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Das mediale System
Als Massenmedien 2 gelten Vermittler, die Informationen öffentlich, indirekt und einseitig an ein disperses Publikum verbreiten. Zu den gängigen Massenmedien zählen Printmedien, wie Zeitungen, Zeitschriften und Bücher sowie elektronische Medien, wie Radio, Fernsehen und Kino. Im weiteren Sinne gehören auch Bild- und Tonträger, wie Schallplatten, Kassetten, Compactdiscs, Videos, DVDs oder CD-ROMs dazu. Massenmedien sind Teil der öffentlichen Kommunikation. Sie scha ffen mit ihrer Geschwindigkeit, Reichweite und Komplexität, ihren Differenzierungs- und Selektionsmöglichkeiten nach Niklas Luhmann überhaupt erst die Voraussetzung dafür, dass „Kommunikation als die spezifische Leistung gesellschaftlicher Systeme“ stattfindet. 3
Die Geschichte der Massenmedien spiegelt den Wechselbezug von technischen Innovationen, gesellschaftlichen Entwicklungen und sozialem Wandel wider. Im eigentlichen Sinn beginnt sie mit der Erfindung der Penny Press 1833/35 in Großbritannien und den USA 4 . Von Anfang an war die Geschichte der Massenmedien an die Entwicklung urbaner Zentren mit entsprechender Wissenskultur und Unterhaltungsbedarf gekoppelt. Von den Printmedien verstärkte sich der Einfluss über den Film seit Ende des 19. Jahrhunderts, das Radio in den 1920er Jahren und das Fernsehen seit den 1930er Jahren vor allem durch die Kriegsberichterstattung. Der mediale Aufschwung setzte sich durch eine ständige Verbesserung der technischen Möglichkeiten, den Wandel gesellschaftlicher Werte und Strukturen (insbesondere der Verschiebung zwischen Arbeits- und Freizeit) bis zur Entstehung der sogenannten Massen- und Kommunikationsgesellschaft ungebrochen fort.
Die Modernisierungstheoretiker der 1930er und 1940er Jahre sahen in den Massenmedien die Grundlage einer sich entwickelnden modernen und pluralistischen Gesellschaft. Mithilfe eines breiten und kontroversen Informationsangebotes konnten sich die Partizipationschancen der Bürger verbessern. Da die Massenmedien die für ein freiheitlich-demokratisches System grundlegende publizistische Öffentlichkeit schaffen, wurde ihnen eine relative Macht und eine Kontrollfunktion als „vierte Gewalt“ zugeschrieben. Den positiven Auffassungen der
2 Im Folgenden meint die Bezeichnung „Medien“ immer die Massenmedien.
3 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp
1987, 222f.
4 Im weitesten Sinne lassen sich die Erfindung der Schrift, des Buchdrucks und die Einführung einer allgemeinen
Schulpflicht als Durchsetzung der literalen Bildung für breitere Schichten zur Vorgeschichte der Massenmedien
zählen. Zur Geschichte der Medien vgl. Wilke, Jürgen (2000): Grundzüge der Medien- und
Kommunikationsgeschichte. Von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert, Köln. und Faulstich, Werner (2002):
Die Geschichte der Medien, aktuell 4 Bände, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
4
Modernisierungstheorie folgte eine pessimistische Sicht der Kulturkritiker. Der rechte Kulturpessimismus beklagte die linksdominierte mediale Themensetzung, die Zerstörung „alter Werte“ führe zur Thematisierung von Sex, Drogen und Gewalt und schließlich würde die Mediennutzung zum Ersatz für zwischenmenschliche Beziehunge n. Dem gegenüber vertrat der linke Kulturpessimismus die Ansicht, dass die Medien wirtschaftlich dominiert seien, als Verlautbarungsorgan bestimmter pressure groups politische Prozesse zu beeinflussen suchten und eine moderne kapitalistische Konsumkultur inszenierten, die „Opium für das Volk“ sei.
Die bisherigen medienwissenschaftlichen Forschungsansätze eröffnen vier globale Zugangsmöglichkeiten zur Theorie und Erforschung der Massenmedien im Spannungsverhältnis zwischen Selbstreflexivität und Selbstreferenzialität. In einem ersten Zugang stellen Massenmedien die Möglichkeiten der Meinungsäußerung, der Kontrolle und Kritik der jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse bereit (Demokratietheorie). In einem zweiten Ansatz werden Massenmedien als Aufklärungsagenturen gesehen, wobei grundsätzlich die Gefahr des Umschlagens in eine ideologische Beeinflussung gegeben ist (kritische Theorie). Ein dritter Zugang verweist auf die gesellschaftlich notwendige mediale Herstellung gesellschaftlicher Wirklichkeit (funktionale, systemtheoretische bzw. konstruktivistische Ansätze). Die vierte Zugangsmöglichkeit leugnet die Existenz einer außerhalb der Massenmedien bestehenden Wirklichkeit, um die spielerischen bzw. unterhaltenden Medienmöglichkeiten zu betonen (postmoderne Konzeptionen). Empirisch unterteilt sich die medienwissenschaftliche Forschung nach der Formel des Sozialwissenschaftlers Harold D. Lasswell in die Teilgebiete der Kommunikator- und Institutionenforschung „Who says…“, der Informations- und Medienanalyse „...what in which channel… “ sowie der Rezeptions- und Wirkungsanalyse „...to whom with what effect?“ 5 .
Beschleunigung im medialen System
Strukturell sind die Massenmedien dem ökonomischen System zuzurechnen. Mit der Herausbildung der sogenannten Kommunikationsgesellschaft war die Pluralisierung der Medienangebote, die Beschleunigung des Kommunikationstempos und die Kommerzialisierung der öffentlichen Kommunikation verbunden. Die Verbreitung neuer Informations- und Kommunikationstechniken, wie Digitalisierung von Radio und Fernsehen, interaktives Fernsehen, Telefax, Mobiltelefone oder die Ausstattung mit PCs und Internet-
5 Lasswell 1964 [1948], 37.
5
Anschlüssen, führte zu einer Vervielfachung der medialen Angebote. Die herkömmliche Massenkommunikation verlief als eine Einbahnstraße und wurde in eine individualisiertere und situationsbezogenere „Zwei-Wege-Kommunikation“ transformiert 6 . Daraus resultieren neue lokale, regionale, politische und soziale Ansätze und eine damit einhergehende Differenzierung der gesellschaftlichen Zeithorizonte.
Als Folge der Deregulierung und (mehr oder weniger) Unterwerfung der elektronischen Medien unter Marktmechanismen nahm die Kommerzialisierung der öffentlichen Kommunikation zu. Die Existenz der Medien hängt von der jeweiligen Einschaltquote oder Auflagenstärke, dem Verkauf von Werbung bzw. Anzeigen und dem Verkauf des Produktes ab. Beispielsweise finanzieren sich deutsche Zeitungen zu etwa zwei Dritteln aus dem Verkauf von Anzeigen und nur zu einem Drittel aus dem Verkauf der Zeitung. Thomas E. Patterson, Professor of Government and the Press in Havard, vertritt die Auffassung, dass: „Of course, the press has traditionally had a duty to inform the public. But this obligation has always been balanced against the media’s economic needs.“ 7
Zugle ich führte die Entwicklung neuer technischer und kommunikativer Möglichkeiten zu einer ständigen Intensivierung des speed 8 . Entsprechend müssen die medialen Formate angepasst werden: bei CNN gibt es zeitgleich zur Berichterstattung des Moderators am unteren Bildschirmrand ein Band mit aktuellen Börsenständen oder Sportergebnissen, bei MTV blinken neben dem Moderator kleine Bildchen mit den Videoclips der erwähnten Musiker, in Kinofilmen wie Titanic aus dem Jahr 1997 ist die Kamera bis auf wenige Sekunden in ständiger Bewegung und die Berliner Zeitung wirbt mit der 7 Minuten Seite für „einen schnellen Überblick über die wichtigsten Meldungen des Tages im Handumdrehen“. Für Gitlin resultiert daraus ein „limitless media torrent “ 9 . Weil aber nur eine bestimmte Informationsmenge zeitgleich vom Gehirn verarbeitet werden kann, sinkt beim Konsumenten zwar die Aufmerksamkeitsspanne, aber nicht der Bedarf nach neuem Konsum. Entsprechend werden Dauer und Komplexität der Beiträge stark verkürzt. Insbesondere führte die Entwicklung zu einer verstärkten Personalisierung und Visualisierung der Beiträge bis hin zur Vermarktung von Informationen im Unterhaltungsstil - dem Infotainment - beispielsweise im Reality TV.
6 Wehner 1997, 97.
7 Patterson 1998, 55.
8 Gitlin 2002, 72f iVm 82.
9 Gitlin 2002, 85 iVm. 98ff für Hinweise zu Studien der abnehmenden Satzlänge und Punktierung in Büchern
und Zeitschriften.
Arbeit zitieren:
Andrea Friemann, 2004, Das Verhältnis von Zeit, Medien und Politik, München, GRIN Verlag GmbH
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