Inhaltsverzeichnis
Verzeichnis der Abkürzungen
I. Einleitung 1
1. Fragestellung und Zielsetzung 1
2. Struktur der Arbeit 2
II. Die jugoslawisch- sowjetischen Beziehungen nach dem
Zweiten Weltkrieg (1945 1960 ) 4
1. Politische Entwicklungen in Jugoslawien von 1918 bis 1945 4
1.1 Jugoslawien zwischen den Kriegen (1918 1940 ) 4
1.1.1 Der Zerfall des „alten“ Jugoslawien 4
1.1.2 Tito 7
1.2 Jugoslawien im Zweiten Weltkrieg (1940 1945 ) 9
1.2.1 Die Aufteilung Jugoslawiens durch die deutschen Besatzer 9
1.2.2 Der Widerstand: Tito Partisanen gegen
Michailovićs- Četniks 10
1.2.3 Das Ende des Krieges und die Gründung des
neuen jugoslawischen Staates 12
2. Die vier Phasen der jugoslawisch- sowjetischen Beziehungen
nach 1945 18
2.1 Die erste Phase: 1945 1948 18
2.1.1 Wirtschaftliche Neuordnung Jugoslawiens 20
2.1.2 Die neuen Machthaber und der Staatsterror 21
2.1.3 Territoriale und politische Neuordnung in Jugoslawien 23
2.1.4 Die KP in Jugoslawien und in den jugoslawischen
Republiken 25
2.1.5 Jugoslawische Außenpolitik nach Kriegsende 26
2.1.6 Der Kominform- Konflikt (1948 ) 32
2.1.6.1 Der Briefwechsel zwischen Tito und Stalin im
Frühjahr 1948 36
2.1.6.2 Ausschluss Jugoslawiens aus dem Kominform 39
2.2 Die zweite Phase: 1948 1953 42
2.2.1 Wirtschaftlichen Folgen der Kominform- Krise
für Jugoslawien 43
2.2.2 Das jugoslawische Arbeiterselbstverwaltungsmodell 44
2.2.3 Innenpolitische Entwicklungen 46
2.2.3.1 Unmittelbare politische Folgen für Jugoslawien 46
2.2.3.2 Übergang zur offenen Kritik am Stalinismus 48
2.2.4 Jugoslawische Außenpolitik ab 1948 50
2.2.5 Beginn der Blockfreienbewegung 54
2.3 Die dritte Phase: 1953 1956 56
2.3.1 Politische Entwicklungen in der Sowjetunion
nach Stalins Tod 57
2.3.2 Politische Entwicklungen in Jugoslawien nach 1953 61
2.3.2.1 Wirtschaftliche Entwicklung 61
2.3.2.2 Innenpolitische Entwicklungen/ Der Fall Djilas
(1953 /1954 ) 62
2.3.2.3 Jugoslawien und die „Blockfreiheit“ 64
2.3.3 Die jugoslawisch-sowjetische Versöhnung 65
2.4 Die vierte Phase: 1956 1960 70
2.4.1 Politische Entwicklungen in der Sowjetunion nach 1956 70
2.4.2 Politische Entwicklungen in Jugoslawien nach 1956 72
2.4.3 Die jugoslawisch-sowjetischen Beziehungen nach 1956 73
2.4.3.1 Die Ungarn Krise 1956 74
2.4.3.2 Die Auswirkungen der Ungarn Krise 77
2.4.3.3 Der neue Konflikt 1957 /58 79
III. Schluss 84
1. Das Auf und Ab in den Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Jugoslawien 84
2. Vergleich der Kominform- Krise von 1948 mit der zweiten Krise in den jugoslawisch-sowjetischen Beziehungen 1957/58 88
IV. Bibliographie 92
V. Anhang I
I. Biographisches Verzeichnis I II. Karten VII
Verzeichnis der Abkürzungen
AVNOJ Antifaschistischer Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens BdKJ Bund der Kommunisten Jugoslawiens BRD Bundesrepublik Deutschland DDR Deutsche Demokratische Republik Kominform Kommunistisches Informationsbüro Komintern Kommunistische Internationale KP Kommunistische Partei KPdSU Kommunistische Partei der Sowjetunion KPJ Kommunistische Partei Jugoslawiens LD Landesdurchschnitt NATO
OZNa
RGW Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe UDBa
UdSSR Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken UN United Nations (engl.) = Vereinte Nationen (VN) VR Volksrepublik ZK Zentralkomitee
I. EINLEITUNG
1. Fragestellung und Zielsetzung
In der vorliegenden politikwissenschaftlichen Arbeit werden die Beziehungen zwischen Jugoslawien und der Sowjetunion im Zeitraum von 1945 bis 1960 untersucht. Die Analyse der Entwicklungen im neuen sozialistischen Jugoslawien nimmt hierbei einen besonderen Stellenwert ein. Die Wirtschafts- und Innenpolitik beider Länder sowie der Einfluss dritter Staaten werden nur in soweit in die Untersuchung mit einbezogen, wie sich daraus Folgen für die jugoslawisch- sowjetischen Beziehungen ergaben. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt jedoch auf der Außenpolitik beider Staaten. Hierbei sind im untersuchten Zeitraum klare Wendepunkte zu beobachten, die jeweils eine neue, sich über mehrere Jahre erstreckende Phase in den beidseitigen Beziehungen, einleiteten.
Die Forschungsfrage dieser Arbeit lautet demzufolge: Welches waren die Gründe für die jeweiligen politischen Kurswechsel in der Sowjetunion beziehungsweise in Jugoslawien, die zu einer Veränderung in den bilateralen Beziehungen führten? Dem schließt sich die Frage nach Gemeinsamkeiten und signifikanten Unterschieden der beiden großen Krisen in den jugoslawisch- sowjetischen Beziehungen von 1948 und 1957/58 an.
Bei der Analyse und dem Versuch einer objektiven Bewertung der Konflikte, finden sich jedoch auch Grenzen, die Gasteyger so beschreibt:
„Ein derartiger Versuch der Deutung findet natürlich seine Grenzen dort, wo die im kommunistischen Bereich übliche Verschleierung oder Verzerrung von Fakten eine zuverlässige Aussage verunmöglicht und selbst den aufmerksamsten Beobachter auf subjektive Mutmaßung und Interpretation verweist.“ 1
1 Gasteyger (1960) S.7 Z.30-34
1
2. Struktur der Arbeit
Die Arbeit lässt sich im Hauptteil in zwei Kapitel untergliedern. Im ersten Kapitel wird ein kurzer Überblick der wichtigsten politischen Entwicklungen in Jugoslawien vor 1945 gegeben. Dies soll als Verständnisgrundlage für den eigentlich zu untersuchenden Zeitraum (nach dem Zweiten Weltkrieg) dienen, und wird noch einmal in zwei Zeitabschnitte unterteilt:
1. Die Zeit zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs bis zum Kriegseintritt Jugoslawiens in den Zweiten Weltkrieg ( 1918 - 1940 )
2. Jugoslawien im Zweiten Weltkrieg ( 1940 - 1945 )
Im zweiten Kapitel werden dann die jugoslawisch- sowjetischen Beziehungen im Zeitraum von 1945 bis 1960 untersucht. Es bietet sich hierbei an, eine Unterteilung in vier Zeitabschnitte vorzunehmen:
1. Die „Periode des revolutionären Etatismus“ 2 (1945 - 1948)
2. Der Kominform 3 - Konflikt und seine Folgen (1948 - 1953)
3. Die Wiederannäherung beider Staaten nach Stalins Tod (1953 - 1957)
4. Die erneute Krise in den jugoslawisch- sowjetischen Beziehungen (1957 - 1960)
Die ersten beiden Zeitabschnitte werden von den Entwicklungen in Jugoslawien dominiert, da sie in diesem Zeitraum den Ausgangspunkt für die entscheidenden Veränderungen in den bilateralen Beziehungen bildeten. Innerhalb dieser Abschnitte wird eine weitere Untergliederung in die Unterpunkte - wirtschaftliche, innenpolitische und außenpolitische Entwicklung - , in ansteigender Reihenfolge gemäß ihrer Bedeutung für das Kernthema der Arbeit, vorgenommen. Die Entwicklungen innerhalb dieser Punkte werden chronologisch dargestellt.
Mit dem Tod Stalins zu Beginn des dritten Zeitabschnitts verschiebt sich die Perspektive. Der Ausgangspunkt für die entscheidenden Veränderungen der Beziehungen zwischen beiden Staaten liegt nun in der
2 Ivin (1968) S.19 Z.30 ff
3 Gasteyger (1960) S.11 ff
2
Sowjetunion. Daher wird in den beiden letzten Zeitabschnitten zunächst jeweils auf die Entwicklungen in der UdSSR und in Jugoslawien eingegangen, bevor in einem dritten Unterpunkt die jugoslawischsowjetischen Beziehungen in dem jeweiligen Zeitraum ausführlich untersucht werden. Die Ordnung der Unterpunkte und die Darstellung der Ereignisse erfolgt analog zu den ersten beiden Abschnitten.
Im Schlussteil wird in Form einer Zusammenfassung der
Untersuchungsergebnisse eine Antwort auf die Forschungsfrage gegeben. Im Anschluss daran wird ein Vergleich der beiden großen Krisen in den jugoslawisch- sowjetischen Beziehungen von 1948 und 1957/58 vorgenommen. Dabei werden sowohl Gemeinsamkeiten wie auch signifikante Unterschiede herausgestellt.
3
II. Die jugoslawisch- sowjetischen Beziehungen
nach dem Zweiten Weltkrieg (1945 - 1960)
1. Politische Entwicklungen in Jugoslawien von 1918 bis 1945
Um eine Analyse der politischen Geschehnisse nach 1945 im „neuen“ jugoslawischen Staat vorzunehmen, vor allem auch seiner besonderen Beziehungen zu der Sowjetunion, die als Modell bei der Errichtung des Staates Pate stand, ist es unerlässlich, einen historischen Rückblick bis weit in die Vorkriegszeit vorzunehmen. Dieser Rückblick dient als Verständnisgrundlage für alle weiteren politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen im sozialistischen Jugoslawien, an dessen Spitze von Beginn an Tito gestanden hat.
1.1 Jugoslawien zwischen den Kriegen (1918 - 1940)
1.1.1 Der Zerfall des „alten“ Jugoslawien
Die außenpolitische Situation Jugoslawiens stellte sich in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen äußerst labil dar. Mit beinah allen Nachbarstaaten (Italien, Österreich, Ungarn, Bulgarien und Albanien) 4 bestanden offene oder latente Konfliktherde, teils territorialer, teils nationalitätenpolitischer Art. 5
Zu Beginn des zweiten Weltkrieges (1939) spitzte sich dann die Situation zu. Das faschistische Italien unter Mussolini kontrollierte die Adriaküste und verstärkte seinen Einfluss in Albanien. Mit dem „Anschluss“ Österreichs und der Zerschlagung der Tschechoslowakei demonstrierte das deutsche Reich den Drang nach Süden und Osten.
4 Vgl. Anhang II. - Karte: „Südosteuropa und Kleinasien nach 1918“
5 Sundhaussen (1993) S.64 Z.15-18
4
Die jugoslawisch- sowjetischen Beziehungen waren in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen quasi zum Stillstand gekommen. Die Sowjetregierung in Moskau betrachtete das jugoslawische Königreich 6 , entstanden infolge der Verträge von Versailles (1929) und regiert von der Karadjordjević- Dynastie, die zuvor enge Verbindungen zu den gestürzten Romanovs 7 unterhielten, mit äußerstem Missfallen. Das junge jugoslawische Königreich hatte nach Ausbruch der russischen Revolution Tausenden russischen Emigranten einen warmen Empfang bereitet. Auch die Jugoslawen distanzierten sich von dem neuen kommunistischen Regime in Moskau, und brachen nach der Oktoberrevolution die diplomatischen Beziehungen zu Russland ab. Nach der Ermordung von König Alexander am 9. Oktober 1934 in Marseille, während eines Staatsbesuches in Frankreich, beerbte sein Vetter Prinz Paul Karadjordjević den Thron, da Alexanders Sohn Peter noch nicht mündig war. 8 Prinz Paul war starker Anti- Kommunist und fürchtete den sowjetischen Einfluss als Auslöser einer sozialistischen Revolution und als Keim von nationalem Separatismus auf jugoslawischem Territorium. Bis ins Jahr 1939 hinein verblieb ein ehemaliger Berater der Botschaft des russischen Zarenreiches in Belgrad und repräsentierte das alte Regime in Jugoslawien.
An den jugoslawischen Universitäten dominierten in den dreißiger Jahren vor allem zwei politische Richtungen. Während die meisten kroatischen Studenten an der Zagreber Universität mit der faschistischen Mystik 9 der
6 Im Jahre 1929 wurde das erste Mal die amtliche Bezeichnung „Jugoslawien“ verwendet. Der überwiegende Anteil dieses Staates setzte sich aus Südslawen ( Jugo- Slawen) zusammen. Die Bezeichnung „Südslawen“ gründet sich auf eine weit zurückreichende Verwandtschaft sowie auf sprachliche Ähnlichkeitsbeziehungen. Außer Slowenen, Kroaten, Serben, bosnischen Muslimen, Montenegrinern und Mazedoniern zählen auch die Bulgaren zu den Südslawen. (Vgl. Sundhaussen (1993) S.9 Z.1 ff )
7 Russische Zarendynastie: Die Romanovs regierten das russische Zarenreich über 300 Jahre lang, von 1613 (unter Michail I ) bis 1917 (unter Nikolai II). Im Zuge der russischen Revolution wurde der Zar Nikolai II gestürzt und 1918 hingerichtet.
(http://www.departments.bucknell.edu/russian/facts/romanov.html Stand: 15.11.2003 15:24)
8 Sundhaussen (1993) S.59
9 Hauptinhalt des ideologischen Programms der Ustaši- Bewegung war der zum Chauvinismus gesteigerte Nationalismus. Die Verwirklichung eines großkroatischen Staates unter Einbeziehung Bosnien -Herzegowinas war der einzige Punkt, in dem alle Mitglieder übereinstimmten. (Vgl. Sundhaussen (1993) S.71)
5
Ustaši- Bewegung sympathisierten, dominierte an der Belgrader Universität der Kommunismus in den letzten Jahren vor dem Krieg. Gerade der sowjetische Fünfjahresplan mit seiner großangelegten
Industrialisierungskampagne, ließ die eigenen Träume und Hoffnungen der jungen Jugoslawen entflammen. Der Anführer der kommunistischen Studenten an der Belgrader Universität, der als Lehrer, Idol und Ideengeber fungierte, war Milovan Djilas. 10 Er kontrollierte und dirigierte alle revolutionären Aktivitäten. Aus diesen Belgrader Studentenkreisen rekrutierten die Partisanen einige Jahre später, im Krieg, ihre Offiziere. 11
Mitte der dreißiger Jahre erhielten die jugoslawischen Kommunisten von der Sowjetunion, die unter zunehmendem Druck des Westens stand, und daher die antifaschistischen Kräfte stärken wollte, den Befehl, eine jugoslawische Koalition mit der Sowjetunion voran zu treiben. In breiten Teilen der Bevölkerung, insbesondere bei Serben und Montenegrinern, war das panslawische 12 Gefühl stark. Im April 1940 wurden zunächst wirtschaftliche Beziehungen zwischen Moskau und Belgrad aufgenommen. Bald darauf folgte die Etablierung von jugoslawisch- sowjetischen Beziehungen auf diplomatischer Ebene. 13
Umringt von Staaten der „Achse Berlin- Rom“ und des Dreimächtepakts (Japan, Italien, Deutschland) sah die königliche Regierung unter Cvetković-Maček keine Möglichkeit, sich dem energischen Drängen Hitlers auf einen Bündnisvertrag zu widersetzen. Am 25. März 1941 trat Jugoslawien in Wien schließlich dem Dreimächtepakt bei. Dieser Beitritt war militärisch, aufgrund der Zugeständnisse 14 der „Achsenmächte“, völlig bedeutungslos. Dennoch
10 siehe Anhang I. Biographien
11 Halperin (1958) S.9 ff
12 Mit „panslawischem Gefühl“ ist hier das freundschaftliche Verhältnis zur großen russischen Brudernation im Norden, dem natürlichen Beschützer aller Slawen, gemeint. (Vgl. Halperin (1958) S.6/7)
13 Clissold (1975) S.6
14 Mit der Unterschrift unter den Dreimächtepakt waren folgende Zugeständnisse verbunden:
1.) Die Veröffentlichung einer deutsch-italienischen Zusage, die „territoriale Integrität und Souveränität Jugoslawiens zu respektieren“
2.) Die Bekanntgabe der Zusage, dass die „Achsenmächte“ während des Krieges keinen Durchmarsch oder Transport von Truppen über jugoslawisches Staatsgebiet fordern würden
6
war die öffentliche Meinung in Serbien leidenschaftlich gegen den Beitritt, und so wurde die Regierung zwei Tage nach Unterzeichnung des Beitritts durch einen Putsch serbischer Offiziere gestürzt. Prinz Paul wurde verhaftet und deportiert. Der junge König Peter II. wurde vorzeitig für volljährig erklärt und ernannte den General der Luftwaffe Dušan Simović zum neuen Ministerpräsidenten. 15
Am 5. April 1941 wurde ein Freundschafts- und Nicht- Angriffs- Pakt zwischen Jugoslawien und der Sowjetunion bekannt. Am Morgen des 6. Aprils folgte, ohne vorherige Kriegserklärung, der deutsche Angriff auf Belgrad, als direkte Reaktion auf die Ereignisse vom 27. März. In wenigen Stunden erreichte Hitler, was die Komintern 16 - Direktiven der zwanziger und frühen dreißiger Jahre nicht geschafft hatten: die völlige Zerstörung der bourgeoisen Monarchie in Jugoslawien. Am 17. April wurde in Belgrad die bedingungslose Kapitulation der jugoslawischen Streitkräfte unterzeichnet. König Peter, die Regierung und das Oberkommando verließen Jugoslawien und bildeten unter britischem Schutz in London eine jugoslawische Exilregierung. 17
1.1.2 Tito 18
Im Jahre 1937 ernannte die Komintern Josip Broz- Tito zum Generalsekretär der KP (=Kommunistische Partei) von Jugoslawien, und machte ihn damit zum Anführer der jugoslawischen Kommunisten. Doch wer war dieser Tito,
3.) Die Klarstellung in der jugoslawische Presse, dass das Land durch den Beitritt zum Pakt nicht zum Eingreifen in den griechisch-italienischen Konflikt gezwungen sei
4.) Die geheime Zusage der „Achsenmächte“, auf jede militärische Hilfe seitens Jugoslawiens zu verzichten
5.) Die ebenfalls geheimgehaltene Zusicherung einer territorialen Verbindung Jugoslawiens mit dem Ägäischen Meer über Saloniki. Vgl. Sundhausen (1993) S.66 Z.4 - 16
15 Sundhaussen (1993) S.66
16 Komintern (= Kommunistische Internationale) : gegründet 1919 in der Sowjetunion mit dem Ziel, mit allen Mittel, einschließlich dem bewaffneten Kampf, die internationale Bourgeoisie zu stürzen, übergangsweise eine internationale Sowjetrepublik zu errichten, bis zur völligen Abschaffung des Staates. Ständiger Sitz der Komintern bis zu ihrer Auflösung im Mai 1943 war Moskau. 1928 übernahm Stalin den Vorsitz der Komintern. (Vgl. Kinder/ Hilgemann (1993) S.419)
17 Sundhaussen (1993) S.68
18 Ein detaillierter Tito- Lebenslauf findet sich bei Dedjer (1953)
7
welchen Weg hatte er bis zu dieser Ernennung an die Spitze der jugoslawischen KP beschritten?
Josip Broz wurde 1892 in dem kroatischen Dorf Kumrovec geboren. Er absolvierte eine Lehre als Schlossschmied in dem kleinen kroatischen Dorf Sisak und ging von 1911 bis 1913 auf Wanderschaft durch Deutschland und Österreich. Im Jahre 1913 trat er in Kroatien die zweijährige Militärzeit in der Armee des Kaiserreichs Österreich- Ungarn an. Während seiner Dienstzeit brach der erste Weltkrieg aus, und im Jahr 1915 geriet Broz verwundet in russische Kriegsgefangenschaft. Nach zwei Jahren in diversen Gefangenenlagern in Russland erlebte er 1917 die russische Oktoberrevolution mit und trat der Internationalen Roten Garde bei. Erst 1920 kehrte Josip Broz nach Jugoslawien zurück und trat dort umgehend in die Kommunistische Partei ein.
Die Gewerkschaften und die Kommunistische Partei wurden kurz darauf offiziell verboten, und so engagierte sich Tito fortan im Untergrund für die nun illegale Partei. 1927 wurde Broz zum ersten Mal wegen revolutionärer Tätigkeiten verhaftet, kam jedoch kurz darauf wieder frei. Ein Jahr später wurde er abermals verhaftet und zu fünf Jahren Gefängnis wegen angeblicher Beteiligung an Flugblattaktionen und Vorbereitung eines Bombenattentats verurteilt. Erst 1934 kam Broz wieder aus der Haft frei. Unter den verschärften politischen Bedingungen im Land, nach der Ermordung von König Alexander, war Josip Broz gezwungen, ein Leben im Untergrund zu führen, unter Verwendung verschiedener Decknamen. In dieser Zeit entstand der Deckname „Tito“, unter dem er später weltbekannt werden sollte. Nachdem er zeitweise für das Zentralkomitee der KP Jugoslawiens in Wien gearbeitet hatte, wurde er schließlich für die Arbeit des Balkansekretariats der Komintern berufen, und reiste noch 1934 nach Moskau ab. Nach einigen Aufenthalten in Moskau und organisatorischen Aufgaben innerhalb der KP in Jugoslawien in den Folgejahren, wurde Tito schließlich Ende 1937 zum Generalsekretär der KPJ erklärt. Nach der Ernennung zum Anführer der KPJ (= Kommunistische Partei Jugoslawiens), besetzte er umgehend die Schlüsselpositionen der Partei mit
8
Leuten seiner Wahl. Der slowenische Lehrer und Journalist Edvard Kardelj 19 , der serbische Händler Alexander Ranković 20 und der montenegrinische Studentenführer und Journalist Milovan Djilas sollten für lange Zeit die wichtigsten Funktionen innerhalb der Partei einnehmen.
1.2 Jugoslawien im Zweiten Weltkrieg (1940 - 1945)
1.2.1 Die Aufteilung Jugoslawiens durch die deutschen Besatzer
Nach der Eroberung Jugoslawiens installierten die Deutschen und ihre Verbündeten einen unabhängigen kroatischen Staat unter der Kontrolle des Deutschen Reichs und Italien. Er beinhaltete sowohl Bosnien als auch Herzegowina. Die faschistische Ustaša 21 - Bewegung unter der Führung von Ante Pavelić übernahm die Kontrolle des neugegründeten Staates und begann umgehend mit ethnischer Säuberung, die vor allem gegen Serben gerichtet war. 22 Die südlichen zwei Drittel des ehemaligen Königreiches wurde von Italien annektiert, der ökonomisch wichtigere Norden wurde dem deutschen Reich zugeteilt. Montenegro wurde wieder zum Königreich erklärt, allerdings unter italienischer Besatzung. Der Kosovo wurde ein Teil Albaniens, das sich bereits seit Ostern 1939 unter direkter italienischer Führung befand. Die Bulgaren vereinnahmten Mazedonien. Ein Großteil der Vojvodina wurde von Ungarn besetzt, ein kleiner Teil vom deutschen Reich. 23
19 siehe Anhang I. Biographien
20 siehe Anhang I. Biographien
21 Ustaša (kroatisch) = „Aufständischer“: Die Bewegung war nach Proklamierung der Königsdiktatur
1929 als terroristische Untergrundorganisation von dem Rechtsanwalt Ante Pavelić im Exil gegründet worden und vor allem von Italien und Ungarn unterstützt worden. Ideologisch fühlte sich Pavelić dem italienischen Faschismus und dem deutschen Nationalsozialismus verbunden. Hauptfeinde der Bewegung waren neben der serbischen Staatsgewalt, die internationalen Freimaurer, das Judentum und der Kommunismus. Vgl. Sundhausen (1993) S.70,71
22 Vgl. Thörner (1997) S.69 Z.37 ff
23 Vgl. Anhang II. Karte: „Die Feldzüge in Nordafrika und auf dem Balkan 1941/42“
9
Das ehemalige Königreich Jugoslawien wurde in viele kleine Teile komplett zerschlagen. Zu diesem Zeitpunkt war es praktisch unvorstellbar, dass Jugoslawien jemals wieder zu einer politischen Einheit werden würde.
Die jugoslawische KP leistete, entsprechend den Anordnungen Stalins, zunächst keinen organisierten Widerstand gegen die Besatzer. Erst nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion änderte sich diese Haltung. Bei einem Treffen des Zentralkomitees der jugoslawischen KP am 22. Juni 1941 verfasste Tito, auf Anweisung von Moskau, die Proklamation an die Völker Jugoslawiens, die zum Aufstand gegen die Invasoren aufrief:
„Die Stunde hat geschlagen, um mit der Waffe in der Hand Eure Freiheit gegen die faschistischen Aggressoren zu verteidigen. Tut das Eure im Kampfe um die Freiheit unter der Führung der Kommunistischen Partei von Jugoslawien. Der Krieg der Sowjetunion ist auch Euer Krieg, weil die Sowjetunion gegen Eure Feinde kämpft [...].“ 24
Damit wurde Tito zum Anführer und zur Symbolfigur des Partisanenwiderstands. 25 Die jugoslawische Staatsflagge mit einem roten fünfzackigen Stern wurde zum Symbol der nationalen Freiheitsbewegung unter dem Oberkommando Titos. Der Partisanenkampf entwickelte sich zum „Nationalen Befreiungskampf“, der letztendlich zum Sieg über die Besatzer und zum Akt vom 29. November 1943 führte, der als Geburtsstunde des neuen Jugoslawien gilt. 26
1.2.2 Der Widerstand: Tito Partisanen gegen Michailovićs Četniks
Vier Tage nach dem Beginn des deutschen Angriffs auf Jugoslawien wurde in Zagreb durch die KPJ ein Militärkomitee unter der Leitung Titos gebildet, das sich um die Vorbereitung eines späteren Aufstandes bemühen sollte. 27
24 Dedijer (1953) S.140 Z.17 ff
25 Vgl. Grothusen (1979) S.54
26 Grothusen (1979) S.45 Z.4 ff
27 Thörner (1997) S.73 Z.14-17
10
Am 4. Juli 1941 wurde der Beginn des Aufstandes gegen die Besatzungsmächte und ihre Helfer beschlossen.
„Die neue Armee des Volkes wurde sehr bald unter dem Namen Partisanen bekannt, eine Bezeichnung die aus der Zeit der Aufstände des spanischen Volkes gegen Napoleon im Jahre 1808 und den russischen Revolten von 1812 gegen den gleichen Herrscher stammt.“ 28
Der Guerillakrieg, mit all seinen Besonderheiten, war den deutschen Besatzern bisher fremd gewesen. Als Antwort auf Partisanen- Aktionen gingen sie immer mehr zur kollektiven Bestrafungen der Bevölkerung über. Bereits im Dezember 1941 wurde die „Erste Proletarische Brigade“ von den Partisanen aufgestellt, die später das Kernstück der „Volksbefreiungsarmee Jugoslawiens“ bildete. 29
Im Frühjahr 1942 gelang es der Partisanenführung, den anfänglich serbischen Aufstand in eine von der breiten Bevölkerung Jugoslawiens getragene Befreiungsbewegung umzuwandeln. Der Widerstandsbewegung, die im Süden bisher hauptsächlich durch Serben und Montenegriner, im Norden durch Slowenen gebildet wurde, traten nun vermehrt auch Kroaten und Bosnier bei. Die Unterdrückungspolitik der Besatzer sowie die nationalistischen Exzesse der Ustaschen im neu gebildeten kroatischen Staat, brachten den Partisanen zunehmenden Rückhalt in der Bevölkerung. 30
Die Partisanen übernahmen auch zivile Aufgaben, indem sie in den befreiten Gebieten „Volksbefreiungskomitees“ gründeten, die sich mit zivilen Aufgaben befassten.
Neben der Partisanenbewegung um Tito formierte sich noch eine weitere jugoslawische Widerstandsgruppe. Nach der Kapitulation der
jugoslawischen Truppen hatten sich, vor allem in Serbien und Montenegro, Guerilla- Widerstandsgruppen gebildet, deren Mitglieder sich überwiegend
28 Dedijer (1953) S.142 Z.22-25
29 Sundhaussen (1993) S.90
30 Sundhaussen (1993) S.90
11
aus der ehemaligen jugoslawischen Armee rekrutierten. Angeführt wurden diese „Četniks“ 31 von dem Serben Draša Mihailović. Er betrachtete sich als Statthalter des Königs und der verfassungsmäßigen Exekutive, und wurde als solcher in der Folgezeit von den Alliierten (inklusive der Sowjetunion) anerkannt und unterstützt. Die Zielsetzung der Četnik- Bewegung war restaurativer und nationalistischer Art. So kämpften sie für einen serbisch dominierten Nationalstaat Jugoslawien und die Wiedereinführung der Monarchie. 32
Die Sowjetregierung festigte zu jener Zeit (1941/42) ihre Beziehungen zur königlich-jugoslawischen Exilregierung und hatte sogar zugestimmt, dass die königlich- jugoslawische Gesandtschaft in Moskau in den Rang einer Botschaft erhoben wurde. 33
1.2.3 Das Ende des Krieges und die Gründung des neuen jugoslawischen Staates
Laut Thörner kommt dem Jahr 1943 eine ganz besondere Bedeutung für den weiteren Kriegsverlauf in Jugoslawien zu. Es brachte die Wende zu Gunsten der Partisanenbewegung unter Tito. 34
Die beiden erfolglosen deutschen Großoffensiven gegen die Partisanenverbände, „Operation Weiß“ ab Januar 1943 und „Operation Schwarz“ ab Mai des gleichen Jahres, brachten den Partisaneneinheiten zwar gewaltige Verluste, aber die schwierigste Phase des Kampfes hatten sie nun überstanden. 35
Schon im November 1942 wurde in Bihac auf einer Versammlung von Partisanen und deren Sympathisanten aus dem ganzen Land, der
31 Četnik (serb.)= „Einer aus der Kompanie“
32 Thörner (1997) S.72
33 Dedijer (1953) S.173 Z.19-22
34 Thörner (1997) S.76
35 Vgl. Anhang II. - Karte: „Die Kriegsschauplätze in Nordafrika und auf dem Balkan !943/44“
12
Antifaschistische Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens (AVNOJ) als politisches Exekutivorgan der Partisanenbewegung gegründet. Dieser Rat wurde zum obersten gesetzgebenden und ausführenden Organ erklärt und sollte fortan auch als höchster Repräsentant der Souveränität des Volkes und des Staates fungieren. Außerdem wurde das Nationalkomitee der Befreiung Jugoslawiens gewählt, welches als Exekutivkomitee faktisch alle Kennzeichen einer Regierung trug. Mit Rücksicht auf die Sowjetunion und deren westliche Verbündete wurde zunächst allerdings auf den Begriff „Regierung“ verzichtet. 36
Auf seiner zweiten Sitzung im bosnischen Jajce am 29. November 1943 wurde der Exilregierung schließlich vom AVNOJ untersagt, die Völker Jugoslawiens nach außen zu vertreten. Dem im Londoner Exil lebenden König Peter wurde, bis zu einem Volksentscheid, die Rückkehr ins Land verboten. Das Nationalkomitee wurde zur provisorischen Regierung erklärt. Der neue Staat sollte nach demokratischen und föderativen Prinzipien aufgebaut werden. Tito wurde zum Präsidenten des Nationalkomitees gewählt und wurde zugleich Kommissar für die nationale Verteidigung. Er erhielt den Titel eines „Marschalls von Jugoslawien“. 37 Dedijer bewertet die zweite Sitzung des AVONOJ wie folgt:
„Für Jugoslawien war diese zweite Sitzung des AVNOJ das wichtigste Ereignis des Krieges, da hier die Fundamente für den neuen Staat gelegt wurden.“ 38
Am 30. November 1943, zu Beginn der Alliierten- Konferenz von Teheran, ließ Tito die gefassten Beschlüsse an die sowjetische Führung übermitteln. Stalin reagierte äußerst verbittert darauf, dass man ihn, ohne vorherige Konsultation, vor vollendete Tatsachen stellte.
36 Sundhaussen (1993) S.91 ff
37 Prunkl/Rühle (1973) S.104
38 Dedijer (1953) S.197 Z.14-16
13
Tito sagte später dazu: „[...] Das war also unser erster größerer Konflikt allgemeinpolitischen Charakters hinsichtlich unserer Unabhängigkeit, unserer Selbstständigkeit usw. [...]“ 39
Sundhaussen stellt fest, das Stalin spätestens seit den Beschlüssen von Jajce im November 1943 ahnte, dass die KPJ auch ohne sein Mitwirken und notfalls gegen ihn entschlossen war, die Gesellschaftsordnung ihres Landes von Grund auf zu ändern. 40
Edvard Kardelj berichtete zurückblickend, dass jeder, der an der Vorbereitung der Beschlüsse von Jajce beteiligt gewesen war, schon damals gewusst hätte, dass dieses Beschlüsse Unzufriedenheit und negative Reaktionen bei den Regierungen der Großmächte und vor allem politische Komplikationen zwischen der Sowjetunion und den westlichen Mächten hervorrufen könnten. Deshalb hätte Tito angeordnet, dass auch die Sowjetunion über den Beschluss nicht eher informiert werden sollte, als bis er in die Wirklichkeit umgesetzt worden war. Dies wäre der Augenblick gewesen, da die Interessen des Volksbefreiungsaufstandes unvermeidlich mit den Interessen der Zusammenarbeit zwischen den Großmächten kollidieren mussten. 41
Als Ergebnis der Konferenz von Teheran im November/Dezember 1943 entschieden Churchill, Stalin und US-Präsident Roosevelt, die Partisanen militärisch anzuerkennen und ihnen die größtmögliche Hilfe zukommen zu lassen. Dieser Beschluss bedeutete den diplomatischen Durchbruch der Partisanenbewegung. 42
Nachdem auf Druck von Churchill im Dezember auch noch Četnik- AnführerDraša Mihailović seines Postens als Kriegsminister der Exilregierung enthoben wurden, konnte sich die Sowjetunion schließlich dazu durchringen, die Partisanen zu unterstützen. Im Februar 1944 landete
39 Prunkl/Rühle (1973) S.104 Z.14 ff
40 Sundhaussen (1993) S. 105 Z.30 ff
41 Sundhaussen (1993) S.92
42 Sundhaussen (1993) S.92
14
eine sowjetische Militärmission im befreiten Gebiet, und ab April trafen die ersten Waffenlieferungen ein.
Churchill bemühte sich seit Frühsommer 1944 verstärkt um eine Übereinkunft zwischen der Londoner Exilregierung und der provisorischen jugoslawischen Regierung unter Tito, mit dem Ziel, auf diese Weise die „Bolschewisierung des Balkans“ zu verhindern. 43 Am 16. Juni 1944 wurden zwischen Ivan Subašić, dem Premierminister der königlichen Exilregierung, und Tito als Präsidenten der provisorischen jugoslawischen Regierung (Nationalkomitee) auf der jugoslawischen Insel Vis die Verhandlungen über die Bildung einer gemeinsamen Regierung aufgenommen. 44 Man kam überein, fortan gemeinsam gegen die Besatzungsmächte zu kämpfen. Außerdem sollte die endgültige Entscheidung über die zukünftige Staatsform dem Volk überlassen werden. Nach der Befreiung des ganzen Landes sollten Wahlen durchgeführt werden. Auf dem fünften Parteikongress der KP Jugoslawiens 1948 analysierte Tito dieses Abkommen:
„ [...] Wir mussten auf dieses Übereinkommen auf Grund des eindringlichen Verlangens der westlichen Alliierten eingehen. Sie wollten uns mit aller Macht erneut den König aufzwingen [...].“ 45
Im September 1944 näherte sich die Rote Armee bei ihrem Vormarsch durch Rumänien der jugoslawischen Grenze. Tito entschloss sich, um nicht durch den Einmarsch der Sowjets vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden, auf Einladung Stalins nach Moskau zu fliegen, um die Modalitäten für einen Durchmarsch der Roten Armee zu klären. 46 Bei diesem ersten Zusammentreffen von Tito und Stalin kam man überein, dass die Rote Armee bei der Befreiung Serbiens und Belgrads mitwirken sollte, die sowjetischen Truppen jedoch nach Abschluss der Operationen das Land sofort wieder verlassen sollten. 47
43 Sundhaussen (1993) S.96
44 Prunkl/Rühle (1973) S.105 Z.37-42
45 Prunkl/Rühle (1973) S.106 Z.7 ff
46 Prunkl/Rühle (1973) S.106 Z.42 - S.107 Z.3
47 Vgl. Prunkl/Rühle (1973) S.107 Z.4 ff
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Am 20. Oktober wurde Belgrad von der Volksarmee und Verbänden der Roten Armee befreit. Kurz darauf traf Premierminister Subašić in Belgrad ein, und es wurden Verhandlungen mit Tito über die weitere Entwicklung in Jugoslawien geführt. Als Ergebnis wurde vereinbart, dass der König nicht nach Jugoslawien zurückkehren sollte, bevor das Volk darüber entschieden habe. Es wurde am 7. Dezember außerdem verkündet, dass der AVNOJ durch Einbeziehung nicht kompromittierter Vertreter des
Vorkriegsparlaments erweitert werden solle. 48
Diese Regelungen wurden bei der Konferenz der Alliierten auf Jalta vom 10. Februar 1945 bestätigt, und dahingehend erweitert, dass die Gesetzgebung des AVNOJ einer Ratifizierung durch die neue Verfassungsgebende Versammlung unterworfen werden solle. 49
Am 8. März 1945 wurde eine gemeinsame Regierung gebildet mit Tito an der Spitze. Dem Kabinett gehörten 20 Vertreter des AVNOJ, drei Mitglieder der Exilregierung und fünf Politiker der Vorkriegsparteien an. Am 7. August 1945 versammelte sich der AVNOJ, in der die KP Jugoslawiens ein erdrückendes Übergewicht besaß, zu seiner dritten Sitzung. Der AVNOJ erklärte sich zum provisorischen Parlament Jugoslawiens und erließ unter anderem ein Wahlgesetz. Bei den anschließenden Wahlen sollten nun Bundes- und Nationalitätenrat gewählt werden, und damit auch das zukünftige Staats- und Gesellschaftssystem in Jugoslawien. Sundhaussen übt Kritik an dieser Wahl:
„Wie nach 1918, [nach dem ersten Weltkrieg] so wurde auch nach 1945 das nationale Selbstbestimmungsrecht nicht zur Abstimmung gestellt. Das JA der Bevölkerung zum Fortbestand Jugoslawiens wurde vielmehr aus der Volksbefreiungsbewegung abgeleitet.“ 50
48 Vgl. Prunkl/Rühle (1973) S.108 Z.7 ff
49 Prunkl/Rühle (1973) S.108 Z.13-19
50 Sundhaussen (1993) S.94 Z.14-17
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Die Wahlen zur Verfassungsgebenden Versammlung wurden schließlich am
11. November 1945 abgehalten. Die bürgerlichen Parteien boykottierten die Wahl und warfen der Regierung Wahlterror vor. 51 Das Ergebnis war
eindeutig: Etwa 90 Prozent der Stimmen gingen an die „Volksfront“ 52 , womit
der Etablierung eines neuen Staats- und Gesellschaftssystems nichts mehr
im Wege stand. 53
Kurz darauf, am 29. November 1945, wurde die Monarchie durch die
Nationalversammlung offiziell abgeschafft und die „Föderative Volksrepublik
Jugoslawien“ proklamiert. Am 31.Januar 1946 wurde Jugoslawien, nach
sowjetischem Vorbild, durch eine neue Verfassung in einen föderativen
Volksstaat gleichberechtigter Völker umgewandelt. Die
Verfassungsgebende Versammlung wurde zeitgleich in ein reguläres
Parlament, bestehend aus zwei gleichberechtigten Kammern (Bundes- und
Nationalitätenrat), umgewandelt und ernannte die Regierung unter
Marschall Tito. 54
„Für das neue Jugoslawien, dessen Fundamente im Verlauf des Krieges gelegt wurde, boten die Ereignisse der Jahre 1941 bis 1945 das entscheidende ideologische Ferment.“ 55
51 Prunkl/Rühle (1973) S.109 Z.37-40
52 Im Einklang mit den Beschlüssen des 7. Weltkongresses der Komintern 1935 wurde in Jugoslawien eine „Front der Volkseinheit“ gegründet. Nach Ausbruch des Krieges fungierte die „Volksfront“ im Sinne eines überparteilichen Mobilisierungsorgans für die Partisanenverbände und unterstützte die in den befreiten Gebieten geschaffenen „Volksbefreiungsausschüssen“ in der Verwaltung der Territorien. Erst nachdem Tito sich im Bemühen um internationale Anerkennung von seiten der Westmächte zu einer Zusammenarbeit mit Vertretern der bürgerlichen Exilregierung in London bereit fand, was im November 1944 zum Abkommen Titos mit dem Chef der Londoner Regierung Subašić führte, traten auch Repräsentanten nicht-kommunistischer Parteien der „Volksfront“ bei. (Vgl. Höpken (1983) S.78/79)
53 Thörner (1997) S.78 Z.25-27
54 Prunkl/ Rühle (1973) S.112
55 Sundhaussen (1993) S.93 Z.35 - S.94 Z.1
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Arbeit zitieren:
M.A. Tobias Müller, 2004, Die jugoslawisch-sowjetischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg (1945-1960), München, GRIN Verlag GmbH
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