Derek Bickertons Language Bioprogramm Hypothesis
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 1
2 Grundlagen. 2
2.1 Pidgins und Kreolsprachen. 2
2.2 Monogenese. 3
3 Bickertons Language Bioprogram Hypothesis. 4
3.1 Roots of Language. 4
3.2 The Language Bioprogram Hypothesis. 10
3.3 The Lexical Learning Hypothesis and The Pidgin-Creole Cycle. 12
4 Kritik. 14
5 Schlussbemerkung. 17
6 Bibliographie 19
1 Einleitung
In seinem Buch Roots of Language stellt Bickerton die Hypothese auf, dass Kreolsprachen bestimmte Strukturen zeigen, die genetisch festgelegt sind und formuliert neben Chomsky eine weitere nativistische Theorie, die er selbst jedoch eher als Hypothese verstanden wissen will. Seine Ansichten führten zu einer regen Diskussion in der wissenschaftlichen Literatur, an der sich nicht nur Linguisten, sondern auch Psychologen, Biologen und Anthropologen beteiligten (siehe hierzu z. B. die Diskussion in The Behavioral and Brain Sciences; 7(2), S. 188-221.). In weiteren Veröffentlichungen führt er seine Hypothese weiter aus, um der Kritik zu begegnen und modifiziert sie zum Teil (z. B. Bickerton (1989)), um ihr gerecht zu werden.
Geht man davon aus, dass bestimmte Strukturen der Sprache genetisch festgelegt sind, so könnten aus diesen Strukturen generelle Aussagen über natürliche Eigenschaften von Sprache als solcher gemacht und Rückschlüsse auf ihre Entstehung gezogen werden, was Bickerton folgerichtig auch versucht. Dies würde einen wichtigen Schritt zur Beantwortung einer Frage bedeuten, die die Menschheit schon seit Jahrtausenden bewegt.
Ziel dieser Arbeit ist es, darzustellen, in wie weit Bickertons Hypothese dies leisten kann. Hierzu wird zuerst eine Zusammenfassung seiner Hypothese und ihrer Kritik gegeben und danach versucht werden, die Haltbarkeit seiner Aussagen zu bewerten.
Zum Verständnis von Bickertons Hypothese muss hierzu erst auf Erklärungsmodelle zur Entstehung von Kreolsprachen, denen Bickerton ganz oder teilweise widerspricht, eingegangen werden.
Die Darstellung von Bickertons Hypothese orientiert sich an der zeitlichen Abfolge von Bickertons Veröffentlichungen. Leider kann auf Grund des beschränkten Umfanges der vorliegenden Arbeit nicht auf alle Veröffentlichungen Bickertons eingegangen werden, es wird aber versucht, alle wesentlichen Aussagen in Bickertons Veröffentlichungen kurz darzustellen. Aus dem selben Grund werden keine konkreten Beispiele, die Bickerton zu Untermauerung seiner Thesen gibt, gegeben.
Da die Kritik an Bickertons These, wie oben bereits erwähnt, sehr umfangreich ist und um zu gewährleisten, dass sie den neuesten Forschungsstand wiedergibt, wurde darauf verzichtet zur Darstellung der Kritik Veröffentlichungen zu verwenden, die vor 1994 erschienen sind.
1
2 Grundlagen
2.1 Pidgins und Kreolsprachen
Bei Pidgins handelt es sich um Hilfsprachen, die entstehen, wenn Sprecher verschiedener Sprachen in engen Kontakt treten und die jeweils gesprochenen Sprachen für die anderen Sprecher unverständlich sind. 1
Ein Pidgin ist also ein Kommunikationssystem, das aus der Notwendigkeit der Kommunikation von Menschen mit verschiedenen Sprachen entstanden ist. Diese Notwendigkeit entstand zum Beispiel im Zuge der weltweiten Kolonisierung durch die europäischen Nationen. Viele Pidgins besitzen deshalb Strukturen, die sich auf europäische Sprachen gründen. Da jedoch in allen Teilen der Welt verschiedenste Sprachen miteinander in Kontakt treten, entstanden natürlich auch Pidgins, die keine europäischen Wurzeln besitzen. Pidgins unterscheiden sich von anderen Sprachen darin, dass es keine muttersprachlichen Sprecher gibt. Es handelt sich bei ihnen um kreative Adaptionen natürlicher Sprachen, die eigene Strukturen und Regeln besitzen. Allerdings weisen sie nur einen eingeschränkten Wortschatz und eine vereinfachte grammatikalische Struktur gegenüber den Sprachen auf, aus denen sie sich herleiten, ebenso wie einen eingeschränkten Funktionsbereich. 2 Dieser rührt daher, dass diese Sprachen vor allem zu einer zielgerichteten Verständigung in Teilbereichen der sozialen Interaktion, wie zum Beispiel dem Handel, benutzt werden. 3 Diese zielgerichtete Funktion ist es auch, die dafür verantwortlich ist, dass sich Pidgins als solche nicht sehr lange halten. Sie verschwinden, wenn der Kommunikationszweck, zu dem sie entstanden sind an Bedeutung verliert oder eine der betroffenen Sprechergruppen die Sprache der anderen lernt. Bleibt der Kontakt zwischen den Sprechergruppen jedoch bestehen und keine der Gruppen lernt die Sprache der anderen, so kann sich aus dem Pidgin eine Kreolsprache entwickeln.
Im Laufe der Zeit ist das Pidgin als Verkehrssprache so wichtig geworden, dass die Mitglieder der Gemeinschaft, in der es gesprochen wird, es immer mehr als vorrangiges Kommunikationsmittel benutzen. Dies führt im Endeffekt dazu, dass die Kinder der Sprecher des Pidgin dieses als Muttersprache übernehmen, weil das Pidgin in ihrer Gegenwart öfter benutzt wird als irgendeine andere Sprache der Gemeinschaft.
Die Benutzung des Pidgins als Muttersprache und damit die Entstehung einer Kreolsprache führt jedoch dazu, dass die kommunikativen Funktionen des Pidgin nicht mehr ausreichen, da nicht mehr nur zielgerichtet einzelne Aspekte der sozialen Interaktion ausgedrückt werden müssen, sondern eine
1 O'Grady/Dobrovolsky/Katamba 1997, S. 572.
2 O'Grady/Dobrovolsky/Katamba 1997, S. 572. 3 Holm 1988, S. 5.
2
Erweiterung auf alle Lebensbereiche notwendig wird. Dies erfordert einen Ausbau sowohl des Wortschatzes, als auch der Grammatik und des Stiles, um den täglichen Anforderungen, die an eine Sprache gestellt werden müssen, gerecht zu werden. 4
Die Entwicklung einer Kreolsprache verläuft meist zum Nachteil einer, bzw mehrerer der in der Gesellschaft gesprochenen Sprachen. Dies vor allem deshalb, weil eine der Sprachen zumeist auf Grund der höheren gesellschaftlichen Stellung (Superstratsprache) ihrer Sprecher (z.B. Sklavenhalter gegenüber Sklaven) ein höheres Prestige besitzt als die andere beziehungsweise anderen (Substratsprache(n)). Diese im Prestige höher stehende Sprache, die zumeist neben der Kreolsprache bestehen bleibt, wirkt sozusagen als Standard, an dem sich die Kreolsprache bei der Weiterentwicklung orientiert. 5 Diese im Prestige höher stehende Standardsprache bewirkt die Annäherung des Kreols an sie. Es handelt sich bei diesem Prozess um Dekreolisierung. Aus ihr folgt, dass in der Kreolsprache selbst Varietäten entstehen. Die Dekreolisierung stellt ein großes Problem bei der Untersuchung kreolspezifischer Strukturen dar, da durch sie ursprüngliche Entwicklungen, die beim Ausbau des Pidgins zum Kreol entstanden sind, wieder rückgängig gemacht werden. Leider sind es gerade diese ursprünglichen Phänomene, die Bickerton untersuchen will, weshalb er, wie später beschrieben wird, die Definition von Kreolsprachen einschränkt, um nur solche Kreols zu untersuchen, bei denen diese Phänomene noch im Urzustand sichtbar sind.
Der Dekreolisierung steht die Hyperkreolisierung gegenüber. Hierbei entwickeln Sprecher des Kreol eine aggressive Reaktion gegenüber der Standardsprache. Sie betonen die Eigenständigkeit ihrer Sprache und fordern die ethnische Anerkennung der Gemeinschaft der Sprecher. Dies kann dazu führen, dass die Sprecher versuchen, die „reine“ Form ihres Kreols zu erhalten.
2.2 Monogenese 6
Im monogenetischen Ansatz, dem Bickerton gänzlich widerspricht, wird davon ausgegangen, dass die Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Pidgins und Kreols auf eine gemeinsame Vorlage zurückzuführen sind. Die Hauptaussage der monogenetischen Theorie ist, dass heutige Pidgins und Kreolsprachen über einen einzigen Vorgänger aus dem mediterranen Raum miteinander in Verbindung stehen, was ihre Ähnlichkeiten erklären würde. Sabba 7 nennt als möglichen Vorgänger Sabir oder eine frühere Version. Dieses Protopidgin wurde nach der monogenetischen Theorie durch die Kolonisierung der
4 Holm 1988, S. 5/6
5 Den Einfluss von Substratsprachen negiert Bickerton.
6 nach Sebba 1997, S. 72ff. 7 Sebba 1997, S. 72.
3
Europäer über die ganze Welt verteilt und ließ Pidgins unter später Kreolsprachen entstehen. Eine wesentliche Rolle in diesem Ansatz spielt die Relexifizierung. Der monogenetische Ansatz geht davon aus, dass dieses Protopidgin von Kolonisten aller Nationen verwendet, das Vokabular komplett durch aus den einzelnen Sprachen der Kolonisten entnommenes Vokabular ersetzt (Relexifizierung), die grammatikalische Struktur jedoch beibehalten wurde. Für diesen Ansatz spricht nach Sebba 8 , dass in vielen Pidgins und Kreolsprachen noch Überreste portugiesischen Ursprungs im Vokabular, aber auch auffällige Ähnlichkeiten in der Grammatik vorhanden sind, obwohl diese Sprachen verschiedene Lexifier besitzen. Vertreter des monogenetischen Ansatzes machen laut Sebba 9 oft nicht klar, auf welche Pidgins und Kreolsprachen weltweit sie sich beziehen. Einige Sprachen, die nach dem monogenetischen Ansatz aber mit Sicherheit ausfallen müssten, sind z. B. einige Pidgins Afrikas, deren Lexikon auf Bantusprachen zurückzuführen und für die eine Verbindung zu einem portugiesisch basierten Protopidgin nur schwer vorstellbar ist.
3 Bickertons Language Bioprogram Hypothesis 10
3.1 Roots of Language
In Roots of Language schränkt Bickerton die übliche Definition von Kreolsprachen ein. Er stellt fest, sein Ziel sei es nicht, die Herkunft aller als Kreol bekannter Sprachen zu klären, sondern „fundamental properties of human languages in general“ 11 zu finden und darzustellen. Hierzu interessiere er sich vor allem für Situationen „where the normal continuity of language transmission is most severely disrupted“ 12 . Da dies bei der Entstehung von Kreols der Fall sei, eigneten sie sich besonders gut für seine Untersuchungen. Allerdings seien hier vor allem Extrembeispiele interessant, da in ihnen die linguistische Leistungsfähigkeit der Menschen am stärksten beansprucht werde. Deshalb schränkt er für den weiteren Gebrauch die Definition von Kreolsprachen folgendermaßen ein:
[...] I shall use the word creole to refer to languages which:
1) Arose out of a prior pidgin which had not existed for more than a generation.
2) Arose in a population where not more than 20 percent were
8 Sebba 1997, S. 73.
9 Sebba 1997, S. 75. 10 Im Folgenden LBH. 11 Bickerton 1981 S. 2/3. 12 Bickerton 1981, S. 3.
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Arbeit zitieren:
Markus Ciapura, 2005, Zu: Derek Bickertons "Language Bioprogram Hypothesis" - Eine Hypothese und ihre Kritik, München, GRIN Verlag GmbH
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