Inhaltsverzeichnis
Einleitung Seite 1
1. Der soziale Konflikt bei Luhmann Seite 2
1.1 Kommunikation Seite 2
1.2 Widerspruch Seite 3
1.3 Konflikt Seite 4
2. Historische Darstellung der Kuwaitkrise Seite 9
2.1 Der Irak vor der Invasion - Lage und Ziele Seite 10
2.2 chronologischer Verlauf der Ereignisse Seite 13
2.3 Die amerikanischen und sowjetischen Interessen am Persischen Golf und
die Beziehungen zwischen beiden Staaten im Verlauf der Krise Seite 20
2.3.1 Die Sowjetunion Seite 20
2.3.2 Die USA Seite 21
2.4 Der arabisch- israelische Konflikt Seite 24
3. Analyse der Kuwaitkrise anhand des Luhmannschen Konfliktbegriffs Seite 25
Zusammenfassung : Seite 31
II
Einleitung:
Anhand der internationalen Krise um Kuwait nach dem irakischen Einmarsch am 2. August 1990 und dem daraus resultierenden Zweiten Golfkrieg zu Beginn des Jahres 1991 soll in dieser Arbeit der Konfliktbegriff Niklas Luhmanns exemplarisch dargestellt und angewandt werden. Ich habe dazu die Arbeit wie folgt gegliedert. In einem ersten theoretischen Kapitel wird einleitend, soweit für das Verständnis des Konfliktbegriffs nötig, die Theorie sozialer Systeme Niklas Luhmanns erläutert. Im Anschluß daran werden die Vorstellungen Luhmanns zu Widerspruch und Konflikt geschildert 1 .
Im zweiten Kapitel folgt ein historischer Abriß des gewählten Beispiels der Kuwaitkrise, der die Voraussetzung für eine analytische Betrachtung dieser Krise bilden soll. Dabei werden folgende Aspekte näher betrachtet. Einführend wird auf die veränderte weltpolitische Lage nach dem Ende des Ost-West-Gegensatzes einzugehen sein, die meines Erachtens eine entscheidende Voraussetzung für die Ereignisse am Persischen Golf bildet. Dann werde ich die Lage im Irak vor der Invasion behandeln und dabei die irakischen Ziele näher betrachten, die Saddam Hussein zu dem Schritt bewegt haben, in Kuwait einzufallen. In einem zweiten Abschnitt schließt sich eine chronologische Darstellung der Ereignisse unmittelbar vor der Invasion, der internationalen Reaktionen auf diese, der diplomatischen Bemühungen, Irak zu einem Rückzug aus Kuwait zu bewegen, und schließlich der militärischen Maßnahmen gegen den Irak seitens der internationalen Koalition an. Drittens sollen die sowjetischen und USamerikanischen Interessen am Persischen Golf und die Rolle beider Staaten während der Krise thematisiert werden. Und viertens werde ich die Bedeutung des arabisch- israelischen Konflikts für die hier behandelten Ereignisse beleuchten.
In einem dritten analytischen Kapitel sollen dann die theoretischen Überlegungen Luhmanns zu sozialen Konflikten am konkreten historischen Beispiel angewandt werden. Dazu wird zuerst zu fragen sein, ob es sich bei den Vorgängen am Persischen Golf zwischen dem August 1990 und dem Frühjahr 1991 um einen sozialen Konflikt im Sinne Luhmanns gehandelt hat. Kann diese Frage positiv beantwortet werden, schließt sich daran eine Betrachtung der Struktur und der Entwicklung dieses konkreten Konflikts an.
1 Ich stütze mich dabei vor allem auf Kapitel 9 Widerspruch und Konflikt in: Luhmann, Niklas, Soziale
Systeme, 7. Auflage, Frankfurt a. Main 1999, S. 488-550.
1
1. Der soziale Konflikt bei Luhmann
1.1 Kommunikation
Um den Begriff des sozialen Konflikts Luhmanns zu verstehen, ist es zuerst notwendig, den Kommunikationsbegriff in seiner Theorie sozialer Systeme darzustellen. Kommunikation wird dabei als dreifache Selektion aus Information, Mitteilung und Verstehen definiert 2 . Die Auswahl der Information und der Übertragungsart (Mitteilung) erfolgt durch den Sender der Kommunikation. Die Information bezeichnet dabei das ‚Was‘ der Kommunikation, während die Mitteilung Auskunft darüber gibt, ‚wie‘ die Information artikuliert wird, also z.B. mit einem ironischen Unterton, in Form einer Frage oder als Befehl etc.. Der dritte Teil, die Verstehensleistung dagegen wird vom Empfänger erbracht, um die dreifache Selektion und damit die Kommunikation zu vervollständigen. Demnach ist eine bloße Äußerung seitens des Senders noch keine Kommunikation, erst wenn diese auch vom Empfänger wahrgenommen und in irgendeinem Sinne verstanden wird, handelt es sich um Kommunikation. Es spielt dabei jedoch keine Rolle, ob gemeinter und verstandener Sinn übereinstimmen. Es gibt in diesem Sinne also kein richtiges oder falsches Verstehen. 3 Dies ist einem Phänomen geschuldet, daß Luhmann black boxes nennt. Die Akteure können einander nicht durchschauen und somit auch nicht wissen, was der jeweils andere denkt und mit der mitgeteilten Information meint. Sie sind also füreinander black boxes, d.h., um im Bild zu bleiben: sie sehen nur, was in die Box hinein geht und wieder hinaus kommt, aber nicht, was in ihr vorgeht. 4 Erst aus diesem Grund ist Verstehen überhaupt notwendig. 5 Die Kommunikation hat nun die Aufgabe, diesen Zustand von doppelter Erwartungsunsicherheit, oder mit den Worten Luhmanns gesprochen: „doppelter Kontingenz“, zu überbrücken. Beiden Akteuren ist die jeweilige Situationsdefinition des Gegenübers nicht bekannt. Um dem Abhilfe zu schaffen, ist die Kommunikation eines Vorschlags der Definition der Situation durch einen der beiden Akteure notwendig. Der andere Akteur hat dann die Möglichkeit, diesen Vorschlag anzunehmen oder abzulehnen, in jedem Fall muß er aber an die vorhergegangene Kommunikation anschließen, und sei es durch Schweigen oder ein Sich-Abwenden. Erst diese aufeinander Bezug nehmenden Kommunikationen bilden das Soziale. Luhmann spricht von einem sozialen System. Es produziert sich aufgrund von sich ständig a nschließenden und wieder zerfallenden Einzelkommunikationen selbst und besteht solange, wie eine Kommunikation auf die andere
2 Vgl. Luhmann 1999, S. 194f.
3 Vgl. Nollmann, Gerd, Konflikte in Interaktion, Gruppe und Organisation, Zur Konfliktsoziologie der modernen
Gesellschaft, Opladen 1997, S. 96f.
4 Vgl. Luhmann 1999, S. 156f.
5 Vgl. Nollmann 1997, S. 96f.
2
folgt und hört auf zu bestehen, wenn die Kommunikation abbricht. 6 Gleichzeitig grenzt sich das soziale System durch die konkret gewählten Kommunikationen von seiner gerade erst durch diesen Prozeß sich bildenden Umwelt ab. Um ein Beispiel zu nennen: Das soziale System ‚Gespräch‘ besteht so lange fort, wie die Gesprächsteilnehmer auf die Redebeiträge der oder des Anderen eingehen und ihrerseits mit neuen Beiträgen das Gespräch fortsetzen. In dem Moment, wo niemand mehr etwas sagt oder spätestens, wenn die Gesprächsteilnehmer sich trennen und damit die Situation auflösen, hat das System Gespräch aufgehört zu existieren. Alle anderen Kommunikationen, die nicht zu dem Gespräch gehören, bilden die soziale Umwelt des Systems.
Luhmann nennt diese Selbstherstellung von Systemen aus den Elementen des Systems, also bei sozialen Systemen durch die Anknüpfung von einer Kommunikation an die andere, Autopoiesis 7 . „Ein autopoietisches System erzeugt die Elemente, aus denen es besteht, durch Verknüpfung zwischen den Elementen, aus denen es besteht.“ 8 Kommunikation führt zu einer gleichzeitigen Verringerung und Erhöhung der Komplexität der doppelten Kontingenz. Einerseits wird durch den gegenseitigen Anschluß von Kommunikationen bei den Beteiligten Erwartungsunsicherheit abgebaut. Die vorangegangenen Kommunikationen bilden sozusagen Strukturen auf denen die folgenden aufbauen können. Gewisse Kommunikationen werden wahrscheinlicher, andere unwahrscheinlicher. Gleichzeitig breitet aber jede erfolgte Kommunikation einen neuen Horizont von möglichen Anschlußkommunikationen aus, der vorher unmöglich oder zumindest unwahrscheinlicher war. Kurz g esagt: jede neue Kommunikation blendet einen Teil des Möglichkeitshorizontes aus und wirft dafür ihr Licht auf einen anderen Teil dieses Horizontes, der seinerseits bisher ausgeblendet gewesen war.
1.2 Widerspruch
Da es sich aber bei jeder Kommunikation um eine Selektion aus diesem Möglichkeitshorizont anderer Kommunikationen handelt, besteht nun nicht nur die Möglichkeit eines positiven Anschlusses, sondern ebenso die eines negativen. Das heißt, es kann jederzeit auch zu einem Zurückweisen der geäußerten Erwartungen und einer Ablehnung des zuvor Kommunizierten kommen. Die Erwartungssicherheiten oder Strukturen sind also nicht fest gefügt, sondern unterliegen ihrerseits der Veränderung. Sie können jederzeit enttäuscht werden. Der eben
6 Vgl. für den gesamten Abschnitt: Bonacker, Thorsten, Konflikttheorien - Eine sozialwissenschaftliche
Einführung mit Quellen, Opladen 1996, S. 104f.
7 Der Begriff der Autopoiesis stammt ursprünglich von den chilenischen Biologen Maturana und Varela und
wurde von Luhmann auf den Bereich des Sozialen übertragen.
8 Krause, Detlef, Luhmann-Lexikon. Eine Einführung in das Gesamtwerk von Niklas Luhmann mit 27
Abbildungen und über 500 Stichworten, 2. Aufl. Stuttgart 1999, S.22.
3
geschilderte Aufbau von Strukturen sagt also nichts über die generelle Möglichkeit oder Unmöglichkeit anderer als der erwarteten Kommunikationen aus, sondern meint lediglich eine unterschiedlich hohe Wahrscheinlichkeit der verschiedenen jederzeit möglichen Anschlußkommunikatio nen. 9
Wird ein Kommunikationsangebot abgelehnt, wird also der negative Kommunikationsanschluß anstatt des positiven gewählt, spricht Luhmann von Widerspruch. Dabei handelt es sich aber nur dann um einen sozialen Widerspruch, wenn die Ablehnung ebenfalls auf kommunikativem Wege geschieht. Spielt sich die Ablehnung also z.B. nur im Kopf eines der Beteiligten ab und wird nicht als solche artikuliert, handelt es sich nach Luhmann zwar auch um einen Widerspruch, aber eben um einen, der in einem psychischen System in Form von Gedanken operiert. Auch sogenannte strukturelle Widersprüche, wie z.B. der klassische marxistische zwischen Kapital und Arbeit, fallen nicht in die Kategorie des sozialen Widerspruchs, wie Luhmann ihn versteht. Erst wenn z.B. Arbeiter den Widerspruch beispielsweise auf dem Wege eines Streiks kommunizieren und die Form Streik von der Gegenseite auch als Ablehnung einer vorangegangen Kommunikation und nicht einfach als Faulheit der Arbeiter verstanden wird, wird aus dem strukturellen Widerspruch ein sozialer. Auch die Ablehnung einer Kommunikation ist also Kommunikation, an die wiederum mit weiterer Kommunikation angeschlossen werden kann. Die Unterscheidung in positive und negative Anschlüsse s agt also nichts über den generellen Zustand der Kommunikation, sondern lediglich über die gemachte Sinnofferte 10 aus. „Auch abgelehnte Kommunikation ist deshalb ‘geglückte‘ Kommunikation.“ 11
1.3 Konflikt
Von einem Konflikt, um nun zum eigentlichen Gegenstand dieser Arbeit zu gelangen, spricht Luhmann dann, „wenn einer Kommunikation widersprochen wird. Man könnte auch formulieren: wenn ein Widerspruch kommuniziert wird“ 12 . Zur Bildung eines Konflikts sind also immer zwei Kommunikationen notwendig. Zum einen diejenige, in der eine Erwartung geäußert wird und zum anderen die, in der dieser Erwartungsäußerung widersprochen wird. Luhmann spricht auch von einem kommuniziertem Nein, „das eine vorherige Kommunikation beantwortet“ 13 . An dieser Stelle kommt zwangsläufig die Frage auf, was denn der Unterschied der Begriffe Widerspruch und Konflikt sei. Widerspruch wurde als Kommunikation einer
9 Vgl. zum Strukturbegriff Nollmann, 1997, S.84.
10 Sinn meint dabei bei Luhmann lediglich eine „Unterscheidung von Aktualität und Möglichkeit“, siehe dazu:
Kneer, Georg und Armin Nassehi, Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, 3. Aufl. München 1997, S. 75.
11 Nollmann 1997, S. 98.
12 Luhmann 1999, S. 530.
13 Luhmann 1999, S. 530.
4
Ablehnung eingeführt und Konflikt als Kommunikation eines Widerspruchs. Daraus folgt logisch, daß Konflikt die Kommunikation einer Ablehnung sein muß oder anders gesagt: Widerspruch und Konflikt sind identisch. Um dieses Problem zu lösen, hat Schneider dazu geraten, in den Konfliktbegriff eine doppelte Negation hineinzunehmen: Erst wenn der Ablehnung einer Erwartung von dem Kommunikationspartner wiederum widersprochen wird, könne demnach von Konflikt gesprochen werden. 14 In ‚Das Recht der Gesellschaft‘ ist Luhmann dieser Anregung gefolgt, wenn er sagt: „Zur Störung wachsen sich solche Bagatellvorfälle aus, wenn auf ein Nein mit einem Gegennein geantwortet wird; .... In einem solchen Falle wollen wir von Konflikt sprechen“ 15 . Ich werde im Folgenden mit dieser zweiten Variante des Konflikts als doppelte Negation einer Kommunikation arbeiten und somit deutlich zwischen Widerspruch und Konflikt zu unterscheiden versuchen. Schneider bringt an einer anderen Stelle noch einen weiteren Einwand gegen die erste Variante des Begriffs: Die Beschreibung des Konflikts als einfache Negation führe dazu, daß zu viele Phänomene unter den Begriff Konflikt fielen und der Begriff zu weit würde. Als Beispiel führt er die Interaktion zwischen einem Kellner und seinem Gast an: Auf die Frage, ob er noch etwas zu trinken wünsche antwortet der Gast, Nein, er würde lieber gleich zahlen. Im Sinne des ursprünglichen Begriffs bei Luhmann würde an dieser Stelle schon ein Konflikt vorliegen, der aber, wie Schneider feststellt, im nächsten Augenblick auch schon wieder vorbei sei. 16 Erst wenn der Kellner daraufhin z.B. erwidern würde: ‚ Nein, bevor Sie nicht noch etwas bestellen, bringe ich Ihnen die Rechnung nicht‘, läge ein Konflikt vor, der dem Definitionsvorschlag Schneiders entspräche. Würde man Luhmanns erstem Vorschlag folgen, müßte man allein schon jede negative Antwort auf eine Frage als Konflikt werten, obwohl doch eine Frage eine negative gleichermaßen wie auch eine positive Antwort als Möglichkeit voraussetzen muß. Gleichwohl wirkt das erste Nein quasi als Auslöser für den sich durch ein zweites Nein herausbildenden Konflikt.
Dieser eben beschriebene Konfliktbegriff, der Konflikt als Ergebnis einer zweifachen Kommunikation eines Neins betrachtet, hat gegenüber anderen Konfliktdefinitionen einen entscheidenden Vorteil. Er arbeitet auf der Grundlage einer empirisch eindeutig feststellbaren Unterscheidung: Hat eine doppelte Ablehnung von Kommunikationsofferten stattgefunden oder hat sie nicht stattgefunden. „Der Konfliktbegriff [ist so] gegen bloß vermutete, bloß
14 Vgl. Schneider, Wolfgang-Ludwig, Die Beobachtung von Kommunikation. Zur Kommunikativen
Konstruktion sozialen Handelns, Opladen 1994, S.202f. (Interessanterweise spricht Luhmann 1999, S. 531 auch
schon von doppelter Negation, obwohl er Konflikt kurz vorher als einfache Negation eingeführt hatte.)
15 Luhmann, Niklas, Das Recht der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1995, S. 566.
Vgl. zu diesem Problem auch: Nollmann 1997, S. 100, Anmerkung 34.
16 Vgl. Schneider 1994, S. 201, Anmerkung 538.
5
Arbeit zitieren:
Michael Berka, 2000, Der Konfliktbegriff Niklas Luhmanns am Beispiel der Kuwaitkrise 1990/91, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Mikropolitik in Organisationen - Informelles Machthandeln in Organisat...
Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Pierre Bourdieu - Soziale Ungleicheit in der BRD unter dem Einfluss vo...
Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung
Hausarbeit (Hauptseminar), 30 Seiten
Der Kampf - Jakobs Kampf mit Gott
Theologie - Systematische Theologie
Referat (Ausarbeitung), 14 Seiten
Die Dreiecksbeziehung in Gottfrieds von Straßburg 'Tristan' - ...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Michael Berka hat den Text Der Konfliktbegriff Niklas Luhmanns am Beispiel der Kuwaitkrise 1990/91 veröffentlicht
Michael Berka hat einen neuen Text hochgeladen
Observing International Relations: Niklas Luhmann and World Politics
Mathias Albert, Lena Hilkermeier
Autopoietic Organization Theory: Drawing on Niklas Luhmann's Social Sy...
Tore Bakken, Tor Hernes
Backsteingiebel und Systemtheorie. Niklas Luhmann - Wissenschaftler au...
NEXUS, Lüneburg
Lilli Nitsche, Johanna Lutteroth, Andreas J. Meyer
0 Kommentare