Inhaltsangabe
0. Einleitung S.2
1. Die Wegbereiter des romantischen Kindheitsideals S.3
1.1. Jean-Jacques Rousseau S.3
1.2. Johann Gottfried von Herder S.5
2. Das Kind in der Frühromantik S.8
3. E.T.A. Hoffmann S.13
4.1. Das Kind und die Natur S.14
4.2. Die Erziehung des Kindes S.15
4.3. Das Erleben der Transzendenz S.15
4.4. Folgen für die romantische Kindheit S.17
4. Schlussfolgerung S.19
0. Einleitung
Die folgende Arbeit wird sich mit der Entwicklung des romantischen Kindheitsbildes
auseinandersetzen. Das Hauptaugenmerk wird hierbei auf das von den Romantikern
attestierte enge Verhältnis des Kindes zur Natur und auf die romantische Vorstellung
von Kindeserziehung gelegt.
Vorab werde ich mich ausführlich mit zwei Autoren beschäftigen, die die romantische
Neudeterminierung des Kindheitsbildes mitinitiiert haben, namentlich Jean-Jacques
Rousseau und Johann Gottfried von Herder. Hiernach wird der kindliche Natur- und
Erziehungsbezug in der Literatur der Frühromantik pointiert, vorrangig werde ich mich
den prägenden Autoren Novalis und Ludwig Tieck widmen. Abschließend wird mit
E.T.A. Hoffmann ein Beispiel für eine spätromantische Betrachtungsweise des Themas
gegeben.
Durch dieses allmähliche Vorantasten soll veranschaulicht werden, dass das
romantische Kindheitsideal nicht einfach nur das Gegenkonstrukt zur aufklärerischen
Anschauung ist, sondern in sich bereits vielschichtig auftritt und eine lange
Entwicklung erlebt.
2
1. Die Wegbereiter des romantischen Kindheitsideals
Zur Genese des romant ischen Kindheitsideals haben Jean Jacques Rousseau und Johann Gottfried von Herder bereits lange vor dem Zeitalter der Romantik beigetragen. Obwohl die beiden Herren zu den hier behandelten Themen grundverschiedene Ansichten haben, werden sie doch partiell durch das in ihren Werken auftretende Naturkind und ihre zeitliche Stellung vereint und deshalb hier gemeinsam innerhalb des ersten Kapitels behandelt.
1.1. Jean-Jacques Rousseau
Bereits in der Epoche der Aufklärung, welche ja eigentlich kulturelle Aspekte des Lebens betont, beschäftigt sich Rousseau mit der tiefen Beziehung zwischen dem Kind und der Natur.
Anfänglich konzentriert sich Rousseau bei seinen Beobachtungen auf den so genannten „edlen Wilden“, einen vorsozialisierten Naturmenschen. In seinem 1754 erscheinenden Werk „Discours sur l’origine et les fondemens de l’inegalite parmi les hommes“ beschäftigt er sich mit den Vorzügen des „homme Naturel“ gegenüber dem Kulturmenschen. 1 Bereits hier setzt sich Rousseau auch mit dem Kindheitsbild auseinander, weil der Naturmensch im Zeitalter der Aufklärung analog zum Kind gesehen wird. Beide stehen dem Urzustand des Menschen nahe, verkörpern hiermit also das Ursprüngliche und Natürliche des Menschengeschlechts. Rousseau zieht diese Eigenschaften dem Sozialisierten vor.
Im Falle des Kindes und des Naturzustandes nimmt Rousseau eine Parallelisierung der Onto- und Phylogenese vor. 2 Das Kind ist in dem vorsozialisierten Anfangsstadium seines Lebens analog zum vorsozialisierten Ursprung des ganzen Menschengeschlechts zu sehen. Man kann also mit dem Wissen über Kinder stammesgeschichtliche Rückschlüsse ziehen und umgekehrt. Diese partielle Parallelisierung von Onto- und Phylogenese ist bis zu diesem Zeitpunkt nicht unbekannt, doch wird ihr erst seit Rousseaus Feststellungen wieder größere Beachtung geschenkt. 3
1 Angela Winkler: Das romantische Kind: Ein poetischer Typus von Goethe bis Thomas Mann, Frankfurt
am Main 2000, S. 5.
2 Meike Sophia Baader: Die romantische Idee des Kindes und der Kindheit - Auf der Such nach der
verlorenen Unschuld, Neuwied 1996, S.72.
3 Gerhard Schaub: Le Genie enfant. Die Kategorie des Kindlichen bei Clemens Brentano, Berlin 1973, S.
103.
3
Sein prägnantestes Werk zu diesem Themenkomplex „Emile oder über die Erziehung“ schreibt Rousseau im Jahre 1762. Emile gilt als das klassische Buch des „Naturkindes“. 4 Mit der Veröffentlichung initiiert er eine pädagogische und literarische Auseinandersetzung über das Thema Kindheit und verleiht der Bewertung der Kindheit neue Maßstäbe. 5 Bisher erscheint die Kindheit nur als die elendige Vorstufe des Erwachsenenlebens, Rousseau verleiht ihr nun positive Charakteristika. Das Kind ist seiner Ansicht nach ein natürliches, harmonisches Wesen, das in seinem ganzen Sein dem Kulturmenschen gar überlegen ist. Es steht der Natur so nahe, dass man es gar auf einer vorgesellschaftlichen Stufe zwischen dem Mensch und dem Tier ansiedeln muss. 6 Wenn man dem Kind die richtige Erziehung zukommen lässt, eben eine naturverbundene Erziehung, die es Kind sein lässt, dann wird es aus seinem positiven Grundcharakter etliche andere positive Eigenschaften entwickeln.
Es gibt zweifelsohne gewisse Anknüpfungspunkte zwischen Rousseau und der Sicht der Romantiker, nämlich d ie hohe Beachtung der Kindheit und deren positive Akzentuierung. Kindheit wird hier nicht mehr als unterentwickelte Vorstufe des Erwachsenseins begriffen, ihr wird etwas Spezifisches und Eigenes attestiert. Unter diesem Gesichtspunkt kann man Friedrich Schlegel sicherlich zustimmen, der Emile eine „romantische Tendenz“ unterstellt. 7 Durch das Bild des unschuldigen Kindes verwirft Rousseau die Lehre der biblischen Erbsünde und ebnet dadurch in aufklärerischer Weise den Weg für die romantische Idealisierung des Kindes. 8 Obwohl man Rousseau folglich als einen der Wegbereiter romantischer Ideen benennen kann, wäre es vollkommen falsch ihn selbst einen Romantiker zu nennen. Er verlässt mit all seinen Erkenntnissen und Schlussfolgerungen nicht den Boden der Aufklärung: So betont er im Emile doch gerade die Wichtigkeit des Erziehers. Dieser wäre für die Entwicklung des Kindes von zentraler Bedeutung, weil es sich selbst überlassen nur unvollkommen heranwächst. So bestärkt Rousseau in seinem Werk den aufklärerischen Erziehungsoptimismus, eine mit der Romantik nicht zu vereinbarende Denkweise.
4 Dieter Richter: Das fremde Kind - Zur Entstehung der Kindheitsbilder des bürgerlichen Zeitalters,
Frankfurt am Main 1987, S.250.
5 Winkler: Das romantische Kind, S.10.
6 Baader: Die romantische Idee des Kindes und der Kindheit, S.44.
7 Friedrich Schlegel: Aus den Heften zur Poesie. In: Kritische Schriften. Bd.2. S.211.
8 Baader: Die romantische Idee des Kindes und der Kindheit, S.66.
4
Hinzu kommt Rousseaus Negierung der kindlichen Phantasie, welche in der Romantik doch des Kindes wichtigstes Gut ist. Für Rousseau geht „Das Kind (…) in der Welt der Endlichkeit auf, es ahnt noch nichts vom Imaginären.“ 9
Er spricht dem Kind die Imagination jedoch nicht nur ab, er brandmarkt diese auch als Urheber möglichen Unglücks, da gerade sie doch die Entstehung von Wünschen verantwortet. 10 Damit ist die Phantasielosigkeit des Kindes zu begrüßen und zu fördern. Das Kind soll nicht in abstraktem Denken geschult werden, erst nach dem zwölften Lebensjahr soll es Kenntnisse in Moral, Metaphysik und Religion erwerben. 11 Abstraktes Denken regt laut Rousseau die Phantasie an.
1.2. Johann Gottfried von Herder
In seinem für die Romantik wegweisenden Werk „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“ akzentuiert Herder eine Dekade später die Kindheitsauffassung neu. Während Rousseau das Kind zwischen Tier und Mensch ansiedelt, negiert Herder eine zu besetzende Interimsstufe zwischen der Mensch- und der Tierwelt. Er separiert die beiden Welten deutlicher voneinander und kritisiert das von Rousseau getragene Konzept des Tiermenschen. Herder unterstreicht die Wichtigkeit zweier Faktoren, die diese strenge Unterscheidung zwischen einem Mensch und einem Tier erzwingen: Die Sprache und die Besonnenheit. Laut Herder verfügt das Kind bereits über beide Eigenschaften. 12
Worüber das Kind allerdings nicht verfügt, sind Wesensmerkmale, die es stark und autonom machen. Infolgedessen sind Kinder nach ihrer Geburt vollkommen auf Hilfe angewiesene Geschöpfe. Während es bei Rousseau die Schwäche des Kindes nicht geben darf, weil sie die Kinder gerade der Sozialisation entgegen treiben würde 13 , ist sie bei Herder ein entscheidender Grund für ein funktionierendes Erziehungssystem. Durch sie wird der Familienbund gestärkt, eine Instanz, die Rousseau durch sein isoliertes Erziehungssystem noch auszuhebeln versuchte. Kinder brauchen Hilfe und Eltern haben das Bedürfnis Hilfe zu geben - diese Beziehung zueinander vereint also die Menschen insgesamt. Die Schwäche und Bemitleidenswertigkeit des Kindes ebnet also den Weg
9 Hans-Heino Ewers: Kindheit als poetische Daseinsform. Studien zur Entstehung der romantischen
Kindheitsutopie im 18. Jahrhundert, München 1989, S. 45.
10 Baader: Die romantische Idee des Kindes und der Kindheit, S.44.
11 Winkler: Das romantische Kind, S.45.
12 Baader: Die romantische Idee des Kindes und der Kindheit, S.67.
13 Ewers: Kindheit als poetische Daseinsform, S.68.
5
für dessen Erziehung mittels seiner Erzeuger, wohingegen ein Tier seine Erziehung allein durch die Natur erhält.
Während die Eltern für die Erziehung eines Kindes bei Rousseau kontraproduktiven Charakter hatten, haben sie bei Herder also höchsten Stellenwert bei der Lehre der abhängigen Kinder und der damit einhergehenden Erweckung ihrer menschlichen Kräfte. Für ihn ist das Kind kein leeres Bücherregal mehr, das möglichst schnell mit Büchern gefüllt werden muss, und es braucht nicht mehr den rousseauschen Erzieher, der die natürlichen Anlagen fördert - nur die Eltern eben sind von Nöten, damit die inneren Anlagen vom Kind auch entwickelt werden. Diese Vorstellung mindert in erheblichem Maße die Wichtigkeit von Erziehung und bildet damit einen tiefen Bruch zum Erziehungsdrang der Aufklärer.
Wie der Titel seines Werkes verrät, geht es Herder bei seiner Abhandlung vornehmlich um die Sprache des Menschen. Diese dient seiner Ansicht nach nicht nur der Wiedergabe von Lauten, vielmehr transportiert sie Sichtweisen und Denkarten des Sprechers. Auf diese Weise verinnerlichen Kinder gleich die Wesensart der Eltern und aus diesem Grund wollen Eltern auch mit ihren Kleinkindern sprechen -Kommunikation ist der simple Wunsch das eigene Selbst weiterzugeben. 14 Folglich stärkt neben der Schwäche des Kindes auch der Faktor Sprache den Familienbund, der ja wiederum die Entwicklung der menschlichen Kräfte des Kindes stärkt.
Mit der Neugewichtung der Sprache, wird aus Rousseaus bloßem „Naturkind“ bei Herder nun ein „Dichterkind“ - ein Ideal auf das in der romantischen Literatur aufgebaut werden wird. Bei Herder ist das Kind also ein poetisches, phantasiebegabtes Wesen. Ist die Imagination für Rousseau noch ein zu verhinderndes Übel, ist sie für Herder des Kindes hohes Gut. Das Kind ist dazu Geschaffen durch Nachahmung zu lernen und hat deshalb ein besonderes Verhältnis zu Melodien, Klängen und weiteren Grundpfeilern der Poetik. 15 Diese Eigenschaften zeichneten laut H erder auch die Urmenschen aus, die durch Nachahmung von Naturlauten Sprache erlernten. Genau wie Rousseau parallelisiert also auch Herder die Onto- und Phylogenese des Menschen: „Und siehe, was jedem einzelnen Menschen in seiner Kindheit unumgänglich Noth ist: dem ganzen Menschheitsgeschlecht in seiner Kindheit gewiss
14 Baader: Die romantische Idee des Kindes und der Kindheit, S.47.
15 Baader: Die romantische Idee des Kindes und der Kindheit, S.48.
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Andreas Cirikovic, 2005, Kindliche Naturnähe und kindgerechte Erziehung in der Romantik, München, GRIN Verlag GmbH
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