Universität Osnabrück
Fachbereich Sport/-wissenschaft
Seminar: Jungen im Sport
Konstruierte Männlichkeit? Über geschlechtsspezifische
Sozialisation und seine Auswirkungen auf den Sport
von: Andree Wippermann
Inhaltsverzeichnis
1. Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit
1.1 Relevanz der Theorie für unsere Betrachtung (2-6)
1.2 Sozialisation als Konstruktion von Wirklichkeit (5)
1.3 primäre Sozialisation (5-6)
1.4 sekundäre Sozialisation (7-9)
2. Das Geschlechterverhältnis als soziale Konstruktion
2.1 Vorbemerkungen zur Geschlechtsidentität (10-11)
2.2 Jungensozialisation in der Schule (11-14)
2.3 Sport als Sozialisationsinstanz (14-15)
3. Abschließende Bemerkungen (16)
4. Literatur (17)
1. Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit
1.1 Relevanz der Theorie für unsere Betrachtung
Wissenschaftliches Arbeiten zeichnet nach meinem Verständnis eine systematische Bearbeitung eines Forschungsgegenstands mit dem Ziel der Erkenntnis aus. Gegenstand oder Erkenntnisobjekt sind in diesem Fall Jungen – im weiteren Sinne Jungen im Kontext Sport. Wie bekomme ich nun meinen Forschungsgegenstand in den Griff? Der Konstruktivismus von Berger/Luckmann bietet für meine Ausarbeitung einige wesentliche Vorteile. Zunächst ist es eine schlüssige und nicht um den Selbstzweck der Wissenschaft geschriebene Theorie, die sich explizit an der Lebenswelt des Alltags eines jeden Individuums orientiert- gleichwohl sie nicht den Anspruch erhebt, das zu erschöpfen, „was für den gesellschaftlichen Jedermann >>wirklich<< ist.“1 Sie integriert verschiedene soziologische „Klassiker“ wie die Ideen zur Dialektik von Karl Marx, den „Positivismus“ von Emile Durkheim, den „verstehenden Soziologen“ Max Weber , oder die Sozialpsychologie George Herbert Meads.
Auch werden hier und da Ausführungen nötig sein, die eher in den Bereich der Psychoanalyse fallen, wie sie Sigmund Freud geprägt hat. Auch diese Erkenntnisse können uns helfen, die Entwicklung der Persönlichkeit besser zu verstehen. Wollen wir diskutieren, was das Verhalten von Jungen im Sport bedingt und wie es sich nach außen darstellt, so müssen wir uns nach den Gründen für Handlungen suchen, die wir als typisch männlich identifiziert haben. In dieser Arbeit werde ich im besonderen Maße eine sozialisationstheoretische Erklärung zur Begründung heranziehen. Die soziologische Methode benutze ich gewissermaßen als Werkzeug, um gesellschaftlich geformte Zusammenhänge offen zu legen.
Betrachten wir die Gesellschaft als ein System so bildet der Sport eine Unterkategorie beziehungsweise ein Sub-System. Gesamtgesellschaftlich beobachtbare Erscheinungen werden wir deshalb auch im sportlichen Bezugsrahmen wiederfinden, dem besondere Rahmenbedingungen zu Grunde liegen (Regeln, Raum, Gruppen etc.). Womöglich lässt sich sogar beobachten, dass bestimmte geschlechtsspezifische Merkmale und Verhaltensweisen in ihrer Deutlichkeit in sportlichen Handlungen verstärkt hervortreten, ja gerade zu provoziert werden.
Es bieten sich in diesem Bereich einige interessante Untersuchungsperspektiven, wenn wir beispielsweise die Dialektik zwischen körperlicher Bewegung und der Persönlichkeitsentwicklung analysieren wollen, wobei Sport als Sozialisationsfaktor begriffen wird. Der Zusammenhang zwischen Sport und Entwicklung der Persönlichkeit unter Berücksichtigung eines Sozialisationsmodells ist Gegenstand von wissenschaftlichen Arbeit: Die Autorin Andrea Menze-Sonnek untersuchte die Faktoren, die der Fluktuation im Sportverein zugrunde liegen und stellt ebenfalls die Bedeutung geschlechtsspezifischer Besonderheiten bei der Wahl bestimmter Sportangebote vor, die erst unter der Zugrundelegung eines Sozialisationsmodells Konturen erhalten. 2 „Auch der gesamte Sport ist dem symbolischen System der Zweigeschlechtlichkeit unterworfen, denn es gibt keine Sozialisation außerhalb des Geschlechts.“3 Diese Aussage deckt sich mit derer Lidz4, der darauf verweist, das jedes Geschlecht seine ganz eigene Sozialisation erfährt, obgleich das Kind nach seiner Auffassung nie eine rein männliche oder weibliche Sozialisation (oder auch: Erziehung) erfährt:
„Da Eltern in ihrem Kinde niemals ausschließlich nur den Jungen oder nur das Mädchen sehen, selbst auch nie in ihrem Verhalten ausschließlich Vorbilder für Männlichkeit oder Weiblichkeit sind und auch nicht konsequent typisch männliches Verhalten bei Knaben und typisch weibliches bei Mädchen loben und belohnen, gibt es kein Kind, das ausschließlich maskuline oder feminine Züge entwickelte; diese Begriffe sind in dieser Form ohnehin nur als relativ zu verstehen.“5 Ich könnte also zur Legitimierung meiner Ausarbeitung anführen, das geschlechtsspezifische Fragestellungen (etwa: Warum verhalten sich Jungen typischerweise aggressiver als Mädchen?) immer auch einer gesellschaftlichen Analyse dessen bedürfen, was sie zu dem handelenden Subjekt „gemacht“ hat. Zu kurz gedachte Pauschalierungen greifen bei der Beurteilung von bestimmten Phänomenen oft zu kurz. Es geht vielmehr um das „Warum?“ . Der junge Schüler ist nicht aggressiv weil er die genetische Disposition6 dazu hat, oder weil Jungen „halt so sind“, sondern weil er dieses Verhalten offensichtlich von einer Sozialisationsinstanz – um beim Beispiel zu bleiben: z.B. von seinem Vater- gelernt und übernommen hat. Ohne den Erwerb von Kulturtechniken bleibt der Mensch ein Tier, mehr noch, er ist ohne soziale Kontakte nicht überlebensfähig, da er sich keine eigene Wirklichkeit zur Realitätsbewältigung aufbauen kann. Wie wird das Tier also zum sozialen, lernenden und reflektierenden Wesen?
1.2 Sozialisation als Konstruktion von Wirklichkeit
[...]
1 Berger/Luckmann, 1995, S. 16
2 Vgl. Menze -Sonnek 1998, S. 12-13
3 Menze-Sonnek 1998, S. 12
4 Theodore Lidz untersuchte in seinem zweibändigen Werk zur Entwicklung der Persönlichkeit im Lebenszyklus sehr ausführlich einzelne Lebensphasen und bietet einige soziologische und sozialpsychologische Erkenntnisse
5 Lidz 1974,S. 305
Quote paper:
M.A. Andree Wippermann, 2002, Konstruierte Männlichkeit? Über geschlechtsspezifische Sozialisation und seine Auswirkungen auf den Sport, Munich, GRIN Publishing GmbH
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