GLIEDERUNG
EINLEITUNG
1.0. GESCHLECHT UND GESCHLECHTSROLLE 1
2.0. GRUNDLAGEN UND ENTSTEHUNGSBEDINGUNGEN VON GESCHLECHTSROLLEN 3
2.1. SOZIALE ROLLE UND SCHÖPFUNGSGEDANKE 3
2.2. SOZIALE ROLLE UND RELIGION 4
Die Stellung der Frau im frühen Christentum (1. Jh. n. Chr.) 4
Weiblicher Status im frühen Mittelalter (4./5. Jh.) 5
Hexenverfolgung (15. bis 18. Jh.) 5
3.0. GENERIERUNG EINES SOZIALEN GESCHLECHTSROLLENKONZEPTES AB DEM 18. JH. 6
3.1. LEGITIMATIONSZWANG: ENTSTEHUNG EINES NEUEN ORIENTIERUNGSMUSTERS 6
3.2. HERAUSBILDUNG EINES BÜRGERLICHEN IDEALS FÜR MANN UND FRAU 7
3.3. MANN UND FRAU ALS GEGENPOLE 8
3.3. SPEZIFISCHE WESENSZUSCHREIBUNGEN IM NEUEN GESCHLECHTERVERHÄLTNIS 9
3.4. KONSTRUKTION DER SEXUELLEN GESCHLECHTSROLLE 10
3.5. 'BE-MSEX-ROLE-INVENTORY' 12
4.0. REPRODUKTION VON GESCHLECHTSROLLEN 13
4.1. GESCHLECHTSSPEZIFISCHE ERZIEHUNG 14
4.2. AUSGRENZUNG DER FRAU VON BILDUNG UND WISSENSCHAFT 14
5.0. GEGENENTWICKLUNGEN - ORGANISIERTE FRAUENBEWEGUNG IN DEUTSCHLAND 17
5.1. DER BEGINN DES FEMINISMUS IN EUROPA 17
5.2. FRAUENBEWEGUNG IN DEUTSCHLAND 18
5.2.1. DIE BÜRGERLICHE FRAUENBEWEGUNG 19
5.2.2. DIE PROLETARISCHE FRAUENBEWEGUNG 19
5.2.3. RÜCKSCHRITT UND WIEDERBEGINN 20
5.2.4. DIE 'NEUE' FRAUENBEWEGUNG 21
5.2.5. MÄNNER IN BEWEGUNG? 22
6.0. SOZIALE ROLLEN VON MANN UND FRAU: EINE KRITISCHE BETRACHTUNG 25
6.1. KONSTRUKTIVE ASPEKTE 25
6.2. DESTRUKTIVE ASPEKTE 26
Festlegung der Persönlichkeit via Geschlecht 26
Das schwache Geschlecht: Bewertung der weiblichen Geschlechtsrolle 27
Das starke Geschlecht: Die Bürde der männlichen Geschlechtsrolle 27
Geschlechtsspezifische Erziehung und Bildung 27
Sexismus und doppelte Moral 28
Soziale Geschlechtsrolle und Identitätsverwirrungen 29
7.0. AUSBLICK 30
LITERATURVERZEICHNIS
DIE SOZIALEN ROLLEN VON MANN UND FRAU
'Gefesselt an sein evolutionäres Erbe, gesteuert vom Diktat der Gene und Hormone, irrt der Mensch in seinem Triebleben umher' , so zeichnet DER SPIEGEL in seiner Ausgabe vom Mai 1995 provokativ das Bild eines von biologischen Zwängen in seiner Entwicklung gefangenen Menschen. Ein biologischer Fundamentalismus, der aus den Ergebnissen neuerer Genforschung erneut Nahrung zu erhalten scheint, dessen Wurzeln jedoch weiter zurückreichen.
Bereits im 18. Jahrhundert wurde ein biologistisch geprägtes Denkmodell, das bestimmte Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen von Menschen auf eine genetische Determination desselben zurückführt, im Bürgertum aufgegriffen. Damals diente es zur Generierung eines neuen bürgerlichen Familien- und Rollenverständnisses und rückte sog. 'geschlechtsspezifische Wesensmerkmale' von Mann und Frau in den Mittelpunkt des Interesses.
Die Zuweisung komplementärer Eigenschaften führte nach Hausen (1976) zu einer 'Polarisierung der Geschlechtscharaktere', die bis in die Gegenwart hinein zur Prägung geschlechtsspezifischen Rollenverhaltens führt. Gerade die Selbverständlichkeit, mit der dieses Rollenverständnis über Generationen weitergegeben wurde, macht neugierig auf seine Entstehung, Funktion und die Konsequenzen für die sich an diesem Modell orientierenden Menschen einer Gesellschaft. Diesen Fragen soll in den folgenden Ausführungen nachgegangen werden.
1.0. GESCHLECHT UND GESCHLECHTSROLLE
Der Begriff 'Rolle' wird im Fachlexikon der sozialen Arbeit (1986) allgemein definiert als 'die Gesamtheit der mit einer sozialen Position verknüpften gesellschaftlichen Verhaltensanforderungen. Als Träger sozialer Rollen orientiert sich das Individuum an diesen gesellschaftlichen Rollenanforderungen.'
Bereits in sehr frühem Alter lernen Mädchen und Jungen, sich mit dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zu identifizieren. Parallel hierzu entwickeln sie bereits Muster, sich in bestimmten Situationen 'wie ein Mann' oder 'wie eine Frau' zu benehmen, das heißt, die Ausprägung ihrer männlichen oder weiblichen Geschlechtsrolle zu verinnerlichen.
Die Geschlechtsrolle als Baustein der gesellschaftlichen Rolle und als sozial geprägtem Bestandteil der Sexualität eines Menschen, kann nach Money (aus: Haeberle 1983) folgendermaßen umschrieben werden:
'Alle die Dinge, die ein Mensch sagt oder tut, um sich, je nachdem, als Junge oder Mann, Mädchen
Geschlecht und Geschlechtsrolle 2
oder Frau darzustellen. Das schließt Sexualität im Sinne von Erotik ein, ist aber nicht darauf
beschränkt. Die Geschlechtsrolle wird nicht bei der Geburt festgelegt, sondern nach und nach durch Erfahrungen aufgebaut und vervollständigt; das geschieht durch zufälliges und ungeplantes Lernen,
durch gezieltes Unterweisen und Verschärfen.'
Die Übereinstimmung mit bestimmten gelernten psychischen Eigenschaften bestimmt die Geschlechtsrolle, die Maskulinität bzw. Femininität eines Menschen. In der Regel übernimmt die Mehrheit der Menschen die ihrem biologischen Geschlecht entsprechende soziale Geschlechtsrolle. Männer oder Frauen sind in dem Maße maskulin oder feminin, wie ihr Charakter und ihr Verhalten in Einklang mit bestimmten kulturellen und sozialen Normen ist. Dagegen steht die Geschlechtsrolle beim Transvestismus und bei der Transsexualität im Widerspruch zum biologischen Geschlecht. Kann bei der Geschlechtsrolle allgemein von einem eher maskulinen bzw. femininen Verhalten gesprochen werden, so soll an dieser Stelle auch auf die zwei möglichen Blickwinkel hingewiesen werden, nach welchen die Übernahme eines Rollenkonzeptes jeweils beurteilt werden kann. Jede Rolle kann aus zwei Perspektiven, entweder nach Einschätzung der Person selbst (Selbstbild) oder nach den Bewertungskriterien der Umwelt (Fremdbild), betrachtet und bewertet werden. Haeberle (1983, S. 312) spricht in diesem Zusammenhang von
- der Geschlechtsrolle (männliche oder weibliche soziale Rolle) und
- der Geschlechtsidentität (der Einschätzung der eigenen Person als maskulin oder feminin) eines Menschen.
Nachfolgend wird die Wechselbeziehung zwischen diesen beiden Aspekten in den Hintergrund treten, die Ausführungen beziehen sich auf die umfassenderen Begriffe von Geschlecht und Geschlechtsrolle.
Neben diesem Prozeß der sozialen Typisierung von Mann und Frau unterscheidet Haeberle in seinem Handbuch 'Die Sexualität des Menschen' (1983, S. 310) weitere zwei Aspekte, die bei der Betrachtung der sexuellen Entwicklung des Menschen Berücksichtigung finden müssen: Das biologische Geschlecht, d.h. die Männlichkeit bzw. Weiblichkeit eines Menschen, läßt sich bis auf wenige Ausnahmen (z.B. bei Hermaphroditismus) auf der Basis von körperlichen Kriterien (Geschlechtsorgane, Chromosomen, Hormonspiegel, Gonaden) eindeutig bestimmen.
Bestimmte Vorlieben für sexuelle Partner definieren dagegen die sexuelle Orientierung eines Menschen, welche sich als Heterosexualität, Homosexualität oder Ambisexualität definieren läßt.
Sowohl biologisches Geschlecht, als auch die sexuelle Orientierung und die soziale Geschlechtsrolle können in den unterschiedlichsten 'Zwischentönen' entwickelt werden und ermöglichen somit eine breite Palette verschiendenartigster Ausprägungen der menschlichen Sexualität.
Grundlagen und Entstehungsbedingungen 3
2.0. GRUNDLAGEN UND ENTSTEHUNGSBEDINGUNGEN VON GESCHLECHTSROLLEN
Der Mensch wird als soziales Wesen immer auch von den Gegebenheiten der Kultur mitgeprägt, in der er lebt. So sind auch Grundeinstellungen zur Sexualität immer von der jeweiligen Gesellschaft mitgeprägt und spiegeln Normen und Werte dieser sozialen Gruppe wider.
Von Interesse scheint in diesem Zusammenhang v.a. die Frage zu sein, worin eine Gesellschaft die Grundlage, den wahren Sinn von Sexualität und der sie umgebenden Werte und Rollennormen sieht und welche Konsequenzen, welche Bedeutung diese Rollendefinitionen für den einzelnen Menschen in der Gesellschaft haben.
2.1. SOZIALE ROLLE UND SCHÖPFUNGSGEDANKE
Es ist nicht bekannt, wann Menschen erstmals der Zusammenhang zwischen Geschlechtsverkehr, Fruchtbarkeit und Schwangerschaft bewußt wurde. In der Wissenschaft wird allerdings davon ausgegangen, daß dies schon vor relativ langer Zeit geschah und die unterschiedlichen Völker jeweils unterschiedliche Konsequenzen aus dieser Entdeckung ableiteten (Haeberle 1983, S. 318, Meier-Seethaler 1992). Die Bewertungen, welche Rolle dem männlichen bzw. weiblichen Geschlecht am Fortbestehen der Menschheit zukam, variierten zum Teil sehr stark. Wurde in manchen Gesellschaften der weibliche Anteil am Zustandekommen neuen Lebens besonders groß gehalten, wurde Frauen in anderen Erdteilen eine eher untergeordnete Rolle zugesprochen. Fast in der gesamten Antike weiß man beispielsweise von Huldigungen großer lebensspendender Fruchtbarkeitsgöttinnen, wie es z.B. von Istar in Babylon, Astarte in Phönizien oder von Isis in Ägyten überliefert wurde. In unserer westlichen Zivilisation wurde bei der Fortpflanzung v.a. der männliche Beitrag als entscheidend angesehen, der weibliche Körper galt lediglich als 'Gefäß für den Lebenssaft' des Mannes, als 'passiver Nährboden, auf dem die Männer ihren Samen aussäten' (Haeberle 1983, S.318). Hierbei wurde von der Vorstellung ausgegangen, jeder Tropfen Samen enthalte ein 'winziges Menschenwesen (=Homunculus), das nach seiner Ablagerung im Leib der Frau wie eine Blume im Blumenbeet heranwachse' (Haeberle 1983, S. 318). Während sich Männer so als 'Schöpfer des Lebens' definieren konnten, wurden Frauen in eine eher untergeordnete Stellung gebracht, ihre Kinder gehörten in Wirklichkeit den männlichen Befruchtern.
Männer als Schöpfer, Frauen als Gefäße - diese Vorstellungen über Fortpflanzung spiegelten sich auch in der alttestamentlichen Religion wider, in welcher die großen weiblichen Gottheiten nach und nach von männlichen Ebenbildern übernommen wurden.
Grundlagen und Entstehungsbedingungen 4
2.2. SOZIALE ROLLE UND RELIGION
Eine weitere Komponente - von jeher untrennbar mit Sexualität verknüpft - stellt die Religion und damit ein großer Teil der herrschenden Werte und Normen einer Gesellschaft dar. In der Religion offenbart sich meist sehr deutlich die Bedeutung der Sexualität und der mit ihr in Zusammenhang stehenden Geschlechtsrolle. Immense Auswirkungen auf die Geschichte der westlichen Zivilisation hatte ein 'neuer' Glaube, der unter den hebräischen Nomaden Gestalt annahm und dessen Grundpfeiler sich später eng mit dem Christentum verknüpften: es war der Glaube an den männlichen Gott Jahwe, den Schöpfer der Welt und des ersten Menschen Adam. Eva dagegen, aus Adams Rippe ihm zur Gefährtin erschaffen und im Paradies für den Sündenfall verantwortlich gemacht, wurde ihrer kreativen 'Schöpferrolle' beraubt und - mit ihr das gesamte Geschlecht der Frauen - ein niederer sozialer Status in der jüdisch-christlichen Geschichte zugewiesen. Dies kommt beispielsweise in alten jüdischen Gebeten zum Ausdruck, wenn Gott 'gepriesen (wird), daß er mich nicht als Weib erschaffen hat' (Haeberle 1983, S. 319).
Sahen die alten Israeliten die natürliche Bestimmung der Sexualität in der Fortpflanzung, wurde sie im frühen Christentum in Anbetracht der asketisch erwarteten Wiederkunft Christi eher als notwendiges Übel angesehen. Besonders tugendhaft galt demnach die sexuelle Abstinenz. Grundüberzeugungen, die sich hieraus ableiteten (sex. Handlungen nur innerhalb der Ehe und wenn sie zu einer Schwangerschaft führen können) blieben lange Zeit gesellschaftlich unangetastet und akzeptiert
< Die Stellung der Frau im frühen Christentum (1. Jahrhundert nach Christus)
Die Christianisierung Europas veränderte den Status der Frau in der Gesellschaft keinesfalls. Ohne Mitspracherecht in öffentlichen oder religiösen Angelegenheiten galten sie weiterhin als minderwertiges Geschlecht, das 'sittsam und anständig' in den Gemeinden geduldet wurde. Besonders Apostel Paulus brachte diese Sichtweise zur Stellung der Frau in der Gemeinde in seinen Briefen an die Korinther deutlich zum Ausdruck, wenn er schreibt (Haeberle 1983, S. 319):
''Ich lasse euch aber wissen, daß Christus ist eines jeglichen Mannes Haupt; der Mann aber ist des Weibes Haupt ... der Mann aber .... ist Gottes Bild und Ehre; das Weib aber ist des Mannes Ehre. Denn der Mann ist nicht vom Weibe, sondern das Weib ist vom Manne.' (1. Korinther 11; 3-9) '... lasset eure Weiber schweigen in der Gemeinde; denn es soll nicht zugelassen werden, daß sie reden, sondern sie sollen untertan sein, wie auch das Gesetz sagt. Wollen sie aber etwas lernen, so lasset sie daheim ihre Männer fragen. Es stehet den Weibern übel an, in der Gemeinde zu reden.' (1. Korinther 14; 34-35)
Arbeit zitieren:
Ulrike Roppelt, 1999, Typisch Mann? Typisch Frau? - Geschlecht und soziale Rolle, München, GRIN Verlag GmbH
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