1. EINLEITUNG 1
2. DICHTER-AUFFASSUNGEN VOM TOD IM MITTELALTER 4
3. DICHTER-AUFFASSUNGEN VOM TOD IM 20. JAHRHUNDERT 6
3.1 Tod als Beziehungsverlust 6
3.2. Tod als radikaler Verfall 9
3.3 Ästhetisierung des Todes. 13
4. SCHLUßBEMERKUNGEN 19
LITERATURVERZEICHNIS 20
II
1. Einleitung
Das Motiv des Todes gehört zu den am häufigsten thematisierten Motiven in der Literatur aller Jahrhunderte. Die thematische Aufarbeitung des Todesmotivs ist auf vielfältige Weise verwirklicht worden. Tod als Schicksal, Vollendung, Erlösung, Protest, Verzweiflungstat, als Unfall- oder Zufallstod, Sühne, Heldentat. Es gibt allegorische Personifizierungen des Todes, Thematisierung des Todes in surrealer Darstellung. Wenn vom Tod die Rede ist, symbolisieren meist extreme Bilder dieses Faktum. Da ist die Rede vom großen Nichts und vom Tor zum Leben, vom Tod als dem Richter und Erlöser, vom undurchsichtigen Dunkel. 1 Das Phänomen des Todes ist noch keinem Menschen jemals wirklich zu Bewußtsein gekommen, es kann einfach nicht in Erscheinung treten als ein Wissen in der Bedeutung einer phänomenologischen Theorie. Die Wahrheit des Todes können wir nicht direkt erkennen. Wir schauen das Wahre nur im Abglanz - wie Goethe sagte -: „im Beispiel, im Symbol, in einzelnen und verwandten Erscheinungen.“ 2 Dieses Faktum ist ein blinder Fleck in unserem Bewußtsein. P. L. Landsberg definierte den Tod deshalb auch als „anwesende Abwesenheit.“ 3 Wir unterdrücken schließlich diese Fragen, die sich nicht mit konkretem Wissen be-antworten lassen. Auch beruhigt man sich aus reiner Furcht vor dem Tod mit den Wunschträumen von einem Leben nach dem Tod oder einer höheren Lebenserwartung, die einfach nicht realistisch sind. „Leben“ ist geradezu das natürlichste Ziel, der Tod entschwindet dem direkten Bewußtsein. Es ist also das Rätsel zu lösen, über ein Faktum zu schreiben, das sich dem direkten Erleben entzieht. So bleiben der Kunst statt der expliziten Erfahrungen nur der Entwurf der Wortwelt der Bildwelt und der Verweis auf die Sinnbilder. Todesdarstellung in explizito richtet sich in seinen spezifisch ästhetischen Ansprüchen auf das paradoxe Bewußtsein. Es soll etwas bewußt gemacht werden, was nicht bewußt ist, es soll etwas darstellbar gemacht werden, was nicht erfahrbar ist. Soweit es um die Beschreibung des Todes selbst geht und nicht um die Beschreibung des Sterbens, ist der Tod nur negativ, als Verneinung des Lebens „erfahrbar“.
1 Schipperges, Heinrich: Das Phänomen Tod, in: Jansen, Hans-Helmut (Hrsg.): Der Tod in Dichtung, Philosophie und Kunst, 2 Darmstadt 1989, S.15-23, S.15.
2 ebendaselbst.
3 Landsberg, P.L. : Die Erfahrungen des Todes, Frankfurt/Main 1973, S. 14, 23.
1
Beschreibungen des Todes haben schon allein deshalb Rätselcharakter. Für Darstellungen des Todes werden die Möglichkeitsbedingungen des Denkens und Vorstellens geradezu prägend, das Bewußtsein von einer Grenze. Diese Grenze zieht der Tod selbst. Die Phänomenologie des Todes ist eine Mischung aus Psychologie und Pathologie, aus brutaler Körperbeschreibung und Ästhetisierung, aus Erfindung und tabuloser Konfrontation. Dichter-Auffassungen vom Tod befinden sich immer innerhalb dieses Spannungsfeldes von Pathologie und Bewußtsein. Sie sind ersterem Begriff zuzuordnen, wenn sie sich um schockierenden Realismus bemühen. Wenn Texte über Tod dem Bereich `Bewußtsein´ zuzuordnen sind, wird der Tod metaphysisch überhöht oder ästhetisiert oder man übt über das Motiv des Todes Kritik am Leben. Diese gegensätzlichen Dichter-Auffassungen vom Tod will ich in dieser Arbeit an exemplarischen Beispielen behandeln.
Im 20. Jahrhundert ist der Tod nur noch ein Tabu und die Thematisierung des Todes eine Provokation. Der natürliche Umgang mit dem Tod ist verlorengegangen: Früher wußte man (oder vielleicht man ahnte es), daß man den Tod in sich hatte wie die Frucht den Kern. Die Kinder hatten einen kleinen in sich und die Erwachsenen einen großen. Die Frauen hatten ihn im Schooß und die Männer in der Brust. Den hatte man, und das gab einem eine eigentümliche Würde und einen stillen Stolz 4
philosophiert Malte Laurids Brigge in Rilkes „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ über den veränderten Umgang mit dem Tod.
In dem Maße aber wie das Faktum des Todes im 20. Jahrhundert aus dem Alltag verdrängt wurde und heute ein Tabuthema ist, hat die Thematisierung des Todes zugenommen. Zu denken wäre in erster Linie dabei an den Tod als Schicksalsschlag oder biologisches Faktum. In vielen dieser Texte ist der Tod durch offene Hinweise oder versteckte Andeutungen stets gegenwärtig, durch die reflektierende Auseinandersetzung mit Krankheit und Sterben konstituiert er den Aufbau des Textes. Etwa durch die Beschreibung eines Lebenslaufes, der sich vom Ende her erhellt und die Darstellung eines Geschehens, das sich durch den Tod erklärt. Ein Umgang mit dem Tod ist in diesen Texten in erster Hinsicht Beschreibung des Sterbens oder des Gestorbenen. Aus der Flut der zeitgenössischen Werke, die den Tod thematisieren, seien nur folgende erwähnt. Thomas Hürlimann in „Die Tessinerin“ und Paul Kersten in „Der alltägliche Tod meines Vaters“ stellen Kranksheitsgeschichten
2
und Sterbeprozesse in den Mittelpunkt; andere gestalten den Weg in den Selbstmord als ein sozial-politisches oder psychologisches Phänomen, so Peter Handke in „Wunschloses Unglück“, Christoph Hein in „Horns Ende oder Gert Hofmann in „Veilchenfeld. Wieder andere erzählen Mord oder Selbstmord, getarnt als Unfall, zur „Lösung“ von Konflikten wie Ingeborg Bachmann in „Der Fall Franza“ oder Marlen Haushofer in „Wir töten Stella“. 5 In dieser Beschreibung geht es oft um psychologische Erfassung der Vorgänge im Innern der beteiligten Personen als Leidende, Mitleidende oder Unbeteiligte. 6 Diese Todesdarstellungen wirken zurück auf das Leben, spiegeln das Leben und schaffen durch extreme Aussagen Bezugspunkte, an denen das Leben erfahrbar, kritisierbar und darstellbar wird. Vor allem Dichter des Expressionismus bemühten sich in ihrer Literatur, in schockierenden Darstellungen auf das brutale Faktum des Todes und des Verfalls aufmerksam zu machen. Die konkrete Beschreibung eines Toten bei Gottfried Benn oder einer Wasserleiche bei Georg Heym fordert heraus, weil dadurch der Schleier der Verdrängung gelüftet wird, man wird mit dem Tod radikal konfrontiert. Die Kombination der Sprach- und Dingsymbole identifizieren dabei das dargestellte Todesgeschehen als Modellfall für den Umgang mit dem Faktum des Todes überhaupt. Zum anderen, und diese Darstellung des Todes ist in der Literatur des 20. Jahrhunderts besonders häufig, geht es um eine Ästhetisierung des Todes. Diese Ästhetisierung von Todesvorstellungen dienen dazu, kontrastiv bestimmte Vorstellungen über das Leben zu erhellen und Utopien, Gegenwelten aufzeigen. Insofern ist der Tod oder auch die Erfahrung des Sterbens als Gegensatz zum Leben zu sehen, er provoziert als Gegenentwurf eine Auseinandersetzung mit dem Leben. Todeserfahrung wird somit auch zur unmittelbaren Lebenserfahrung, wobei für viele Dichter das Motiv des Todes eine Hoffnung auf eine Andersartigkeit des Lebens vermittelt. Wenn das Leben erstarrt, tot ist, so liegt im Tod eine Zerstörung dieses Lebens und damit auch eine Hoffnung auf ein anderes, besseres Leben. Darstellungen des Todes betreiben eine Auflösung von Wertesystemen und eine Auflösung festgefügter Strukturen. Thematisiert haben diesen Zusammenhang unter anderem Ingeborg Bachmann, Paul Celan und Ernst Jünger.
4 Rilker, Rainer Maria: Sämtliche Werke: Sechster Band, Frankfurt/Main 1966, S.720-721.
5 vgl. Motte, Magda: Der Mensch vor dem Tod in ausgewählten Werken der Gegenwartsliteratur, in: , S. 487- 502, S. 489.
6 ebd., a.a.O., S. 495.
3
Bevor es jedoch im zweiten Teil der Arbeit um Dichter-Auffassungen vom Tod im 20. Jahrhundert im Spannungsfeld von Pathologie und Bewußtsein geht, will ich im ersten Teil versuchen, Todesdarstellungen im Mittelalter zu beschreiben. Zwar gab es auch in der Antike metaphysisch überhöhte Vorstellungen vom Tod, im Mittelalter jedoch finden sich religiös motivierte Dogmen, die breiten Bevölkerungsschichten zugänglich waren und nicht nur dieses Zeitalter geprägt haben, sondern als Ästhetisierung des Todes auch noch im 20. Jahrhundert zu finden sind.
2. Dichter-Auffassungen vom Tod im Mittelalter
Im Mittelalter wird der Tod in der Dichtung immer wieder genannt und in eigentlichen Akten der Beschwörung aufgerufen. Der Tod ist gegenwärtig als ein intimer Partner des Lebens:
Mitten im Leben sind wir schon im Tode: Von wem sollen wir Hilfe erbitten wenn nicht bei Dir, Herr, der Du mit Recht über unsere Sünden gezürnt hast. 7
Anders als beispielsweise in Dichter-Auffassungen vom Tod im Barock ist der Tod im Mittelalter, so schrecklich er auch war, in die Normalität des Lebens integriert und Teil eines geordneten Weltbildes. Die barocken Dichter dagegen klagten den Tod nicht selten in empörter, realistischer Sprache als Vernichter menschlicher Schönheit an. 8 Im Mittelalter gibt es eine derartige Anklage eines unabwendbaren Schicksals nicht. Dichter-Auffassungen vom Tod im Mittelalter sind von dem Willen bestimmt, den Tod als Faktum zu akzeptieren. Diese Auffassung gewann ihre Berechtigung aus einer metaphysisch-überhöhten Vorstellung vom Tod als Ende des Lebens und Anfang der Erlösung. Die geistige Bewältigung der zahlreichen Todesgefahren im Mittelalter wie schrecklichen Epidemien (der Pest) und der Lebenserwartung von 35 Jahren noch am Anfang des 14. Jahrhunderts 9 erfolgte mit Hilfe ei-
7 DieserAusschnitt aus einer Dichtung stammt aus dem 9. Jahrhundert, zitiert nach: Haas, Alois M.: Die Auffassung des Todes in der deutschen Literatur des Mittelalters, in: Jansen, Hans-Helmut (Hrsg.):
Der Tod in Dichtung, Philosophie und Kunst, 2 Darmstadt 1989, S. 237- 247, S. 239.
8 Wentzlaff-Eggebrecht, Friedrich-Wilhelm: Das Problem des Todes in der deutschen Dichtung des Barock, in: Jansen, Hans-Helmut (Hrsg.): Der Tod in Dichtung, Philosophie und Kunst, 2 Darmstadt 1989, S. 237- 247, S. 238.
9 vgl. Haas, a.a.O., S. 241.
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Christoph Steven, 1997, Darstellungen des Todes in der Literatur, München, GRIN Verlag GmbH
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