Selbst der Wissenschaft gestand er keine apriorische, also von vornherein absolut sichere Erkenntnismöglichkeit zu. Lediglich der Mathematik räumte er eine Ausnahme ein. In seiner Analyse fundamentaler Begriffe der Kausalität kam er zu dem Ergebnis, dass nichts als wirklich (real) anzunehmen ist, was sich nicht auf äußere oder innere Erfahrungen gründet. Wahre Erkenntnis reiche nicht weiter als menschliche Erfahrung. Hume stand, wie Experten durchschauten, auf dem Boden des Phänomenalismus und Psychologismus, was immer das heißen mag. Er vertrat jedenfalls, wie er selber einräumte, einen akademischen, soll heißen: milderen Skeptizismus, der alles die Erfahrung Übersteigende als müßig zurückwies und an die Erfahrungen und die praktische Beherrschung der Natur delegierte. Letzte Ursachen der Dinge zu erkennen hielt er für unmöglich. Damit machte er sich freilich nicht nur Freunde. Seine zeitgenössischen Hauptgegner hießen Thomas Reid (1710-1796) und James Beattie (1735-1803), katholischer Theologe der eine, Philosoph der andere, beide der Schottischen Schule zugerechnet, deren Vertreter sich einig waren im Kampf gegen den Skeptizismus.
Wer jedoch den Begriff Skepsis nüchtern von seinem griechischen Ursprung her auffasst, wo lediglich von „Betrachtung“, vom „Schauen“ oder von „Überlegung“ und „Untersuchung“ die Rede war, kann nur staunen, welche Opposition diese harmlos erscheinende Bezeichnungsursache auszulösen vermochte. Günter Zehm (geb. 1933) gibt freilich zu bedenken: „Der Skeptiker untersuchte einen Gegenstand, indem er ihn zersetzte, als Gegenstand der Untersuchung damit zum Verschwinden brachte und so die Unmöglichkeit der Beschäftigung mit ihm aufzeigte.“ 2
Der Urvater des Skeptizismus soll übrigens ein Zeitgenosse von Aristoteles (384-322 v. Chr.) gewesen sein: Pyrrhon von Elis (ca. 360 - 270 v. Chr.). Mit dem griechischen Arzt und Philosophen Sextus Empiricus (der um 200 n. Chr. wirkte), dem philosophischen Wortführer des skeptischen Empirismus oder empirischen Skeptizismus, fand die antike Skepsis dann ihren Abschluss. Sextus bekämpfte jeglichen Dogmatismus in der Medizin und Philosophie und leugnete überhaupt die Möglichkeit des Wissens und die Beweisbarkeit der Existenz Gottes und der Seele. Zwar soll er keinen theoretischen Maßstab der Wahrheitserkenntnis anerkannt haben, wohl aber einen für das Handeln praktischen und unentbehrlichen. Im Alltag könne man sowohl den natürlichen Trieben als auch den Gebräuchen und tradierten Gesetzen folgen. Sextus, dem wir die noch heute durchaus aktuelle Einteilung in Dogmatiker, Akademiker und Skeptiker zu verdanken haben, hantierte gedanklich auch schon mit einer Kugel, um das Ursache-Wirkungsverhältnis infrage zu stellen.
2 In: Eros und Logos. Eine Geschichte der antiken Philosophie, Schnellroda 2004, S. 258
2
Hume ließ sich nicht davon abhalten, diese Kugel aufzugreifen, um sie in sein berühmt ge-wordenes Billardkugel-Beispiel rollen zu lassen: „Sehe ich z. B., wie sich eine Billardkugel in gerader Linie auf eine andere hin bewegt - selbst angenommen, die Bewegung der zweiten Kugel würde mir zufällig als das Resultat der Berührung beider oder des Stoßes auffallen -, kann ich mir dann nicht vorstellen, dass hundert verschiedene Ereignisse genauso gut aus dieser Ursache folgen könnten? Können nicht beide Kugeln in absoluter Ruhe bleiben? Kann nicht die erste Kugel in gerader Linie zurückkehren oder von der zweiten in irgendeiner Linie oder Richtung wegspringen? Alle diese Annahmen sind widerspruchsfrei und vorstellbar.“ 3
Diese fast schon verzweifelt klingenden Fragen ließen ihn ebenso wenig davon abhalten, das Wesen jener Offensichtlichkeit zu untersuchen, „die uns jedes wirklich Existierenden und jeder Tatsache versichert, die über das gegenwärtige Zeugnis der Sinne oder die Angaben unseres Gedächtnisses hinausgehen“ 4 . Er war sich bewusst, hier philosophisches Neuland zu betreten. In der Tat, es war seine Sache, das Ursache-Wirkungsverhältnis so genannter Tatsachen, die auf einem synthetischen Urteil im Nachhinein gründen, jene analytischen Urteile gegenüber zu stellen, deren Wahrheiten von vornherein feststehen.
Wahrscheinlich war zu seiner Zeit das aus dem Lateinischen Stammende Wort „Indiz“ nicht in Mode, so dass manche umständliche Umschreibung wie „nicht gegenwärtige Tatsache“ 5 das Verständnis etwas erschweren. Wer auf einer einsamen Insel eine Uhr findet, wertet das als Indiz dafür, dass er nicht der Erste war, der die Einsamkeit aufsuchte. Beispiele, die Hume anführte, verleiten oft zu einem vorschnellen Verständnis, was verbergen könnte, dass es ihm hauptsächlich um die durchaus schwierige Erkenntnis von Ursache und Wirkung ging. Er wagte es, einen „Satz als gemeingültig und keine Ausnahme duldend aufzustellen“, nämlich dass die Kenntnis dieser Kausalität „in keinem Fall durch Denkakte a priori gewonnen wird, sondern ausschließlich aus der Erfahrung stammt, indem wir feststellen, dass gewisse Gegenstände immerdar miteinander verbunden sind.“ 6 Tatsächlich ist die Überlegung verblüffend: Weder das reine Denken noch das genaueste Beobachten lässt uns die verborgenen Qualitäten und Potenzen eines Gegenstandes oder anderer Tatsachen (Ereignisse, Geschehen) erkennen. Selbst Gottes erstes Ebenbild, Adam, „hätte aus der Flüssigkeit und Durchsichtigkeit des Was-
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5 S. 42 unten
6 S. 43 unten
3
sers doch nicht herleiten können, dass es ihn ersticken, noch aus der Helle und Wärme des Feuers, dass es ihn verzehren würde“ 7 .
Betrachten wir einmal - wenigstens eine zeitlang - aus dieser „naiven“ Perspektive unsere Umwelt, dann könnte man tatsächlich misstrauisch werden gegenüber allen gepriesenen Erkenntnissen, die wir stets sofort dem Denkvermögen, der Logik und aller Rationalität gutzuschreiben gewillt sind. Pustekuchen - nichts ist sicher und berechenbar! Ob es in der Welt Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung gibt - können wir das wirklich hundertprozentig sicher wissen? Wissen wir wirklich, ob der Krieg im Irak notwendig oder zu verhindern war oder wo der Anfang vom Ende unserer Kultur seinen Lauf genommen hat? Wer sind wir denn, dass wir ohne genaue Kenntnisse von Ursache und Wirkung zu urteilen wagen? Und wie genau müssten solche Kenntnisse sein, wenn doch womöglich alles mit allem irgendwie zusammenhängt, so dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in Japan, wie ein humorvoller Philosoph im Zusammenhang mit der so genannten Chaostheorie gesagt haben soll, durchaus ein Erdbeben in Florida auslösen könnte?
Beruhen nicht die meisten Kriege, Krisen und Katastrophen auf Missverständnissen, unterschiedlichen Moralvorstellungen, verborgenen Affekten und Interessen sowie dem normalem Unvermögen unvollkommener Menschen? Nicht einmal zwischen Sprache und Logos scheint es, jedenfalls aus der Perspektive der alten Rhetoriker, einen naturgegebenen Zusammenhang zu geben. Und Wahrheit ist nach Sokrates (470 - 399 v. Chr.) nicht die Übereinstimmung von Wort und Sache, sondern vielmehr von Wort und Seele. Es wird also spannend, der Frage nachzugehen, welche Impulse von Humes Denken bis in unsere Zeit reichen und mit welchen Begriffen umhüllt wir ihn „einzulagern“ gedenken. Skeptiker und Empirist sind noch immer die Etiketten, die landläufig den schottischen Historiker, Ökonomen, Aufklärer, Philosophen (Sensualist, Empiriker) und Vorläufer des modernen Pragmatismus kennzeichnen sollen. Auf den Vorwurf, er vertrete einen Universal-Skeptizismus, ließ er 1745 seine Gegner wissen, dass der „maßlose Zweifel der Skeptiker ein bloß philosophisches ‚Amusement’“ sei. Doch der Skeptizismus, den er vertrat, weil er ihn für vertretbar hielt, sollte seines Erachtens nicht zum allgemeinen Zweifel führen, sondern lediglich zu Bescheidenheit und Demut. 8
7 S. 44 oben
8 Siehe Michael Albrecht: Stichwort Skepsis; Skeptizismus, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 9,
Basel 1995, S. 959
4
Arbeit zitieren:
Siegmar Faust, 2004, David Hume: Skeptische Zweifel an den Verstandestätigkeiten, München, GRIN Verlag GmbH
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