Universität Osnabrück
Hauptfach: Soziologie
Geschichte der Soziologie
Fachsemester: 08
Der Gesellschaftsbegriff von Emile Durkheim
und Max Weber im Vergleich
von: Andree Wippermann
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung [3]
2. Der Gesellschaftsbegriff bei Emile Durkheim
2.1 Der zeitgeschichtliche Hintergrund [4]
2.2 Vorstellungen über Gesellschaft in seinen Frühschriften [5-7]
2.3 Das Gefühl der Obligation [7-9]
2.4 Gemeinschaft und Gesellschaft [9-11]
3. Der Gesellschaftsbegriff bei Max Weber
3.1 Sinn, Handlung und Ordnung -Webers Grundbegriffe [12-14]
3.2 Vergesellschaftung und Gesellschaftshandeln [14-17]
3.3. Kategorien der Ordnung und Struktur [17-18]
5. Schlussbetrachtung [19]
6. Literaturverzeichnis [20]
1. Einleitung
Max Weber (1864-1920) und Emile Durkheim (1858-1917) gilt es in dieser Arbeit anhand ihrer Begriffes von Gesellschaft zu vergleichen. Ihre herausragende Stellung innerhalb der Geschichte der Soziologie brauch hier nur am Rande erwähnt werden. Beide Autoren gelten als Klassiker und finden in moderner Literatur stetig Verwendung. Über den Gesellschaftsbegriff versuche ich elementare Einsichten über Ihre Vorstellungen von den sozialen Dingen zu erhalten. Dies ist meiner Ansicht nach auch naheliegend, begründet sich das doch Thema aus dem Wort „Soziologie“, - lat. societas - die Lehre von der Gesellschaft.
Notwendig scheint zunächst, dass beide Autoren auch über einen klar definierten Begriff von Gesellschaft verfügen. Durkheim lässt in diesem Fall kaum Wünsche offen – was bitte nicht mit einer einfältigen Betrachtung seinerseits verwechselt werden sollte-, wohingegen der Zugang zu Max Weber etwas steiniger war: Weber kommt auf den ersten Blick ohne einen Gesellschaftsbegriff aus. Im Gegensatz zu Durkheim verwendet er diesen Ausdruck selten explizit, was eine Methode hinter diesem Vorgehen vermuten lässt, auf die ich im Laufe dieser Ausarbeitung noch eingehen werde. Anhand einer begrenzten Auswahl von Aufsätze wird an dieser Stelle versucht, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie beide Autoren Gesellschaft gedacht haben. Anspruch auf Vollständigkeit kann selbstverständlich, nicht erhoben werden, da die Auswahl der besprochenen Punkte meiner subjektiven Meinung über deren Wichtigkeit unterlag.
2. Gesellschaftsbegriff bei Emile Durkheim
2.1 Der zeitgeschichtliche Hintergrund
Der Zugang zu Durkheims Werk wird durch die Kenntnis um den zeitgeschichtlichen Hintergrund erleichtert. Seine frühen Schriften wurden am Ende des 19. Jahrhunderts verfasst, eine Zeit des Übergangs von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Den unter Punkt 2.3 behandelten Aufsatz über das Gefühl der Obligation schrieb Durkheim im Jahr 1906; somit zu einer Zeit, in der die industrielle Revolution in Frankreich - wie unter anderem auch in Deutschland – bereits weit vorangeschritten war und tiefgreifende Veränderungen mit Folgen für Staat und Gesellschaft mit sich führte. In Europa entstanden Industriereviere, daraus resultierenden Ballungszentren und Kapitalgesellschaften, die beispielsweise wiederum für den kostenintensiven Ausbau des Eisenbahnnetzes nötig wurden. War zu Beginn dieser industriellen Entwicklung die Fabrik im Besitz des Unternehmers oder einer Familie, so kündigte die Aktiengesellschaft 1 als vorherrschende Unternehmensform seinerzeit einen grundlegenden Wandel in den Besitzverhältnissen an. Naturwissenschaftliche Entdeckungen und Erkenntnisse wirkten sich direkt auf das Leben der Menschen aus; so ermöglichte eine effizientere Nutzung der Böden die Versorgung der stark wachsenden Bevölkerung. Die Naturwissenschaft als Leitwissenschaft hatte ebenfalls starken Einfluss auf Philosophie und die im Entstehen begriffene Soziologie bzw. den Geisteswissenschaften. Auguste Comte (1798-1857) übernahm sozusagen das Paradigma der Naturwissenschaften, verwarf alles, was über das Gegenständliche dieser Welt hinaus ging und hielt sich nur an tatsächlich gegebene und beobachtbare Tatsachen (--> Positivismus), die durch Experiment und Beobachtung untersucht werden müssten.
2.2 Vorstellungen über Gesellschaft in seinen Frühschriften
In Durkheims frühen Schriften, beginnend mit seiner Eröffnungsvorlesung zur Einführung in die Sozialwissenschaft 1887 in Bordeaux, lassen sich seine Vorstellungen über Gesellschaft relativ leicht entnehmen2. In der Übersetzung zeichnet Durkheim seinen Weg der Sozialwissenschaft zu einer echten Wissenschaft von der Gesellschaft nach. Wir können gerade hier viel über seine Einflüsse, seinen Bezug zur Naturwissenschaft, seine Methode und ganz allgemein über seine Vorstellungen gesellschaftlicher Entwicklung entnehmen. Zwar nicht frei von Widersprüchen – an vielen Stellen wendet sich Durkheim beispielsweise gegen die Einbeziehung des Zufalls3 in die Untersuchung von sozialen Tatsachen, um einige Absätze weiter von der Gesellschaft als einen Baum zu sprechen, „dessen Zweige von allen Punkten des Stammes aus nach Zufall entsprießen“4 – so finden sich gerade in diesen frühen Werken – wenn man so will skrupulöser als bei Weber offengelegte- Kernpunkte seiner Theorie, die seine späteren Aufsätze verständlicher werden lassen. In der Einleitung zu den Übersetzungen von Lore Heisterberg geht die Autorin auch auf die Funktion dieser frühen Aufsätze ein; sie sollen demnach Durkheims Weg zu einer echten Wissenschaft von der Gesellschaft aufzeigen können5.
Durkheims Entscheidung für sein Engagement in die Wissenschaft von den sozialen Dingen liegen verschiedene biografische Ursachen zu Grunde, die ich kurz ansprechen möchte6. Heisterberg verweist in diesem Zusammenhang auf einige Schlüsselerlebnisse, die seine späteren Schriften beeinflusst haben. Durkheim stand in Auseinandersetzung mit dem Absolutheitsanspruch von Religion. Die daraus resultierenden Abwendung allem religiösen und mythischen gegenüber darf nicht verdecken, dass Durkheim immer die Kernfunktion von Religion in Gesellschaften betonte. Sein Interesse an übergreifender, säkularer Moral wird auch an dem Aufsatz über das Gefühl der Obligation deutlich, den ich später besprechen werde. Der Begriff der Moral nimmt bei Durkheim eine zentrale Stellung ein, man könnte ihn als Kitt, der die Gesellschaft aus den Individuen gründet, betrachten.
[...]
1 französische Bezeichnung: société anonyme (SA)
2 Originaltitel der Vorlesung: Cours de Science Sociale. Lecon d’Ouverture
3 vgl. Durkheim 1981, S.31 und S. 34
4 Durkheim 1981, S. 36
5 Durkheim 1981, S.22
6 vgl. Durkheim 1981, 11-25
Quote paper:
M.A. Andree Wippermann, 2002, Der Gesellschaftsbegriff von Emile Durkheim und Max Weber im Vergleich, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Die Nachrichtenproduktion bei MSNBC Interactive
Communications - Multimedia, Internet, New Technologies
Research Paper (Pre-University), 8 Pages
Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus - Eine kritis...
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 22 Pages
Emile Durkheim – Die elementaren Formen des religiösen Lebens
Theology - Comparative Religion Studies
Termpaper, 20 Pages
Zu: Ferdinand de Saussure - "Cours de linguistique générale"
Romance Languages - French - Linguistics
Scholary Paper (Seminar), 17 Pages
Habitustheorie nach Pierre Bourdieu
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Presentation (Elaboration), 10 Pages
Begriff und Varianten sozialen Handelns - Theorieansätze von Max Weber...
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Scholary Paper (Seminar), 16 Pages
Rationalisierung nach Max Weber, Ursprünge und Auswirkungen
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Scholary Paper (Seminar), 15 Pages
Ist es möglich, für die Massenmedien, wenn man sie als soziales System...
Communications - Ethics in the Media
Termpaper, 28 Pages
Die Modernisierung bei Weber und Durkheim
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 19 Pages
Business economics - Banking, Stock Exchanges, Insurance, Accounting
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 30 Pages
Emile Durkheim - Die Regeln der Soziologischen Methode
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 20 Pages
Symbolischer Interaktionismus - Eine Sozialisationstheorie
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Scholary Paper (Seminar), 22 Pages
Andree Wippermann's text Der Gesellschaftsbegriff von Emile Durkheim und Max Weber im Vergleich is now available as a printed book
Andree Wippermann has published the text Der Gesellschaftsbegriff von Emile Durkheim und Max Weber im Vergleich
Andree Wippermann has uploaded a new text
Emile Durkheim III: Critical Assessments of Leading Sociologists
W. Pickering, Bill Pickering, W. S. F. Pickering
Emile Durkheim: Contributions to L'Annee Sociologique
Yash Nandan, Kennerly Woody, Andrew P. Lyons
0 comments