autre. Nature s’est obligée à ne rien faire autre, qui ne fust dissemblable.” (Montaigne 1962:1042)
1 Doch die Kenntnis von Ursache oder Ursprung steht den Menschen nicht zu. Essai III,11: „La cognoissance des causes appartient seulement à celuy qui a la conduite des choses, non à nous qui n’en avons que la souffrance, et qui en avons l’usage parfaictement plein, selon nostre nature, sans en penetrer l’origine et l’essence.” (Montaigne 1962:1003) 2 An anderer Stelle, im Essai II,12, wird die Vernunft als unverlässliches Werkzeug beschrieben, „mit dem sich keine Erkenntnisse gewinnen lassen.” (Friedrich 1993:119) „J’appelle tousjours raison cette apparence de discours que chacun forge en soy; cette raison, de la condition de laquelle il y en peut avoir cent contraires autour d’un mesme subject, c’est un instrument de plomb et de cire, alongeable, ployable et accommodable à tous biais et à toutes mesures”. (Montaigne 1962:548)
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2. Grenzen der Vernunft
Trotz der vorherrschenden Eigenschaft der Verschiedenheit teilen alle Dinge und Ereignisse eine gewisse Ähnlichkeit miteinander. Es gibt keine Sache, die sich völlig von einer anderen unterscheiden würde. „Comme nul evenement et nulle forme ressemble entierement à une autre, aussi ne differe nulle de l’autre entierement.” (Montaigne 1962:1047) Dies trifft auf jedes Verbrechen, auf jeden Rechtsstreit zu und bildet die Grundlage, auf der Gesetze bei ähnlichen Fällen ausgedehnt werden. (vgl. MacLean 1998:44) Den Richtern bleibt dabei immer ein Spielraum, in dem sie frei entscheiden und die Vorschriften interpretieren können. Doch der Versuch, die Macht der Richter einzuschränken, indem möglichst viele Gesetze geschaffen werden, scheitert. „Car nous avons en France plus de loix que tout le reste du monde ensemble, et plus qu’il n’en faudroit à reigler tous les mondes d’Epicurus ... et si, avons tant laissé à opiner et decider à nos juges, qu’il ne fut jamais liberté si puissante et si licencieuse.” (Montaigne 1962:1042) Auch mit einer noch so großen Anzahl von Gesetzen kann nicht jeder denkbare Einzelfall abgedeckt werden, denn eine Abweichung wird es jedesmal geben, sei sie auch noch so gering.
Die festgeschriebenen Gesetze können das w andelbare Verhalten der Menschen kaum widerspiegeln. Das starre Allgemeine ist nicht in der Lage, die ständige Flut des Individuellen und Besonderen zuverlässig zu ordnen und zu bewerten. „Il y a peu de relation de nos actions, qui sont en perpetuelle mutation, avec les loix fixes et immobiles. Les plus desirables, ce sont les plus rares, plus simples et generales; et encore crois-je qu’il vaudroit mieux n’en avoir point du tout que de les avoir en tel nombre que nous avons.” (Montaigne 1962:1042f.) Jeder Sachverhalt hat „seine eigene Problematik und seine eigene Lösung.” (Friedrich 1993:182) Montaigne schlägt deshalb vor, man solle lieber jeden einzelnen Fall für sich betrachten und ihn mit dem gesunden Menschenverstand beurteilen, ohne Präzedenzfälle berücksichtigen zu müssen oder selbst welche zu schaffen, „selon les occurrences et à l’oeil, sans obligation d’exemple et de consequence”. (Montaigne 1962:1043) Montaigne verspottet die Methode, Gesetzestexte und andere Bücher zu interpretieren. (vgl. MacLean 1998:45) Da es keine zwei gleichen Dinge gibt, kann es auch keine zwei gleichen Meinungen geben. „Jamais deux hommes ne jugerent pareillement de mesme chose, et est impossible de voir deux opinions semblables exactement, non seulement en divers hommes, mais en mesme homme à diverses heures.” (Montaigne 1962:1044) Jede Interpretation, jeder zusätzliche Kommentar muss daher anders ausfallen und eher verwirren als klären. „Je ne sçay qu’en dire, mais il se sent par experience que tant
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d’interprétations dissipent la verité et la rompent.” (Montaigne 1962:1044) So entstehen Zweifel und Unsicherheit.
Um ein Wort zu erklären, nutzt man ein anderes, meist ein weniger bekanntes, noch schwierigeres. „Je sçay mieux que c’est qu’homme que je ne sçay que c’est animal, ou mortel, ou raisonnable.” (Montaigne 1962:1046) „Statt die Dunkelheit der Dinge zu lichten, macht das Wort sie noch dunkler” (Friedrich 1993:151), denn Worte sind vieldeutig und unzuverlässig. 3 Sie drücken das Gemeinte nicht exakt aus und sind für Erklärungen im Grunde gar nicht geeignet. (vgl. Friedrich 1993:150) Auch die reinen Gesetzestexte sind nur schwer verständlich, zum einen durch die unklare Ausdrucksweise der Juristen, die jede Silbe genau abwägen und sich in Floskeln verstricken, „s’appliquans d’une peculiere attention à trier des mots solemnes et former des clauses artistes” (Montaigne 1962:1043), zum anderen aufgrund der Tatsache, dass diese Texte nicht in französischer Sprache abgefasst sind und vom Volk nicht verstanden werden können. „Pourquoy est-ce que nostre langage commun, si aisé à tout autre usage 4 , devient obscur et non intelligible en contract et testament, et que celuy qui s’exprime si clairement, quoy qu’il die et escrive, ne trouve en cela aucune maniere de se declarer qui ne tombe en doubte et contradiction?” (Montaigne 1962:1043) Deshalb versucht man, die unverständlichen Gesetzestexte zu erklären und zu interpretieren. Doch der Mensch gibt sich nicht mit dem zufrieden, was er selbst oder ein anderer zu einem Thema herausgefunden hat. Immer wieder begibt man sich auf die „chasse des cognoissance” (Montaigne 1962:1045), denn es ist immer noch Platz für eine weitere Erklärung. „C’est signe de racourciment d’esprit quand il se contente, ou de lasseté. Nul esprit genereux ne s’arreste en soy: il pretend tousjours et va outre ses forces”. (Montaigne 1962:1045) Doch das ist kritisch gemeint. Der ständige Forscherdrang endet in Verwirrung und Selbsttäuschung. (vgl. Friedrich 1993:33f.) „Il y a plus affaire à interpreter les interpretations qu’à interpreter les choses, et plus de livres
3 Das Essai I,24 zeigt, dass in der Vieldeutigkeit und Interpretierbarkeit des Wortes die Chance liegt, in einem Text unbeabsichtigte Reichtümer zu entdecken. (vgl. Friedrich 1993:151) „Un suffisant lecteur descouvre souvant ès escrits d’autruy des perfections autres que celles que l’autheur y a mises et apperceües, et y preste des sens et des visages plus riches.” (Montaigne 1962:126)
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4 In II,12 weitet Montaigne die Schwächen der Sprache auf alle Lebensbereiche aus: „Nostre parler a ses foiblesses et ses defauts, comme tout le reste. La plus part des occasions des troubles du monde sont Grammairiennes.” (Montaigne 1962:508)
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sur les livres que sur autre subject: nous ne faisons que nous entregloser.” (Montaigne 1962:1045) Dennoch weiß Montaigne, dass es aufgrund des verschiedenartigen pluralen Lebens nicht ohne festgeschriebene Gesetzestexte und deren Interpretationen funktionnieren kann. (vgl. MacLean 1998:45) Seine Forderung, auf starre Gesetze zu verzichten und stattdessen dem bildhaften Grundsatz „A chaque pied son soulier” (Montaigne 1962:1043) zu folgen, ist nicht juristischer, sondern philosophischer Natur. Montaigne vermeidet es, seine theoretischen Erkenntnisse in die Praxis einzuführen. (vgl. Frie drich 1993:182) An selbst erlebten Beispielen zeigt Montaigne, dass die Gesetze regelmäßig mit Fehlern belastet sind. „Il n’est rien si lourdement et largement fautier que les loix, ny si ordinairement.” (Montaigne 1962:1049) Sie werden oft von Dummköpfen oder von Menschen ohne Gerechtigkeitssinn aufgestellt, sind nicht nur schwer verständlich, sondern auch realitätsfern und inkonsequent, was Fehler bei Auslegung und Umsetzung oft entschuldigt. „Considerez la forme de cette justice qui nous regit: c’est un vray tesmoignage de l’humaine imbecillité, tant il y a de contradiction et d’erreur.” (Montaigne 1962:1047) Die Rechtsprechung ist einseitig, denn sie kennt nur Bestrafung und ist nicht in der Lage, das Böse mit dem Guten abzuwä gen, so dass jeder, der mit ihr in Berührung kommt, nur verlieren kann. „Nostre justice ne nous presente que l’une de ses mains, et encore la gauche. Quiconque il soit, il en sort avecques perte.” (Montaigne 1962:1048) „Combien avons-nous descouvert d’innocens avoir esté punis, je dis sans la coulpe des juges; et combien en y a-t-il eu que nous n’avons pas descouvert?” (Montaigne, 1962:1047) Montaigne erzählt von einem Mord, für den Unschuldige zum Tode verurteilt wurden, obwohl sie bereits von jedem Verdacht befreit waren. Die Richter hatten dabei keinen Fehler gemacht; sie waren nur den Vorschriften gefolgt. „Combien ay-je veu de condemnations, plus crimineuses que le crime?” (Montaigne 1962:1048) Jedoch gibt es nichts, was an sich gerecht wäre. Das Recht hat seinen Ursprung in der Gewohnheit oder „im Rechtlosen einer einstigen Machtsituation” (Friedrich 1993:180): „les coustumes et loix forment la justice”. (Montaigne 1962:1048) Die bestehenden Ordnungen wurden nicht aus der Vernunft geboren, sondern sind der menschlichen Willkür entsprungen. 5 Deshalb kann man sie auch nicht mit Vernunft begründen. Montaigne wendet diesen Gedanken in seine „Lieblingsparadoxie”, dass etwas Rechtswidriges die Voraussetzung für die Gesundheit der Gesellschaft
5 II,12: „Les loix prennent leur authorité de la possession et de l’usage; il est dangereux de les ramener à leur naissance”. (Montaigne 1962:567)
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Arbeit zitieren:
Jana Silvia Lippmann, 2004, Zu Montaigne: Essai III,13 - "De l'experience", München, GRIN Verlag GmbH
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