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1. Einleitung
In dieser Hausarbeit über Louis-Antoine de Bougainvilles Reisebericht Reise um die Welt möchte ich mich zuerst mit dem Text selbst beschäftigen, um von dieser Basis aus theoreti- sche Überlegungen zu entfalten. Dabei möchte ich mich besonders der Beschreibung Tahi- tis und der darin erkennbaren kulturellen Muster und Denkweisen widmen. Im Rahmen die- ser Beobachtungen werde ich den Ablauf eines, wie im Text beschriebenen, europäisch- überseeischen Kulturkontaktes, die Darstellung des Südseemythos und die literarischen Darbietungsweise Tahitis durch den Autor erläutern.
Danach werde ich auf Aoturu und dessen Funktion in Bougainvilles Reisebericht eingehen. Bei der Beschreibung Aoturus möchte ich mich kurz der Sprache widmen, einem wichtigen Element im Prozess des Wahrnehmens und Verstehens der kulturellen Alterität. Die Sprache kann in diesem Text sowohl auf der Ausdrucks-, als auch auf der Inhaltsebene analysiert werden. Ich lasse allerdings die Sprache des Autors außen vor (auf diese wird kurz bei der Beschreibung des Südseemythos eingegangen) und werde hauptsächlich die Sprache der Wilden, bzw. Aoturus als wissenschaftliches Studienthema des Autors behandeln.
Mit diesen Erkenntnissen möchte ich im Anschluss in einer Diskursanalyse wichtige Leitdis- kurse der französischen Revolution und Aufklärung deren Gegendiskursen gegenüberstel- len, damit die Dialektik in Bougainvilles Beschreibungen erkennbar wird. So gehe ich z. B. auf den Gegensatz und die Beziehung zwischen, Natur und Kultur/Zivilisation, Homme Na- turel und Homme Artificiel und Edlem Wildem und Barbar ein.
Zum Schluss möchte ich, anhand der bis dorthin gewonnenen Ergebnisse, auf die Bezie- hungen zwischen Fremd- und Selbstbild eingehen und erläutern, wie sie den Umgang mit der Alterität und die Interkulturalität – auch in der Literatur - bestimmen.
Den ersten Kontakt zu diesen Themenkomplexen haben mir die Werke von Bitterli und Kohl eröffnet. Zur Vertiefung und insbesondere bei der Bearbeitung der Dialektik und der Diskurs- analyse habe ich mich dann eingehend mit Fludernik, Haslinger und Kaufmann (Der Alteri- tätsdiskurs des Edlen Wilden) beschäftigt und deren Ansätze in dem interkulturellen Teil der Arbeit mit Thum und Wierlacher auf theoretischer Ebene teilweise ergänzt. In der Schlussbe- trachtung werde ich noch einige Ansätze des Kulturphilosophen Cassirer mit einfließen las- sen, um insbesondere den Mythos im Reisebericht Bougainvilles verständlicher zu machen. Am Ende dieser Hausarbeit soll dann klar und deutlich erscheinen, dass sich durch und mit Bougainville ein Umbruch in der Reiseberichterstattung vollzogen hat.
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2. Bougainville und die Reise um die Welt
Bougainvilles Reisebericht Reise um die Welt entstand aus dem während der Fahrt regel- mäßig geführten Bordtagebuch 1 , das nach dem Abschluss der Reise noch überarbeitet wur- de. Man muss also bei der gesamten Lektüre und Analyse des Reiseberichts beachten, dass hier selektierte Informationen vorliegen.
Mit Bougainville und seiner Weltumseglung begann das Zweite Entdeckungszeitalter, in dem die Ziele der Reisen durch Forschungsaufträge und Instruktionen exakt festgelegt waren. Neben einer politischen Aufgabe - der Rückgabe der Falklandinseln an Spanien - ging es zum Ersten um den friedlichen Kontakt mit den Eingeborenen („wir waren ihnen zu sehr ü- berlegen, um sie zu strafen“) 2 . Durch eine harmonische und tolerante Atmosphäre versprach man sich dann zum Zweiten mehr Erfolg bei den wissenschaftlichen Arbeiten, die man auf den fremden Inseln aufnehmen wollte 3 . Die wissenschaftlichen Forschungen (hier neben politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Motiven wie Handel und Seemacht in den Vor- dergrund gerückt) beinhalteten Aktivitäten auf verschiedenen Sektoren wie der Seefahrt, Geografie, Ökologie, Bio- und Zoologie, Agrarwissenschaft, Ethnologie, Astronomie, Medizin und Mathematik, deren Ergebnisse später z. B. in der ‚Royal Society’ und anderen Gelehr- tenkreisen ausgewertet und diskutiert werden sollten. Dazu nahm Bougainville als erster Seefahrer die dafür zuständigen Spezialisten mit an Bord, z. B. den Astronom Verron oder den Arzt Commerson 4 . Und auch Bougainville selbst war sehr gebildet. Aus dem gehobenen Bürgertum stammend, war es ihm möglich zuerst Jurisprudenz und Antike in Paris zu studie- ren und sich später der Mathematik und Physik zuzuwenden. 1755/56 veröffentlichte er zwei Bände über Integralrechnung, die zu seiner Aufnahme in die britische ‚Royal Society of Lon- don’ führten – um nur kurz anzudeuten in welchen intellektuellen Kreisen er sich bewegte. Deshalb ist es nicht wunderlich, dass er mit den wissenschaftlichen Diskursen seiner Zeit wohl vertraut war und diese bei seinen Betrachtungen der Südsee im Hinterkopf hatte, z.B. die Schriften von Rousseau und Montesquieu 5 .
2.1 Geistige Vorbildung und praktische Nachprüfung
Diesem Zwiespalt zwischen der kulturellen Vorbildung - seinem kulturellen Erbe, z. B. durch Aufklärung oder die Denkweisen seiner Zeit geprägt - und den praktischen Beobach- tungen vor Ort, war sich Bougainville durchaus bewusst und er nimmt dazu auch Stellung. Als er während seiner Reise entdecken musste, dass die weitläufige Meinung es gäbe einen
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Hanke -El Ghomri, Gudrun: Tahiti in der Reiseberichtserstattung und in den literarischen Utopien Frankreichs gegen Ende des 18. Jahrhunderts. In: Reihe Sprach- und Literaturwissenschaften. Band 31. München 1991. S.33-35, 46-50.
2 Vgl. Bougainville, Louis-Antoine de: Reise um die Welt. Durch die Inselwelt des Pazifik. 1766 – 1769. In: Brennecke, Detlef (Hg.): Edition Erdmann. Stuttgart 2002. S. 237.
Die folgenden Zitate mit Seitenangabe in Klammern beziehen sich auf diese Ausgabe.
3 Bitterli, Urs: Die „Wilden“ und die „Zivilisierten“. Grundzüge einer Geistes- und Kulturgeschichte der europäisch-überseeischen Begegnung. München 1976. S. 28-30, 34.
4 Bitterli, Urs: Alte Welt – neue Welt. Formen des europäis ch-überseeischen Kulturkontakts vom 15. bis zum 18. Jahrhundert. München 1986. S. 186-191.
5 Kohl, Karl-Heinz: Entzauberter Blick. Das Bild vom Guten Wilden und die Erfahrung der Zivilisation. Berlin 1981. S. 202-206.
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Südkontinent (terra australis) als Ausgleich zur Erdmasse auf der Nordhalbkugel, nicht zu beweisen ist, kommentiert er dies folgendermaßen: “Ich weiß nicht, worauf die Geografen sich gründen, wenn sie zu Ende dieser Inseln eine Küste festen Landes anzeigen […] Ich will nicht leugnen, dass sich eine solche Menge niedriger und fast unter Wasser liegender Inseln nicht wohl ohne ein in der Nähe liegendes großes festes Land gedenken lässt. Aber die Geografie setzt wirkliche Dinge zum Grunde, man darf hier nicht in seinem Zimmer nach der Wahrscheinlichkeit schließen, ohne in die größten Irrtümer zu fallen“ (S. 162). Man sieht ein- deutig, dass für ihn eine kritische Nachprüfung der vorgefassten Meinung oberste Priorität war 6 – auch wenn er dadurch seine eigenen Ansichten in Frage stellte oder sogar desillusio- nierte. Die alten Denkmuster und Paradiesvorstellungen vermischt mit neuen geistigen Hal- tungen zur Alterität und den praktischen Beobachtungen vor Ort, ergeben eine Dialektik, die sich im Laufe dieser Hausarbeit noch öfter aufzeigen lässt.
2.2 Die Reise bis Tahiti
Die Reise bis Tahiti möchte ich nur kurz erwähnen, weil es mir wichtiger und interessanter erscheint Bougainvilles Erfahrungen auf Tahiti genauer zu analysieren. Dennoch muss sie erwähnt werden, weil die Beschreibung der Reise bis Tahiti und nach der Abreise von Tahiti in fast schon direktem Gegensatz zum Aufenthalt auf Tahiti steht.
Außerhalb von Tahiti trifft Bougainville auf verschiedene Völker, z. B. die Pecherais auf der Feuerinsel (S. 135-146), die Wilden auf der Insel der Aussätzigen (S. 217-220) und die Ne- ger auf der Insel Choiseul (S. 233-236). Mit kleinen Ausnahmen, z. B. den Patagons (S. 119- 126), werden diese von ihm alle ähnlich beschrieben. Die Pecherais auf der Feuerinsel sind „klein, hässlich, mager und haben einen unerträglichen Geruch an sich“, sie sind „einfältig“ und leben „am schlechtesten und wildesten“ (S. 140, 142). Die Bewohner der Insel der Aussätzigen sind ebenfalls „klein, hässlich und übel gebaut“ (S. 219) und wollen die Bou- deuse sogar angreifen. Dazu kommt es nicht, weil Bougainville schnell abreist, doch auf ei- ner der nächsten Inseln, der Insel Choiseul, greifen ihn die Neger sofort an, was ihn zu der Annahme verleitet, „dass die schwarzen Menschen allemal einen boshafteren und feindseli- geren Charakter haben als diejenigen, deren Farbe ins Weiße fiel“ (S. 236). Er sieht also einen direkten Zusammenhang zwischen dem, durch ihn als andersartig (d.h. am wenigsten europäisch) und somit hässlich bewerteten Aussehen der Wilden und ihrem feindseligen Benehmen, zwischen Erscheinung und Charakter, zwei völlig unterschiedlichen Werten 7 . Eine Annahme, die er durch seine Beobachtung der friedlichen Tahitianer vervollständigt sieht. Diese lässt er einem Vergleich mit den Europäern durchaus standhalten, denn deren „Züge kommen mit denen der Europäer vollkommen überein“ (S. 189) und sie sind deshalb
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Bitterli (1976). S. 28, 31/32.
7 Bitterli (1976) S. 364.
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B.A. Yvonne Hoock, 2004, Umbruch in der Reiseberichterstattung - Bougainvilles Reise um die Welt, Munich, GRIN Publishing GmbH
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