Inhaltsverzeichnis
„Geschlecht und
Gesundheit “
1. Frauen- und Männerforschung im Vergleich
1.1. Einleitung 1
1.2. Kurzer geschichtlicher Rückblick über die Stellung der Frau im
Gesundheits - und Medizinsystem 2
1.3. Frauengesundheitsforschung 3
1.4. Männergesundheitsforschung 4
1.5. Das feministische Frauen Gesundheitszentrum e.v. Berlin
( FFGZ ) 6
2. Frauen und Männer: Gibt es in Wirklichkeit mehr Gemein-
samkeiten als Unterschiede? 8
Die gesellschaftliche Konstruktion des Geschlechts 8
Unterschiede zwischen den Begriffen gender und sex. 8
2.1. Biologische Unterschiede und daraus resultierende
Verteilungen 9
2.2. Biologische Determinierung? 9
2.3. Haus- und Erwerbsarbeit im Hinblick auf Gesundheit und
Krankheit 10
Geschlechtsspezifischer Arbeitsmarkt 10
Krankenschwestern , Putzfrauen, - Frauen in der Arbeitswelt 11
Sind Ressourcen und Belastungen in der Hausarbeit
gleich verteilt? 13
2.4. Einschätzung 13
3. Inanspruchnahme des Versorgungssystems
3.1. Einleitung 14
3.2. Auffälligkeiten und Besonderheiten der geschlechtsspezifischen
Versorgung 16
3.2.1. Geschlechtsspezifischer Arzneimittelverbrauch 16
Arzneimittel und Mengen 16
Inanspruchnahme von Ärzten und Verteilungsmuster 17
II
Arzneimittelkosten 18
3.2.2. Geschlechtsspezifische Inanspruchnahme
von Prävention und Krankheitsfrüherkennung 19
Gesundheitsriskantes Verhalten 20
Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchung 21
Pr äventionsmaßnahmen 24
Ans ätze der Prävention im Jugendalter 25
4. Psychische Störungen bei Männern und Frauen
4.1. Einleitung 26
4.2. Geschlechterunterschiede in der Diagnose von affektiven
St örungen 27
4.3. Geschlechtsunterschiede bei AS in schriftlichen Befragungen
29
4.4. Erklärungsansätze für die Geschlechterunterschiede der
psychischen Störungen 30
Biologische Erklärungen. 30
Genetik 30
Hormone
30
4.5. GU als Auswirkung des sozialen Umfeldes 31
Gewalterfahrungen 31
Soziale Lage
32
Geschlechterrolle 33
4.6. Diagnosefelder 35
4.6.1. Ausblicke 35
Biopsychosozialer Ansatz 35
Dekonstruktion des Geschlechts 36
4.7. Komorbidität mit Abhängigkeitsstörungen 37
4.7.1. Alkoholkonsum 39
4.8. Körperliche Reaktionen und Folgeschäden des Substanzmittel-
missbrauchs. 41
5. FAZIT 42
6. Literaturverzeichnis 43
III
Frau oder Mann - Wer ist das kränkere Geschlecht?
1. Frauen- und Männerforschung im Vergleich
1.1. Einleitung
Wissenschaftliche Forschungen haben ergeben, dass sich Männer und Frauen in der Ausprägung von Gesundheit und Krankheit unterscheiden. Einfluss darauf hat die biologische Ausstattung, sprich die psychische und physische Konstitution, als auch die Persönlichkeitsstruktur ( Risikobereitschaft, Inanspruchnahme des Versorgungssystems, Körpergefühl etc. ) im Zusammenspiel mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten der Arbeits- und Lebensbedingungen.
Folglich ist eine Miteinbeziehung des Geschlechts als Variable in der Forschung und Praxis des Gesundheitswesens von großer Wichtigkeit. Dennoch ist die Realität eine andere: Trotz des Wissens, dass das Geschlecht ebenso große Auswirkungen auf den Gesundheitszustand wie andere Variablen (z.B. Alter, soziale Ungleichheit) hat, findet es noch kaum Anwendung in der Praxis.
„Schon der Blick auf die Lebenserwartung zeigt, dass ein differenzierter Blick auf das Geschlechterverhältnis notwendig ist [ ... ]“ 1
Aufgrund der Nichtbeachtung des Geschlechts bleiben wichtige Tatsachen, die bei Frauen und Männern unterschiedlich ausfallen, wie z.B. Sozialisation, Rollenerwartungen und Lebensbedingungen, außen vor. „ Jenseits der anatomischen und biologischen Unterschiede hat dies Auswirkung auf Ø die Wahrscheinlichkeit, bestimmte Krankheiten zu entwickeln ( z.B. Magersucht häufiger bei Frauen, Alkoholkrankheiten häufiger bei Männern […] Ø die Art und Weise, mit gesundheitlichen Beschwerden umzugehen Ø die Art und Weise, Symptome zu präsentieren Ø die Reaktion des Medizinsystems“ 2
1 Klaus Hurrelmann / Petra Kolip ( Hrsg. ): „Geschlecht, Gesundheit und Krankheit“ 2002,S.18
2 David Klemperer: „Kritische Bewertung der gesundheitlichen Versorgung für Frauen“ vom Vortrag auf dem Forum Gesundheit des DGB Bayern,17.01.2002, München
1
„Es ist mittlerweile deutlich geworden, dass sich die Gesundheit von Frauen nicht auf Fragen der Reproduktion und der Geschlechtsorgane beschränkt, sondern, dass eine geschlechtersensible Betrachtung in allen Bereichen eine Rolle spielen muss. […] Dies betrifft vor allem die Ursachen, Verläufe und Therapiemöglichkeiten bei zahlreichen Krankheiten, bei denen bis vor kurzem von einem männlichen Normmodell ausgegangen wurde.“ 3 Dieser Adrozentrismus hat zur Folge, dass bei unter vierzigjährigen Frauen die Nebenwirkungsrate doppelt so hoch ist wie bei gleichaltrigen Männern.
1.2. Kurzer geschichtlicher Rückblick über die Stellung der Frauen
im Gesundheits - und Medizinsystem
Die Dominanz der Männer im Medizinsystem ist ein Produkt der jüngeren Zeitgeschichte.
Bis in das Mittelalter war die medizinische Versorgung das Terrain der Ärztinnen, “weisen Frauen“, Hebammen usw.; besonders im Bereich der Frauenheilkunde und Geburtenhilfe waren ausschließlich Frauen tätig.
Die katholische Kirche stellte sich aber stark gegen diese Frauen; vor allem die Angst vor Hexerei und die Angst vor dem weiblichen Wissen um Empfängnisverhütung und Abtreibung bestärkte ihr Jahrhunderte langes Bemühen die Frauen Schritt für Schritt aus dem Medizinsystem zu vertreiben, indem sie „die Ausbildung und Durchsetzung eines männlichen Ärztestandes, d er in erster Linie die Glaubenssätze der Kirche befolgen und vertreten sollte“ 4 unterstützten und förderten. Durch das Verbot im 14. Jahrhundert für Frauen an den Universitäten Medizin zu studieren, brachte den Ausschluss für Frauen aus dem öffentlichen Gesundheitswesen mit sich, da „die Ausübung des Heilberufes nun ein Universitätsstudium voraussetzte“ 5 .
3 Klaus Hurrelmann / Petra Kolip ( Hrsg. ): „Geschlecht, Gesundheit und Krankheit“ 2002,S.14
4 Ebenda, S.42
5 www.frauenwissen.at/frauen_verdaengung.php, 09.11.2004
2
„Der Ausschluss von Frauen aus den heilenden Künsten insgesamt erfolgte bekanntlich äußerst gewaltsam (vier Jahrhunderte Hexenverfolgung) […] 6 .
„Die Geburtshilfe und Frauenheilkunde, bisher von den Hebammen durchgeführt, wurde im 15. Jahrhundert unter die Aufsicht der männlichen Stadtärzte gestellt. Die Hebammen wurden zur unselbständigen Helferin des Arztes.“ 7 Das hierarchische Geschlechterverhältnis in den Gesundheitsberufen ist aufgrund der Jahrhunderte langen gewaltsamen Verdrängungsprozesses bis heute spürbar. Erst im 20. Jahrhundert durften Frauen gegen große Widerstände des männlichen Ärztestandes wieder ein Medizinstudium an einer Universität aufnehmen.
1.3. Frauengesundheitsforschung
Die Frauengesundheitsforschung, entsprungen aus zweierlei Quellen, existiert bereits seit mehr als 20 Jahren. Die eine Quelle ist die Frauengesundheitsbewegung aus den 70er und 80er Jahren. Viele Frauen fühlten sich von den Ärzten nicht ernst genommen, welches die Aktivierung des Selbsthilfepotenzials zur Folge hatte. „Selbstuntersuchungen, die (Wieder-) Aneignung von natürlichen Heilverfahren und der Aufbau alternativer Versorgungsangebote, wie z.B. Frauenhäuser und -notrufe, Frauengesund heitszentren und Geburtshäuser, machte die Schwerpunkte der Arbeit aus.“ 8
Ein zentrales Thema war die Selbstbestimmung über den eigenen Körper. “In der Parole `Mein Bauch gehört mir!´ kam der Protest gegen das Verbot, eine Schwangerschaft abzubrechen zum A usdruck.“ 9
6 Klaus Hurrelmann / Petra Kolip ( Hrsg. ): „Geschlecht, Gesundheit und Krankheit“ 2002,S.42
7 http://www.frauenwissen.at/frauen_verdraengung.php.09.11.2004
8 Klaus Hurrelmann / Petra Kolip ( Hrsg. ): „Geschlecht, Gesundheit und Krankheit“ 2002, S.13
9 Bettina Boekle / Michael Rug (Hrsg.): “Eine Frage des Geschlechts“,1.Aufl.,Juli 2004
3
Die zweite Quelle der Frauengesundheitsforschung bildet die sozialwissenschaftliche Frauenforschung, die sich aus feministischer Sicht mit den gesellschaftlich bedingten Ungleichheiteiten zwischen Frauen und Männer und der Rolle von Frauen im Beruf und der Familie auseinandersetzte. Aber auch weitere Themen, wie das sexuelle Selbstbestimmungsrecht und die Medikalisierung des weiblichen Lebenslaufes wurden behandelt.
„Aus diesen beiden Quellen ergaben sich Impulse, die gesellschaftlichen Bedingungen zu untersuchen, unter denen die Gesundheit von Frauen erhalten und Krankheit verhindert werden kann, und die Strukturen zu analysieren, welche Gesundheits- und Krankheitsversorgung Frauen hinsichtlich Prävention, Therapie, Rehabilitation und Pflege benötigen und wie diese Versorgung der besonderen Lebenslage und den spezifischen psychosozialen Lebensbedingungen von Frauen gerecht werden.“ 10
1.4. Männergesundheitsforschung
Gesundheit ist im Alltag von Männern normalerweise kein Thema. Männer achten weniger stark auf ihren Gesundheitszustand und fühlen sich weniger anfällig gegenüber Krankheiten. Dennoch existiert seit wenigen Jahren eine Männergesundheitsforschung. „Historisch ist sicherlich die Feststellung richtig, dass Männerforschung als Reflex auf die Frauenforschung entstanden ist. Ohne Frauenforschung gäbe es heute wohl kaum eine Männerforschung.“ 11
Aufgrund der unterschiedlichen Motive zeichnen sich natürlich unterschiedliche Schwerpunkte der Forschung ab. Das Thema Männergesundheit lässt sich grob in drei Richtungen einteilen:
10 Klaus Hurrelmann / Petra Kolip ( Hrsg. ): „Geschlecht, Gesundheit und Krankheit“ 2002, S.13
11 Klaus Hurrelmann / Petra Kolip ( Hrsg ): „Geschlecht, Gesundheit und Krankheit“ 2002,S.55 12 Bettina Boekle / Michael Rug (Hrsg.): “Eine Frage des Geschlechts“,1.Aufl.,Juli 2004,S.109
4
1. Aus den „Ergebnissen der Frauengesundheitsforschung und der hierzulande etwa sechs Jahre kürzeren Lebenserwartung von Männern, eine `wahre Opferrolle´ von Männern“ 12 abzuleiten. „Aus einem `Frauen leben 7 Jahre länger´ wurde ein `Männer leben 7 Jahre Kürzer´“ (Klotz 1998; Eickenberg/Hurrelmann).
2. Eine Strömung, die stark gekennzeichnet ist durch die Kommerzialisierung des Themas. Erkennbar durch Zeitschriften wie Men´s Health, in denen es vor allem um kosmetische Produkte, Potenz, Sexualität und körperlicher Fitness geht sowie darum pharmakologische Produk te wie Viagra an den Mann zu bringen.
3. Die Richtung, die um eine Neubestimmung der Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bemüht ist. „Thematisiert werden die Auswirkungen männlicher Sozialisation auf Gesundheit und Krankheit. Dabei geht es vor allem um gefährdende gesundheitliche Verhaltensweisen, wie höherer Alkoholkonsum oder größere Beteiligung an Unfällen im Straßenverkehr […] Ebenso wird die Norm des starken Mannes und der Leistungsdruck, dem er sich unterwerfen muss, wenn er gesellschaftlich als echter Mann anerkennt werden will, kritisiert.“ 13
Von der Frauengesundheitsforschung wird die Männergesundheitsforschung bis heute kritisch beäugt, weil es nicht erkennbar ist, „welchen eigenen theoretischen und empirischen Beitrag die Männergesundheitsforschung zu leisten vermag“ 14 und wo die wirklichen Motive der Männerforscher liegen. Politische Ansätze wie bei den Frauen waren nie zu erkennen.
Auch macht die Männergesundheitsforschung kaum mit Publikationen auf sich aufmerksam. Wenn in entsprechenden Fachzeitschriften ein Beitrag zur Männergesundheit geleistet wird dann allenfalls im Vorwort oder in Kurzbeiträgen.
13 Klaus Hurrelmann / Petra Kolip ( Hrsg. ): „Geschlecht, Gesundheit und Krankheit“ 2002, S.110
14 Klaus Hurrelmann / Petra Kolip ( Hrsg. ): „Geschlecht, Gesundheit und Krankheit“ 2002, S.16
5
„Dieses Defizit wird keineswegs etwa dadurch ausgeglichen, dass die bisherige Gesundheitsforschung implizit männerlastig war und das biologische und soziale Geschlecht als bedeutsamen Faktor in der Untersuchung von Bedingungen des Gesundheits-verhaltens und Strukturen der Gesundheitsversorgung ignoriert hat. Durch den impliziten Androzentrismus, also die Annahme einer männlichen Sichtweise als Standard für Studienergebnisse, methodische Anlage und Interpretation, entsteht noch keine Männergesundheitsforschung, die die spezifischen Ge-sundheitsprobleme von Männern sensibel und profiliert herausarbeitet.“ 15
1.5. Das feministische Frauen Gesundheitszentrum e.V. Berlin
(FFGZ)
Das FFGZ in Berlin ist das Erste seiner Art und feierte dieses Jahr sein 30-jähriges Bestehen.
Mit Informationen zur Frauengesundheit vielfältiger Art, Beratung und Kursen steht es allen Frauen zur Verfügung.
Neben reinen informativen Veranstaltungen zu Themen wie z.B. Wechseljahre, Brustgesundheit, Verhütung, Schmerz, Schlafstörungen, Osteoporose etc., finden auch Kurse und Workshops statt, in denen die Frauen spezielle Fertigkeiten erlernen, wie z.B. das Einführen einer Portiokappe, Brust-Selbstuntersuchungen etc. Das FFGZ stellt selber keine Diagnosen und behandelt auch nicht; vielmehr wird kompetent und ergebnisoffen über gesundheitliche Fragen, über schulmedizinische und naturheilkundliche Behandlungsweisen informiert. Bei den Beratungen soll die Lebenssituation der Frauen mit einbezogen werden und die Frauen werden darin unterstützt Bewältigungsstrategien in Konfliktsituationen zu entwickeln, Selbsthilfepotenziale zu erkennen und für sich zu nutzen. Zusätzlich verfügt das FFGZ über eine umfassende Adresskartei, so dass ratsuchende Frauen auch weiter vermittelt werden können.
15 Klaus Hurrelmann / Petra Kolip ( Hrsg. ): „Geschlecht, Gesundheit und Krankheit“ 2002, S.16
6
Auch bietet das FFGZ Zeit und Raum für Fragen und Erfahrungsaustausch mit anderen Frauen. Zweimal im Jahr bringt das FFGZ die Zeitschrift „Clio“ zum Thema Frauengesundheit heraus.
Die Nachfrage von Frauen ist sehr hoch, so dass das FFGZ am Rande seiner Kapazität arbeitet. 16
Neben der Arbeit mit dem Klientel beteiligt sich das FFGZ auch an dem Netzwerk Frauengesundheit Berlin; mit den Zielen „Defizite im Bereich Frauengesundheit öffentlich zu machen und auf eine Verbesserung der gesundheitlichen Situation von Frauen hinzuwirken 17 “ und „den Geschlechteraspekt in allen Bereichen des Gesundheitswesens und der Forschung zu verankern“ 18 .
Zur Männergesundheitsforschung gibt es keinerlei Kontakte, da es keine Überlappungen gibt. Die vorherrschende Meinung ist allerdings, dass die Männer endlich mal „aus den Puschen“ kommen sollten. Den Männerforschern wird es sehr schwer gemacht, weil die Männer zu den Themen Gesundheit, Prävention etc. kaum zugänglich sind. 19
16 Quelle: Gespräch vom 11.11.2004 mit Cornelia Burgert,Sozialpädagogin im FFGZ
17 Quelle:Flyer,“Netzwerk Frauengesundheit Berlin,Wir über uns“
18 Ebenda
19 Quelle: Gespräch vom 11.11.2004 mit Cornelia Burgert, Sozialpädagogin im FFGZ
7
Arbeit zitieren:
Birgit Plan, 2004, Geschlecht und Gesundheit - Wer ist das kränkere Geschlecht? Mann oder Frau?, München, GRIN Verlag GmbH
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