2. Einleitung
„Die preußischen und bayerischen Militärreformen zu Beginn des 19. Jahrhunderts“ sind, als ein Themenbereich der Reformpolitik im Reich und in den Reichsterritorien von 1740 - 1820, das Thema dieser Arbeit.
Das Königreich Preußen und das Kurfürstentum (ab 1806 ebenfalls Königreich) Bayern geben, als zwei der drei größten deutschen Flächenstaaten jener Zeit, die geographischen Grenzen dieser Arbeit vor. Sowohl Preußen, in dem es der vernichtenden Niederlage gegen die französische Armee bei Jena und Auerstedt (1806) bedurfte, um die bereits in Teilen der Armee vorhandene Erkenntnis allgemein zu machen, „dass der Nimbus der preußischen Waffen eher von der Erinnerung an eine ruhmreiche Vergangenheit, als von jüngsten Erfolgen zehrte“ 1 , als auch Bayern, dessen „Militärwesen in der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein Schattendasein fristete“ 2 und erst nach dem Regierungsantritt Maximilian IV. Josephs wieder an Bedeutung gewann, versuchten mit den längst fälligen Reformbestrebungen ihr Militär den sich veränderten Gegebenheiten des beginnenden 19. Jahrhunderts anzupassen.
Diese Arbeit soll die angesprochenen Reformen in beiden Staaten getrennt voneinander beleuchten und in den jeweiligen allgemeingesellschaftlichen Rahmen einordnen.
Dazu bedarf es zuvörderst der Schilderung der gesellschaftlichen, politischen und militärischen Situation in der sich Preußen und Bayern zu jener Zeit befanden, um die Voraussetzungen für die Militärreformen zu verstehen. Anschließend folgt eine genauere Betrachtung der Reformen im militärischen Bereich, auf deren Aufarbeitung das Hauptaugenmerk dieser Arbeit liegt. Um den Erfolg und die Auswirkungen dieser
1 von Münchow-Pohl, S. 37
2 Lorch, S. 25
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Veränderungen beurteilen zu können, soll der jeweilige länderspezifische Teil mit einem Ausblick auf die nachfolgende Zeit abgerundet werden. Den Schluss dieser Ausarbeitung stellt schließlich, im Rahmen der Zusammenfassung, ein Vergleich zwischen den Reformen im Königreich Preußen und im Kurfürstentum Bayern dar.
An dieser Stelle soll noch ein kurzer Hinweis zur verwendeten Literatur erfolgen. Es floss sowohl allgemeine, zu den Staats- und Gesellschaftsreformen in Preußen und Bayern, als auch militärreformspezifische Literatur in diese Arbeit ein. Hierbei soll jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass die spezifischen Quellen im Bereich der Preußischen Militärreformen wesentlich umfangreicher und ergiebiger sind, als jene die dieses Thema in Bayern behandeln.
3. Die preußischen Militärreformen
3.1 Die Situation in Preußen vor den Militärreformen
Die Niederlage der preußischen Armee gegen die französische am 14. Oktober 1806 in der Schlacht bei Jena und Auerstedt steht wie kein anderes Ereignis als Sinnbild für den Ausgangspunkt der in den kommenden Jahren folgenden Reformen. Dies wird an späterer Stelle weiter ausgeführt. Hier soll zunächst gezeigt werden wie es zu dieser totalen Niederlage, die zum Zusammenbruch des ganzen Staates führte, kommen konnte.
Seit den siebziger Jahren des vorhergehenden Jahrhunderts verlor die preußische Armee nach und nach ihren Rückhalt in der Bevölkerung. Die Kritik vornehmlich des Bildungsbürgertums, das sich über dies durch die in der Armee üblichen entehrenden Disziplinarstrafen abgestoßen fühlte, am stehenden Heer wuchs unaufhörlich. Dies hatte mehrere Ursachen. Eine lag darin, dass es die Armee als einen monarchischer Machtfaktor sah, der sowohl nach außen als auch nach innen eingesetzt werden konnte . Weiterhin begründete sich die Kritik darin, dass die preußische Armee, zu einem Anteil, der zeitweise über 50% lag, aus angeworbenen ausländischen Söldnern bestand , um deren Moral und Kampfkraft es nicht
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zum besten bestellt war. Dies belegt unter anderem der Sachverhalt, dass es nach der Niederlage bei Jena und Auerstedt den Heerführern nicht mehr möglich war, die versprengten preußische n Truppen wieder zu ordnen und sie erneut gegen den Feind zu führen. Die Armee hatte faktisch aufgehört zu existieren. Doch nicht nur in der Zusammensetzung des Heeres können die Gründe für den Niedergang gesehen werden. Es muss ebenfalls in die Analyse einfließen, dass die Ausbildung der Truppen, wie sie bis zu diesem Punkt stattfand nicht mehr zeitgemäß war. Das überalterte Offizierkorps, das zu nicht einmal 10% aus nichtadeligen bestand und noch ganz im Stile der friderizianischen Taktik, das Hauptaugenmerk auf den Exerzierdienst und die Ordnung der Montur legte, versäumte es durch eine Neuausrichtung der preußischen Streitkräfte auf die „veränderte Kampfweise der französischen Armee, die inzwischen zu einer Veränderung des Kriegsbildes geführt hatte“ 3 zu reagieren.
Dass diese genannten Kritikpunkte keine Momentaufnahmen waren, sondern sich seit langem hinzogen, zeigt sich darin, dass schon die 1795 von König Friedrich Wilhelm II. eingesetzte Immediat-Militär-Organisationskommission die überaus kritische Lage erkannt hatte, sich jedoch “zu grundlegenden Reformen nicht durchringen“ 4 konnte. So kam es am 14. Oktober 1806 in der Schlacht bei Jena und Auerstedt zur militärischen und am 09. Juli 1807 bei der Unterzeichnung des Friedens von Tilsit zur politischen Niederlage des preußischen Staates. Das ehemals stolze Königreich hatte seinen weiteren Fortbestand lediglich dem russischen Zaren Alexander I. zu verdanken. Dieser widersprach den Vorstellungen Napoleons und bestand darauf Preußen als Pufferstaat zwischen Frankreich und Russland zu erhalten. Es musste jedoch große territoriale Verluste hinnehmen. Die Besitzungen westlich der Elbe mussten an Frankreich und die ehemaligen polnischen Gebiete an Russland abtreten werden, sodass sich in Folge dessen, die Einwohnerzahl von 9 Millionen auf unter 5 Millionen reduzierte. Weite Teile „Restpreußens“ waren von französischen Truppen besetzt, die sicherstellen sollten, dass Preußen die ihm in der Pariser Konvention vom
3 Wirtgen, S. 9
4 Ottmer, S. 82
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08. September 1808 auferlegten Kontributionszahlungen in Höhe von 141 Millionen Franken zahlen würde. Zwei für die zukünftige Entwicklung des preußischen Militärs überaus wichtige Aussagen beinhaltete dieses Vertragswerk weiterhin. Die Aufstellung einer Landesmiliz wurde ausdrücklich verboten und die Mannstärke des stehenden Heeres auf lediglich 42000 festgelegt. Durch all diese Maßnahmen wurde „das neue Preußen zu einer unbedeutenden, zweit- oder drittrangigen europäischen Macht“ 5 degradiert.
Doch wie die folgenden Jahre zeigten, bedurfte es wohl der Erfahrung einer solchen Katastrophe, „um Kräfte freizusetzen, die zur Erneuerung Preußens fähig und im Stande waren.“ 6 Diesen Kräften kam dabei entgegen, dass durch die Niederlage, der konservativen Führungsschicht im Lande für geraume Zeit die Macht des Handelns aus den Händen geglitten war.
3.2 Die Militärreformen in Preußen
Den Beginn „der eigentlichen Reformzeit, kann man in der Gründung der Militärreorganisationskommission“ 7 (MRK) sehen. Denn diese, am 25. Juli 1807 von König Friedrich Wilhelm III. einberufen, drückte mit ihren grundlegenden Arbeiten der Heeresreform ihren Stempel auf. Dies geschah bereits wenige Monate nachdem der Monarch im Ortelsburger Publikandum, die „Abstellung verschiedener Missbräuche bei der Armee“ angeordnet hatte. Der nun einberufene n Kommission, unter Vorsitz von Generalmajor Gerhard von Scharnhorst, gehörten, um nur die bedeutendsten Reformer zu nennen, Oberstleutnant von Gneisenau, Oberst Graf von Goetzen, Major von Boyen und Kapitän von Grolmann an. Gemäß den, der MRK zur Prüfung und weiteren Ausarbeitung vorgelegten, königlichen Richtlinien für die Reorganisation der Armee, die 19 Punkte enthielten und „die im Grunde genommen alle wesentlichen Bestandteile der späteren Heeresreform beinhalteten“ 8 erarbeitete die MRK „eine Reform, die letztlich die gesamte Armee in ihrer inneren und
5 Nitschke, S. 40
6 Winkler, S. 55
7 Nitschke, S. 49
8 Ottmer, S. 85
7
äußeren Verfassung erheblich veränderte und sie den neuzeitlichen Bedingtheiten im Sinne einer Integration in die Gesamtreformen des preußischen Staates anpasste“ 9 .
Doch die erarbeiteten Ergebnisse konnten nicht direkt umgesetzt werden, sie mussten erst dem König zur Vorlage gebracht werden, da es sich dieser vorbehalten hatte über deren Umsetzung persönlich zu entscheiden. Und so bedurfte es häufig der Überzeugungskraft und des Geschickes Generals von Scharnhorst, um Friedrich Wilhelm III. gegen die Argumente der wieder erstarkten Konservativen in dessen Umfeld von den jeweiligen Reformvorschlägen zu überzeugen. Denn „wer Reformen wollte, musste den König gewinnen und ihm die eigenen Gedanken nahe bringen.“ 10
Das eigentliche Ziel, das durch die Reformbestrebungen verfolgt wurde, war die Befreiung Preußens von der französischen Fremdherrschaft und dazu war es nach Meinung der Reformer von Nöten, dass „alle geistigen, moralischen und physischen Kräfte mobilisiert werden.“ 11 Aus dieser Denkweise heraus war die Schaffung eines Volksheeres eine zentrale Forderung der MRK, da man die Erfolge der französischen Armee darin begründet sah, dass es Napoleon gelungen war, sich alle Volkskräfte nutzbar zu machen. Die bis 1806 bestehende Trennung zwischen Armee und Volk sahen die Refo rmer als eigentliche Ursache der Niederlage bei Jena und Auerstedt. Ihrer Meinung nach war es zwingend notwendig, dass sich die bisherigen Untertanen als Staatsbürger fühlten, um die bestehende „Trennung zwischen Regierung, Heer und Nation zu überwinden“ 12 und sie für ihr Vaterland durch „Enthusiasmierung“ 13 zu gewinnen. Zukünftig sollte „die staatsbürgerliche Freiheit das Fundament der politischen, sozialen und militärischen Ordnung“ 14 sein. Hierbei muss jedoch berücksichtigt werden, dass den Reformern nicht daran gelegen war aus dem Königreich Preußen einen demokratischen Staat zu machen, sondern sie beabsichtigten lediglich
9 Wirtgen, S. 9
10 von Münchow-Pohl, S. 47
11 Ottmer, S. 88
12 Nitschke, S. 99
13 Opitz, S. 45
14 Nitschke, S. 100
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Arbeit zitieren:
Torsten Kopf, 2005, Die Preußischen und Bayerischen Militärreformen, München, GRIN Verlag GmbH
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