Staatsmaschinerie sicherten.
Genau dies hat der handelnde Betroffene Wolfgang Langhoff 4 in einem besonderen Kapitel („Zirkus Konzentrazani") seines zuerst 1935 im schweizerischen Exil veröffentlichten
´unpolitischen Tatsachenberichts´ „Die Moorsoldaten" 5 authentisch dokumentiert.
Wolfgang Langhoffs Erfahrungsbericht zeichnet dabei - im Gegensatz etwa zu Karl August
Wittfogels kurze Zeit später veröffentlichtem Roman 6 und dem dort fiktionalisierten Schicksal des schließlich erschossenen, radikalen Intellektuellen Martin Schneehagen - nicht nur Bilder von Grauen, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, sondern versucht, eigne Erlebnisse und Erfahrungen in Form eines dokumentarischen und scheinbar „unpolitischen Tatsachenberichts" (der Untertitel der ersten Buchauflage fehlt in der 1946 erschienenen
Ausgabe 7 ) als widersprüchliche Einheit von „Kampf und Verzweiflung, Hoffnung und Resignation" 8 dialektisch zu verarbeiten, so daß allen Bedrückungen und Gefährdungen zum Trotz, die den Autor schließlich nach seiner Freilassung in die Emigration treiben, die menschliche Extremlage im KZ nicht nur als hoffnungs- und ausweglos erscheint.
Im Zusammenhang dieser Autorenhaltung und der antifaschistischen Sendung Wolfgang Langhoffs kommt dem Kapitel „Zirkus Konzentrazani", in dem auch das heute noch bekannte
und gesungene „Börgermoorlied" 10 veröffentlicht wurde, gerade mit Blick auf die scheinbar bloß witzigen Partien einer Zirkusvorstellung im abgelegenen Konzentrationslager besondere Bedeutung zu - treffen doch hier, verfremdet in einer zunächst gespenstisch erscheinenden künstlichen Zirkuswelt im KZ und zugleich eingebunden in die verkehrten Rollen von Akteuren (den Festgenommenen als bedrohten Opfern) und Zuschauern (der SS), die personifizierten Antipoden als Kollektive aufeinander.
Diese authentische Situation mag, gerade infolge ihrer Verkehrung zur Kenntlichkeit im Sinne des Philosophen Ernst Bloch (1885-1977), als Modellfall untersucht werden. Im von Fortschreiten vom Besonderen zum Allgemeinen ausgerichteten Analyseverfahren sollen aus diesem Modellfall für Witz-Kommunikation einige bedenkenswerte grundlegende kommunikations- und verhaltenswissenschaftliche Muster und Erkenntnisse herausgearbeitet werden, die das, was Paul E. McGhee im Kontext seiner Vorstellungen von „mental health"
als „coping mechanism" 11 identifiziert, genauer eingrenzen. Zugleich wären die so gewonnenen Ergebnisse sicherlich in das kürzlich von Bjørn Ekmann vorgelegte anregende
Szenario zur „Ästhetik des Lachens" 12 integrierbar - gerade weil es hier um eine von der kommunikationsästhetischen Seite her gesehen besondere und zugleich elementare ,einfache
Form" 3 und nicht um ,Volkspoesie' im allgemeinen 14 geht. Das Witzmaterial, das Langhoff mitteilt, ist schließlich weder als politischer' Witz allgemein 15 noch als - inzwischen reichhaltig dokumentierter - deutscher „Flüsterwitz" unter den Herrschaftsbedingungen einer
faschistischen Diktatur 16 zu bewerten, sondern eher als situativer Ausdruck einer neuen, sozial ungeregelten und insofern soziologisch ,anomischen' Lage aus dem Feld eines
geheimgehaltenen, verborgenen gesellschaftlichen Segments 17 .
Die Modelluntersuchung wird freilich auch nach der besonderen Rolle von „Humor" 18 und seinen konkreten Ausprägungen in der skizzierten existentiellen Extremsituation fragen müssen und die Funktion(en) des Witzes dabei herauszuarbeiten haben - wobei im einzelnen zu zeigen sein wird, worin denn die allgemein Gemeinschaftlichkeit stiftende Rolle von
Witzen 19 unter den Lager- und Todesbedingungen im Speziellen besteht und was mithin aus dieser Modellanalyse mit Blick für eine Kommunikationssoziologie des Witzes für (noch) Beherrschte und (noch) Herrschende möglicherweise gelernt werden könnte.
II
Wolfgang Langhoffs Kapitel „Zirkus Konzentrazani" 20 beschreibt Vorbereitungen, Durchführung und Wirkungen der makabren Zirkusvorstellung im KZ Börgermoor/Papenburg im Herbst 1933. Und wie nicht anders zu erwarten, hatte es „viele Kämpfe gekostet
unter den eigenen Kameraden, bis sich unser Plan durchsetzte" 21 :
„Tausenderlei Bedenken tauchten auf. Das wichtigste Argument gegen unsere Absicht war, daß unsere Veranstaltung photographiert werden und als Propaganda für die ,humane' Gefangenenbehandlung in deutschen Konzentrationslagern verwandt werden könne. Wir hielten aber dagegen, daß es jetzt vor allen Dingen darauf ankäme, trotz aller Mißhandlungen
den Kopf hochzutragen und uns nicht unterkriegen zu lassen." 22
Das Lagerleben seiner Peiniger und damit der Adressaten dieses besonderen KZ-Zirkus beschreibt Langhoff so:
„In ihren Mannschaftsbaracken herrschten Stumpfsinn und Saufereien. Sie kamen sich selber
wie verbannt vor. Weit und breit keine Stadt, wo sie Urlaub oder Freizeit verbringen konnten. So hockten sie dann in der Kantine und soffen ... Ihre Unterhaltungen in der Baracke entsprachen gewissen Kasernenhofscherzen; z.B. wenn sie alle bis zur Besinnungslosigkeit betrunken waren, fielen sie über einen jungen S.S.-Mann her, der erst frisch zur Wachmannschaft gekommen war, und beschmierten seinen Geschlechtsteil mit schwarzer Schuhwichse oder holten Jod aus der Lazarettbaracke und malten das Gesicht des Betrunkenen mit Jod ein, daß er tagelang wie ein Indianer herumlief. Das war aber schon das
höchste an Humor, was sie aufbrachten." 23
Die Weltorientierung und -erfahrung dieses SS-Publikums, auf das sich die Gepeinigten im KZ einstellen mußten und auch in der Weise einstellten, daß „der gesamte Ablauf [der Zirkusvorstellung] schnell, exakt und diszipliniert vor sich ging, weil ich mir sagte, daß allein schon durch straffe Ordnung und Tempo ein gewisser Eindruck auf die S. S. ausgeübt werden
könne" 24 , skizziert Langhoff recht eingehend:
„Hauptsache war und blieb die Sauferei. Das wurde von ihnen auch ganz ehrlich als zur deutschen Mannestugend gehörend verteidigt. Der Kommandant soff selber mit ihnen - sie waren stolz, wieviel er vertragen konnte! - und aus dieser Atmosphäre heraus ist auch ihre Kameradschaft zu verstehen. Alte Zechbrüderschaft, - Raufgemeinschaft durch Dick und Dünn - das war ihr Ideal! Abgrundtiefe Verachtung für alle Waschlappen, ,Nurpolitiker' und Spießer. Daß ihre Saufereien und flachen Ehr- und Treuebegriffe selber nur wildgewordenes Spießertum waren, kam ihnen dabei nicht in den Sinn! Ihr Lieblingslied war:
´Dies und das - Suff und Fraß muß ein Landsknecht, muß ein Landsknecht haben!´
Ich will nicht einmal behaupten, daß diese Haltung Verlogenheit oder Pose war - im Gegenteil, sie hätten sicher auch ihr Leben für diese seltsamen Begriffe von ´deutschem Mannestum´ eingesetzt. - Wenigstens manche von ihnen! -Ihre soziale Zusammensetzung war so: ca. 60% waren Söhne von verarmten Kaufleuten, Gastwirten, kleinen Ladenbesitzern, Post- und Eisenbahnbeamten, deren Eltern ihnen kein Studium, keine Zukunft mehr bieten konnten. 20% waren ,Gebildete', das heißt, verkrachte
Lehrer, Ingenieure, Techniker, Studenten - und ungefähr 20% Arbeiter.
Die Führerstellen waren aber fast durchweg mit den ,Gebildeten' besetzt oder mit alten Berufssoldaten aus der Reichswehr und Baltikumkämpfern. Von Arbeitern waren nur solche chargiert, die sich durch besondere Brutalität auszeichneten.
Die Hauptschlägergruppe bestand aber aus den Herren der ,besseren Kreise'. Z. B. ,Zachel', der das Polytechnikum in Aachen besucht hat, ,Entenschnabel', der ein verkrachter Junglehrer war, ,Großkopf', der Laute spielte und Nietzsche las!
Diese Leute gaben auch den politischen' Ton in der Mannschaft an. Sie ergingen sich in hochtrabenden Phrasen, halbverstandenen Zitaten und in einer Judenhetze, Marke Streicher
Nürnberg, die nur aus einer verdorbenen Sexualität erklärlich ist." 25
Der Ablauf der Vorstellung des „Zirkus Konzentrazani" fand an einem Sonntagnachmittag im Herbst 1933 statt und war, soweit unter den Extrembedingungen überhaupt einzurichten, auch mit Blick auf die moralisch-politischen Bedenken der politischen Gefangenen gesichert: „Die S.S. hatten wir absichtlich so placiert, daß sie gegen die Sonne schauen mußten, im Fall es einem einfallen sollte, einen Photo mitzubringen und zu knipsen. Außerdem hatten wir auch
beschlossen, die Vorstellung sofort abzubrechen, wenn ein Photoapparat auftauchen sollte." 26 - Die Zirkusvorstellung konnte dann auch nach so witziger wie disziplinierter Ankündigung
und Organisierung nach Einzug der SS-Leute „mit dem Kommandanten an der Spitze" 27 unter herrlichem Wetter, strahlendblauem Himmel und lachender Sonne 28 beginnen 29 .
Auch unter den Extrembedingungen des KZs wirkten freilich die allgemeinen Handlungsmuster und Rituale der speziellen sozialen Situation ,Zirkus'; auftritt „Direktor Konzentrazani" unter „nicht endenwollende[m] Empfangsapplaus" und „Lachsalven über
Lachsalven, noch ehe er den Mund aufgemacht hatte!" 30 - und in der entsprechenden Programmabfolge präsentierten sich politische Gefangene der Nationalsozialisten als „Artisten", in verschiedenen Rollen verfremdet: so als die bauchtanzenden „schönsten Girls der Welt, unsere fünf Moorgirls", als turnende „Arabertruppe", als „Clowns" und spaßmachende „dumme Auguste", als „Keulenschwinger" und witzerzählender „Humorist", als „Ringer" und „Boxer", als wahrsagender „Storch" und „Moorsoldaten" in einer „Pat und Patachon-Ausgabe" - mit dem schließlichen Höhepunkt als Schluß der Vorstellung von
Arbeit zitieren:
Dr. Richard Albrecht, 2005, "Zirkus Konzentrazani" - eine Modellanalyse, München, GRIN Verlag GmbH
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Sinn und Funktion von Systemen nach Niklas Luhmann
Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung
Hausarbeit, 15 Seiten
Maere, Novelle, Novellentheorie
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 13 Seiten
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