Inhaltsverzeichnis
1. Erläuterung des Themas 2
1.1 Ursprung 2
1.2 Literarische Bedeutung 3
1.3 Lyrik 4
2. Einordnung des Themas in den Lehrplan 5
3. Ausgewählte Gedichte 6
4. Konzeption der Unterrichtsreihe 10
4.1 Angaben zur Lerngruppe 10
4.2 Einteilung der Unterrichtseinheiten 11
4.3 Sachanalyse zur 5 Unterrichtseinheit 16
4.4 Verlaufsplan einer Doppelstunde zur 5 Unterrichtseinheit 20
4.5 Lernziele der Stunde 21
4.6 Didaktisch-methodischer Kommentar 21
5. Materialien zur Unterrichtsreihe
Material 1: Otto Dix: Die Journalistin Sylvia von Harden (Folie und 24
Information zum Bild)
Material 2: Yvan Goll: Hai-Kais 26
Material 3: Erich Kästner: Sachliche Romanze 27
Material 4: Mascha Kaléko: Großstadtliebe 28
Material 5: Kurt Tucholsky: Liebespaar am Fenster 29
Material 6: Erich Kästner: Ein gutes Mädchen träumt 30
Material 7: Folie zu Sachliche Romanze
31
Material 8: Text: Neue Sachlichkeit
32
Material 9: Songtext The Cardigans
33
6. Literaturverzeichnis 34
„Nicht ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist fantasievoller als die Sachlichkeit. Und nichts Sensationelleres in der Welt gibt es, als die Zeit in der man lebt.“
(Vorwort aus: Der rasende Reporter von Egon Erwin Kirsch)
Die Neue Sachlichkeit bezeichnet eine der unterschiedlichen Strömungen, neben z.B. Spätexpressionismus, Dadaismus, Magischer Realismus.... zu Zeit der Weimarer Republik (1918-1933). Sie erstreckt sich auf den gesamten kulturellen Bereich.
Über den exakten Zeitraum der Neuen Sachlichkeit bestehen unterschiedliche Auffassungen. 1 Daher wird in dieser Unterrichtsreihe die gängige Zeiteinteilung von ca. 1924 bis 1933 verwendet.
Folgend werden die wesentlichen Merkmale der Neuen Sachlichkeit mit dem Schwerpunkt auf den literarischen und lyrischen Bereich beschrieben, die für den Verlauf und das Verständnis der Unterrichtsreihe von Bedeutung sind. Die historischen Hintergründe und Entwicklungen (z.B. Technik, Amerikanismus, neue Darstellungsmöglichkeiten im Bereich der Medien, neue Romantechniken,...) zu Zeit der Weimarer Republik können in der Erläuterung des Themas leider nicht hinreichend berücksichtigt werden. Im Verlauf der Unterrichtsreihe werden jedoch einige Aspekte der Zeit, die in Hinblick auf die Analyse der Gedichte notwendig sind, thematisiert.
Denkbar wäre allerdings auch eine Weiterentwicklung der Reihe zu einem größeren Unterrichtsvorhaben, in dem neben Liebeslyrik auch andere bedeutsame Gesichtspunkte der Zeit berücksichtigt und mit den Schülerinnen und Schülern erarbeitet werden können.
1.1 Ursprung
Zu Beginn der 1920er wird der Begriff Neue Sachlichkeit zunächst für eine neue Richtung in der Kunst verwendet. 1925 eröffnet Dr. Gustav Friedrich Hartlaub,
1 Siehe hierzu: Petersen, Klaus: „Neue Sachlichkeit“: Stilbegriff, Epochenbezeichnung oder Gruppenphänomen? In: Geistesgeschichte. Hrsg. Von Richard Brinkmann und Walter Haug. Stuttgart: J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung 56. Jahrgang, Nr.3. (1982). S. 468f.
2
Direktor der Mannheimer Kunsthalle, eine Ausstellung unter dem Titel „Neue Sachlichkeit - Deutsche Malerei seit dem Expressionismus“ in Mannheim. Insgesamt 32 Künstler, u.a. Otto Dix, Georg Grosz und Max Beckmann, sind mit ihren Bildern vertreten. Die Künstler der Neuen Sachlichkeit wenden sich gegen die Gefühlsbeladenheit und Phantasiewelten des Expressionismus. Sie
bevorzugen objektive, realistische, illusionslos-nüchterne und teilweise auch groteske Darstellungen der Alltagswelt. 2
1.2 Literarische Bedeutung
Die Zeit der Weimarer Republik stellt insbesondere für den literarischen Markt eine „höchst widerspruchsvolle Zeit“ 3 dar. Geprägt von Klassenauseinandersetzungen, Strukturkrisen und einer fortschreitenden Technisierung der modernen Industriegesellschaft erfahren viele Schriftsteller in dieser Zeit einen Verfall traditioneller literarischer Techniken und Themen. Es erfolgt eine rasche Aneinanderreihung von unterschiedlichen Trends und Moden, die als Ausdruck einer Orientierungslosigkeit in Hinblick auf die neue Epochenkonstellation nach dem ersten Weltkrieg verstanden werden kann. 4
Nicht nur auf politischer Ebene stellt die Zeit der Weimarer Republik eine Umbruchsphase dar, sondern auch angesichts der Veränderungen auf dem literarischen Markt. Literatur wird als Ware gehandelt und muss den Anforderungen des Absatzmarktes entsprechen. Sie hat die Aufgabe medien- und massenwirksam zu sein. Walter Benjamin stellt die Entwicklungen auf dem literarischen Markt kritisch dar und beschreibt in seinem Werk: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit von 1936, dass „der Autor zunehmend zu einem bloßen Lieferanten für den bürgerlichen Kulturbetrieb“ 5 wird. Der Reportagen- und Dokumentarroman wird von vielen Autoren als Möglichkeit gesehen, um die Gesellschaft für die Probleme der Zeit zu sensibilisieren und aufmerksam zu machen. Ausschlaggebend ist die Vorstellung, dass „die
2 vgl. Witte, B.: Neue Sachlichkeit. Zur Literatur der späten zwanziger Jahre in Deutschland. In: Etudes germaniques 27 ; Nr 1. (1972). S.92.
3 Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hrsg. Von Wolfgang Beutin u.a. 5., überarb. Auflage. Stuttgart; Weimar: J.B. Metzler 1994. S. 345.
4 Vgl. ebd. S.345.
5 ebd. S. 346.
3
Präsentation der Wirklichkeit die stärkste Wirkung auf den von vielfältigen Reizen überfluteten Leser haben würde“. 6
Die Autoren der Neuen Sachlichkeit versuchen die Realität der Weimarer Republik möglichst sachlich, objektiv und realistisch darzustellen. Sie verwenden in ihren Werken eine einfache, nüchterne Alltagssprache (Reportagenstil, Montagetechnik, journalistisches Schreiben), die für alle Leser leicht verständlich ist. Folgende Schlagwörter beschreiben den Stil der Neuen Sachlichkeit: Nüchternheit, Objektivität, Einfachheit, Klarheit, Echtheit, Schmucklosigkeit, Nichtpathos, Unsentimentalität, Knappheit, Präzision, Härte, Kühle und Kälte. Die literarischen Werke zielen auf Massenwirksamkeit ab - sie versuchen jedoch den Menschen Leitbilder für das Leben in einer modernen Massen- und Medienwelt zu bieten. Aktualität und Realismus sind Hauptforderungen an die neusachliche Literatur. Sie soll die Alltagswelt und Alltagssorgen gewöhnlicher Menschen wiederspiegeln. 7
Die Neue Sachlichkeit erstreckt sich auf sämtliche Bereiche der Literatur. Zeitromane, Hörspiele, Reportagen, Reiseberichte, Fotobücher, Dokumentationen oder Lyrik als Gebrauchslyrik sind neue Formen des literarischen Ausdrucks. Bevorzugte Themenbereiche der Literatur sind Krieg und Technik (z.B. Medien, Verkehr, Industrie), Alltag und die Lebensverhältnisse der Bürger(z.B. Großstadt). Vertreter der Neuen Sachlichkeit sind beispielsweise Alfred Döblin, Kurt Tucholsky, Erich Maria Remarque, Erich Kästner, Joachim Ringelnatz, Mascha Kaléko oder Bertolt Brecht.
1.3 Lyrik
Die Lyrik der Neuen Sachlichkeit ist besonders unter dem Schlagwort „Gebrauchslyrik“ bekannt. Wie in der Kunst, bildet eine gefühlsbetonte Darstellung der Realität keine Grundlage für literarisches Schaffen mehr. Lyrik soll auf ihren Gebrauchs- und Funktionalitätswert untersucht werden. Sie soll für den Leser einen Gebrauchswert; einen Nutzen haben.
Die Sprache der Gedichte ist alltäglich und für den Leser verständlich. Wie auch in den anderen literarischen Bereichen werden aktuelle Themen aufgegriffen und in den Gedichten verarbeitet. Die neusachliche Gebrauchslyrik beschäftigt sich mit
6 ebd. S. 370
7 vgl. Sørensen, Bengt Algot (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur. Band II. Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. 2., aktualisierte Auflage. München: C.H. Beck 2002. S.220.
4
der Großstadt (Walther Mehring), politischem Kabarett (Kurt Tucholsky, Erich Kästner), politischen Gedichten (Erich Weinert), Stadt- und Natur (Oskar Loerke). Liebeslyrik als eigenständiger Themenkreis tritt in der Neuen Sachlichkeit nicht ausdrücklich auf. Es gibt jedoch einige Gedichte von Autoren, die sich durchaus mit dieser Art von Lyrik beschäftigen und die die Merkmale der Neuen Sachlichkeit aufweisen. Die Liebesgedichte beziehen sich auf die zwischenmenschlichen Probleme in der schnelllebigen, modernen Gesellschaft und besitzen einen melancholischen Unterton.
In dieser Unterrichtsreihe wird ein, für die Zeit der Weimarer Republik, eher untypischer Gegenstandsbereich der Neuen Sachlichkeit behandelt, da es durchaus aufschlussreich ist den Zeitgeist und die alltäglichen Probleme der Menschen an einem nicht so häufig thematisierten Zweig zu untersuchen und mit den Schülerinnen und Schülern zu erarbeiten.
Grundsätzlich sieht der Lehrplan für die Sekundarstufe II die Arbeit mit literarischen Texten im Deutschunterricht vor, die thematische und literaturhistorische oder kulturelle Bedeutung besitzen. Ebenso müssen der sprachliche und künstlerische Bereich sowie der Gattungsbezug bei der Textauswahl berücksichtigt werden. 8
Der Lehrplan schreibt besonders den Epochenumbrüchen vom 18. zum 19. Jahrhundert und vom 19. zum 20. Jahrhundert eine große Bedeutung „für die unmittelbare Gegenwart“ 9 zu.
Die Unterrichtsreihe zum Thema Liebeslyrik der Neuen Sachlichkeit kann in der Jahrgangsstufe 13/I angesiedelt werden. Der Lehrplan sieht für dieses Halbjahr die Beschäftigung mit dem Epochenumbruch vom 19. zum 20. Jahrhundert in beiden Unterrichtsvorhaben vor. Die Schülerinnen und Schüler sollen „Sprache als Ergebnis individueller und historischer Entwicklungsprozesse verstehen“ 10 .
8 Richtlinien und Lehrpläne für die Sekundarstufe II – Gymnasium/Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen. Deutsch. Hg. Vom Ministerium für Schule und Weiterbildung, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen. Frechen: Ritterbach 1999. S.18.
9 ebd. S.32.
10 ebd. S.62
5
Aus diesem Grund bietet sich eine kurze Unterrichtsreihe zur Liebeslyrik der Neuen Sachlichkeit an, um zum Einen die unterschiedlichen Strömungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts und zum Anderen die Verwendung und die Funktion von Sprachstilen herauszuarbeiten.
Der Lehrplan schlägt diverse Projekte, u.a. „Literatur und Politik in der Weimarer Republik“, zu den literarisch-künstlerischen Bewegungen vor dem ersten Weltkrieg vor.
Die für die Unterrichtreihe ausgewählten Gedichte befinden sich im Materialienteil (siehe Kapitel 5). Folgend werden die Gedichte in Hinblick auf ihre inhaltlichen Schwerpunkte, formalen Merkmale und Eignung für die Unterrichtsreihe kurz erläutert.
Yvan Goll (1891-1950): Hai-Kais 11 (um 1926)
Hai-Kais bzw. Haikus besitzen einen japanischen Ursprung. Diese Dichtungsform ist eng mit dem Zen-Buddhismus verbunden. Haikus werden aus drei Wortgruppen gebildet, die insgesamt nicht mehr als siebzehn Silben umfassen. Die Verteilung auf die Wortgruppen ist fünf-sieben-fünf. Es gibt drei Regeln, die ein Haiku befolgen muss: (1) Es soll einen Naturgegenstand, d.h. eine bestimmte Jahreszeit, beinhalten oder andeuten. (2) Es soll sich auf ein einmaliges Ereignis beziehen. (3) Das Ereignis soll als gegenwärtig beschrieben werden. Yvan Goll lehnt sich in seinem Gedicht von ca. 1926 an die japanische Haikudichtung an. Er ist der Überzeugung, dass „in möglichst wenig Worten ein möglichst intensives Bild und weites Gefühl hervorrufen“ 12 werden soll. Er benutzt die Kürze der Gedichte, um seine Gedanken und Gefühle akzentuiert ausdrücken zu können. Goll übernimmt in seinen Haikus die äußere Form, füllt sich jedoch mit anderen bzw. nicht traditionellen Inhalten.
Die Haikus 1, 2, 8 und 9 beziehen sich auf die moderne Industriegesellschaft. Sie thematisieren die Problematik einer nur auf das Arbeitsleben gegründeten
11 Die Informationen zu diesem Gedicht beziehen sich auf: Hoffmann, Dieter: Arbeitsbuch – Deutschsprachige Lyrik 1916-1945. Tübingen und Basel: A. Francke 2001. S. 76ff u. 315ff. (UTB
2200)
12 Mühsam, Erich: Boheme. In: Die Fackel 8, Nr.202. 1906. S.9.
6
Quote paper:
Rebecca Hillebrand, 2003, Liebeslyrik der Neuen Sachlichkeit, Munich, GRIN Publishing GmbH
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