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1. Einleitung
1.1 Grundlage und Aufbau der Arbeit
Im Rahmen des Seminars „Märchen und Märchenmoral“ entstand die Idee eine Hausarbeit über das weniger bekannte und doch meiner Meinung nach sehr interessante Märchen „Blaubart“ zu schreiben. Das Märchen erscheint mir als interessant, da es sich um ein stilistisch eher ungewöhnliches Märchen handelt, sich seine Intention nicht nach einmaligen Lesen erschließen lässt und es auf mehreren Ebenen interpretierbar ist. Zu Beginn werde ich auf die Herkunft des Blaubartstoffes eingehen, zudem werden Vergleiche mit verwandten grimmschen Märchen gezogen. Anschließend wird der geschichtliche Hintergrund, der die Entstehung des Märchens und seine Thematik erklärt, aufgeführt. Als Hauptquelle diente mir das Buch „Blaubarts Geheimnis“ von Hartwig Suhrbier, das auch die Grundlage für die historische Deutung des Blaubartmärchens schuf. Anschließend folgt nach der „allgemeinen“ Betrachtung die spezifischere psyc hologische Interpretation des Märchens von Clarissa Pinkola-Estes und Verena Kast. Die Hausarbeit endet mit einem Resümee, das eine kurze Zusammenfassung beinhaltet, bestimmte Vorgehensweisen begründet und mit meiner persönlichen Stellungnahme abschließt. Das Märchen von Charles Perrault habe ich im Anhang dieser Hausarbeit zum Nachschlagen originalgetreu widergegeben.
1.2 Ursprung des Blaubart-Märchens
Viel diskutiert wurde die Herkunft des Blaubart-Märchens, doch als ursprünglicher Herausgeber galt lange Zeit Charles Perrault (1628-1703). Genauer gesagt wurde vermutet, dass er auf der Grundlage von „Fitchers Vogel“ der Brüder Grimm, ein
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Kunstmärchen geschaffen habe. “Perrault hat die Geschichte vom Blaubart selbst erfunden, und es gibt, soweit uns bekannt, keine Volksmärchen, die ihm als unmittelbares Vorbild gedient haben könnten.“ 1 Diese Vermutung konnte jedoch widerlegt werden: „Paul Delarue hat das große Verdienst, den Nachweis erbracht zu haben, dass es eine von Perrault unabhängige französische Überlieferung des Blaubart-Märchentyps gibt.(....) Es gibt beides neben einander: Eine Überlieferung die auf die vorperraultsche Fassung zurückgeht, und eine die auf der Fassung Perraults gründet.“ 2
Perraults Fassung (Original „La barbe-blue“1697 verfasst und 1953 entdeckt); erscheint aber als die entzaubertste. So erschien in den vorherigen Überlieferungen ein Vogel oder ein Hund, der die Botschaft der vom Tod bedrohten Frau an die Brüder übermittelte. Zudem wurde Blaubart, als „gescheiterter Magier“ und im Allgemeinen viel mysteriöser beschrieben, als es bei Perrault der Fall war. Als einzig wunderhaft gilt in dem Märchen der Schlüssel, der von seinen Blutspuren nicht zu befreien ist und als einzig mysteriös erscheint der blaue Bart des Blaubart. Diese Rationalisierung der Märchen und die „Befreiung“ von zauberischen, wundersamen Geschehnissen und Objekten erscheint als typisch in der französischen Überlieferung von Märchen.
„Es existiert sozusagen ein französischer Widerstand gegen das Wunderbare, was wohl auf eine rationalistische Tradition, die aus dem Geist der Aufklärung hervorgegangen ist, zurückgeführt werden kann.“ 3 „Das Zauberhafte unserer Märchen scheint im Vergleich zu den Märchen unserer Nachbarländer ganz verkürzt, diszipliniert, vertraut, vereinfacht, fast vernünftig.“ 4 Und obgleich Frankreich zum Ende des 17. Jahrhunderts auf eine große Märchensammlung zurückblicken kann (überwiegend Märchen
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von Charles Perrault), lässt sich in der heutigen Zeit kaum eine Märchensammlung „, die mit einem Minimum an wissenschaftlicher Gewähr zusammengestellt worden wäre.“ 5 finden.
Deutschland hingegen brachte sieben aufeinander folgende Auflagen der Märchensammlung der Brüder Grimm hervor. 1812 erschien auch das Blaubartmärchen als „Ritter Blaubart“ in grimmscher Fassung, schied 1819 allerdings wieder aus, da es dem Original „Blaubart“ von Charles Perrault zu sehr ähnelte. 6 Weitere deutsche Fassungen brachten Ludwig Tieck (1797 Märchendrama “Ritter Blaubart“), Jeanette Hassenpflug (1812“Blaubart“) und Ludwig Bechstein (1853 „Das Märchen vom Ritter Blaubart“) neben vielen anderen Autoren hervor. Zudem gibt es unzählige Satiren, Erzählungen,Dramen und Gedichte, die den Blaubartstoff behandeln.
Von der Perraultschen Fassung unterscheidet sich das Blaubart-Märchen der Brüder Grimm in sofern, als dass die Schwester Anne in der Turmszene fehlt und die Braut den Schlüssel ins Heu legt um ihn vom Blut zu befreien. Zudem erscheinen in der deutschen Fassung anstelle zwei, drei Brüder, um die Schwester von ihrem morddürstigen Gatten zu befreien. 7
1.3 Parallelen zu den Märchen Fitchers Vogel und Räuberbräutigam
„Das Märchen vom Mann mit dem blauen Bart, der als Frauenmörder entdeckt wird, hat in der europäischen Literatur und Folklore eine lange Tradition“ 8
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Dass der Blaubartstoff von Perrault nicht erfunden wurde, wird vor allem im Vergleich mit dem grimmschen Märchen „Fitchersvogel“ und „Der Räuberbräutigam“ deutlich.
Es wurde statt dessen festgestellt, dass Perrault starken Einfluss auf die Grimmschen Märchen ausgeübt hat. „Doch wie Hagen nachgewiesen hat, beruhen selbst in den verwandten Märchen vom „Räuberbräutigam“ und „Fitchers Vogel“ Einzelzüge bis hin zum Wortlaut auf dem Perraultschen Text.“ 9 In Fitchersvogel ist es ein Hexenmeister, der sich mit einer Frau vermählen will. Allerdings geht er mit dieser Heiratsabsicht weniger subtil vor als Blaubart, der die Schwestern mit seiner Großzügigkeit, Gastfreundschaft und seiner Fähigkeit Feste zu feiern umgarnt. Der Hexenmeister raubt sich seine Braut, jedoch auch mit List. So gibt er vor ein hilfsbedürftiger Bettler zu sein. Er ist also ebenso wie Blaubart getarnt. Und auch er hat allen Grund dazu. Denn eine offensichtliche Parallele beider Figuren tut sich auf: so haben beide schon viele Frauen gehabt, von denen niemand weiß, wo sie geblieben sind.
Ebenfalls wie Blaubart ist auch der Hexenmeister Besitzer vieler Reichtümer. Und obgleich er sich schon zu Beginn des Märchens als heimtückisch und gewalttätig gezeigt hat, so ist ihm doch auch daran gelegen, ebenso wie Blaubart seine Frau zu ehelichen. Und gleich Blaubart gibt auch er der Zukünftigen seinen Schlüsselbund zu all seinen Kammern und Besitztümern. Ebenfalls wird die Frau aufgefordert eine kleine Kammer nicht zu betreten. Während
Blaubart noch etwas bedeckter die Konsequenzen vermittelt: “(...)und ich verbiete es Euch so sehr, dass Ihr, wenn es Euch ankommen sollte, sie zu öffnen, alles von meinem Zorn zu erwarten habt.“ 10 gibt der Hexenmeister, der ja bisher auch kaum etwas von seinem schlechten Charakter ve rborgen hat, deutlich zu
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verstehen:“ (...)nur nicht in die Stube, die dieser kleine Schlüssel da aufschließt, das verbiet ich dir bei Lebensstrafe.“ 11 Im Gegensatz zu Blaubart übergibt der Hexenmeister der Frau nebst den Schlüsseln ein Ei, mit der Aufforderung sich um dieses sorgen und es nicht verloren gehen zu lassen, ansonsten „würde ein großes Unglück daraus entstehen.“ 12
Sowohl in „Blaubart“ als auch in Fitchers Vogel missachten die Frauen die Aufforderungen der Männer und betreten die verbotene Kammer. In der Kammer des Blaubart entdeckt die Frau andere, aber erhängte, Frauen und lässt erschrocken den Schlüssel der Kammer in eine Blutlache fallen. “Nach einigen Augenblicken begann sie zu erkennen, dass der Fußboden ganz mit geronnenem Blut bedeckt war, und dass sich in diesem Blut die Körper mehrerer toter, längs der Mauern aufgehängter Frauen spiegelten: Das waren alle die Frauen, die Blaubart geheiratet und eine nach der anderen umgebracht hatte. Sie glaubte vor Furcht zu vergehen, und der Schlüssel zur Kammer, den sie eben aus dem Schloß gezogen hatte, fiel ihr aus der Hand.“ 13 In der Kammer des Hexenmeisters verhält es sich ganz ähnlich, allerdings wesentlich grausamer :“Ein großes blutiges Becken stand in der Mitte, und darin tote zerhauene Menschen, daneben stand ein Holzblock, und ein blinkendes Beil lag darauf. Sie erschrak so sehr, dass das Ei, das sie in der Hand hielt, hineinplumpte.“ 14
Und beiden Märchen gleich ist, der unmögliche Versuch der Frauen den blutverschmierten Gegenstand zu reinigen, sowie die frühzeitige Ankunft des Mannes und schließlich durch diesen die Aufdeckung des Vergehens der Frau. Neben diesen deutlichen Ähnlichkeiten beider Märchen lassen sich auch klare Unterschiede ausmachen. So treten in „Fitchers
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Britta Kaikhosrowi, 2005, Der Blaubart - Aspekte vielseitiger Interpretationsmöglichkeiten, München, GRIN Verlag GmbH
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