Johannes Gutenberg – Universität Mainz
- Institut für Politikwissenschaft -
Hausarbeit zum Seminar im Grundstudium:
Internationale Beziehungen
3. Semester
Die Europäische Währungsunion aus Sicht
des Soziologischen Institutionalismus
von: Marc Philipp
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 03
II. Der Soziologische Institutionalismus 03-05
III. Die Entstehung der Europäische Währungsunion 05-06
IV. Der Euro aus Sicht der nationalen Identitäten in England, Deutschland und Frankreich 07-14
4.1 England: Der Euro gegen die „Englishness“ 1 07-08
4.2 Deutschland: Zwischen Euro und D-Mark 08-11
4.3 Frankreich: Der Euro und das französische Verhältnis zu Deutschland 11-14
V. Schlußbetrachtung 14-15
VI. Anhang 16-17
VII. Literaturverzeichnis 18-19
I. Einleitung
Nach der Bargeldeinführung am 1. Januar 2002 ist der Euro seit dem 1. März in zwölf der 15 EU-Staaten das einzig offiziell gültige Zahlungsmittel. Trotz anfänglicher Skepsis in der Bevölkerung und Problemen mit der Einhaltung der Konvergenzkriterien traten 1999 11 Staaten der dritten Stufe der Europäischen Währungsunion (EWU) bei. 2 Auffällig hierbei war, daß nur zwei der drei größten und wirtschaftlich bedeutendsten EU-Mitgliedsstaaten, nämlich Deutschland und Frankreich, sich 1999 für die Einführung des Euro entschieden haben, während England trotz Erfüllung der Konvergenzkriterien der EWU vorerst nicht beitreten wollte. Ziel dieser Hausarbeit ist es, zu untersuchen, warum Deutschland und Frankreich der dritten Stufe der EWU beigetreten sind, England aber nicht. Als Perspektive zur Beantwortung dieser Fragestellung dient der Soziologische Institutionalismus, der die Identitäten und Interessen der jeweiligen Länder als Ursache für ihr außenpolitisches Handeln, also ihre Entscheidung für bzw. gegen den Euro heranzieht.
Punkt zwei stellt dabei die wichtigsten Aspekte des Soziologischen Institutionalismus vor, der als Grundlage zur Beantwortung der Fragestellung dient. Um einen Überblick über die Entwicklung und das Zustandekommen der EWU zu bekommen, werden unter Punkt drei der Weg nach Maastricht, der Inhalt des Vertrages und die drei Stufen zur EWU kurz skizziert. Punkt vier hat schließlich die drei Länder England, Deutschland, Frankreich und ihren Beitritt bzw. Ablehnung der EWU zum Gegenstand. 4.1 untersucht Englands Haltung zu Europa und seine Identität und analysiert, warum London der dritten Stufe der EWU vorerst nicht beigetreten ist. Unter 4.2 wird der Blick auf Deutschland gerichtet und analysiert, warum Deutschland trotz der Stellung der D-Mark als europäische Leitwährung der dritten Stufe nicht nur beigetreten ist, sondern als Architekt der EWU die Konvergenzkriterien und die Strukturen der EZB maßgeblich mitgestaltet hat. Den Beitritt Frankreichs gilt es unter 4.3 zu untersuchen, wobei hierbei zum einen auf die Haltung der Sozialisten und der Gaullisten einzugehen ist, zum anderen aber auch auf das deutsch-französische Verhältnis im Hinblick auf EWU.
II. Der Soziologische Institutionalismus
Ausgangspunkt des Soziologischen Institutionalismus, der auch als Konstruktivismus bezeichnet wird, ist die Kritik am Neoliberalismus und am Rationalismus. So wird in erster Linie Kritik am Konzept des homo oeconomicus geübt, der als nutzenmaximierender Akteur im Zentrum der beiden Theorien steht, wobei Identitäten, Normen und Werte als Instrumente angesehen werden, die zur Durchsetzung festgelegter Interessen dienen und somit nicht veränderbar sind. Der Soziologische Institutionalismus stellt diesen Denkschulen das Akteursmodell des homo sociologicus gegenüber, in dem die Handlungen der Akteure durch gemeinsame Identitäten, Normen und Werte beeinflußt werden. Dies bedeutet, daß der Akteur nicht mehr den für ihn gewinnbringendsten Weg bzw. Handlung wählt, sondern daß seine Identitäten, Normen und Werte als Grundlage seiner Entscheidung dienen, was dem Modell des homo oeconomicus widerspricht. Hierbei ist auf die „Intersubjektivität“3 der Normen und Werte hinzuweisen, wodurch Normen von Ansichten und Einstellungen einzelner Individuen klar abgegrenzt werden, da nur gesellschaftlich anerkannte Wertvorstellungen eine beeinflussende Rolle bzgl. der Handlungen spielen, zumal auch jede individuelle Überzeugung ihre gesellschaftlichen Wurzeln hat. 4
Ziel des Soziologischen Institutionalismus ist es, den Einfluß kollektiver Identitäten und kultureller Normen und Werte auf das Handeln von Staaten zu untersuchen, oder anders ausgedrückt, das Verhältnis zwischen dem, was die Akteure tun und dem, was sie sind, zu analysieren. 5 Dabei läßt die Theorie durchaus auch die Beachtung traditioneller Handlungen zu, d.h., daß neben den kulturellen Einflüssen auch überlieferte, „zu Selbstverständlichkeiten gewordene“ 6 Verhaltensmuster berücksichtigt werden. Als abhängige Variable läßt sich folglich das außenpolitische Verhalten der Staaten festhalten, während die kollektiven Identitäten und die intersubjektiven Normen und Wertvorstellungen die unabhängige Variable darstellen. 7 (Vgl. Abb. 1, S. 16)
Als die USA und die Sowjetunion entschieden haben, daß sie nicht länger Feinde sind, bedeutete dies das Ende des Kalten Kriegs. Dies zeigt, daß die kollektiven Bedeutungen der Staaten die Handlungsstrukturen der Akteure bestimmen. Staaten erwerben verschiedene Identitäten und rollenspezifische Vorstellungen und Erwartungen, die relativ stabil sind. Wie ein Mensch gleichzeitig Bruder, Vater und Richter sein kann, so kann auch ein Staat gleichzeitig Souverän, Führer der freien Welt und Imperialist sein. Die USA besitzen z.B. sowohl die Identität als größter Feind des Kommunismus als auch die Identität als Vertreter der Menschenrechte. Jede Identität ist eine soziale Definition, über welche die anderen Staaten den Akteur definieren und über welche sich der Akteur auch selbst definiert. Wendt verwendet in diesem Zusammenhang den Begriff „role identities“ 8, der verdeutlicht, daß jeder Akteur je nach Institution eine andere Rolle bzw. eine andere Identität einnimmt. 9
Identitäten sind die Basis für Interessen, welche die Akteure im Rahmen ihrer Situation und ihrer Erfahrungen definieren. Als gutes Beispiel hierfür eignet sich der Kalte Krieg: Während des Kalten Krieges definierten die USA und die Sowjetunion ihre Interessen über die Identität der gegenseitigen Bedrohung und Feindseligkeit. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mußten beide Staaten ihre Interessen neu definieren, da ihre jeweilige Identität als Hauptakteur des Ost-West-Konflikts, die sich über die Bedrohung durch den anderen definierte, völlig wegfiel.
[...]
1 Risse, Thomas 1999: To Euro or Not to Euro? The EMU and Identity Politics in the European Union, in: European Journal of International Relations 5: 2, S. 147-187, hier S. 159.
2 Griechenland konnte sich erst später qualifizieren, da es 1999 die Konvergenzkriterien noch nicht erfüllte.
3 Wendt, Alexander 1992: Anarchy is what states make of It. The social construcction of power politics, in: International Organizations 46/2, S. 391-425, hier S. 393.
4 Vgl. Bökle, Henning / Rittberger, Volker / Wagner, Wolfgang 1999: Normen und Außenpolitik – konstruktivistische Außenpolitiktheorie
5 Vgl. Wendt 1992, S. 424.
6 Vgl. Bökle / Rittberger / Wagner 1999.
7 Vgl. ebd.
8 Wendt 1992, S. 398.
9 Vgl. ebd., S. 397-398.
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Marc Philipp, 2002, Die Europäische Währungsunion aus Sicht des Soziologischen Institutionalismus, Munich, GRIN Publishing GmbH
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