Über die Möglichkeit der Erkenntnis durch die
religiöse Erfahrung in
"Was ist Religion?" von Keiji Nishitani
von: Barbara Piechota-Lutum
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Über das Bewußtsein als unvollkommene Quelle der Wahrheit 3
3. Über das Gewahrwerden des Nichts und die religiöse Perspektive der Lebensbetrachtung 6
4. Über das Verhältnis der Philosophie zu der Religion 9
5. Zusammenfassung 12
6. Literaturverzeichnis 13
1. Einleitung
Im Zentrum dieser Arbeit steht die Auseinandersetzung mit der Religionsphilosophie von Keiji Nishitani in seinem Buch "Was ist Religion?" und insbesondere mit der Frage nach der Möglichkeit der Erkenntnis durch die religiöse Erfahrung. Diese Arbeit wird sich vor allem auf das erste Kapitel des genannten Buches beziehen, unter dem gleichen Titel "Was ist Religion?". Im Folgenden (Kapitel 2 und 3) wird zuerst ein Versuch unternommen, Nishitanis Standpunkt, Religion sei eine Notwendigkeit im Leben eines Menschen, zu erklären. Meine diesbezüglichen Fragen sind: Warum ist Religion nach Nishitani notwendig, was ist mit der Rückkehr zum Ursprung des Lebens und mit dem Gewahrwerden des Nichts gemeint und was haben diese Fragen mit der Frage nach der Möglichkeit der Erkenntnis zu tun? In dem daran anschließenden Kapitel (Kapitel 4) wird überlegt, was mit der Umwandlung des methodischen (philosophischen) Zweifels in den großen religiösen Zweifel gemeint ist und wie das Verhältnis der Philosophie zu der Religion bei Nishitani zu bestimmen ist. Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefaßt und eine Schlußfolgerung gezogen.
2. Über das Bewußtsein als unvollkommene Quelle der Wahrheit
Nishitani beginnt seine Ausführungen über Religion mit der Aufstellung der These, die Religion sei für das Leben jedes einzelnen notwendig. Religion ist nach Nishitani deswegen notwendig, weil sie dazu verhelfe, zum Ursprung des Lebens zurückzukehren. Diese Rückkehr ermöglicht uns weiterhin eigenes Sein zu realisieren, d.h. tiefer und vollkommener zu erfahren und somit auch die Welt der Dinge wirklich zu erkennen. 1
Für seine Begründung der Notwendigkeit der Religion, kritisiert Nishitani zuerst den von Descartes etablierten Dualismus zwischen der res cogitans, deren Wesen Bewußtsein ist, und der res extensa, deren Wesen Ausdehnung ist. Worauf dieser Dualismus beruht und welche Probleme er, laut Nishitani, nach sich zieht, die wiederum die Religion als notwendig für das Leben jedes einzelnen etablieren, soll im folgenden dargestellt werden. Um die gedankliche Konstruktion Descartes besser zu veranschaulichen, soll hier ein Zitat verwendet werden, das seinen Grundgedanken gut illustriert: "Ich erkannte daraus, daß ich eine Substanz sei, deren ganze Wesenheit der Natur bloß im Denken bestehe [...], so daß dieses Ich, d.h. die Seele, wodurch ich bin, was ich bin, vom Körper selbst völlig verschieden und selbst leichter zu erkennen ist als dieser und auch ohne Körper nicht aufhören werde, alles zu sein, was sie ist."2
Indem sich also Descartes hier als "denkendes Etwas" - (res cogitans) definiert, stellt er dieses denkende Etwas grundsätzlich der Außenwelt gegenüber. Den eigenen Körper wie auch die Dinge der Außenwelt bezeichnet er ferner als "ausgedehnte Sachen" - res extensae und formuliert damit neben dem radikalen Vorrang des Selbstbewußtseins einen Grundzug des neuzeitlichen Denkens, nämlich den Dualismus von Ich und Außenwelt.
Nishitani weist darauf hin, daß in diesem Dualismus einerseits das Ich als diejenige Realität festgestellt wird, die sich in keiner Weise bezweifeln läßt, andererseits erscheinen die Dinge in der natürlichen Welt als Dinge, die keine lebendige innere Verbindung zum Ich haben.3 In der Aufspaltung des Lebens in das Bewußtsein (denkendes Ich) einerseits und alle anderen Dinge andererseits sieht Nishitani ein Problem. Auf der Ebene des Bewußtseins ist es nämlich nicht möglich, mit den Dingen, wie sie wirklich sind, in Berührung zu kommen, und an die Realität der Dinge wahrhaft heranzureichen. 4 Wir sehen nämlich die Dinge an, indem wir von uns selbst absehen, d.h. wir betrachten sie sozusagen von der Festung des Selbst und treten in Beziehung zu ihnen durch unsere Gedanken und Vorstellungen. Diese Gedanken, die Bewußtsein genannt werden, sind jedoch auch nur gedacht und lassen sich nicht von etwas anderem als dem denkenden Subjekt ableiten. So wird das denkende Ich nicht von etwas Objektiven abgeleitet, sondern jedesmal von dem jeweiligen denkenden Subjekt. Die durch solches subjektiv abgeleitetes Ich erlangte Wahrheit verliert deswegen ihren Evidenzcharakter: "`Ich denke, also bin ich` ist, wie gesagt, die am unmittelbarsten evidente Wahrheit. Wenn sie aber von derselben Position des `ich denke` aus anvisiert wird, so hat dies zur Folge, daß diese Wahrheit gerade dadurch ihren Evidenzcharakter verliert"5.
Wenn wir also, wie Nishitani kritisiert, in Kontakt mit den Dingen durch das bloß von sich selbst her gedachte Ich treten, erfahren wir die Dinge nicht wirklich, sondern lediglich durch das Prisma unserer Gedanken, die keinen objektiven Charakter haben. Auf diese Weise soll problematisch sein, an die Wahrheit zu gelangen.
[...]
1 Nishitani, Keiji: Was ist Religion?. Frankfurt/M: Insel Verlag 1982. S. 40.
2 Helferich, Christoph: Geschichte der Philosophie. Stuttgart 1992. S. 168.
3 Nishitani, K.: Was ist Religion?. S. 52.
4 Ebd., S. 49-55.
5 Ebd., S. 57.
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Barbara Piechota-Lutum, 2003, Über die Möglichkeit der Erkenntnis durch die religiöse Erfahrung in "Was ist Religion?" von Keiji Nishitani, Munich, GRIN Publishing GmbH
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