Vorwort des Verfassers
Seit Beginn des vorigen Jahrhunderts hat es in den christlichen Kirchen viele Bewegungen gegeben, die sich um ein Leben nach der Bibel nach dem Vorbild Jesu Christi und der Urkirche bemühten und das Wirken des Hl. Geistes wieder mehr in den Vordergrund stellten. Aus der Fülle der Pfingstkirchen, Freikirchen und charismatischen Gruppen auf der ganzen Welt werde ich in dieser Seminararbeit vor allem auf jene Gruppe eingehen, die sich selbst als „Charismatische Erneuerung in der Katholischen Kirche “ bezeichnet, und versuchen, sie ein wenig zu beleuchten, da sie von dieser gesamtchristlichen Bewegung die in Österreich am stärksten vertretene Gruppe ist. Ich möchte besonders die spirituellen Schwerpunkte behandeln und auch eine der aus dieser Bewegung neu entstandenen Gemeinschaften vorstellen.
1. Die Charismatische Erneuerung -
Begriffserklärung, Entstehung und Organisation
1.0. Einleitung
In dem so genannten „Mechelner Dokument“, das im Mai 1974 auf Einladung Kardinal Suenens eine internationale Gruppe von Theologen und Laien erarbeitete, heißt es sehr treffend über diese Bewegung: „Die Charismatische Erneuerung stammt von der Kirche, ist in der Kirche und breitet sich aus. Es liegt jedes Anzeichen dafür vor, dass sie ein dauernder Ausdruck des Lebens der Kirche bleiben wird. Also hat man es nicht mit einer vorübergehenden Mode zu tun. D ie Erneuerung sieht ihre theologische Basis in einer Erneuerung des Taufbewusstseins (Taufe, Firmung, Eucharistie). Ihr Interesse ist es, das christliche Leben als Ganzes durch die Kraft des Geistes unter der Herrschaft Jesu zu erneuern.“ 1
1.1. Einige kurze Begriffserklärungen
Unser Wort „Charisma“ wird vom griechischen Wort „charis“ abgeleitet und bedeutet „Gnade“. Das Suffix „ma“ formt ein Wort, dessen ursprünglicher Sinn „Arbeit der Gnade“ oder „Geschenk der Gnade“ ist. 2 „Es handelt sich um eine ganz und gar umsonst
1 Baumert, Gaben des Geistes, S.51
2 Vgl. Sullivan, Charismatische Erneuerung S.17
3
geschenkte Gnade, das heißt, dass sie überhaupt nichts zu tun hat mit dem Begriff des persönlichen Verdienstes, der Würdigkeit oder der Heiligkeit des Einzelnen. Gott teilt es in Seiner großen Weisheit entsprechend den Bedürfnissen der Kirche und im Hinblick auf ihren Aufbau zu.“ 3
In den Paulusbriefen wird bereits eine Vielzahl von Charismen angeführt, die in der Urkirche vorgekommen sind. So benennen der 1. Korintherbrief (Kap. 12-14) und der Römerbrief (Kap. 12) eine Vielzahl von Gaben, die der Heilige Geist schenkt: Erkenntnis vermitteln, prophetisch reden, heilen, trösten, ermahnen, lehren, Barmherzigkeit üben und vieles mehr. Solche Gaben werden auch heute den Menschen gegeben zu ihrem persönlichen Wachstum und zum Dienst am anderen.
Man darf aber die Bezeichnung „charismatisch“ nicht dahingehend missverstehen, dass der Hl. Geist nirgends sonst in der Kirche wirken würde, also nicht exklusiv, sondern positiv, dass in dieser Bewegung das Wirken des Gottesgeistes besonders deutlich zum Ausdruck kommt. Der Hl. Geist hat auch immer schon in der Geschichte der Kirche ne ue Bewegungen ins Leben gerufen - man denke nur an den Hl. Franz von Assisi - die durchaus sehr charismatisch waren, aber sich nicht so bezeichneten.
Mitglieder der Bewegung bezeichnen diese als „Erneuerung“ und sehen darin auch eine Antwort auf die bedrängenden Krisen der Kirche und des Glaubens heute: • Ein zunehmender Teil der Bevölkerung in Europa wächst ohne jede Form kirchlicher Bindung auf oder distanziert sich von den Kirchen; • der Glaube an einen persönlichen Gott schwindet; • christliche Werte verlieren dramatisch an Geltung;
• Menschen geraten auf der Suche nach spiritueller Erfahrung in Sackgassen und Unfreiheiten. 4
1.2. Geschichte des charismatischen Aufbruchs im 20.
Jahrhundert
Die italienische Ordensschwester Elena Guerra schrieb Ende des 19. Jahrhunderts mehrmals an Papst Leo XIII. und fordert ihn auf, die Kirche durch eine neue Hinwendung zum Heiligen Geist zu erneuern. Sie machte den Vorschlag, in der katholischen Kirche
3 Madre, Wort der Erkenntnis S.17
4 Vgl. http://www.erneuerung.de/wasist.php [12.04.2004]
4
weltweit eine Novene zum Heiligen Geist (ein neuntägiges Gebet zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten vgl. Apg 1,12-14) auszurufen.
Papst Leo XIII. ging auf diesen Vorschlag ein. Des Weiteren verfasste er eine Enzyklika über den Heiligen Geist „Divinum Illud Munus“, in der er zu einer neuen Wertschätzung des Heiligen Geistes und seiner Gaben aufrief.
1901: Am 1. Januar 1901 rief Papst Leo XIII. mit dem bekannten Hymnus „Veni Creator Spiritus“ den Heiligen Geist im Namen der ganzen Kirche auf das beginnende 20. Jahrhundert herab.
Genau an diesem Tag erlebte eine 18jährige protestantische Bibelschülerin in Topeka, USA eine „Taufe im Heiligen Geist“, mit dem in der Apostelgeschichte beschriebenen Zeichen der Sprachengabe. Ähnliches geschah auch ihren Mitschülern und anderen Anwesenden. Dieses Ereignis wird allgemein als der Anfang der Pfingstbewegung gesehen.
Es kam in den folgenden Jahren zu einer raschen Ausbreitung der Bewegung. Besonders die Gemeinde eines schwarzen Pastors in der Azusa Street, einem Armenviertel in Los Angeles, USA, erlangte Berühmtheit. Viele Besucher kamen dorthin, um das Wirken des Heiligen Geistes Sprachengebet, Prophetie und Heilung zu erleben, und viele Bekehrungen waren die Folge.
Zu Beginn ergriff die Pfingstbewegung vor allem Teile der Methodistenkirche, aber auch evangelikale und anglikanische Christen. Die Großkirchen blieben dieser Pfingstbewegung - der heute bei weitem größten Gruppe unter den protestantischen Kirchen - zunächst großteils verschlossen.
1940-50: Dadurch, dass viele Mitglieder etablierter Kirchen die Taufe im Heiligen Geist erlebten und Teil ihrer Kirche blieben, kam es zur „N eupfingstlichen Bewegung“ in den protestantischen Kirchen.
1967: Dieses Jahr wird als der Beginn einer pfingstlich-charismatischen Bewegung in der katholischen Kirche gesehen. Der Ausgangspunkt waren die vom 17. bis 19. Februar stattfindenden Einkehrtage von Studenten der Duquesne-Universität in Pittsburgh (US-Staat Pennnsylvania), wo sie eine „Taufe im Heiligen Geist“ erlebten. Was viele Beobachter überraschte, war, wie schnell sich die Bewegung unter Katholiken ausbreitete.
1969: Die amerikanischen Bischöfe bezeichnen die Charismatische Erneuerung in einer ersten Stellungnahme als eine Bewegung, der erlaubt werden sollte, sich zu entwickeln.
5
1975: Beim ersten Weltkongress der katholischen Charismatischen Erneuerung in Rom bezeichnete Papst Paul VI. diese als eine Cha nce für die Kirche und die Welt.
1996: Bereits 372 Millionen Christen zählen sich zu diesem pfingstlich-charismatischen Aufbruch, davon mehr als 70 Millionen in der katholischen Kirche. 5 Durch die Verbreitung der Pfingstbewegungen und Charismatischen Bewegungen in allen christlichen Konfessionen sehen viele darin eine große Chance für die ökumenischen Bemühungen.
1.3. Organisati on der Bewegung
Die Charismatische Erneuerung ist eine offene Bewegung, ohne formelle Mitgliedschaft. Sie versucht, grundsätzlich so wenig eigene Strukturen wie nötig aufzubauen, da bereits ausreichend Strukturen in der Kirche vorhanden sind.
Der Sitz des internationalen Büros der Charismatischen Erneuerung ist in Rom (ICCRS -International Catholic Charismatic Renewal Services) und besteht aus einem Rat aus Vertretern aller Erdteile, der Großteil davon sind Laien. Auf Österreichebene gibt es einen „Österreich-Leitungsdienst“, der eng mit den Diözesanvertretern zusammenarbeitet. Meist sind es ein Ehepaar und ein Priester als „geistlicher Assistent“, die den Diözesangruppen vorstehen.
In Österreich gibt es derzeit etwa 500 Gebetsgruppen, wo sich Menschen wöchentlich zu Gebet, Schriftbetrachtung, Austausch, Lobpreis, Anbetung, Fürbittgebet, gemeinsamen Singen,… treffen.
Aus der Charismatischen Erneuerung sind viele neue Gemeinschaften hervorgegangen, die Bekanntesten sind die „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ (siehe unten), sowie die Gemeinschaft Emmanuel (Neuevangelisierung, kräftige Mithilfe bei der Wiener Stadtmission im Mai 2003).
Die Charismatische Erneuerung ist keine Abspaltung, sondern ein wichtiger Teil der katholischen Kirche, im Gegensatz zu vielen evangelischen Pfingstkirchen, die sich aufgrund mangelnder Akzeptanz häufig von der „Mutterkirche“ getrennt haben, und von denen es schon 1925 in den Vereinigten Staaten 38 Pfingstsekten gab. 6 Papst Paul VI. und
5 Informationen aus einem internen Dokument der Charismatischen Erneuerung („Geschichte des
charismatischen Aufbruchs“ von Tobias Gerster) sowie von http://www.erneuerung.de/modules.php
[12.04.2004]
6 Vgl. Sullivan, Charismatische Erneuerung, S.38
6
Johannes Paul II. haben wiederholt die Bedeutung der Erneuerungsbewegung für die katholische Kirche und die Neuevangelisierung betont.
Papst Paul VI. in einer Ansprache an die Teilnehmer der Internationalen Leiterkonferenz der CE in Rom. (Mai 1975):
„Nichts ist nötiger für eine Welt, die mehr und mehr säkularisiert ist, als das Zeugnis dieser geistlichen Erneuerung, die der Heilige Geist heute in den unterschiedlichsten Regionen und Bevölkerungsschichten hervorbringt. Ihre Ausprägungen sind verschieden: tiefe Gemeinschaft des Herzens, inniger Kontakt mit Gott, in Treue zu der durch die Taufe angenommenen Aufgaben, im Gebet, das oft gemeinschaftlich geschieht und in welchem jeder, indem er sich frei äußert, das Beten der anderen unterstützt und es nährt; und als Basis von allem: eine persönliche Überzeugung. Diese Überzeugung hat ihre Quelle nicht allein in der Glaubensunterweisung, sondern in einer Gewissheit gebenden Erfahrung echten Lebens, insbesondere der Erfahrung: dass ohne Gott der Mensch nichts tun kann - und andererseitsmit ihm alles vermag... Wie kann diese geistliche Erneuerung etwas anderes sein, als eine Chance für die Kirche und die Welt?“ 7
7 http://www.erneuerung.de/modules.php [12.04.2004]
7
Arbeit zitieren:
Christian Glechner, 2004, Die Charismatische Erneuerung in der katholischen Kirche, München, GRIN Verlag GmbH
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