INHALT
1 Einleitung. 1
2 Die literarische Vorlage. 3
2.1 Literatur und Film -
Zur Problematik eines Medientransfers. 3
2.2 Ein Kapitel für sich als literarische Vorlage. 6
2.3 Kempowski und Fechner. 7
3 Die filmische Adaption 10
3.1 Produktionsbedingungen. 10
3.2 Aufbau und Dramaturgie 11
3.3 Exemplarische Inhaltsanalyse und Vergleich zur
literarischen Vorlage. 16
3.3.1 Filmbeispiel 1: Verlegung auf die
Doppelzelle. 16
3.3.2 Filmbeispiel 2: Aufklärungsfilm „Auschwitz“ 18
3.4 Zum Aspekt der Authentizität. 22
4 Schluß. 24
5 Sequenzprotokoll. 26
6 Literaturverzeichnis. 30
II
1 Einleitung
Das Oeuvre Eberhard Fechners umfaßt neben den dokumentarischen Erzählfilmen, die zweifellos den Kern seines künstlerischen Schaffens ausmachen, auch zwei Fernsehspielfilme, die auf literarischen Vorlagen aufbauen: Tadellöser & Wolf (1975) und Ein Kapitel für sich (1979) nach den Romanen von Walter Kempowski. In seinen filmischen Umsetzungen machte es sich der bereits 1992 verstorbene Dreh-buchautor und Regisseur zur Aufgabe, in einer ihm eigenen „Mischung aus Didaktik und Ästhetik“ (Fechner) 1 Geschichte(n) zu erzählen und so die zentralen Themen deutscher Zeitgeschichte künstlerisch aufzuarbeiten. Hierin ist ein Berührungspunkt zu den von ihm und seiner Cutterin Brigitte Kirsche stilbildend geschaffenen dokumentarischen Erzähl- und Interviewfilmen zu sehen, die thematisch auch um das Spannungsfeld von Nationalsozialismus, Krieg, Schuld kreisten, und dabei der Frage nach den persönlichen Einzelschicksalen unter diesen extremen Gegebenheiten nachgingen. 2 Die vorliegende Arbeit hat es sich zur Aufgabe gemacht, den dreiteiligen Fernsehspie lfilm Ein Kapitel für sich filmwissenschaftlich zu untersuchen und dabei die literarische Vorlage als Vergleichsgröße heranzuziehen. Dennoch versteht sich die Studie nicht als reiner Vergleich, sondern legt den Schwerpunkt klar auf die Analyse des Fernsehfilms. Gelegentlich sollen auch Berührungspunkte mit anderen Fechner-Filmen am Rande in die Darstellung einfließen.
Da es unmöglich ist, einen sechsstündigen Film und darüber hinaus die Vorlagenromane Uns geht’s ja noch gold, Im Block und Ein Kapitel für sich im Rahmen einer Hausarbeit adäquat in allen inhaltlichen und formalen Facetten zu erschließen, war es dabei unerläßlich, die Felder der Analyse vergleichsweise eng abzustecken, um nicht in Oberflächlichkeit abzugleiten.
Zunächs t soll in einem theoretisch angelegten Kapitel der mediale Transfer von der Buchvorlage zum Film problematisiert werden. Worin liegen die Schwierigkeiten des
1 Zit. nach NETENJAKOB (1989), S. 204.
2 So etwa Klassenphoto, Comedian Harmonists und v.a. das große Spätwerk Der Prozeß (1984). Thema-
tisch verwandt hierzu ist aber auch Fechners Kinoproduktion Winterspelt nach der Romanvorlage von
Alfred Andersch.
1
Transfers, und nach welchen Maßstäben müssen die so unterschiedlichen Produkte Buch und Film beurteilt werden? Kann der häufig (und häufig unreflektiert) verwendete Begriff „Literaturverfilmung“ auf die Fechnerschen Produktionen angewendet werden? Im Anschluß soll ein Abriß der narrativen und konzeptionellen Besonderheiten der literarischen Vorlage gegeben werden, bevor in Kapitel 2.3 einige Verbindungslinien von Romanautor Walter Kempowski zum Drehbuchautor und Regisseur Eberhard Fechner gezogen und untersucht werden. Dabei soll unter anderem die Frage beantwortet werden, welche Motive die beiden Künstler zur Zusammenarbeit veranlaßten. Worin lagen Gemeinsamkeiten, worin die Unterschiede in ihren ästhetischen Überzeugungen und künstlerischen Gestaltungstechniken?
Das Kernstück der Studie bildet die im Kapitel 3 gelieferte Untersuchung der filmischen Adaption. Vergleiche und Verbindungen zur Vorlage sollen hier stets mitgedacht und eingeflochten werden. Vor der Analyse erweist es sich jedoch als hilfreich, zunächst einen inhaltlichen Handlungsabriß zu geben. Um dabei nicht in plattes Referieren des Inhaltes zu verfallen, sollen an dieser Stelle Bemerkungen zum formalen Aufbau des Films, zu den stilistischen Mitteln - wie etwa die der Zeitdehnung und der Zeitraffungeingeschaltet werden. Welche Passagen werden filmisch breiter ausgeführt und warum? Gleichzeitig soll die erzähltechnische Gestaltung in den Blick gerückt und mit der narrativen Struktur des Kempowski-Romans verglichen werden.
Um trotz der Fülle des zu untersuchenden Materials ein enges Arbeiten am Film zu gewährleisten, wurden in Kapitel 3.3 zwei filmische Subsequenzen ausgewählt, die im einzelnen analysiert und in ihrer Bedeutung für das filmische Ganze erschlossen werden sollen. Das Erkenntnisinteresse ist bei der Untersuchung des ersten Filmbeispiels Verlegung auf die Doppelzelle (II / 1’13’35 - 1’16’04) eher von formal-technischen und darstellerischen Überlegungen geleitet, wohingegen der analytische Fokus bei der Analyse des zweiten Beispiels Aufklärungsfilm Auschwitz (III / 1’00’01 - 1’03’57) auf die inhaltlich-politischen Aussagen dieser Subsequenz gerichtet wird.
Das letzte Teilkapitel greift die Problematik der Authentizität auf. Es steht die Frage im Vordergrund, inwieweit Fechner seinem selbstgestellten Postulat der Authentizität in seinen Fernsehspielfilmen, die einen fiktionalen literarischen Text als Vorlage heranziehen, folgen kann und inwiefern er dieses Konzept zu modifizieren veranlaßt war.
2
2 Die literarische Vorlage
2.1 Literatur und Film - Zur Problematik eines Medientransfers
Der Begriff „Literaturverfilmung“ bezeichnet einen Medientransfer. Dabei werden In-formationen aus einem Zeichensystem in ein anderes übertragen. 3 Gebräuchliche Lexika und Wörterbücher geben unter dem Schlagwort „Verfilmung“ Erläuterungen an wie etwa „einen Roman, Novelle, Schauspiel, Oper als Film gestalten“ 4 oder „zu einem Film verarbeiten“. 5 Solche Umschreibungen gründen auf der Denkfigur, daß aus einem primären Werk etwas Sekundäres entsteht. Die Beschäftigung mit dem literarischen Text führt - so die definitorische Sicht - zu einer Zweitverwertung als Film. 6 Im Rahmen dieser Ordnungskategorien schwingt latent eine Hierarchisierung der kulturellen und ästhetischen Wertigkeit von Buch und Film mit. 7 Derartige Schemata suggerieren dem Rezipienten, mit dem literarischen ‚Erstwerk’ Erstklassigkeit, mit dem filmischen ‚Zweitwerk’ hingegen Zweitklassigkeit zu konnotieren. Diese Definition von „Verfilmung“ legt es mithin nahe, dem literarischen Original apriorisch eine Überlegenheit gegenüber der filmischen Verwertung einzuräumen. 8 Damit aber wird die Objektivität des Begriffes „Verfilmung“ konterkariert, wodurch er als wissenschaftliche Ordnungskategorie unbrauchbar wird. Der Begriff „Verfilmung“ muß folglich in Frage gestellt und gegebene nfalls ersetzt werden.
Irmela SCHNEIDER hat in ihrer grundlegenden Studie zur Theorie der Literaturverfilmung darauf hingewiesen, daß die klassische Literaturwissenschaft, wenn sie sich aus ihrer Perspektive mit „Verfilmungen“ beschäftigte, in aller Regel von der oben beschriebenen Denkfigur ausging und demzufolge auch vo n der Annahme, daß jede „Verfilmung“ dem literarischen Werk, auf das sie sich stützt, „Leid“ zufüge. 9
3 SCHNEIDER (1981), S. 17.
4 Lexikon der Deutschen Gegenwartssprache, hrsg. von R. Klappenbach und W. Steinitz, Berlin 1976,
S. 4044. Zit. nach SCHNEIDER (1981) S. 12.
5 WAHRIG, Gerhard: Deutsches Wörterbuch. Gütersloh 1978, Sp. 3922.
6 Vgl. hierzu SCHNEIDER (1981), S. 12.
7 DURZAK (1989a), S. 217.
8 Ebd.
9 Vgl. SCHNEIDER (1981), S. 13.
3
So gesehen wurde der Medientransfer von der Literatur zum Film nicht nur als qualitative Minderung, sondern als „Zurichtung“, teils gar als „Hinrichtung“ 10 des literarischen Textes verstanden. Diese Haltung setzte jedes cineastische Produkt, das sich auf wie auch immer geartete Weise mit einem literarischen Stoff auseinandersetzte, über lange Zeit von vornherein einem „Trivialitätsverdacht“ aus. Der Gegensatz von Dic htung und Trivialkultur wurde der Dichotomie von literarischer und filmischer Produktion gleichgesetzt.
Weitere dichotomisch stukturierte Denkfiguren haben die literaturwissenschaftliche Interpretation filmischer Produkte zu deren Ungunsten geprägt. 11 Zum einen ist hier die Vorstellung zu nennen, das Geschriebene verkörpere das Dauerhafte, Bleibende, wohingegen der Film lediglich in der Lage sei, flüchtige und oberflächliche Eindrücke zu vermitteln.
Zum anderen stellte die filmische Arbeits- und Produktionsweise die klassische literaturwissenschaftliche Autorenkonzeption auf den Kopf, die gewohnt war, den modernen Dichter als schöpferisches Individuum zu verstehen. Dieses Interpretationsschema paßte nicht mehr auf ein filmisches Produkt, das aus Gemeinschaftsarbeit von Drehbuchautor, Regisseur und den Verantwortlichen für Schnitt, Ton und Kamera erwächst. Ähnlich notwendig wurde eine Neuorientierung bezüglich der Deutung der Rezeptionsmodi, wobei die individuelle Rezeption des Geschriebenen der massenhaften Rezeption des Filmischen gegenübersteht.
In ihren Einführungsbänden zur Filmanalyse brechen HICKETHIER 12 und FAULSTICH 13 diese tradierten Deutungsmuster auf. So erklärt Letzterer die Interpretation einer filmischen Umsetzung aus der Vorlage heraus für illegitim, da dies zwei Stränge der Analyse unzulässig miteinander verknüpfe. FAULSTICH zufolge muß vor jeder wissenschaftlichen Beschäftigung mit einer „Verfilmung“ die Frage geklärt werden, ob es sich um einen Vergleich der medialen Darstellungsform (Buch und Film) oder um eine Gegenüberstellung der ästhetisch- inhaltlichen Qualitäten der untersuchten Werke handelt. 14 Ein undifferenzierter Vergleich von Buch und Film sei ebenso unzulässig wie erkenntnishemmend, weil Drehbuch und Regie in der Regel die literarische Vorlage als „Stein-
10 SCHNEIDER(1981), S. 16.
11 Vgl. zum folgenden Absatz SCHNEIDER (1981), S. 9.
12 HICKETHIER (1996).
13 FAULSTICH (2002), S. 57.
14 Ebd.
4
bruch“ benutzten und bei der Umsetzung nach eigenem Ermessen Akzente setzten. Der Film müsse daher „als ein ganz und gar eigenständiges Werk angesehen werden“. 15 Auch STOLTE hält den Vergleich von Buch und Film für „verfehlt“ und fordert für die filmische Umsetzung eines literarischen Werkes, daß „einerseits das Buch, andererseits der Film […] an den ästhetischen Qualitäten ihres eigenen Genres gemessen werden“ sollen. 16 Dieselben Kriterien will auch Eberhard Fechner zur Bewertung filmischer Neufassungen zu Rate gezogen wissen:
„Die Übertragung eines Buches in ein anderes Medium wie den Film verschiebt zwangsläufig Gewicht von Inhalt, Form und Ausdruck. Hier enden die Gemeinsamkeiten von Literatur und Film. Natürlich ist es dabei nicht ohne Bedeutung, daß der Zuschauer den Eindruck erhält, eine Verfilmung des Romans zu sehen, aber tatsächlich hat sich anderes ereignet. Es ist etwas Neues entstanden, etwas, das ohne Buch nicht möglich wäre, aber doch etwas ganz anderes ist als das gedruckte Wort […]. Wert und Unwert dieses Neuentstandenen lassen sich darum keinesfalls aus der Vergleichung mit dem Urbild feststellen.“ 17
Im folgenden sollen diese Überlegungen dem Verständnis und der Deutung filmischer Umsetzungen von Literatur zugrunde gelegt werden. Ausgangspunkt der Rezeption soll das Erkennen und das Verstehen des „ästhetischen Kalküls“ (DURZAK) einer filmischen Umsetzung sein, um erst dann in einem zweiten Schritt unter Berücksichtigung der formalen Möglichkeiten des neuen Mediums zu einer Beurteilung zu kommen. 18 Die Umsetzung wird damit nicht länger als Sekundärprodukt, sondern als neues und eigenes Werk - gleichsam ein tertium comparationis zwischen Film und Literatur -verstanden werden. Die für dieses Verständnis vollends unpassende Bezeichnung „Literaturverfilmung“ soll durch die Begriffe „filmische Interpretation“ bzw. „filmische Adaption“ ersetzt werden, da diese erst den spezifisch produktiven Akt der Filmarbeit
15 FAULSTICH (2002), S. 61.
16 STOLTE (1979), S. 7f. Der Film müsse als „originärer Zugang zur Wirklichkeit“ bewertet und nicht an
einer anderen Version gemessen werden,auch wenn er sich inhaltlich auf sie beziehe. STOLTE (1979), S.9.
17 FECHNER (1979), S. 41.
18 Vgl. DURZAK (1989a), S. 220.
5
zum Ausdruck bringen. Auch wird so der Aspekt der Neugestaltung stärker berücksichtigt. 19
2.2 Ein Kapitel für sich als literarische Vorlage
Walter Kempowskis 1975 erschienener Roman Ein Kapitel für sich berichtet von den acht Haftjahren der „autobiographischen Mittelpunktfigur“ 20 Walter Kempowski, seines Bruders und seiner Mutter als politische Delinquenten in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR in der Zeit von 1948 bis 1956. 21
Der Roman bildet einen Teil des sechsbändiger Zyklus’ Deutsche Chronik, 22 der die Geschichte einer bürgerlichen Familie (seiner eigenen) von der Jahrhundertwende bis zum Jahr 1963 erzählt und das Gros des kempowskischen Oeuvres ausmacht. 23 Wie dieses ist auch Ein Kapitel für sich geprägt durch einen über die gesamte Erzählstrecke durchgehaltenen Detailrealismus und durch autobiographische Be zugnahmen. In nüc hternem, zuweilen protokollarisch anmutendem Stil, der jede Symbolik und alles Phantasieren kategorisch verdrängt, schreibt Kempowski ein großes Erzählwerk „von sich und den Seinen“. 24
Als charakteristisch für Kempowskis narratives Grundkonzept erweist sich die mosaikartige Erzählstruktur, die ein Konvolut einzelner Erinnerungssplitter aneinanderreiht und assoziativ auskleidet. Dies l öst die Vorstellung „einer kontinuierlich fließenden Geschichte als Fiktion auf und setzt statt dessen erfahrene Historie aus zahlreichen Vergangenheitsbildern punktuell zusammen“. 25 Dieses Prinzip geht einher mit dem Ver-
19 Vgl.hierzu DURZAK (1989a), S. 218: „Adaption bedeutet vielmehr, in einem literarischen Werk die
Intention der Gestaltung zu erkennen und diese Intention im neuen Medium des Films umzusetzen,
wobei als Regulativ nicht die ständige Vergleichbarkeit mit der literarischen Vorlage fungiert, sondern
die ästhetischen Möglichkeiten, die dem neuen Medium innewohnen.“
20 DURZAK (1989b), S. 215.
21 Es soll an dieser Stelle darauf verzichtet werden, die inhaltliche Handlungsführung des Buches zu refe-
rieren, um Überschneidungen mit Kapitel 3.2 zu vermeiden, wo der inhaltliche Aufbau der Filme wie-
dergegeben wird. Dort sollen auch vergleichende Hinweise zur literarischen Vo rlage gegeben werden.
22 Tadellöser & Wolf, 1971 / Uns geht’s ja noch gold, 1972 / Ein Kapitel für sich, 1975 / Aus großer Zeit,
1978 / Schöne Aussicht, 1981 / Herzlich willkommen, 1984.
23 Die Entstehungschronologie der Werke entspricht nicht der Chronologie der erzählten geschichtlichen
Zeitabschnitte.
24 DIERKS (1984), S. 8.
25 DURZAK, (1989a), S. 214.
6
Arbeit zitieren:
Tobias Gottwald, 2004, Zur filmischen Adaption des Kempowski-Romans 'Ein Kapitel für sich" (Filmanalyse / Eberhard Fechner), München, GRIN Verlag GmbH
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