Kreation von eigens dafür bestimmten und bezahlten, wahrscheinlich durchaus regionskundigen Angestellten einer entsprechenden Behörde oder deren Werbeagentur. Heißt dies nun, unser Untersuchungsmaterial sei im Produktionsstadium beschönigender Beliebigkeit ausgesetzt. Durchaus nicht, denn offensichtlicher Ettikettenschwindel wäre mitunter bestimmt die schlechteste Fremdenverkehrswerbung. Wir können also von einer grundsätzlich angestrebten Authentizität und von den Gegebenheiten durchaus getragenen Darstellung ausgehen.
Andererseits impliziert schon der Ausdruck „Darstellung“ eine gewisse interpretatorische, suggestive Freiheit, die ihrerseits wiederum mitkonstruiert am „Bild der Region“ in der größeren Öffentlichkeit und schließlich auch wieder in der Region selbst.
Letztlich geht es bei der Tourismuswerbung, wie bei der Bewerbung eines jeden Produktes um eine Identitätsschaffung bzw. -gebung, was meinen systematischen Ansatz derart beeinflußt, mich, nach einer kurzen Materialübersicht, im Folgenden mit Ergebnissen und Hypothesen der Identitätsforschung an die gestellte Aufgabe heranzuwagen.
Dem Trend, auch der Tourismuswerbung, hin zu einer papierlosen Informationsgesellschaft voraus, stammt ein großer Teil des zur Untersuchung herangezogenen Materials den Angebotsseiten im Internet. Tatsächlich besteht z.T. Kohärenz zwischen Veröffentlichungen in Broschüren und entsprechenden Angeboten im WorldWideWeb. Man kann sich beim Anblick der WEB-Seiten dem Eindruck einer gewissen Rücksichtslosigkeit angesichts zahlreicher Rechtschreibfehler und mangelnder Konsistenz allerdings nicht entziehen. Sicherlich ist eine Frage der Zeit bis jene Seiten ähnlich genauem Lektorat unterzogen werden wie ihr gedrucktes Pendant.
Von den insgesamt 27 untersuchten Regions-Portraits, d.h. textualer Beschreibung einer Region in Zusammenhang mit Grafiken, Photos etc. und
Regionale 3 Identität
im Gegensatz zu den vielen schlichten Verweisen auf die Fremdenverkehrszentralen vor Ort oder die Angabe von Hotelinformationen und Angelmöglichkeiten allein, sind entstammt etwa die Hälfte dem Anbieter http://ns.tournet.de/Germany.htm, von wo aus Deutschland als Verästelung über die Länder, dann einzelnen Regionen und Orten sowohl auf deutsch, englisch und französisch vom Deutschen Fremdenverkehrsverband der Welt angeboten wird. Drei weitere, über Internet-Suchmaschinen aufgefundene Texte entstammen der Feder anderer Anbieter, so zum Beispiel der Kreissparkasse Birkenfeld mit einer touristisch orientierten Seite über die Deutsche Edelsteinstraße, oder der Altmühltal-Personenschiffahrt GmbH mit einer Seite zum Altmühltal. Die in neun Broschüren mit regionsspezifischer Einleitung gefundenen Beschreibungen sind ebenso wie die online-Texte von den Landes-Verkehrs-Verbänden verfaßt worden.
In der Identitätsforschung findet sich die Unterscheidung zwischen einem traditionellen und einem neuen Identitätsbegriff 1 . Betrachtet man sich Fremdenverkehrwerbung, so kommt man um der folgenden Gründe willen zu dem Schluß, die traditionelle Identität sei Grundverständnis der Marketingstrategen oder aber inneres Bedürfnis der Urlauber. Gemäß der These von Lalli 2 kann, wie in unserer Ausgangsvermutung angeklungen, im übertragenen Sinne sämtlichen Werbebroschüren das Unterfangen unterstellt werden, ein „einmaliges“ und „besonderes“ Bild der Region zu entwickeln, eine Art individuelles Regions-Portfolio. Das „Unverwechselbare“ und die (positiv besetzte) Spezifik einer Stadt bzw. Region verleihen auch denm Bewohner „...das Gefühl einer grundsätzlichen Einmaligkeit“. 2 Denn letztlich geht es darum, eine, nennen wir es Markenidentität, zu schaffen. Zahlreiche Regionen sind auf den Tourismus als Wirtschaftszweig geradezu angewiesen und stehen deshalb miteinander
1 Hall 1994, 208 - 222.
2 Lalli 1989, 89-1. Regionale 4 Identität
im Wettbewerb. Diese Argumentation wird gestützt durch Berufung auf Authentizität, Stabilität und Geschlossenheit. Auch andere Autoren verweisen auf den Effekt einer klar erkennbaren Geschlossenheit oder Abgrenzbarkeit von Siedlungskörpern und Regionen. 3 Dies stützen die Autoren in erster Linie durch das Anführen historischer Persönlichkeiten und Ereignisse. Zwei Beispiele hierzu: „Wo noch haben die Schreibtische so vieler berühmter Männer so dicht beieinander gestanden wie in Thüringen? (Thüringen)“ und „Wo gibt es sonst noch auf so engem Raum so viele Theater, Orchester, Museen und Kunstsammlungen (Westfälisches Ruhrgebiet)“. Neben der Argumentation für historische bzw. kulturelle Dichte und Vielfalt fällt außerdem die suggestive Form der rhetorischen Frage bei der Überzeugung ins Gewicht. Die These von der Einmaligkeit unterstützen zusätzlich die zahlreich verwendeten Superlative („höchster Kirchturm der Welt, Schwäbische Alb)“ und Slogans („Für Thüringen mit Herz und Hand“, „Wer länger bleibt, erfährt die Seele Bayerns und kommt immer wieder...). Die Authentizitätsbeweisführung mit der Historie hat ihrerseits mannigfache Spielarten entwickelt. Vom „sagenumwobenen Kaiser Barbarossa“ (Nordthüringen) ist da die Rede und davon, daß in der Gegend ein deutscher Dialekt gesprochen wird, welcher in die Bibelübersetzung Einfluß gefunden habe, Sachsen nennt in einem Satz eine Reihe vielerorts tätig gewesener deutscher Geistesgrößen, so als mache sie erst ihre Zeit in Sachsen zu Berühmtheiten: Luther, Bade, Wieland, Herder, Goethe, Schiller, Schlegel, Tieck, Novalis, Schelling.
Der jetzt besprochene Aspekt von Einmaligkeit hängt nicht unerheblich mit einer anderen, zweiten These zusammen, welche Winter/Church 4 für die Identitätsgewinnung von Regionsbewohnern in ihrer Denkmalsforschung geltend machen.
3 Schwpnke/Herlyn 1967, Jeggle 1981,
4 Winter/Church 1984, 78 - 93. Regionale 5 Identität
Arbeit zitieren:
MA Sebastian Hoos, 1997, Die Darstellung deutscher Regionen in der Fremdenverkehrswerbung, München, GRIN Verlag GmbH
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