M öglichkeiten und Grenzen von Oral History im PU der SEK II 2
INHALTSVERZEICHNIS
1 EINLEITUNG 3
2. ORAL HISTORY IN PÄDAGOGISCH-EMANZIPATORISCHEN STRÖMUNGEN
DER ZEITGESCHICHTE 6
2.1 Herkunft und Definition 6
3. ZUM EINSATZ DER ORAL HISTORY METHODE IN SCHULEN 9
3.1 Im Geschichtsunterricht 9
3.2 Verortung in der Bezugswissenschaft und der Stand der Fachdidaktik 10
4. BEGRÜNDUNG FÜR DEN EINSATZ DER ORAL HISTORY METHODE IM
P ÄDAGOGIKUNTERRICHT DER SEKUNDARSTUFE I 12
4.1 Die Basis: Handlungsorientierung im PU 12
4.2 Der Einsatz der Oral History Methode im handlungsorientierten Pädagogikunterricht 14
4.3 Die Methode der Oral History und der Lehrplan Erziehungswissenschaft 16
5. ORAL HISTORY- EINE METHODISCH-DIDAKTISCHE HERAUSFORDERUNG 21
5.1 Zeitzeugen 21
5.2 Interviewgestaltung 23
5.5 Auswertung 27
5.6 Probleme der Oral History-Methode 28
6. PRAKTISCHER EINSATZ DER ORAL HISTORY METHODE IM PU DER SEK II 29
6.1 Ableitung möglicher Zeitzeugenbefragungen aus der Obligatorik 29
6.2 Planung und organisatorische Form 30
6.3 Checkliste 32
7. FAZIT AUSBLICK 34
8. LITERATURVERZEICHNIS 36
Möglichkeiten und Grenzen von Oral History im PU der SEK II 3
Die Zukunft hat gestern begonnen. Die Geschichte lebt weiter.
Manfred Dammeyer
Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.
Theodor Wiesengrund Adorno
1 Einleitung
Anlass zur Themenwahl dieser Hausarbeit ist das von mir beobachtete geschichtliche und politische Desinteresse von SuS der Sekundarstufe II in jeglichen gesellschaftswissenschaftlichen Fächern, insbesondere im Fach Pädagogik. Dies habe ich nicht nur bei meinem eigenen Grundkurs in der 11. Jahrgangsstufe bemerkt, sondern besonders deutlich bei einem Pädagogikleistungskurs, den ich seit dem 12. Schuljahr begleite, und dessen SuS in diesem Jahr die Schule mit dem Abitur verlassen.
Hier habe ich nicht nur hospitiert, sondern im Unterricht unter Anleitung Sequenzen zu Jugendkulturen, Alternativschulen und dem Erziehungssystem im Nationalsozialismus durchgeführt. Bei diesen Reihen ging es auch um ein historisches Verständnis für die herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen, welche die Anregung von Konzepten, die Ausstattung von Identitäten oder Etablierung von politischen Systemen schufen. Oftmals fiel es schwer, die SuS kontinuierlich für diese Zusammenhänge zu sensibilisieren und bei Themen zu motivieren, die zu weiterführenden kritischen Gedanken führen können. Es gelang auch manchmal nur stark geleitet, den Transfer zu den heutigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, bezogen auf Erziehung und Bildung, herzustellen.
Trotzdem haben mich meine Beobachtungen so stutzig gemacht, dass ich mir Gedanken gemacht habe, wie man dieses Manko beheben kann, denn bei den SuS politisches Interesse zu wecken, sollte ein vordringliches Ziel jedes kritischen Lehrers 1 sein. Diese Defizite wurden auch offiziell bestätigt: Die Shell-Studie des Jahres 2002 kommt zu dem Ergebnis, dass von den Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 25 Jahren 2 nur 22 Prozent „richtig politisiert“ und auch diese in
1 Hiermit weise ich darauf hin, dass ich sprachliche Genera als rein grammatische verwende, bei
den Formulierungen ‚Schüler‘ und ‚Lehrer‘ sind die jeweils weiblichen Formen also mitgedacht.
2 Auf die Problematik, diese Altersspanne zusammenzufassen, kann hier nicht näher eingegangen
werden.
Möglichkeiten und Grenzen von Oral History im PU der SEK II 4
der „Mehrzahl pragmatisch orientiert“ sind. Es gehe „nicht mehr um Ideologien, sondern um die rasche Durchsetzung der eigenen Vorstellungen“ (vgl. taz, 20.8.2002, S.8). Dies steht der Erziehung zur Mündigkeit geradezu kontraproduktiv entgegen, deswegen ist es wichtig, zu erkennen, das politische Bildung „Mut zur Erkenntnis machen“ sollte (Ahlheim 1997: 311). Denn es geht darum,
„(...) die gesellschaftlich bedingte Beschädigung des Menschen rückgängig zu machen. Die junge
Generation soll nicht primär in Vorgegebenes eingefügt werden, sondern sie soll
Selbstbestimmung realisieren können. In einer so verstandenen Erziehung stellen Konflikte,
Kritik, Unabhängigkeit, Kreativität und der Wille zum politischen Handeln grundlegende
Forderungen dar“ (Berner 1996:76).
Ich möchte in dieser Arbeit der Frage nachgehen, inwieweit eine Methode, die eine lange Tradition in den Kulturen verschiedener Völker besitzt, das politische - und als Bedingung - auch das historische Bewusstsein steigern kann, d.h. ob die Vorstellung, dass durch Anwendung einer prozess- und produktionsorientierten Unterrichtsmethode 3 wie der Oral History-Methode politisches Interesse zu erzeugen oder zu stärken, haltbar ist.
Das Ergebnis dieser Arbeit kann dabei nur eine erste Näherung an die Integration einer Methode in das Fach Pädagogik sein - einer Methode, die hier im Besonderen einen Fokus auf historisch relevante Themen im Bereich der erziehungswissenschaftlichen Inhalte richten kann.
In einem ersten Schritt beschäftigt sich die Arbeit mit der didaktischmethodischen sowie inhaltlichen Begründung dieses Vorhabens. Sie erläutert die Oral History-Methode und weist aus, wie diese sich im besonderen Maße zur handlungsorientierten Unterrichtsgestaltung eignet. Dazu nennt sie die generellen Merkmale des handlungsorientierten Unterrichts. In diesen Zusammenhang wird Oral History im Hinblick auf ihre Funktion und organisatorische Gestaltung eingebettet. Anschließend wird untersucht, wie der Einsatz dieser Methode im PU begründet werden kann, und die methodisch-didaktischen Grenzen und Möglichkeiten werden ausgelotet. Es folgen konkrete Praxistipps zur
3 Hier verstanden, wie im Lehrplan Erziehungswissenschaften dargelegt: „Der Begriff
Unterrichtsmethode umfasst die Summe der Unterrichtsschritte, Arbeitsformen, Lehr- und
Lernformen, mit deren Hilfe der Unterricht strukturiert wird. (MSWWF 1999: 33).
Möglichkeiten und Grenzen von Oral History im PU der SEK II 5
Durchführung und Anwendungsvorschläge zum Einsatz im PU. 4 Abschließend werden die Möglichkeiten und Grenzen von Oral History im Pädagogikunterricht der Sek II diskutiert.
In bezug auf die Lehrerfunktionen sind diese Überlegungen im Zusammenhang mit dem ‚Innovieren‘ des Unterrichts zu sehen, da aufgezeigt werden soll, wie eine neue Methode in das Fach Pädagogik sinnvoll integriert werden kann. Darüber hinaus wird sich zeigen, dass konstruktivistische Ansichten auch eine wichtige Bedeutung für den Bereich des ‚Erziehens‘ haben, insbesondere dann, wenn durch die Relativität von ‚Wissen‘ die Bedeutung der Ausbildung von Mündigkeit in den Vordergrund tritt, welches hier konkret eine Steigerung des politischen Bewusstsein der SuS zum Ziel hat. Da es sich bei den vorliegenden Ausführungen um Konzeptualisierungen handelt, die in Teilen auf der Reflexion von Unterricht beruhen, wird ebenso die Funktion des ‚Evaluierens‘ berührt. Die Dimension des ‚Unterrichtens‘ ist in einer Arbeit dieser Art natürlich auch erfasst, da es letztlich um eine konkrete Umsetzung der diskutierten Methode im Unterricht geht.
4 Leider kann ich die vorliegende Konzeptualisierung nicht in der Praxis umsetzen, da sich der
Kurs im Moment im Abitur befindet, und weitere Grundkurse im Moment andere Themen
behandeln.
Möglichkeiten und Grenzen von Oral History im PU der SEK II 6
2. Oral History in pädagogisch-emanzipatorischen Strömungen
der Zeitgeschichte 2.1 Herkunft und Definition
Bei der Methode der Oral History handelt es sich um eine relativ junge wissenschaftliche Teildisziplin 5 , die aus den USA stammt und auch heute dort noch stärker verbreitet ist als in Deutschland. Betrachtet man heute Ansätze, die sich in irgendeiner Weise auf Oral History oder "mündliche Geschichte" stützen, gewinnt man den Eindruck eines wildwuchernden Dschungels. Die Traditionalisten beklagen, das Forschungsfeld liefe auseinander und verlöre seine Konturen. Kritische Geister behaupten dagegen, es hätte niemals Konturen gegeben, da Oral History kein eigenständiges Forschungsfeld sei, sondern eine Methode, die in historischen, soziologischen und nicht zuletzt pädagogischen Kontexten zu ganz verschiedenen Zwecken verwendet werden könne. Dieser Auffassung möchte ich mich anschließen, denn das aktuelle Spektrum des Einsatzes von Oral History reicht von der Befragung wirtschaftlicher, politischer, militärischer oder akademischer Eliten zu punktuellen Ereignissen der politischen Geschichte über Langzeitstudien zur Entwicklung einer Region, in denen der Alltag der Bevölkerung im Mittelpunkt des Interesses steht, bis zu pädagogischen Projekten, in denen der Forschungsvorgang die Grundlage für die Veränderung der eigenen Realität bieten soll. Nicht nur die mit Hilfe der Oral History-Methode erfassten Inhalte, sondern auch die Intentionen ihrer Anwendung wandelten sich. Im weiteren Sinne pädagogische Projekte nahmen einen immer größeren Raum ein, denn diese Methode bietet sich zu Lehrzwecken an, da sie Abstraktes anhand von konkreten Erlebnissen erfahrbar macht und deshalb didaktisch besonders wertvoll ist. Oral History ist keine eigenständige geschichtswissenschaftliche Strömung. Eine mögliche Übersetzung ins Deutsche wäre "erinnerte Geschichte" (Steinbach 1985: 393), da der wesentliche Punkt die Vergangenheit des Berichteten ist, das nun gleichsam durch den Filter der Erinnerung weitergegeben wird. Nach intensiverer Beschäftigung mit dem Thema stellt man fest, dass es keine allgemein anerkannte Definition gibt. Vielmehr sehen wir uns einer Vielzahl von Definitionsversuchen gegenüber.
5 vgl. für die Entwicklung Henke-Bockschatz (2000:18).
Möglichkeiten und Grenzen von Oral History im PU der SEK II 7
Gemein haben all diese Ansätze nur eins: sie beziehen ihr Material aus der mündlichen Überlieferung und verwenden dazu qualitative Interviews. So produziert Oral History unmittelbare und authentische Quellen über das Alltagsleben, in denen der Mensch und seine subjektive Welt im Mittelpunkt stehen. Das bringt ihr den Vorwurf ein, nicht wissenschaftlich genug zu sein. Diese Quellen sind unvollständig, manchmal sogar falsch, stark persönlich gefärbt und manipulierbar. Die geschichtlichen Ereignisse werden durch subjektive Erlebnisse beeinflusst und aus einer Gegenwartsperspektive wiedergegeben. Deshalb muss man die durch Oral History erzeugten Quellen mit anderen Quellenarten zu vergleichen und ihre Aussagen zu relativieren.
In Deutschland ist Oral History „ein Kind der Alltagsgeschichte“ (Herbert 1984: 211). Ziel ist es, durch Zeitzeugenbefragung Aspekte von Geschichte ins Bewusstsein zu rücken, die jenseits der „großen Geschichte“ liegen, dieser also quasi eine Geschichte der „kleinen Leute“, d.h. eine „Geschichte von unten“ entgegenzustellen, die auf alltags- und mentalitätsgeschichtlichen Einsichten basiert (Sauer 2001: 196).
Als eines ihrer wesentlichsten Ziele kann Emanzipation, als wichtigstes methodisches Element, Partizipation benannt werden. Denn sowohl Forschungsziele als auch -verfahren werden mit den Betroffenen gemeinsam diskutiert und entwickelt. Historische Forschung wird als Möglichkeit der Veränderung erfahrbar, indem die Partizipierenden sich politischer Zusammenhänge und gesellschaftlicher Strukturen bewusst werden und damit auch bewusst in ihnen agieren können. Geschichte wird hier als Instrument gesellschaftlichen Wandels betrachtet. Denn Geschichte kann das Woher und Warum gesellschaftlicher Zustände erklären. Sie kann aber auch zum Wachsen eines Gruppengefühls, zum Entstehen von Solidarität beitragen. Der im weiteren Sinne pädagogische aber auch der politische Aspekt sind wesentlich.
Möglichkeiten und Grenzen von Oral History im PU der SEK II 8 2.2 Exkurs : Historia hablada als Instrument der Bewusstwerdung
und Teil der cultura popular in Lateinamerika - Der Ansatz von
Paolo Freire
Parallel zu den in den USA und Europa beheimateten Strömungen "Alltagsgeschichte" und "Geschichte von unten" entstanden in Lateinamerika seit den 60er Jahren Projekte, die darauf zielten, sowohl Sozialwissenschaften, Pädagogik und Theologie, als auch Kunst zu Instrumenten der Bewusstwerdung der marginalisierten Bevölkerungsschichten zu machen.
Eines der ersten Projekte war die von Paolo Freire in Brasilien initiierte educación popular, die als Teil der cultura popular 6 der "offiziellen", staatstragenden Kultur etwas eigenes entgegensetzte. Die Ursprünge der educación popular liegen im Kampf gegen den Analphabetismus. Freire arbeitete in den Slums von Sao Paulo mit Analphabeten, für die das staatliche Bildungswesen nicht zugänglich war. Freire kritisierte es als Reproduktionsanstalt der herrschenden Ideologie und Werte, das damit gesellschaftliche Verhältnisse stabilisierte, die von extremer sozialer Ungleichheit und Unterdrückung gekennzeichnet waren. Von den Erfahrungen dieser Arbeit und seiner Kritik an der traditionellen Pädagogik ausgehend entwickelte Freire eine Alphabetisierungsmethode und ein pädagogisches Modell. 7
Lesen und schreiben lernen war dabei kein Selbstzweck, sondern diente der concientización, dem Prozess der Bewusstwerdung. Freire setzte konkret beim Leben der Menschen an, stellte ein Foto, das ihren Alltag zeigte, in den Mittelpunkt und brachte die Menschen zur Selbstreflexion. Der Lehrer sollte dabei als Hebamme wirken, denn nach Freire durfte es in der educación popular weder den allwissenden, aktiven und damit mächtigen Lehrer geben, noch den passiv rezipierenden Schüler. Hier ging es um gleichberechtigte Kommunikation, in der man voneinander lernte und jeder einbrachte, was er wusste. Bildete Analyse und Kontextualisierung der eigenen Lebenswirklichkeit die erste Stufe,
6 Dieser Begriff kann hier nicht näher analysiert werden. Ich möchte hier nur auf die educación
popular sowie den Platz, den Alltagsgeschichte und mündliche Tradierung in ihr haben, eingehen.
7 Die Methode selbst ist heute überholt, da die educación popular über Freire hinausgegangen ist.
Arbeit zitieren:
M.A. Friederike Kaemper, 2003, Möglichkeiten und Grenzen von "Oral History" im Pädagogikunterricht der Sekundarstufe II, München, GRIN Verlag GmbH
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