Andreas Steiner Figurenbeschreibung zwischen Typisierung und Individualisierung Seite - - 1
Gliederung
1. Menschenbild: Figur, Rolle oder Charakter? 2
2. Die Entwicklung des Helden zum idealen Herrscher, Aventiurenstruktur. 3
2.1 Erec. 4
2.2 Iwein - Der passive Held. 6
2.2.1 Calogrenants Erzählung 6
2.2.2 Iweins Aufbruch und Brunnenkampf 7
2.2.3 Hochzeit mit Laudine 8
2.2.4 Iweins Wahnsinn 9
2.2.5 Iweins Heilung/ Gräfin Narison 10
2.2.6 Iwein hilft Lunete I (Einkehr bei Lunete) 11
2.2.7 Episode um die Rettung Lunetes / Kampf gegen den Riesen 11
2.2.8 „Burg zum Schlimmen Abenteuer“ 12
2.2.9 Kampf gegen Gawein. 13
2.2.10 Fazit. 13
3. Der Artushof 14
3.1 Wandel der Bedeutung des Artushofes im Iwein. 14
3.2 Fazit. 16
4. Literatur 18
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1. Menschenbild: Figur, Rolle oder Charakter?
Schwerpunkt der Betrachtungen wird in dieser Arbeit die Figurenkonzeption des Helden im „Iwein“ bilden.
Die Darstellung des Erec soll an dieser Stelle lediglich in ihren Grundzügen in Form von Thesen erfolgen, die Ausgangspunkt für eine detailliertere Untersuchung des Iweins bilden werden.
In der Literatur wird allgemein angeführt, der epische Held in Hartmanns Artusromanen habe im Vergleich zum Legendenheld an Individualität gewonnen, strebe gemäß des eines Entwicklungsgedankens nach persönlicher Vervollkommnung und erreiche so den Status eines vorbildlichen und durch die Autorität des Artushofes bestätigten Helden. Insbesondere durch den doppelten Durchlauf der motivisch aufeinander abgestimmten Aventiurenfolgen (s. 2.) wird auch tatsächlich ein individueller Erfahrungsweg des Helden entworfen.
Es wird im Folgenden zu prüfen sein, in wieweit dieser Erfahrungsweg mit den Begriffen Individualität oder Entwicklung überhaupt zu fassen ist.
Hierzu wird es nötig, Begriffsabgrenzungen vorzunehmen und Kategorien zu deren Anwendung zu bestimmen:
Die Forschung bietet eine Anzahl von Theorien zur Art der Personendarstellung in der Epik des Mittelalters an, die von EHRISMAN in ihrer Anwendung auf das Nibelungenlied zusammengefasst werden (EHRISMANN, S. 213-223).
Eine Anwendung der dort entworfenen Kriterien zur Beurteilung der Figurenbeschreibung auf die Heldendarstellungen in den Artusromanen „Erec“ und „Iwein“ erscheint als fruchtbar: Das Feld zwischen Typisierung und Individualisierung der Figurenbeschreibung wird in dieser Darstellung mit den Begriffen Figuren oder Typen, Rollenträger und Charaktere abgesteckt. Für diese Untersuchung sollen die Begriffe Rolle und Charakter herausgegriffen werden, da die Abgrenzung zwischen Figur und Rolle nicht scharf genug markiert werden kann (so EHRISMANN, S.218).
Für beide Konzepte hat BERTAU Reihen von assoziierten Begriffen entworfen, die sich kontrastierend gegenüberstehen und für diese Darstellung durch den Verfasser dieser Arbeit erweitert wurden (kursiv gedruckt):
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Die Unterschiede zwischen Rolle und Charakter ergeben sich durch einen unterschiedlichen Grad an Eigenständigkeit. „Der Charakter bestimmt die Ereignisse, nicht sie ihn. Er braucht Handlungsalternativen und Lernfähigkeit. Er ist am Ende nicht mehr derselbe wie zu Anfang, er entfaltet sich, entwickelt sich“ (EHRISMANN, S. 220). Das bedeutet, der Charakter muss fähig sein sich an seine Handlungen zu erinnern, sie zu reflektieren um daraus eine Änderung seines Verhaltens abzuleiten. So ist er auch in der Lage, Schuld zu erkennen und bewusst Sühne zu leisten.
Nach der Rollentheorie wird das Handeln der Personen von der Gruppe her bestimmt: Zu jedem Status innerhalb einer Gruppe gehört eine entsprechende Rolle, ein bestimmtes Verhalten in Gegenwart anderer. „Von der Gruppe her gesehen, ist die Rolle normiert. Man erwartet vom Statusinhaber ein bestimmtes Verhalten: sein Rolle“ (SCHOECK 1973, S. 283) Er reagiert damit lediglich auf Situationen in berechenbarer Weise: So, wie man es gemäß den Regeln der Gruppe von ihm erwartet.
Die zum Ausdruck gebrachten Charakteristika von Rolle und Charakter sind traditionell an verschiedene Gattungen gebunden:
Nach gängiger Definition gehört zum Begriff des Epos die Bindung des Helden in eine Lebenstotalität mit festen Ordnungen und Werten (ÆRolle), während dann von Roman gesprochen wird, wenn dem Helden diese Bindung fragwürdig wird, wenn er sich aus ihr löst, um auf die Suche nach sich selbst und seinem Ort in der Gesellschaft zu gehen (ÆCharakter)(vgl HAUG, S.91).
Es wird zu klären sein, ob der Typus des Artusromans mit einer der beiden Begriffsreihungen assoziiert werden kann.
Mit diesen Abgrenzungen ist ein Instrumentarium vorgestellt worden, mit dessen Hilfe sich bei der folgenden Betrachtung der Entwicklungen der Helden im „Erec“ und vor allem im „Iwein“ systematischer beurteilen lassen.
2. Die Entwicklung des Helden zum idealen Herrscher, Aventiurenstruktur
Es wurde oben bereits angesprochen, dass die Helden in Hartmanns Artusromanen „Erec“ und „Iwein“ eine Aventiurenfolge doppelt durchlaufen, sich dabei bewähren und schließlich zu nach
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höfischen Idealen vollkommenen Herrschern werden. Es sei hier die sogenannte „Doppelwegstruktur“ angesprochen, die durch die Analysen von KELLERMANN, BEZZOLA und KUHN zum Gemeingut der Forschung geworden sind (so HAUG, S. 97):
Im ersten Durchgang durch die Abenteuerwelt erringt der bis dahin noch namenlose Held durch ritterliche Taten Ruhm, Anerkennung - Instanz der Anerkennung ist der Artushof - und zugleich die Hand einer schönen Frau, gerät dann aber durch eigenes Fehlverhalten in eine Krise. Im zweiten Durchgang durchlebt der Held eine weitere Folge von Abenteuern, die thematisch in bedeutungsvollem Kontrast auf die erste Folge bezogen sind.
Er erhält Gelegenheit, sich erneut zu bewähren und nach dem universellen Konzept Gewinn-Verlust-Wiedergewinn wiederum zu Ruhm und Anerkennung zu gelangen. HAUG und MERTENS betonen, dass die Episoden nicht einfach aneinandergereiht, sondern auf verschiedenste Weise miteinander in Bezug gesetzt werden und so einen Erfahrungsprozess abbilden.
Die Motive, die im zweiten Durchlauf aufgegriffen werden, lassen auf die Art der Verfehlung schließen. Die Fehler werden im zweiten Durchgang korrigiert, der Held erlangt so den Status des idealen höfischen Herrschers:
Im „Erec“ - soviel sei vorweggenommen - geschieht dies durch die Integration von Liebe in ein durch rechte Gewaltausübung gekennzeichnetes Herrscherkonzept.
Im „Iwein“ sind die Akzente auf die Wahrnehmung herrschaftlicher Pflichten wie Schutz und Verantwortung im politischen Sinne gesetzt (vgl. MERTENS, S. 84).
Die für diese Arbeit bedeutenden Fragen bestehen nun darin, ob der durch die Struktur abgebildete Erfahrungsprozess überhaupt von den Helden reflektiert wird, ob sie die gemachten Fehler tatsächlich selbst korrigieren, Handlungsfolgen selbstmotiviert herbeiführen und sich auf einer Suche nach sich selbst entwickeln.
2.1 Erec
Wie oben bereits angemerkt, soll die Darstellung der „Entwicklung“ des Erec an dieser Stelle nur knapp in ihren wichtigsten Aspekten erfolgen:
Der Held im „Erec“ gerät gemäß der oben angesprochenen Doppelwegstruktur nach einer ersten Handlungsreihe, die mit dem Gewinn Enides und Übernahme von Herrschaft endet, in eine Krise, das verligen (V. 2970ff). Er bricht auf und lernt in einem individuellen Erfahrungsweg, die Krise zu überwinden: Die in den Abenteuerfolgen dominierenden Motive (edle Liebe und rechter Kampf) weisen auf die Grundprobleme Erecs hin, die im erzählerischen Prozess bewältigt werden:
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Hervorzuheben sind vor allem die zwei Dreierfolgen der Aventiuren:
In der ersten Folge finden Kämpfe statt, doch stets nur zur Abwehr eigener Bedrohung. Auch im höfisch motivierten Kampf mit Guivret verhält sich Erec noch problematisch. Die zweite Dreierfolge bildet eine steigernde Wiederholung der ersten; in ihr wird sowohl das Idealbild eines Streiters für das Recht entworfen als auch die Begrenztheit eines isolierten Kämpfertums aufgezeigt.
Es herrscht eine außergesellschaftliche Welt (Riesen, Zwerge, Tod), die Erec bewältigen muß und so nach einer Grenzerfahrung, dem Durchgang durch den Tod („Limors“), zu seiner neuen Existenz findet.
In der Schlußaventiure wendet Erec das, was er im zweiten Abenteuerweg gelernt hat, an: Mabonagrain kämpft in seinem Garten nur für sich allein, nicht zur Wahrung des Rechts. MERTENS wertet dies als ein Bild für die reale Gefahr des Einbruchs von Gewalt und Tod in den geschützten Raum höfischer Kultur, der Versuchung zur gewalttätigen Konfliktlösung. Erec grenzt jedoch mit seinem Sieg die permanente Aggressionsbereitschaft einer Kriegergesellschaft aus dem sozialen Model des Hofes aus.
Die in den Abenteuerfolgen thematisierten Grundprobleme Erecs finden nach MERTENS ihre Entsprechung in den Grundproblemen der höfischen Gesellschaft und werden in der Gestalt Erecs überwunden:
Die Schwerpunkte sind auf die Überwindung der Versuchung zu unrechten gewalttätigen Konfliktlösung und auf die Einbindung der Liebe in die höfische Gesellschaft gesetzt.
Doch die Frage, ob der Held seinen Lernprozess reflektiert und selbstmotiviert auf die Suche nach sich selbst gegangen ist, muss stark bezweifelt werden:
An dieser Stelle sei nur die Aufbruchszene nach Enites Klagerede kurz angesprochen: Vom Erkennen oder Reflektieren einer Schuld kann nicht die Rede sein (vgl. CORMEAU/STÖRMER, S. 183): Er bricht abrupt, heimlich und eher ziellos auf und zwingt Enite, mit ihm zu reiten. Beinahe blind steckt er in seiner Rüstung, ist auf die Warnungen Enides, die von Hartman unzweifelhaft als schuldlos dargestellt wird, angewiesen und macht ihr zu Unrecht Vorwürfe. Ein Blick auf die Veränderungen, die Hartmann im Vergleich zu der Vorlage von Chetien vorgenommen hat, zeigt, dass beteiligten Figuren von Hartmann stärker voneinander abgesetzt werden: „Hartmann idealisiert die Guten und pejorisiert die Schlechten“ (BRUNNER, S. 196) Die Veränderungen geschehen zugunsten einer größeren Einheitlichkeit der Artusrolle: Erec „funktioniert“ als Artusritter, die Rolle des idealisierten Artushofes bleibt unbestritten.
Arbeit zitieren:
Andreas Steiner, 2002, Figurenbeschreibung zwischen Typisierung und Individualisierung in Hartmanns 'Iwein', München, GRIN Verlag GmbH
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