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1. Einleitung
Die Novelle „Das Erdbeben in Chili“ von Heinrich von Kleist verdient viel Aufmerksamkeit, schon allein wegen ihren geheimnisvollen Titel, der eigentlich nur der Hintergrund und kein Mittelpunkt des Dargestellten ist.
Nachdem dieses rätselhafte Werk entstand en war, gab es viele verschiedene Kritiken zur Quelle, Grund und Moral des Erzählten, die nun wirklich nicht einfach zu bestimmen waren, denn Kleist spielte ausgezeichnet mit der Realität und der Fiktion seiner Handlung.
„Das Erdbeben in Chili“ verspricht mit seiner Gestalt eine deutliche Spannung, die unter anderem an dem atemberaubenden, von der Gewalt und Idylle umkreisten, Tempo erkennbar ist, das wiederum an das Geschehene, was das Schicksal zweier Liebender beim Erdbeben in Chili im Jahr 1647 ist und keinen Platz in der eigentlichen Historie hat, dennoch allgemein interessant ist, aufmerksam macht. Und ich möchte mit meiner Arbeit dieses eben Geschehene näher bringen, indem i ch zunächst auf die Entstehung und den ursprünglichen Titel, der schon geändert wurde, eingehen werde. Kleist dachte nach wie er seine Novelle nennen sollte. Als nächstes interessiert mich die Quelle, aus der der Autor seine Anregungen gewann, darunter sind die zwei wichtigen lokale n Hintergrunde zu erwähnen, nämlich Chili und Lissabon. In diesem Abschnitt wird auch die geheime Art und Weise des Verfassers der Novelle sichtbar.
Im Weiteren wurde ich gern auf die Darstellungsabsicht Kleists aufmerksam machen wollen, aus diesem Grund, weil der Autor in seiner überschaubar gegliederten Novelle seine dichterische, sinnvolle Kunst spiegelt. Das Hauptmotiv - Naturgewalt, Idylle, menschliche Gewalt und ihre Folgen - erscheint.
Danach wird der obige Mittelpunkt im Einzelnen behandelt. Dabei stellt sich die Frage: welche Gewalt ist unbegreifbarer, die der Natur oder die menschliche? Im Mittelteil des „Erdbeben in Chili“ erwartet uns eine andere Realität (Illusion) des Erzählten. Diese hier Paradies- Stimmung passt kein bisschen zu der sonstigen Panorama der alles vernichtenden Macht und des Durcheinanders. Die utopische Idylle, die in sich das private Glück Josephens und Jeronimos und die Sozialutopie trägt, erschreckt andererseits wegen seiner stillen „Warnung“ vor der kommenden Katastrophe.
Die Novelle Kleists wird ebenso wegen ihren sprachliche n Merkmale, dank deren viel Ironie, Trauer, Hoffnung, Entsetzen, etc. herauskommen, interessant. Ich, als Leser habe den Eindruck, dass die Sprache und Stil des Verfassers perfekt zusammenpassen und eine ohne den anderen nicht existieren darf. Diese stellen Katastrophen und die Idylle bildlich dar und haben zugleich die Macht das Wesentliche zusammenzustellen und wo nötig zu trennen.
Als letztes werde ich auf die sprachliche Kontrastierung von Gewalt und Idylle eingehen. Kleist sorgt um die perfekte Simulation des Glückes und des Unglückes, so dass man sich selbst in die Lage der Protagonisten und des sonstiges Volkes versetzen kann.
Diese Novelle ist auf jedem Fall durch das ihr spezifische Spannungsverhältnis von Besonderem und Allgemeinem gekennzeichnet.
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2. Entstehungsgeschichte und geschichtlicher Hintergrund
2.1. Entstehung und ursprünglicher Titel
„Das Erdbeben in Chili“ entstand wahrscheinlich im Jahre 1806 und war schon einmal veröffentlicht worden und zwar drei Jahre vor der Buchausgabe in Reimers Berliner Realschulbuchhandlung. Diese Novelle wurde zunächst unter dem Titel „Jeronimo und Josephe“ . Eine Scene aus dem Erdbeben zu Chili, vom Jahre 1647 durch das Tübinger „Morgenblatt für gebildete Stände“ vom 10. bis 15. September 1807 gedruckt. Geradezu idealtypisch entspricht sie Goethes Definition der Novelle, denn das Erdbeben, das alles Geschehen bestimmt, ist in der Tat eine „unerhörte Begebenheit“. 1 Die vorgenommene Änderung des Titels der Erzählung ist möglicherweise in d er Absicht des Autors begründet, den thematischen Schwerpunkt nicht so sehr auf das Einzelschicksal zweier Liebenden zu legen, sondern mehr auf das Überindividuelle, die Allgemeinheit betreffende Naturereignis, das Menschen angehende Ereignis und ihre schlimmen Folgen.
Bei einem Vergleich zwischen dem Erstdruck und der Buchfassung fällt ein Unterschied auf. Während der Text im „Morgenblatt“ in 31 Absätze gegliedert ist, besteht die Buchversion nur noch aus drei großen Abschnitten. Der erste endet am Abend nach dem Erdbeben mit dem Einschlafen der Geretteten, der dritte beginnt mit den Vorbereitungen zum Aufbruch der Gruppe aus dem Tal in die Stadt, wo sie am Gottesdienst teilzunehmen gedenkt. („Inzwischen war der Nachmittag herangekommen […]“, s. 62) 2 . Es wurde vermutet, dass dies aus ökonomische n Gründen seitens des Verlags geschah, da ohne diese äußere Straffung in der Buchausgabe ein neuer Halbbogen hätte angebrochen werden müssen. Andererseits darf nicht außer Acht gelassen werden, dass Kleist sein Einverständnis gab und vielleicht einen Vorteil darin sah, dass dem Text durch die strenge Dreiteilung zugleich eine noch schärfere innere Dynamik verliehen wurde. In späteren Drucken is t freilich zumeist wieder die ursprüngliche Untergliederung in 31 Absätze übernommen worden. Heutzutage kennt man die Novelle Kleists unter dem Titel „Das Erdbeben in Chili“ als zweiter Abdruck, der im 1810 in dem Band „Erzählungen. Von Heinrich von Kleist“ erschienen ist. 3
2.2. Das Erdbeben in Chili 1647 und zeitgenössische Berichte
Wie es schon festgestellt wurde, die definitive Quelle Kleists zum „Erdbeben in Chili“ ist unbekannt; es gab sicher mehrere Möglichkeiten aus denen Kleist seine Erkennt nisse gewann. Als sicher anzunehmen ist jedoch, dass das Erdbeben im Jahre 1647, von dem in Kleists Novelle die Rede ist, tatsächlich stattgefunden hat. Wie man es schon nachweisen konnte, es wurde dadurch in der Nacht vom 13. zum 14. Mai die Hauptstadt Santiago von Chili fast völlig zerstört.
Kleist war nie in Südamerika, er musste sich in zeitgenössischen Berichten über das Erdbeben informiert haben, oder aus Reise- und Landesbeschreibungen, aus deren er vermutlich die äußeren, historischen und geographischen Rahmen seiner fiktionalen Handlung gewonnen hat. Die genaue Bestimmung der Quellen ist leider nicht möglich.
1. vgl. Schmidt, J.: „Heinrich von Kleist“, Darmstadt, 2003, s. 183-184
2. von Kleist, H.: „Das Erdbeben in Chili“, Stuttgart, 1993
3. vgl. Kircher, H.: „Heinrich von Kleist. Das Erdbeben in Chili“, München, 1996, s. 25-26
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Seine Darstellung Santiagos geht kaum auf spezifische Eigentümlichkeiten der chilenischen Hauptstadt ein, so dass der Schauplatz des Geschehens fast als austauschbar erscheint. 4 Sicher ist jedoch, dass es dem Autor nicht um eine detailtreue Schilderung ging, wie überhaupt, das Erdbeben eher der Anlass, nicht aber das eigentliche Thema seiner Novelle ist.
Als Beweis dafür sind mehrere, schon häufig festgestellte zahlreiche Unstimmigkeiten im Text, z.B.: Die Erzählung spielt auf der Südhalbkugel, die Jahreszeitangaben sind aber solche der Nordhalbkugel, im Juli/August, der Zeit der Handlung, ist in Santiago Winter, Granatäpfelbäume voll duftender Früchte gibt es da nicht; die „die schönste Nacht“ ist eben eine „wie nur ein Dichter davon träumen mag“ (s. 57) 5 , der auch das historische Datum des Erdbebens verschoben hat, d.h. vom 13. Mai 1647 auf ca. sechs Wochen nach Fronleichnam (wenn Josephe „aus den Wochen erstanden“ ist (s. 51) 6 , d.h. Juli/August. 7
Alle Berichte über das Erdbeben selbst, die bis zu Kleists Zeit erschienen, müssen auf den erstmals 1656-57 erschienenen Augenzeugenbericht des Bischofs von Santiago, Gaspar de Villarroel, die „Relacion del terremoto que assolo la ciudad de Santiago de Chili“ zurückgehen. Diesen Bericht hat Alfred Owen Aldridge in seinem Artikel „The Background of Kleist’s Das Erdbeben in Chili“ ausgewertet, hier ein kurzer Ausschnitt der wichtigsten Unstimmigkeiten mit Kleists Novelle daraus: „Das Erdbeben begann am 13. Mai 1647 um 10.37 nachts. […] Die anderen Kirchen und Klöster in der Stadt, einschließlich der Dominikanerkirche, hatten weniger Glück. […], mit Ausnahme der Kirche, die dem heiligen Santurnino geweiht war, […] seine Kirche als einzige verschont blieb. […] fingen die Stadtbewohner an, sich […] zu der zentralen Plaza durchzuzwängen. […] Gegen Morgengrauen feierten der Bischof und der übrige Klerus eine fortdauernde Messe an einem improvisierten Alter auf der Plaza. […] In der Nacht des 14. Mai […] der Bischof anfing, im Friedhof der Kathedrale zu predigen, […]. Er stellte unzweideutig fest, daß das Erdbeben kein verläßliches Beweis für Gottes Zorn sei.“ 8
Wenn Kleist den Bericht des Bischofs Villarroel kannte, so hat er daraus zwar einige Anregungen entnommen (z.B. das Ausmaß der Zerstörungen, der ungeheure Lärm, das aus den Erdrissen hervorsprudelnde Wasser des Mapocho- Flusses (s. 53) 9 , die Erhaltung einer Kirche (s. 62) 10 , die Predigt des Bischofs (s. 64) 11 ), die wirklich stimmen, doch weicht seine Erzählung in vielen Punkten erheblich von dem faktischen Geschehen ab (angefangen bei der Verlegung des Bebens von der Nacht auf den Tag bis hin zur Verkehrung der beruhigenden Predigt von Villarroel zur fanatischen Strafpredigt des Chorherrn).
Zusammenfassend kann ich feststellen, dass Kleist mit Sicherheit einige geographische und historische Kenntnisse über Chili und Santiago aus zeitgenössischen Berichten gewonnen hat; diese Angaben verwendete er im Text aber lediglich als äußerliche Orientierungsdaten. Jedenfalls war er nicht sonderlich um historische Detailtreue bemüht und hat sich auch nicht durch eine spezifische chilenische Panorama anregen lassen: sein Santiago könne auch eine andere Stadt sein, und das Tal vor Santiago weist mit seiner Künstlichkeit alle Züge eines gezielt literarisch stilisierten locus amoenus auf. 12
4. vgl. Kircher, H.: „Heinrich von Kleist. Das Erdbeben in Chili“, München, 1996, s. 9
5., 6. von Kleist, H.: „Das Erdbeben in Chili“, Stuttgart, 1993
7. vgl. Greiner, B.: „Kleists Dramen und Erzählungen“, Tübingen, 2000, s. 383
8. Grathoff, D.: „Kleist. Geschichte, Politik, Sprache“, Wiesbaden, 2000, s. 96
9., 10., 11. von Kleist, H.: „Das Erdbeben in Chili“, Stuttgart, 1993
12. vgl. Grathoff, D.: „Kleist. Geschichte, Politik, Sprache“, Wiesbaden, 2000, s. 100
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2.3. Das Erdbeben von Lissabon 1755
Es wird auch angenommen, dass „Das Erdbeben in Chili“ bewusst an das historische Ereignis des Erdbebens von Lissabon, das d as bedeutendste und meistbeachtete Erdbeben des 18. Jahrhunderts war, das am 1. November 1755 (Allerheiligen) ausbrach. „Am Allerheiligen- Tag, vormittags zur Zeit der Messfeiern, wurde die portugiesische Metropole durch drei schwere Erdstösse in einem zuvor unvorstellbaren Ausmaß verwüstet. Unt er den Trümmern der zusammenbrechenden Gotteshäuser wurden zahllose Menschen begraben. Die in Kirchen und Privatwohnungen angezündeten Kerzen lösten zusätzlich eine verheerende Feuerbrunst aus, und schließlich wurden durch eine gewaltige Flutwelle des Tejo große Teile der Stadt überschwemmt. Die Zahlenangaben über die Todesopfer schwanken zwischen 10 000 und 60 000. Auswirkungen des Bebens waren bis nach Böhmen, Norddeutschland und sogar Skandinavien spürbar.“ 13
„In allen europäischen Sprachen erschienen Berichte über die Ereignisse des Bebens, welches so stark war, dass man seine Ausläufer und Auswirkungen noch in Nordeuropa spürte. Das Erdbeben löste eine nachhaltige, in zahlreichen Schriften ausgetragene theologische und philosophische Debatte aus und bekam durch diese öffentliche Diskussion den Rang eines weltgeschichtlichen Ereignisses für das 18. Jahrhundert. Kleist konnte gewiss sein, dass die Leser seiner Erdbebengeschichte mit den Grundzügen der Diskussion, die das Erdbeben von Lissabon nach sich zo g, vertraut waren. “ 14
Es ist also nicht aus zuschließen, dass sich Kleist mit eine m Bericht über dieses Erdbeben vertraut machte, um dann unter Abwandlung der Details die Ereignisse nach Chili zu verlegen. Er konnte die Geschehnisse in Lissabon mit denen a us Chili verknüpft haben; doch der Autor spricht in seiner Novelle von Plünderungen in Chili (entspricht nicht dem Augenzeugenbericht), in Lissabon gab es Plünderungen nach dem Beben.
Ein anderes zu unterscheidendes Merkmal ist die Nennung des Mapocho-Flusses, die zwar an die Authentizität des Schauplatzes Santiago de Chile denken lassen mag, doch entsprechen die architektonischen Verwüstungen eher den zeitgenössischen Berichten über das Erdbeben von Lissabon. Mit diesen stimmen auch die Zeitangabe, nämlich der Beginn des Bebens am Vormittag, überein sowie die Flucht der Bewohner ins freie Umland, während die Überlebenden in Santiago 1647 hauptsächlich Zuflucht zum zentralen Platz in der Metropole nahmen. Und auch die Inquisition ging nicht in Chile, sondern in Lissabon ans Werk. So ist offensichtig, dass Kleist nicht das Äußere wichtig war, sondern das Innere des Dargestellten.
Mit solchen Ereignissen wie das Erdbeben von Lissabon waren die Bemühungen um eine Theodizee lebendig, man versuchte die Rechtfertigung Gottes trotz des in der Welt vorhandenen Übels, ebenso zu provozieren wie zu erschüttern. 15 Dieses katastrophale Ereignis war unbeschreibbar und aus diesem Grund bewegte die Menschen in der ganzen Europa. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden darüber unzählige Berichte und nach dem Sinn fragende Abhandlungen, zum Teil von sehr prominenten Autoren, verfasst.
Erschüttert wurde jedoch nicht nur die Erde, sondern zugleich der bis dahin in der abendländischen Wissenschaft vorherrschende optimistische Glaube, dass die Weltordnung sinnvoll eingerichtet sei und von einem guten Schöpfergott gelenkt werde.
13. Kircher, H.: „Heinrich von Kleist. Das Erdbeben in Chili“, München, 1996, s. 10
14. Grathoff, D.: „Kleist. Geschichte, Politik, Sprache“, Wiesbaden, 2000, s. 100
15. Ebda
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Magistra Sylwia Tomaszczyk, 2005, Zu "Das Erdbeben in Chili" von Heinrich von Kleist - Eine Analyse, München, GRIN Verlag GmbH
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