1. BILD BILDET MEINUNG
Die BILD-Zeitung ist eine umstrittene, aber dennoch - oder gerade deshalb? - bedeutsame Institution in der deutschen Presselandschaft. Von intellektuellen Milieus wird sie traditionell verachtet. Sie trage durch einseitige und verkürzte Darstellungen zur Verdummung des Volkes bei, verbreite Lügen (die berühmten „Enten“) oder Halbwahrheiten oder fahre hetzerische Kampagnen gegen Personen der Öffentlichkeit oder komplett unbekannte Privatpersonen (etwa gegen den ausgewanderten Sozialhilfeempfänger „Florida-Rolf“), lauten gängige Urteile der Kritiker (berühmt geworden ist v.a. Günther Wallraff mit seinen Büchern 1977 und 1979). Dennoch wagt kaum ein Politiker die offene Konfrontation mit der Zeitung „mit den vier großen Buchstaben“, denn BILD besitzt durch seine Kampagnenfähigkeit und seinen großen Leserkreis ein außerordentliches Machtpotential, das Volkes Meinung und damit indirekt die Regierungspolitik stark beeinflussen kann. Der bekannte Slogan der Zeitung „BILD Dir Deine Meinung“ kommt der Wahrheit wohl weniger nahe als die leicht abgewandelte Version „BILD bildet Deine Meinung“. Dieser Tatsache sind sich Politiker nur allzu bewusst, weshalb sie möglichst den Schulterschluss mit dem Hamburger Boulevardblatt such(t)en. Helmut Kohl konnte lange Jahre seiner Regierungszeit auf die Unterstützung des mächtigen Springer-Organs bauen und von Gerhard Schröder wird das Zitat transportiert, dass er zum Regieren lediglich „BILD und die Glotze“ benötige. BILD honorierte die Annäherungsversuche der Regierung Schröder allerdings nicht mit Treue und spätestens seit dem Wahlkampf 2002 kämpft Schröders Mannschaft im Grunde nicht nur gegen die gewöhnliche parlamentarische, sondern zusätzlich auch gegen die mediale Opposition der ungnädigen BILD. Umso erstaunlicher war die Wiederwahl der rot-grünen Regierung im Herbst 2002. Ob Schröder allerdings auf Dauer mit diesen 2 Gegnern fertig wird, bleibt eine offene Frage.
Es ist auf Grund dieser Bedeutung des Blattes besonders interessant zu untersuchen wie sich die BILD im sensiblen Politikfeld der Arbeitslosigkeit im Laufe der Jahrzehnte „positionierte“. Wie setzte sie sich mit d em in seiner Komplexität schwer vermittelbaren Phänomen der Arbeitslosigkeit auseinander? Auf der Basis meiner Daten stelle ich in dieser Arbeit die These auf, dass das Springer-Blatt zwei Gesichter zeigt: Ein arbeitnehmernahes, mitfühlendes und scheinbar an Einzelschicksalen interessiertes (Abschnitt 3.1) und ein arbeitgeberfreundliches, dem neoliberalen Argumentationsmuster nahe stehendes Gesicht (Kapitel 3.2). Deshalb ergeben sich Widersprüchlichkeiten, deren Ursachen ich in der Geschichte des Blattes vermute (Kapitel 4). Am Anfang allerdings sollen einige Bemerkungen zur Begrenztheit des Datenmaterials und zum methodischen Vorgehen stehen.
2. DIE BESCHRÄNKTEN MÖGLICHKEITEN QUANTITATIVER ANALYSE
Bei der Analyse der vorliegenden Daten würde man schnell an Grenzen stoßen, wollte man lediglich unter Zuhilfenahme von quantitativen Verfahren vorgehen. Folgende 2 Hauptprobleme des Datensatzes schränken die Validität von möglichen quantitativen Verfahren stark ein: Die geringe Fallzahl: Die BILD-Zeitung legt offensichtlich nicht größten Wert auf die •
3
Berichterstattung zum Thema der Arbeitslosigkeit, sondern räumt Sensationsberichten oder dem Sport deutlich mehr Raum ein. Mehr als die Hälfte der erhobenen Ausgaben im Zeitraum zwischen 1964 und 2000 enthielten keinerlei Beiträge zum Problem der Erwerbslosigkeit (v.a. in den früheren Jahrgängen) oder nur solche, die über rein statistische Information (meist die Bekanntgabe der Arbeitslosenzahlen) nicht hinauskamen (diese wurden ebenfalls von der Analyse ausgeschlossen) . Der Trend zur Ausweitung der Berichterstattung seit den 60er Jahren spiegelt zwar auch in meinen Daten wieder (siehe Anhang), aber dennoch beschränkte sich von vorn herein die Zahl der zur Analyse geeigneten Artikel auf 13 - angesichts von 10 Erhebungsjahren und je 2 Ausgaben pro Jahr (also 20 insgesamt) eine sehr geringe „Ausbeute“!
Bei den in die Auswahl gelangten Artikel erschwert ein weiteres Problem eine quantitative •
Auswertung der Daten: Die Kürze der Artikel und der „claims“ . Anders als bei manch anderer Zeitung (SPIEGEL, SZ, FR…), die teilweise beträchtlichen Platz bereitstellen für eine ausführlichere Diskussion mit komplexeren Aussagen über Ursachen-Lösungszusammenhänge, belässt es die BILD-Zeitung oft bei 1 -3 kurzen Abschnitten. Daneben wurden viele Claims kodiert, die nur auf einer einzigen Aussage basierten. Daraus resultiert bei vielen Variablen eine hohe relative Häufigkeit von Residualkategorien wie „unbekannt“, „nicht genannt“, „nicht klassifizierbar“ „allgemeine makroökonomische Lage“ o.ä.
Auf Grund dieser Beschränkungen möchte ich bei meiner Fragestellung in erster Linie qualitativ-interpretativ vorgehen und auf eine quantitative Analyse lediglich dort, wo es sich anbietet, illustrierend zurückgreifen. Mehr als eine sehr vorsichtige Einschätzung des Diskurses ist wegen der Limitiertheit der Daten mit quantitativen Verfahren nicht möglich. Quantitative Ergebnisse können unter den beschriebenen Bedingungen allenfalls für sehr vorsichtige Tendenzaussagen herangezogen werden.
Für meine Aussagen möchte ich also einige charakteristische Artikel aus der Stichprobe zur qualitativen Analyse heranziehen und sie gegebenenfalls durch Ergebnisse aus der quantitativen Analyse ergänzen.
3. ZWISCHEN EINZELSCHICKSALEN UND NEOLIBERLISMUS
Schon bei der oberflächlichen Durchsicht der Artikel fallen 2 Hauptmerkmale der BILD-Berichterstattung zum Thema der Arbeitslosigkeit auf: Zum einen gibt es eine starke Tendenz das Problem der Beschäftigungslosigkeit von den „trockenen“ statistischen Informationen im Zusammenhang mit der Erwerbslosigkeit (die Arbeitslosenquote, die Exportquote, die Inflationsrate, das Wachstum des BIP u.ä.) auf die lebensweltliche Ebene „herunterzubrechen“, um das komplexe Problem der Arbeitslosigkeit an Hand von konkreten Schicksalen („Georg Müller, arbeitsloser Maurer, Hamburg“ etc.) für den Leser greifbarer zu machen. (Ob diese Personen frei erfunden sind oder tatsächlich existierende Personen hinter den Aussagen stecken, sei dahingestellt.)
Wenn sich BILD dennoch daran macht nach Ursachen und möglichen Lösungen des Problems der Arbeitslosigkeit zu forschen, ist zweitens eine Nähe zu konservativen, arbeitgebernahen
4
Argumentationsmustern erkennbar. Wenn man sich die überwiegend gering qualifizierte, einkommensschwache BILD-Leserschaft, v.a. aber die ansonsten an Einzelschicksalen von Arbeitnehmern ausgerichtete Berichterstattung des Boulevardblattes vor Augen hält, kann man in diesem zweiten Merkmal ein gewisses Paradoxum sehen (siehe dazu Abschnitt 4).
3.1 Die Personalisierung von Arbeitslosigkeit in BILD
In Erweiterung zur gängigen Vorstellung von Personalisierung im Sinne einer verstärkten Verknüpfung von Personen der Öffentlichkeit (in erster Linie Politiker) mit dem Problem der Arbeitslosigkeit (K epplinger, 1999, S. 201-202) möchte ich unter diesem Begriff im folgenden eher das Heranziehen von unbekannten Privatpersonen für die Berichterstattung verstehen. Damit ist nicht gesagt, dass BILD sich nicht für Politiker interessieren würde, aber die Analyse der Stichprobe legt eine klare Tendenz zu einer Fokussierung auf „den Mann (und weniger auf die Frau) von der Straße“ offen. Der in BILD zu Wort kommende Personenkreis rekrutiert sich im Allgemeinen aus dem Arbeitermilieu (Stahlkocher, Maurer, Monteure…) oder aus Angestellten der niedrigeren Hierarchien. Üblicherweise gibt es dabei ein starkes Übergewicht an interviewten Männern gegenüber den Frauen, denen tendenziell die Hausfrauen- und Mutterrolle zugewiesen wird. In diesem Sinne ist BILD als Reprodukteur der Verhältnisse des „konservativen Wohlfahrtsstaats“ (Esping-Andersen, 1990) zu sehen, der auf einem starken sekundären Sektor mit hohem Männeranteil basiert.
Diese Konzentration auf unbekannte Privatpersonen deutet sich auch in den SPSS-Daten an. Staatliche Repräsentanten kommen in den analysierten Artikeln als erster Akteur nur äußerst selten zu Wort, wie die relativen Häufigkeiten der Variable „type of first actor“ belegen:
Da allerdings auch Parteien als nicht-staatliche Organisation gelten, könnte man ohne Hintergrundinformationen meinen, es handle sich hier um eine Parteiendiskussion. Diese Vermutung wird aber spätestens widerlegt bei der Betrachtung der Häufigkeitsverteilung der Variable „party affiliation of first actor“:
5
Arbeit zitieren:
Andreas Huber, 2004, Arbeitslosigkeit in der BILD-Zeitung - zwischen Einzelschicksalen und Neoliberalismus, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Nationalitätenpolitik der Sowjetunion
1914 bis 1939 - Einwurzelung u...
Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege
Seminararbeit, 20 Seiten
Die Sowjetische Nationalitätenpolitik der Gründerväter
Ideologie, Konzeption und Real...
Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Die Auswirkungen von Chruschtschows Reformen auf das politische System...
Politik - Internationale Politik - Region: Russland, Länder der ehemal. Sowjetunion
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Primat der Politik durch das Militär? Die Entwicklung der Machtstellun...
Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik
Seminararbeit, 21 Seiten
Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Die Arbeitslosigkeit während der Weltwirtschaftskrise 1929-1941 in den...
BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Seminararbeit, 19 Seiten
Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg
Seminararbeit, 22 Seiten
Faschismus und Anti-Faschismus in Großbritannien
Anglistik - Kultur und Landeskunde
Hausarbeit, 18 Seiten
Die Schlacht von Tannenberg aus der Sicht des ersten Weltkrieges
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit, 14 Seiten
Die internationalen Beziehungen zwischen 1918 und 1939: Ein Vergleichs...
Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Vertrag von Versailles 1919 - Das Zustandekommen des Friedensvertrages...
Romanistik - Französisch - Landeskunde / Kultur
Seminararbeit, 21 Seiten
Der >Deutsche Herbst< 1977: Die Entführung der Landshut und di...
Hausarbeit, 21 Seiten
Der Lebensraum im Osten in Hitlers Tischgesprächen
Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Die Truman-Doktrin. Ein Wandel in der amerikanischen Politik
Politik - Internationale Politik - Region: USA
Seminararbeit, 28 Seiten
Hitlers Kriegserklärung an die USA, 11. Dezember 1941
Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg
Hausarbeit (Hauptseminar), 38 Seiten
Ursachen und Verlauf der Weltwirtschaftskrise 1929 bis 1932
Hausarbeit, 20 Seiten
Andreas Huber's Text Arbeitslosigkeit in der BILD-Zeitung - zwischen Einzelschicksalen und Neoliberalismus ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Andreas Huber hat den Text Arbeitslosigkeit in der BILD-Zeitung - zwischen Einzelschicksalen und Neoliberalismus veröffentlicht
Andreas Huber hat einen neuen Text hochgeladen
Multivariate Verfahren. Incl. CD-ROM
Eine praxisorientierte Einführ...
Matthias Rudolf, Johannes Müller
Die Schein-Öffentlichkeit der Bild-Zeitung der 50er Jahre
Soziologische Analyse eines Ze...
Wilke Thomssen
Warum gibt es die Bild-Zeitung nicht auf Französisch?
Zu Gegenwart und Geschichte de...
Andreas Wrobel-Leipold
Waldzustandsanalyse mit multivariaten Verfahren
Theoretische Grundlagen und An...
Georg Becher
Ausgewählte Verfahren zur Analyse und Steuerung von Risiken im Kreditg...
unter Berücksichtigung der neu...
Wilhelm Schmeisser, Carola Mauksch, Falko Schindler
Multivariate and Probabilistic Analyses of Sensory Science Problems
Jean-Francois Meullenet, Rui Xiong, Christopher J. Findlay
0 Kommentare