Das Qualitative Interview
von Sigrid Hundhammer
Gliederung
1 EINLEITUNG: ZIELSTELLUNG UND VORGEHENSWEISE 2
2 THEORETISCHE GRUNDLAGEN: DIE EMPIRISCHE SOZIALFORSCHUNG 3
2.1 Die zentralen Methoden der empirischen Sozialforschung 3
2.1.1 Quantitative Forschung - Qualitative Forschung 3
2.2 Allgemeine Informationen zu Interviews 5
2.2.1 Strukturierung: von wenig bis stark 6
2.2.2 Interviewverhalten: weich - hart - neutral 7
2.2.3 Offene und geschlossene Fragen 9
2.3 Qualitatives Interview 10
2.3.1 Das Leitfadeninterview 11
3 ENTWICKLUNG DES EIGENEN VORGEHENS 18
3.1 Vorbereitungsphase 18
3.1.1 Festlegung des Untersuchungsziels und des Verwendungszwecks 18
3.1.2 Festlegung der Grundgesamtheit und der Stichprobe 19
3.1.3 Entwicklung des Interviewleitfadens 20
3.2 Durchführungsphase des Probeinterviews 23
3.2.1 Orientierungsphase des Probeinterviews 23
3.2.2 Erarbeitungsphase: methodische Reflexion 24
4 DAS HAUPTINTERVIEW 27
4.1 Aufbereitung und Auswertung der Daten 27
4.1.1 Transkription des Interviews 27
4.1.2 Festlegung des Kategoriensystems 40
4.1.3 Zentrale Ergebnisse 41
5 METHODISCHE AUSWERTUNG DES INTERVIEWVERFAHRENS 53
5.1 Planung 53
5.2 Durchführung 54
5.2.1 Warming-up-Phase und Orientierungsphase 54
5.2.2 Erarbeitungsphase 54
5.2.3 Inhaltliche Auswertung 59
6 LITERATURVERZEICHNIS 62
1 Einleitung: Zielstellung und Vorgehensweise
In meiner Seminararbeit möchte ich mich in die Thematik der empirischen Sozialforschung einarbeiten und in diesem Rahmen auch selber eine Untersuchung, nämlich ein Interview, durchführen. Das Thema für dieses Interview, das sich schon aus dem Seminar "Qualitative Interviews" ergab, lautet "Vorstellungen und Erwartungen an ein Uni-Studium". Dieses Thema fand ich besonders interessant, weil die Zeit meiner Entscheidung für oder gegen ein Studium noch nicht allzulange zurückliegt, ich mich also noch recht gut an eigene Vorstellungen und Erwartungen erinnern kann, und weil es mich nun als Studentin interessiert, etwas darüber zu erfahren, wie die Vorstellungen eines Abiturienten heute aussehen. Da ich jetzt selber schon studiere, kann ich das Thema vielleicht auch mit größerem Überblick und größerer Objektivität beurteilen und die Vorstellungen der Befragten mit meinen Erfahrungen vergleichen.
In der folgenden Seminararbeit werde ich im zweiten Kapitel zunächst einen Überblick über die empirische Sozialforschung mit ihren zentralen Methoden geben, wobei der Schwerpunkt auf der Vorstellung des qualitativen Interviews liegt, da ich diese Methode der Sozialforschung ja selber anwenden möchte. Auf diesem theoretischen Hintergrund werde ich dann im dritten Kapitel darlegen, wie die einzelnen Schritte der Planung des eigenen Verfahrens aussehen und wie sie mit dem Probeinterview realisiert wurden, und anschließend werde ich in Kapitel vier zur tatsächlichen Durchführung meines Interviews, dem genauen Vorgehen und schließlich der inhaltlichen Auswertung kommen. Im fünften Kapitel möchte ich abschließend noch eine methodische Reflexion meines Interviews vornehmen, in der ich auf die einzelnen Arbeitsschritte während der Planung, Durchführung und Auswertung eingehen werde.
2 Theoretische Grundlagen: Die empirische Sozialforschung
Unter dem Begriff der empirischen Sozialforschung versteht man die Erfassung und Deutung sozialer Tatbestände, wobei der gesamte Ablauf der Erfassung und Deutung nach bestimmten Voraussetzungen und Regeln geplant und in seinen einzelnen Phasen nachvollziehbar sein muß (Atteslander 1995, S. 11 f.). Das ist deswegen so wichtig, weil die Erhebung der Daten auch für andere verständlich und durchschaubar sein muß, wenn das Forschungsergebnis einen Nutzen haben soll. Außerdem ist es unmöglich, die soziale Wirklichkeit insgesamt wahrzunehmen. "Faßbar sind immer nur Ausschnitte, und die Ausschnitte werden erst sinnvoll, wenn sie systematisch und theorieorientiert erhoben werden." (Atteslander 1995, S. 12 f.). Als "soziale Tatbestände" bezeichnet man "beobachtbares menschliches Verhalten, von Menschen geschaffene Gegenstände sowie durch Sprache vermittelte Meinungen, Informationen über Erfahrungen, Einstellungen, Werturteile, Absichten." (Atteslander 1995, S. 12). Durch diese Aufzählung wird schon ersichtlich, wie komplex die zu erfassenden Felder sind, so daß ein präzises Erfassungssystem und entsprechende Methoden notwendig sind.
2.1 Die zentralen Methoden der empirischen Sozialforschung
Die Methoden, die zur systematischen Erfassung und Analyse der sozialen Wirklichkeit dienen, sind die Beobachtung, die Befragung, das Experiment und die Inhaltsanalyse (Atteslander 1995, S. 71). Jede dieser Methoden kann sowohl als Instrument für quantitative Forschung, also im weitesten Sinne für Meßvorgänge, als auch für qualitative Forschung dienen. Das bedeutet aber nicht, daß sich diese beiden Bereiche ausschließen, sondern sie "bedingen sich oft gegenseitig. Ihr Einsatz hängt neben theoretischen Annahmen vor allem vom Forschungsziel, der Beschaffenheit des Forschungsgegenstandes und von den jeweils aktuellen Gegebenheiten ab." (Atteslander 1995, S. 14).
2.1.1 Quantitative Forschung - Qualitative Forschung
Die quantitative und qualitative Forschung unterscheiden sich in einigen wesentlichen Punkten, die ich im folgenden näher erläutern möchte.
Der entscheidende Unterschied liegt im jeweiligen Bezug der beiden Forschungsarten zur Theorie. "Quantitative Studien unterscheiden sich von qualitativen in erster Linie durch die wissenschaftstheoretische Grundposition, den Status von Hypothesen und Theorien sowie dem Methodenverständnis." (Atteslander 1995, S. 91). Das bedeutet, daß der Ausgangspunkt eines quantitativen Meßverfahrens immer eine Theorie ist und daß das Ziel des jeweiligen Erhebungsverfahrens ist, die Ausgangstheorie beziehungsweise die bestehenden Hypothesen durch die Messung sozialer Tatbestände zu überprüfen, also entweder zu falsifizieren oder als nicht falsifizierbar anzunehmen. Von Beginn an hat man somit einen festen Bezugsrahmen, der die zu erfassenden Tatbestände genau eingrenzt. Dem liegt auch die Annahme zugrunde, daß Soziale Realität objektiv ist, also von allen Menschen gleich wahrgenommen wird, und daß sie deshalb mittels kontrollierter Methoden erfaßbar ist (Atteslander 1995, S. 91). Die erfaßten Daten müssen den Kriterien der Reliabilität (d.h. Zuverlässigkeit), Validität (d.h. Gültigkeit) und Repräsentativität standhalten können und außerdem intersubjektiv überprüfbar sein (Atteslander 1995, S. 91).
Aus all diesen Hintergründen und Ansprüchen hat sich die Notwendigkeit ergeben, fest strukturierte Beobachtungsschemata zu entwickeln: "Quantitativ orientierte Beobachtungsstudien sind durch eine hochstrukturierte, theoriegeleitete und kontrollierte Wahrnehmung, Aufzeichnung und Auswertung gekennzeichnet, wobei die Datensammlung und -auswertung meist zeitlich und personell auseinanderfallen." (Atteslander 1995, S. 91 f.).
Der Unterschied zur qualitativen Forschung liegt also vor allem darin, daß die quantitative Forschung von vorher genau begrenzten Erfahrungsbereichen und Tatbeständen ausgeht, der Blick auf die Wirklichkeit sehr stark eingeschränkt wird, was auch die Gefahr beinhaltet, "daß durch Standardisierung und Quantifizierung häufig nur noch Scheinobjektivitäten und Meßartefakte generiert werden." (Atteslander 1995, S. 92). Der Forscher verändert also durch das Instrument die sozialen Tatbestände, er beeinflußt sie, schränkt sie ein oder provoziert sie.
Dies soll bei der qualitativen Forschung möglichst vermieden werden. Das zentrale Thema ist hier die Subjektbezogenheit, wobei die Meinungen und Relevanzsysteme des einzelnen erhoben und interpretiert werden (Atteslander 1995, S. 90 f.). Es wird davon ausgegangen, daß die Menschen die Wirklichkeit für sich erst schaffen, "indem sie diese dauernd interpretieren und neu aushandeln. Ziel der qualitativen Sozialforschung ist die Erfassung dieser Prozesse, wobei der Akt des Forschens selbst als ein Prozeß der Kommunikation zwischen Forscher und Beforschten verstanden wird." (Atteslander 1995, S. 93). Gegenstand der Forschung sind also die Interpretationsprozesse, denen die Menschen ihre Umwelt unterziehen, da im Zentrum die Annahme steht, "daß soziale Akteure Objekten Bedeutungen zuschreiben, sich nicht starr nach Normen und Regeln verhalten, sondern soziale Situationen interpretieren und so prozeßhaft soziale Wirklichkeit konstituieren." (Atteslander 1995, S. 92). Diese Grundsätze machen es notwendig, die Erhebungsmethoden in ihrer Struktur daran anzupassen. Es wird also auf vorab strukturierte Beobachtungsschemata und standardisierte Verfahrensweisen verzichtet, und außerdem soll möglichst vermieden werden, den Forscher in die natürliche Lebenswelt der Untersuchungspersonen einzubinden, da dies einer Beeinflussung und Verzerrung gleichkommt (Atteslander 1995, S. 94). (Dies ist natürlich besonders bei der Beobachtung wichtig, während es zum Beispiel bei der Befragung nicht immer auszuschließen ist, daß der Forscher direkt mitwirkt.) Der Forschungsablauf, die Wahl der Methode, die Auswahl der Untersuchungspersonen und -situationen werden außerdem durch den Untersuchungsgegenstand bestimmt, während bei der quantitativen Forschung der Forschungsablauf durch vorher entwickelte Theorien und Hypothesen definiert wird (Atteslander 1995, S. 92). Als unterscheidende "Faustregel" kann man also sagen, daß die quantitative Forschung ein hypothesenprüfendes Verfahren ist, während die qualitative Forschung eher ein hypothesenbildendes Verfahren darstellt. Die Hypothesen entstehen hier während des Forschungsprozesses. Dieser Unterschied macht auch deutlich, daß bei der qualitativen Sozialforschung Alltagstheorien gleichwertig zu wissenschaftlichen Theorien anerkannt werden, was bei der quantitativen Forschung nicht so ist. Dort beharrt man eher auf einer strikten Trennung von Alltagstheorie und wissenschaftlicher Aussage (Atteslander 1995, S. 93).
[...]
Arbeit zitieren:
Sigrid Hundhammer, 1999, Das Qualitative Interview, München, GRIN Verlag GmbH
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