Inhaltsverzeichnis
1. Einführung: Der romantische Komponist - der Mensch 3
2. Kindheit - „der gläserne Junge“ 3
2.1. Die familiäre Umgebung - Fanny Dürbach 4
2.2. Die Trennung von der Familie - Petersburg 6
3. Petersburger Jahre
3.1. Die frühe Studienjahre 7
3.2. Wieder Musik 9
4. Moskauer Jahre
4.1. Die Rubinstein-Brüder in Tschaikowskys Leben 12
4.2. Die Ehe 14
5. Ersehnte Unabhängigkeit und wachsender Ruhm
5.1. Die „geliebte Freundin“ 18
5.2. Der erfolgreicher Komponist 22
5.3. Der Bruch in der Freundschaft 24
6. Selbstmord oder Unfall 26
Anhang :
Tschaikowskys Biographie in Stichworten und
28
die chronologische Auflistug seiner wichtigsten Werke
Literaturverzeichnis 31
1. Einführung:
Der romantische Komponist - der Mensch
Zielsetzung dieser Seminararbeit ist es, ein Bild über Tschaikowskys Persönlichkeit und Privatleben zu vermitteln. Zwar ist die Arbeit chronologisch aufgebaut, jedoch ohne Anspruch auf Darstellung der vollständigen Künstlerbiographie. Aus diesem Grund fügte ich eine Biographie im Stichworten mit chronologischer Auflistung der wichtigsten Werke des Komponisten im Anhang hinzu.
Aus dem Leben des Komponisten hob ich Personen und Situationen hervor, die für die jeweilige Lebensperiode besonders charakteristisch waren. Bei den Personen handelt es sich um die Rubinstein-Brüder, um Nadeshda Filaterowna von Meck und Antonina Iwanowna Miljukowa. So wie es nicht selten in Biographien berühmter Menschen der Fall ist, kommt es immer wieder zu Abweichungen bzw. Streitfragen zwischen den verschiedenen Autoren und Forschern. Das Leben Tschaikowskys wurde auch in einem Bericht 1 seines Bruders Modest beschrieben, jedoch zeigt er uns nicht den realen Tschaikowsky, sondern eine idealisierte Künstlerpersönlichkeit. Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, über jede dieser Thesen und Aspekte ausführlich zu berichten, oder gar manche “Wahrheiten“ zu hinterfragen. Es wird dennoch versucht, die verschiedenen Interpretationen bestimmter Lebenssituationen miteinbeziehen, um ein möglichst klares Bild über den Komponisten zu bekommen.
1 Modest Tschaikowsky: „Das Leben Peter Iljitsch Tschaikowskys” Moskau-Leipzig 1903
3
2. Kindheit - „der gläserne Junge„
2.1. Die familiäre Umgebung - Fanni
Peter Iljitsch Tschaikowsky wurde 1838 in einem großen, komfortablen und gastfreundlichen Haus geboren, in Wotkinsk im Ural. Der Vater, Ilja Petrowitsch war Chefinspektor der Kamsko-Wotkinsker Berg- und Metall-Werke im Range eines Oberstleutnants. Diese Stelle an der Spitze eines Großunternehmens war eine angesehene Position und versicherte der Familie Tschaikowsky ein gewisses Wohlhaben und finanzielle Sorgenlosigkeit. Er verfügte über mehreren Fabriken, zahlreiche Diener und sogar eine Privatarmee. Die Mutter, Alexandra Andrejewna, war eine geborene Assier. Sie sprach Französisch und Deutsch und spielte leidenschaftlich Klavier. Peters Mutter war eine besonders wichtige Bezugsperson für ihn. Ganz gewiss übte sie großen Einfluss auf ihm aus, und seine kindliche Hang an ihr schien grenzenlos zu sein. Die Trennung von ihr als Kind (1848 die Familie siedelt nach St. Petersburg, 1850 Peter fängt sein Vorbereitungskurs für die Rechtsschule an) und später die endgültige Trennung durch ihren frühen Tod (1854) verursacht sowohl dem Kind als auch dem herangereiften Mann einen großen Schock, und es hinterlässt in ihm Spuren für immer. „Solche Hände gibt es nicht wieder und wird es auch nie geben!„ 2 - trauerte Peter Iljitsch als Erwachsene immer noch seiner Mutter nach.
Peter Iljitsch (geb. 1840) war der zweite Sohn aus der glücklichen Ehe. Nikolaj Iljitsch war sein älterer Bruder (geb. 1838), seine einzige Schwester, Alexandra Iljinischna, kam 1842 auf die Welt. Nach Hypolit Iljitsch 1843 folgten die Zwillingsbrüder 1850 Anatol und Modest. Seinem zehn Jahre jüngeren Bruder Modest schenkte Peter sehr viel Fürsorge und Hinwendung. Später genoss Modest Peters absolutes Vertrauen. Er kannte das verwirrende Emotionalleben seines Bruders und hätte wahrscheinlich in seiner 1903 erschienenen Biographie wesentlich mehr über die Persönlichkeit seines Bruders berichten können, hätte ihm die damalige Zeit das ermöglicht.
2 Weinstock, Herbert: „Tschaikowsky”. München 1948. S. 5
4
Man sagte der Großvater Assier wäre Epileptiker gewesen, und Peter hätte von ihm eine ganz besondere Nervosität geerbt. Fest steht nur, dass die Erinnerungen von Fanny Dürbach 3 , die ehemalige Gouvernante, ebenfalls über eine gewisse Empfindsamkeit des jungen Peters berichten. Auf den fünfjährigen Peter wurde Fanni sofort aufmerksam und bald wurde er auch ihr Lieblingsschüler. Peter war still und besaß ein rasches Auffassungsvermögen. Er bewies während des Unterrichts bei Fanny Phantasie und starken Willen. Seine überheizten Emotionen versuchte er in Gedichten sogar auf Französisch zum Ausdruck zu bringen. Er wollte erfinden, sich der Welt äußern, seine Gefühle mitteilen. Fanni wusste zu dieser Zeit nicht recht, ob sie seine Fehler korrigieren soll oder ihn ungestört lassen soll. Sie spürte gleichzeitig etwas Großartiges im Kind heranwachsen und etwas, was ihr Sorgen machte. So hatte sie den Eindruck, man müsse mit Peter sehr behutsam umgehen. In dieser Zeit fing sie an ihn „gläserner Knabe“ zu nennen. Diese Gefühle äußert sie in den folgenden Sätzen:
„Man hatte ihn deshalb so lieb, weil er selbst alle lieb hatte. Seine Empfänglichkeit war geradezu grenzenlos, und man mußte ihn sehr vorsichtig behandeln. Er konnte durch eine Kleinigkeit verletzt, beleidigt werden. Das war ein `Porzellan`-Kind. Die geringste Bemerkung, ein einziges Schlechtwort (von Strafe konnte bei ihm keine Rede sein), wie es bei anderen Kinder unbeachtet zu bleiben pflegt, nahm er sich sehr zu Herzen und konnte dadurch so verstimmt werden, daß es geradezu beängstigend war.„ 4
Fannis Überzeugung - in dem sechsjährigen Peter stecke etwas besonderes - war so stark, dass sie anfing seine Schriften aufzubewahren. Auch später, 1848 als sie die Familie Tschaikowsky verließ, nahm sie diese Sammlung mit und behütet sie sorgfältig für spätere Zeiten. Peter zeigte bereits in dieser Zeit besonders großes Interesse an der Musik. Seine übertriebenen Reaktionen, sein Entzücken und seine Erregung während des Musikhörens überzeugten Fanni, das es dem Kind schlecht tut, weil es ihn viel zu sehr aufrege. Tatsächlich vermehrten sich die schlaflose Nächte, wo der kleine Peter wegen einer Musik klagt, die in seinem Kopf nicht aufhören will. Tagsüber ist er aber vom Klavier und vom Orchestrion der Familie nicht fernzuhalten. Er erhielt seine ersten Klavierstunden von seiner Mutter, und er spielt bald die Stücke des Orchestrions nach Gehör.
3 Modest besuchte 1894 die zweiundsiebzigjährige Fanny in Montbéliard kurz nach dem Tode Tschaikowsky. Sie
berichtete über viele interessante Einzelheiten und Geschichten über ihrem Lieblingsschüler.
4 Weinstock, Herbert: „Tschaikowsky”. München 1948. S. 11 f
5
Die Familie ist zwar überrascht von der Geschicklichkeit und Hingabe des Kindes, denkt aber nicht weiter an sein außerordentliches Talent oder gar an eine musikalische Karriere.
2.2. Die Trennung von der Familie - Petersburg
Im September 1848 nahm das glückliche Leben in Wotkinsk ein Ende. Ilja Petrowitsch beschloss in Alapajawesk eine Stelle anzunehmen. Dazu musste die Familie zuerst über Moskau nach Petersburg reisen. Die 2 Jahre waren dem achtjährigen Peter weitaus nicht so idyllisch, wie die heiß ersehnte Jahre in Wotkinsk mit Fanny und seiner Mutter: Die geliebte Fanni nahm eine Stelle bei einer adeligen Familie in Wotkinsk an. Von nun an hütete Sinaida die Kinder. Bald besuchte Peter und Nikolaj die Vorbereitungsklasse des Gymnasiums. Dieses Leben war ein völlig anderes, als das in Wotkinsk. Die Jungen mussten hart arbeiten um die anderen Kameraden einzuholen. war Peter mochte weder Sinaida noch die neue, enge, dunkle Wohnung. Er erhielt Klavierunterricht, aber das forderte große Anstrengungen und machte ihn müde.
Zu Weihnachten wurde er ins Theater mitgenommen, aber die Aufführung löste bei ihm Halluzinationen und Schock aus. Die schlaflose Nächte wurden häufiger, seine Verwirrung immer größer, er phantasierte fieberhaft. Als er das erste mal das Sinfonieorchester hörte, war seine Aufregung so groß, dass er nachher sich an nichts erinnern konnte. Dann kamen die Masern. Die Ärzten schrieben ihm absolute Ruhe vor. Die erzwungene Ruhe und Ereignislosigkeit konnten die innere Unruhe des Kindes und das Gefühl der Einsamkeit nicht mildern. Er schrieb Briefe an Fanni, die er so nicht abschicken konnte, und schrieb neue, die Sinaida kontrollierte und schließlich Fanni erreichten.
Bald folgte noch ein schwerer Schlag, was Peter nur schwer verkraften konnte. Es war Zeit, dass der zehnjährige Junge nach Petersburg gebracht wurde, um in die Rechtsschule zu gehen. Everett Helm nennt in seiner Biographie dieses Erlebnis, wo Peter sich von seiner Mutter trennen
6
musste, und sogar hysterisch nach der wegfahrenden Kutsche gelaufen ist, eine „Tragödie von traumatischen Auswirkungen“.
Die Jahre in der Petersburger Schule für Jurisprudenz (1850-1860) waren durch eine neuartige Entwicklung gekennzeichnet, sein Musikstudium tritt für ganze 10 Jahre in den Hintergrund und er lebt das Leben eines Beamten.
Auch die Eltern zogen nach Petersburg. Der Umzug hatte für die Familie schwere Folgen: Die Mutter wurde Opfer einer Choleraepidemie, die 1854 in St. Petersburg tobte. Für Peter Tschaikowsky war es ein großer Schock. Noch 25 Jahre später schrieb er in einem Brief an einen Freund:
"Ihr Tod hat den größten Einfluß auf mein und der Meinigen Schicksal. Jede Minute des fürchterlichen Tages ist mir so gegenwärtig, als wäre es gestern gewesen." 5 Nach dem anfänglichen Schwierigkeiten kam Peter mit der neuen Lebensumgebung gut zurecht. Er war ein guter Schüler, und sprach nie von Musik. Er versuchte, so zu sein wie seine Kameraden. Eine andere Zukunft als die des Beamten hatte er wahrscheinlich nicht im Sinn. Er war immer noch der sympathische, empfindsame Junge mit etwas betrübter Stimmung und oft den Tränen nahe, aber die außerordentliche Begabung die Fanny sah, ließ sich kaum mehr zeigen. Diese Jahre beschreibt Modest mit den folgenden Wörter:
5 Kerner, D.: Krankheiten großer Musiker, Bd. 2, 2. Aufl. F. K. Schattauer, Stuttgart/New York 1977.
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„Zum musikalischen Beruf hatte weder er selbst noch sonst jemand das rechte Vertrauen, so daß er selber nicht wußte, weshalb und wohin er ging. Gleichzeitig erwachte allmählich in dem zum Jüngling Heranreifenden die brennende Begierde, die Freuden des Lebens zu kosten; die Zukunft erschien ihm wie ein langes unendliches Fest, wie eine einzige, ununterbrochene große Freude, und diesem schönen Traum gab er dem voll und ganz hin. Mit der Allgewalt seiner leidenschaftlichen Natur verfiel er dem Leichtsinn und wurde ein sehr lustiger gutmütiger und sorgloser junger Mann, ohne ernste Bestrebungen, zwecklos und ziellos dahinlebend.„ 6
Er wurde der ausgesprochene Liebling von Schülern und Lehrern in der Rechtsschule. Außerdem kennzeichnete eine bedeutende Freundschaft diese Jahre. Dieser Freund war Alexej Nikolajewitsch Apuchtin, der später ein hervorragender Dichter wurde. Apuchtin war ein frühreifer, äußerst intelligenter, hochbegabter Junge, dessen N üchternheit und Skeptizismus den jungen Tschaikowsky mit Sicherheit stark beeindruckte.
Peter Iljitsch sammelte in dieser Zeit in Petersburg zwar musikalische Eindrücke (z.B.: Glinka: Ein Leben für den Zaren, symphonische Musik, Ballett, usw.), aber er spielte und improvisierte nur noch wenig am Klavier.
Sein Vater, der an seinem Talent glaubte, beschloss 1855, einen eigenen Klavierlehrer für den talentierten Sohn zu engagieren. Rudolf Kündinger, befand allerdings, dass das Talent seines Schülers nur wenig über dem Durchschnitt lag. Kündinger unterrichtete Peter Tschaikowsky jeden Sonntagmorgen, blieb zum Essen, und das tat er gern, da hübsche Mädchen im Haus waren, dann begleitete er den Jüngling am Nachmittag in ein Konzert. Abends hatte Peter Gelegenheit, selbst etwas Musikalisches zum Besten zu geben. Nach einigen Jahren endete der Klavierunterricht, weil der Vater durch Spekulation verarmte (1858).
Peter Iljitsch Tschaikowsky wurde im Mai 1859 mit dem Rang eines Titularrats aus der Juristenschule entlassen und als Beamter beim Justizministerium angestellt.
6 Weinstock,Herbert: „Tschaikowsky”. München 1948. S.48
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Arbeit zitieren:
Noemi Fölk, 2004, Peter lljitsch Tschaikowsky und seine Zeitgenossen, München, GRIN Verlag GmbH
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